Donnerstag, 24. Mai 2018

Mumpitztheater (1)

Freudlos, lieblos, phantasielos, ideenlos - Notizen zu einer mißlungenen Intendanz
Im 2. Weltkrieg bauten die Amerikaner auf abgelegenen Standorten im Pazifik Frachtflughäfen als Umschlageplätze zur Versorgung ihrer Truppen. Jahre nach Ende des Krieges und Abzug der Truppen beobachtete man bei primitiven Eingeborenen Melanesiens die Ausübung des sogenannten Cargo-Kults: sie rodeten Landebahnen, entzündeten Signalfeuer, imitierten die Bewegungen der Landelotsen, sie schnitzten sich sogar Zubehör, bspw. in Form von Kopfhörern, und hofften, daß sie auch Fracht erhalten würden. Sie imitierten mit hoher Genauigkeit, was sie beobachtet hatten und trotzdem erbarmte sich niemand ihrer Beschwörungszeremonie. Manchen mag es nach nun fast sieben Jahren scheinen, als ob man ein ähnliches Phänomen in abgewandelter Form am Badischen Staatstheater beobachten kann: man hat dort eine immer wieder orientierungslos wirkende Intendanz, die mit so geringem Erfolg versucht, Qualitätsfracht auf die Bühne zu bringen, daß man vermuten möchte, daß sie ihre Tätigkeit eher imitiert als wissentlich ausübt.

Samstag, 19. Mai 2018

Vorschau (2) auf die Spielzeit 2018/2019 des Badischen Staatstheaters

Das neue Spielzeitheft ist da
300 Jahre Theater in Karlsruhe! Dem sich aus dem Karlsruher Hoftheater entwickelten Badischen Staatstheater steht ein Jubiläum bevor. Als Zuschauer durfte man vorab gespannt sein, mit welchen Ideen man in der Spielzeit 2018/19 aufwartet. Setzt man Werke aufs Programm, die besonders mit Karlsruhe verknüpft sind, bspw. hier ihre Uraufführung erlebt haben oder startet man eine Reihe solcher Opern und Stücke? Bringt man etwas aus der Hitparade der größten Erfolge aus 300 Jahren? Welche Opern haben die höchsten Aufführungszahlen und könnten als Karlsruher Lieblingsopern gelten? Was war die erste Oper, die für den Karlsruher Hof komponiert wurde (und noch erhalten ist)? Welche Strömung hat man in Karlsruhe verpaßt? Spielt man etwas, was sträflich vernachlässigt wurde und nie oder kaum zu sehen war? So viel Geschichte, so viele Möglichkeiten zur Programmgestaltung und damit, sich beim Publikum zu positionieren und Aufmerksamkeit zu bekommen! – nur hat man mit Peter Spuhler leider einen Intendanten mit so wenig Interesse und Ideen. Gleichgültiger und liebloser kann man das Jubiläum kaum angehen, von Kreativität und Phantasie ist keine Spur. Irgendwann muß es jemand aufgefallen sein, daß man die Planung des Jubiläums schlicht vergessen hat. Irgendwie wirkt es, als ob man der nächsten Spielzeit das Motto „Von Zukunft“ vorangestellt hat, um vom eigenen Desinteresse an der eigenen Historie mittels einer Flucht ins Unbestimmte abzulenken. Nur Justin Brown scheint verstanden zu haben, worum es geht, und nach seiner unerwarteten Verlängerung als GMD ist das bisher nur unvollständig bekannte Programm der Symphoniekonzerte eine Hitparade beliebter Werke und großer Namen.

Freitag, 18. Mai 2018

Festspielhaus Baden-Baden: Wagner - Der fliegende Holländer, 18.05.2018

Vom Schatten ins Licht und Glück im Pech - Der fliegende Holländer begann schwach und gewann stetig an Kontur und Kraft und mit Elena Stikhina als Senta hatte man eine grandiose Überraschung - ein Namen, den man sich unbedingt merken muß.

Mittwoch, 9. Mai 2018

Premierengefühle im Ballett

Wie ist es, als Tänzer eine Premiere zu erleben? Harriet Mills, 1. Solistin am Badischen Staatsballett, schreibt in ihrem Blog stets intelligente Analysen zu ihrem Beruf und dessen Ansprüche und Folgen. Anläßlich der Wiederaufnahme von Youri Vámos' Ballett zum Sommernachtstraum, die für viele Tänzer eine Premiere war, hat sie ein Video gedreht, das sich hier findet: https://aballetoflife.com/2018/05/09/that-premiere-feeling/ und in Englisch schöne Eindrücke und Einblicke vermittelt.

Dorman - Wahnfried, 08.05.2018

Der Wagner-Clan in Sippenhaft
Komponist Avner Dorman ist wirklich zu bedauern - er verschwendet so viele gute musikalische Einfälle an eine so tumbe Oper. Wahnfried (hier mehr zur Premiere) ist eine Oper über Familienklatsch aus dem unschönen Geist des erhobenen und ausgestreckten Zeigefingers und der Überheblichkeit. Der frühere Mensch verschwindet hinter der Maske des Lächerlichen, des Dummkopfs, des Bösewichts - das sagt mehr über unsere Zeit und den Willen zu Aburteilung und Moralpredigt als über die frühere Epoche. Ein neues Spießertum unterzieht wieder alle Lebensbereiche einer Gedankenkontrolle, der frühere Irrtum wird zum Stigma. Doch man kann an eine längst verstorbene Person nicht die Maßstäbe von heute anlegen. Heute wie damals sagen die Leute meistens das, was viele andere auch sagen. Karl Marx bezeichnete den frühen Sozialdemokrat Ferdinand Lassalle als "jüdischen Nigger", Polen sprach er als Land die Existenzberechtigung ab, Schweizer sind "dumm", Dänen "verlogen", Friedrich Engels ekelte sich vor Homosexuellen, Richard Wagner war Antisemit (und ließ doch einen Juden seine letzte Oper bei der Uraufführung dirigieren) - alle drei u.v.a.m. waren Kinder ihrer Zeit.

Montag, 7. Mai 2018

Gabunia - Tiger und Löwe, 03./06.05.2018

Die Vergangenheitsbewältigung der anderen
Tiger und Löwe handelt vom sozialistischen Terror unter Stalin, der in den Ländern der früheren Sowjetunion noch immer nicht aufgearbeitet wurde. In den Archiven verstecken sich die traurigen Schicksale und werden vergessen. Tiger und Löwe erzählt erfundene Geschichten von Opfern mit wahrem Hintergrund, die sich 1937 in Georgien abspielten. Autor Davit Gabunia ist Dramaturg am Royal District Theatre im georgischen Tiflis, das er zusammen mit Regisseur Data Tavadze seit 2008 leitet. "Tiger und Löwe ist das erste Theaterstück, das an die Säuberungen der Stalinzeit erinnert, vor allem an die vielen Künstler, die im „Großen Terror“ gefoltert, verschleppt und ermordet wurden", erläutert das Programmheft. Leider reichen gut gemeinte Absichten nicht aus, um daraus ein bemerkenswertes Theaterstück zu machen. Tiger und Löwe ist szenisch über weite Strecken zu statisch, bedeutungsschwanger und düster erstarrt, dramaturgisch schwerfällig und sprachlich gestelzt - ein pausenloses Stück, das man besser im Studio hätte zeigen können, das aber als Abo-Produktion im Kleinen Haus qualitativ fehlplatziert erscheint (und das mal wieder die große Frage aufdrängt, wieso man sich am Karlsruher Schauspiel so schwer tut und uninspiriert bei der Stückeauswahl zeigt).

Samstag, 28. April 2018

Vorschau auf die Spielzeit 2018/2019 des Badischen Staatstheaters

Me too! Eine Spielzeit der Diskriminierung
Die Me too! Debatte über das Castingverhalten und sexuellen Mißbrauch auf der Besetzungscouch kam aus der Filmbranche und hat zwar noch nicht zu einem Flächenbrand bei den Theatern geführt, in Karlsruhe hörte man in den letzten Jahren unter der Hand zumindest gerüchteweise den Verdacht, daß es die Chancen auf einen Job verbessert haben könnte, männlich und homosexuell zu sein. Ob das der Wahrheit entspricht, kann nur mit internem Engagement des Theaters untersucht werden und aufgrund der bisherigen Erfahrungen vermutlich erst nach einem Intendanzwechsel (hier mehr dazu in der ZEIT). Manchen scheint es, als ob man nun die Flucht nach vorne antritt und wie so oft tendiert radikales Gegenlenken bei Schieflage, in die entgegengesetzte Einseitigkeit zu kippen. Die Zukunft ist nicht Gleichberechtigung, nein, das Badische Staatstheater verkündet als diskriminierende Doktrin: "Die Zukunft ist weiblich". Als wolle man die bisherigen Gerüchte mit aller Gewalt und der entsprechenden Drohung widerlegen. Der Generalintendant versteckt sich, angeblich hat man nun ein "frauen-dominiertes Führungsteam" von Quotenfrauen, die ihr Engagement einem Mann verdanken, der damit von seiner prekären Intendanz ablenken kann. "Dominanz" wird in diesem Zusammenhang manche amüsieren, der Generalintendant und seine Dominas - statt um Theater geht es beim Programm der kommenden Spielzeit stark um Diskriminierung am Theater, im Schauspiel werden sogar ausschließlich Frauen inszenieren. Der Wettbewerb zwischen den Geschlechtern um Dominanz wird im Vorwort des Schauspiels offiziell für eröffnet erklärt: "Frauen sehen sich selbst als emanzipiert und selbstbewußt – und das über alle Generationen hinweg. In vielen Regionen der Erde sind sie bereits besser gebildet und erfolgreicher". Das klingt, als brauche man nun endlich einen Männerbeauftragten.
Harte Zeiten für all jene, die einfach nur wegen guten Theaters gerne ins Theater gehen würden. Denn eigentlich geht es beim Theatermachen ums Publikum und um Qualität, nicht um Selbstdarstellung und Selbstbefriedigung des Führungsteams am Badischen Mumpitztheater.

Freitag, 20. April 2018

Die Opern-Saison 2018/19 am Rhein

Die Opéra du Rhin in Straßburg hat ihr Programm für die kommende Spielzeit ins Netz gestellt (und zwar hier). Es gibt amüsante zufällige Parallelen zwischen Karlsruhe und Straßburg in der kommenden Opernsaison 2018/19.

Mittwoch, 18. April 2018

Stuttgart bekommt einen neuen Intendanten

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, wußte schon Hermann Hesse. Am Badischen Staatstheater wird es Zeit für einen Neuanfang, in der kommenden Spielzeit wird es diesen Zauber für die Theater-Fans in Stuttgart bereits geben. Dort hat man einen Wechsel in der Führungsspitze, der kommende Intendant Viktor Schoner (*1974) sagte in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine einen Satz, dem einige auch in Karlsruhe Beachtung schenken werden: „Das Handwerk ist unglaublich wichtig. Sonst scheiterst du. Es reicht zwar nicht, als die Hofnarren, die wir sind, professionell zu sein, aber Dilettantismus ist keine Antwort.“
Der ganze Bericht findet sich hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/neuer-intendant-der-staatsoper-stuttgart-stellt-seine-plaene-vor-15546742.html

Bericht über Bridget Breiner

Die Stuttgarter Zeitung bringt anläßlich eines Gastspiels von Bridget Breiners Choreographie zu Romeo und Julia mit ihrer aktuellen Kompagnie des Musiktheaters im Revier am 21. und 22. April im Ludwigsburger Forum einen informativen Bericht über die zukünftige Karlsruher Ballettdirektorin. Der Artikel findet sich hier:
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bridget-breiner-kehrt-als-ballettdirektorin-zurueck-gastspiel-mit-romeo-und-julia-in-ludwigsburg.f96fbe44-38de-44a8-b72b-0f79edf45cd2.html

Dienstag, 17. April 2018

6. Symphoniekonzert / Carmina Burana (Ballett), 16.04.2018

Ein Symphoniekonzert mit spirituellen und weltlichen Gesängen auf Basis mittelalterlicher, meist lateinischer Gesangstexte und universalem Anspruch: Star Child -George Crumbs Hymne an das göttliche Licht und die Gnade- und Carl Orffs Carmina Burana -die Hymne an das Schicksal und die Ungleichheit in einer Ballettversion von Germinal Casado- ergaben kombiniert ein spektakuläres Konzert mit unerwarteten Schwächen.

Sonntag, 8. April 2018

Oper München: Cavalli - La Calisto, 06.04.2018

Karina Gauvin, Anna Bonitatibus, Christiane Karg u.v.a.m.- die Münchener Besetzung von Cavallis expressiver Erotikoper La Calisto hielt, was sie versprach.

Samstag, 7. April 2018

Residenztheater München: Kehlmann - Heilig Abend, 04.04.2018

Daniel  Kehlmann ist vorrangig bekannt als maßgeblicher Romanautor, „Die Vermessung der Welt“, „Ich und Kaminski“ oder aktuell der Eulenspiegel-Roman „Tyll“ haben großen Erfolg. Als Autor von Theaterstücken ist er nicht unmittelbar präsent, obwohl er beste Voraussetzungen mitbringt: seine Mutter ist Schauspielerin, sein Vater Regisseur. Heilig Abend ist Kehlmanns drittes Bühnenwerk (UA 2017) und ein Stück in Echtzeit, eine Idee, die inspiriert zu sein scheint vom Hollywood-Klassiker High Noon und der TV-Serie 24. Ein Polizist verhört unter Zeitdruck eine Verdächtige, in 90 Minuten könnte ein linksextremistischer Terroranschlag geschehen, eine Uhr zeigt dem Publikum die genaue Zeit an.

Sonntag, 25. März 2018

Karlsruhe als Endstation?

Gnadenbrot für Intendant Spuhler?
Das Badische Staatstheater hat seit der Amtsübernahme durch Intendant Peter Spuhler an Attraktivität verloren, man hat Unruhe im Haus, einiges klemmt und hakt, reibungslos ist anders, Kapriolen, Qualitätsprobleme, mangelnde Offenheit und Transparenz sowie eine selbstverliebte Beweihräucherung einer Intendanz, die doch vor allem defizitär war: es mangelte ihr an liebevoller Begeisterung, an Sinn für Ästhetik, Humor und Freude. Stattdessen gefiel man sich in der heuchlerischen Pose des Oberlehrers, der mit erhobenem Zeigefinger Antworten diktiert. Stammzuschauer verloren die emotionale Bindung an ihr Haus, ein Dahinsiechen der Karlsruher Oper angesichts liebloser Planungen und verringerter Vielfalt. Kaum je zuvor dürfte man in so kurzer Zeit so viele Personalwechsel an entscheidenden Stellen des Badischen Staatstheater erlebt haben. "Karlsruhe ist keine Endstation", "Von Karlsruhe aus macht man Karrierre", so verlautbarte es erklärend aus dem Staatstheater und scheint damit u.a. Mannheim zu meinen, das sich als attraktivere Alternative gerne in Karlsruhe bedient und zwei Spartenleiter abgeworben hat. Nur für einen droht Karlsruhe Endstation zu werden: Intendant Spuhler, der das Theater als Sprungbrett nutzen und schon längst wieder weg sein wollte, wurde bisher wohl für zu leicht befunden. Er findet allem Anschein nach keine neue Anstellung.

Dienstag, 20. März 2018

Generalintendant Spuhler hat zukünftig vier neue Frauen unter seiner Führung

Das Badische Staatstheater hat zu viele weibliche Zuschauer, laut der Zuschauerumfrage (mehr hier) sind über 60% Frauen, weniger als 40% Männer. Für Intendant Spuhler scheint es eine drängende Frage, was man gegen ein diskriminierendes Programm machen kann. Seine Antwort für mehr Geschlechtergerechtigkeit scheint zu lauten: Theater muß für Männer wieder sexy, attraktiv und prickelnd werden. Mehr junge Frauen in Führungspositionen könnten wirken. Da der Intendant trotz vieler Probleme nicht frühzeitig gehen will, um dem ersten weiblichen Generalintendanten Platz zu machen (schade, es wäre höchste Zeit!), werden nun vorerst alle Direktorenposten entsprechend neu besetzt. Anna Bergmann wird bekanntermaßen neuer Schauspieldirektor. Neuer Casting-Direktor der Oper wird Nicole Braunger. Birgit Keil zieht sich 2019 von ihrem Posten zurück, ihre Nachfolge wird ab der Spielzeit 2019/20 die renommierte Bridget Breiner antreten. Was weiß man über die neuen Namen?

Sonntag, 18. März 2018

Hair (Musical), 17.03.2018

Der Siegeszug des westlichen Lebensstils
Die 1968er suchten einen Ausweg auf ihrer Sinn- und Lebenskrise und entdeckten ihn u.a. in einer neuen avantgardistischen, aber kurzlebigen Lebensform (den Hippies), die langfristige Folgen in verschiedensten Lebensbereichen zeigte. Rückblickend ist die Ironie unübersehbar: die Hippies kamen an, aber nicht dort, wohin sie wollten. Anspruch und Realität sind wenig kongruent. Das Musical Hair steht am Beginn sowohl des Siegeszugs des westlichen, libertären Lebensstils als auch liberaler Wirtschaftsformen. Die Abnabelung von fremden Erwartungshaltungen und Moralvorstellungen, die Befreiung vom Militärdienst und die alleinige Verantwortung für sich selbst, prägten damals das sich selbst in den Mittelpunkt stellende westliche Individuum, das nicht Untertan eines politischen Staatswohls sein wollte. Seine eigene Individualität auszuleben und gesellschaftlichen Zwängen gegenüber ablehnend zu sein, war der Schlüssel zu neuen kommerziellem Möglichkeiten. Der Erfolg des Protests war dort anhaltend, wo das Politische mit dem Hedonistischen verknüpft war, das Hedonistische siegte durch den Kommerz. Die Bedeutung der Hippies erkannten die marktwirtschaftlichen westlichen Demokratien, nicht die östlichen sozialistischen Diktaturen.
50 Jahre 1968 - das Badische Staatstheater feiert nun mit, doch ohne realistischen, kritischen oder sogar politisch hinterfragenden Rückblick auf das, was 1968 war, sondern in Form einer unterhaltsamen Nostalgie, bei der das zugrundeliegende Drama entschärft und die Albernheit der Hippies betont wird und man sie als quasi Außerirdische aus einem schrägen Universum in einem UFO auf der Bühne landen läßt. Daß das Publikum begeistert war, hatte einen einfachen Grund: musikalisch war die Premiere mitreißend, die Spielfreude aller Beteiligten ansteckend.

Samstag, 17. März 2018

Oper Frankfurt: Meyerbeer - L'Africaine (Vasco da Gama), 16.03.2018

Grand opéra - wortwörtlich
Fast fünf Stunden Aufführungsdauer (inkl. zweier Pausen) - eine geglückte Grand Opéra in fünf Akten ist immer auch Überwältigung durch schiere Masse und effektgeladene Theatralik: Epische Längen und dramatische Zuspitzungen, Spektakuläres neben Intimen, große Tableaus neben Seelenbildern. Meyerbeers Musik galt einst bei seinen Gegnern als "Schaubudenlärm", seine Opern als "Jahrmarktsfarce", "wie ein Varietéprogramm zusammengesetzt aus Effekt auf Effekt" und "lüstern nach Sensation". Diesen "modernen Gerippe" warf man einst vor, daß es ihnen an Substanz und Innenleben fehlen würde. Regisseur Tobias Kratzer und Kostüm- und Bühnenbildner Rainer Sellmaier bringen nach Les Huguenots in Nürnberg und Le Prophète in Karlsruhe ihre dritte Meyerbeer-Oper auf die Bühne. Sie greifen in Frankfurt die Thesen zu Meyerbeers Opern auf und führen sie einer neuen Synthese zu. Kann das, was man einst den Opern von Meyerbeer vorwarf, heute ein Grund für ihren erneuten Erfolg sein? Ist das, was einst den Erfolg Meyerbeers beim Publikum ausmachte, für heutige Opernbesucher wiederbelebbar? Damals wünschte sich das Publikum offensichtlich historische Ereignisse und große Schicksale, aufwändig ausgestattet mit reicher Dekoration; heutzutage sind alternative Welten in Mode, ob nun in archaisierender Epoche (wie in "Game of Thrones"), dem Superhelden-Kosmos oder -wie in diesem Fall- als Science Fiction. Kratzer wollte die Oper als "intelligenten Blockbuster". In Frankfurt spielt Vasco da Gama im Weltraum, unendliche Weiten. Der Abenteurer und Entdecker Vasco da Gama ist unterwegs, um fremde Sonnensysteme zu erobern. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt er in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Die Afrikanerin, die tatsächlich eine Inderin ist, ist eine Außerirdische, in diesem Fall blaugefärbt wie eine Figur aus James Cameron's Hollywoodfilm "Avatar - Aufbruch nach Pandora".

Sonntag, 11. März 2018

Verdi - Simon Boccanegra, 10.03.2018

Mit Simon Boccanegra (mehr hier zur Premiere) hat man am Badischen Staatstheater eine schöne Produktion vorzuweisen, die auch gestern grandios gesungen und hingebungsvoll musiziert das Publikum beglückte.

Freitag, 9. März 2018

Das Badische Staatstheater verliert Stammbesucher

Die ernüchternden Ergebnisse der Besucherumfrage liegen vor
Die Intendanz von Peter Spuhler neigt sich dem Ende zu. Länger als 10 Jahre sollte kein Intendant im Amt bleiben, dann (also ab 2021) ist wieder frischer Wind erforderlich, allem Anfang liegt ein Zauber inne, neue Impulse machen Theater spannend, alles andere ist Stagnation und Gnadenbrot. Auch die Unzufriedenheit innerhalb des Badischen Staatstheater mit dem Intendanten scheint weiterhin hoch, man hört von einem Führungsstil von oben herab und intransparenten Entscheidungsfindungen. Der Bericht zur Mediation, die nach der Krise zwischen Intendant und dem protestierenden Personal eingeleitet wurde, soll weiterhin unter Verschluß sein. Die Intendanz von Peter Spuhler scheint nach dessen Abgang in verschiedener Hinsicht dringend eine Aufarbeitung zu benötigen.
Zeit für eine weitere Bilanz. Das Badische Staatstheater hat über fünf Jahre (2011, 2012, 2014 und 2016, jeweils im Juni/Juli und 2011 auch im Herbst) die Entwicklung seines Publikums untersucht. In den fünf Erhebungen haben ca. 5.400 Besucher Fragebögen ausgefüllt zurückgegeben (2011/12 hat man ca. 2500 Besucher befragt, 2014 und 2015 je ca. 1.450). Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kultur- und Medienmanagement der FU Berlin hat versucht, das Ergebnis zu interpretieren. Die Studie wertet allerdings lediglich die Umfragebögen aus, ein Abgleich mit den Erkenntnissen aus dem tatsächlichen Kartenverkauf findet nicht statt. Die gezogenen Schlußfolgerungen scheinen nicht durchgängig valide und die Interpretation nur mit großer Vorsicht zu genießen. Die vorgestellte Studie ist ernüchternd für den Intendanten, als Handlungsbedarf kann man die Forderung eines Richtungswechsels erkennen. Ein Blick auf die Ergebnisse und ihre Aussagekraft:

Dienstag, 6. März 2018

5. Symphoniekonzert, 05.03.2018

Walton, Britten und Elgar - ein englisches Konzert und hörbar eine Herzensangelegenheit für GMD Justin Brown.

Samstag, 3. März 2018

Konzert mit Franco Fagioli, 02.03.2018

Virtuose Sternstunde
Das Schöne an barocken Opernarien ist u.a., daß bei ihnen die Zeit still steht; die Handlung, die passiert davor und danach in den Rezitativen, doch in den Arien spricht das Herz. Wie das klingt und wie das gelingt, das demonstrierte gestern Franco Fagioli in einem zum Niederknien schönen Konzert, bei dem man nur erhoben applaudieren konnte und so gab es wiederholt stehende Ovationen für den Argentinier. Seit 2006 (als Idelberto in Lotario) ist Franco Fagioli den Karlsruher Händel-Festspielen verbunden, er sang am Badischen Staatstheater neben diversen Konzerten die Titelpartien in Julius Cäsar (2008), Ariodante (2010 und 2011) und Riccardo Primo (2014 und 2015), 2019 wird Serse folgen, Max E. Cencic führt dann Regie und singt ebenfalls. Desweiteren wird Fagioli im Juli 2018 als Cecilio in Mozarts Lucio Silla in der Badischen Residenzstadt auftreten (eine Übernahme einer Koproduktion aus dem Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie, bei der Tobias Kratzer Regie führte). Publikum und Countertenor kennen sich - und das war auch gestern zu spüren. Eine herzlich-begeisterte Stimmung herrschte vor, eine greif- und hörbare Freude im vollen Opernhaus und ein typisches Fagioli-Konzert, das meisterhaft Stimmartistik und Ausdruck, Spektakel und Hingabe verband.

Donnerstag, 1. März 2018

Sonntag, 25. Februar 2018

Händel - Alcina, 24.02.2018

Acht Tage nach der Premiere (mehr hier) hat sich Alcina deutlich gesteigert. Und das lag primär am Dirigenten Andreas Spering, der -wie ein Blick auf die Uhr nahe legte- den ersten und zweiten Akt schneller anging, flexibler und federnder spielen ließ und zu alter Stärke zurückfand - Resultat war ein wunderbar differenzierter Klang. (War das zuvor Probenrückstand und/oder Rücksichtnahme auf die Sänger?)
Schwachpunkt bleibt die Personenregie, die nur denen zusagt, die gerne schwach gebrühten, koffeinfreien Instantkaffee aus ausgesucht schönen Tassen lauwarm trinken. Wer hingegen glaubt, daß Eifersucht die Leidenschaft ist, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft, der wird sich mit der statischen, güldenen Schwermut der Inszenierung kaum abfinden. Gerade Alcina ist eine der Händel-Opern, die keine abstrusen Intrigen oder krude Dramaturgie aufweisen, sondern ein nachvollziehbares menschliches Drama, dessen Rezept eher eine starke, rot-heiße Fallhöhe zu fordern scheint. Und überhaupt und bei aller Liebe zu Händels Opern und den Karlsruher Händel Festspielen, muß hier noch mal Deutliches geschrieben werden. Kann man das, was Regisseur James Darrah hier dem Publikum zeigt, überhaupt als Regie bezeichnen? Ist es nicht vielmehr ein Alibi-Arrangement eines szenischen Nichts?

Freitag, 23. Februar 2018

Festkonzert der Deutschen Händel-Solisten, 22.02.2018

Raritäten und eine Mini-Oper in Form einer Kantate standen im Mittelpunkt des Festkonzerts anläßlich der Händel Festspiele.

Sonntag, 18. Februar 2018

Konzert mit Valer Sabadus, 17.02.2018

Schwerelos entrückt
Nachdem sich Alcina am Vorabend über 240 Minuten als szenisch ungewöhnlich zähfließend erwiesen hatte, verflogen die 150 Minuten des Konzerts mit Countertenor Valer Sabadus wie im Flug. Bei Alcina ging es bereits um die Liebe in ihren vielfältigen Schattierungen und auch Sabadus widmete sich gestern in seinem Konzert Tiranno amor dem beliebten Tyrannen in einem beglückend schönen Konzert.

Samstag, 17. Februar 2018

Händel - Alcina, 16.02.2018

Gepflegte Langeweile
Händels Alcina ist vieles: eine Oper über Liebe und Begehren, eine Zauberoper, eine Ausstattungsoper, eine Exotikoper sowie eine Ballett- und Choroper (eine der wenigen  Opern Händels, in den ein zusätzlicher Chor und Tänzer zum Einsatz kamen) - Leidenschaften, Phantasie, Spektakel und eine der beliebtesten Opern der Barockepoche. In Karlsruhe schafft man das enttäuschende Kunststück, diese schöne Oper ideen- und handlunglos wie zähen Kaugummi auf die Bühne zu stellen - eine Alcina sowohl ohne Magie, ohne Spektakel und ohne Faszination als auch ohne psychologische Erzählung oder symbolische Deutung oder Vertiefung. Zumindest die Sänger retten, was zu retten ist an diesem szenischen Langeweiler, der alles im Ungefähren verortet und nichts auf den Punkt bringt.

Montag, 12. Februar 2018

Gounod - Roméo et Juliette, 11.02.2018

Gounods Oper konzertant ohne Bühne und Regie
Viele blieben der gestrigen Aufführung fern, circa die Hälfte der Sitze blieb bei der Premiere gähnend leer. Dafür gibt es gute Gründe. Nichts spricht gegen konzertante Opernaufführungen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Nach der gestrigen konzertanten Aufführung von Gounods Roméo et Juliette sollte man sich aber nicht billig von der Intendanz des  Badischen Staatstheaters abspeisen lassen. Um Opern auf die Bühne bringen zu können, ist ein immenser Aufwand von Nöten: man braucht Sänger als Solisten, man braucht einen Chor und ein Orchester. Da kommt einiges zusammen, gestern z.B. waren ca. 120 Künstler auf der Bühne. Aber dem nicht genug, das Badische Staatstheater hat für das Große Haus ca. 50 Bühnenhandwerker, 10 Mitarbeiter in der Requisitenabteilung, die Kostümabteilung umfaßt Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, Waffenmeister, man hat Maskenbildner, eine Transportabteilung, Bühnen-, Licht- & Tontechniker - es ist alles vorhanden und wird bezahlt, seit Jahrzehnten hat man ein hohes Leistungsvermögen und stemmt problemlos szenische Neuproduktionen. Wieso wird nun auf einmal eine Neuproduktion konzertant aufgeführt? Wieso kann das Badische Staatstheater seine Mitarbeiter hinter der Bühne nicht mehr beschäftigen? Was ist schief gelaufen bei Intendant Spuhler? Und wieso werden denn die Eintrittspreise nicht gesenkt, wenn man dem Publikum weniger bietet? Als Zuschauer darf man sich auf den Arm genommen fühlen.
Wieso gibt es keine Transparenz? Wer nach einer Entschuldigung oder Rechtfertigung des Intendanten für die konzertante Oper sucht, wird nicht fündig, eine schlüssige Erklärung steht aus. Die Stadt Karlsruhe will sparen und hat das Budget des Staatstheaters minimal gekürzt. Ca. 80% der Betriebskosten eines Theaters sind Personalkosten, die Produktionen verschlingen nicht so viel Geld. Doch selbst wenn manche meinen, daß aufgrund der Einsparungen das Geld für etwas Material, eine Idee und einen Regisseur fehlt - vor der Intendanz von Peter Spuhler wäre das eine Herausforderung gewesen, der sich jemand aus dem Haus gerne gestellt hätte. Man hatte früher Mitarbeiter, die die Chance genutzt hätten, um sich als Regisseur zu profilieren. Die Geschichte von Romeo und Julia stellt inszenatorisch keine unüberwindbare Hürde dar, an die sich nur wenige trauen. Nun hat man eine eunuchisch wirkende Theaterleitung, die zwar vielleicht weiß, wie es geht, sie können es aber nicht selber.
Knappes Geld kann tatsächlich nicht der Grund sein, denn man leistet sich genug am Badischen Staatstheater. Man gönnt sich bspw. ein Volkstheater als Sparte mit verschwindend geringen Zuschauerzahlen und man hat seit eineinhalb Spielzeiten einen "Chefdramaturgen" der meines Wissens bisher für keine einzige Abo-Produktion in Erscheinung getreten ist und gerade in Zeiten knappen Geldes sollte halt auch ein "Chef" Leistungen (und vorbildhafterweise mehr nachweisliche Leistungen als seine Angestellten) für das Publikum vorweisen. Geld ist also vorhanden, Not herrscht offensichtlich keine.
Wieso bringt man also in Karlsruhe eine konzertante Oper? Was steckt dahinter? Mißwirtschaft, Fehlplanungen oder das Desinteresse am Opernbetrieb? Die Vielfalt des Opernangebots wurde in den vergangenen Jahren durch Intendant Spuhler stark verringert, ohne Angebot gibt es keine Nachfrage - einige Opernbesucher schauen sich in den letzten Jahren nach Alternativen in der Region um, die Karlsruher Oper hat an Attraktivität verloren. Und man kann sich die Frage stellen, ob man -gerade in Zeiten knapperen Geldes- mit einer konzertanten Oper nicht viel mehr gut zahlendes Publikum und Umsatz verliert, als man während einer ganzen Spielzeit bspw. mit dem Volkstheater verdient.
Konzertante Oper? In diesem Fall eine weitere krasse Fehlentscheidung des Intendanten. Manche mögen meinen, die Ursache ist psychologisch, eine beleidigte Leberwurstintendanz quengelt und ist trotzig, weil die Stadt ihr etwas Budget weggenommen hat. Die Folgen sollen die Zuschauer zu spüren bekommen. Wenn der Intendant gewollt hätte, würde der Opernbetrieb normal weiterlaufen. Und ist nicht genau das die Essenz der unzureichenden Intendanz von Peter Spuhler? Die Inszenierung des Ego, die Instrumentalisierung des Theaters zum Zweck der Selbstdarstellung. Es geht nicht um das Wesentliche (Qualität, Künstler, Zuschauer), sondern um das Opportune des eigenen Vorteils (Karriere, Aufmerksamkeit, ideologische Belehrung). Gestern entschied sich der Intendant erneut gegen die Oper. Das fernbleibende Publikum hat die Botschaft verstanden.

Mittwoch, 7. Februar 2018

Stamm - Agnes, 06.02.2018

Eine nette Geste des Karlsruher Schauspiels: bei der 175. und letzten Vorstellung von Agnes gab es alle Karten zum ermäßigten Preis. Die Premiere (mehr dazu hier) im November 2012 war schon ein voller Erfolg, danach wurden jahrelang Schulklassen durchgeschleust, die den Roman im Deutschunterricht lasen und auch gestern waren letzte Schüler kurz vor dem Abi dabei. In der Summe sollen es über 20.000 Besucher gewesen sein, wie viele davon Zwangsbesucher, ist kaum zu schätzen. Auch auf diesem Blog gab es ein ständiges Grundrauschen zu Agnes, der damalige Blogbeitrag gehört zu den am häufigsten aufgerufenen Einträgen auf diesen Seiten, den Schüler zum Anlaß nahmen, Fragen zum Buch und zur Interpretation zu schicken; Überraschenderweise gab es von ihnen zum Buch meistens kritische Urteile - gern gelesen wurde Agnes in dieser unrepräsentativen Erhebung bei Schülern nicht. Die Bühnenfassung war beliebter, Agnes ist allerdings ganz das Gegenteil von dem, für das die Intendanz steht: es hat nichts vom humorlosen, verklemmt spießigen Kanzelprediger- und Oberlehrertheater, mit dem man sein Publikum zu belehren meint. Agnes ist vielmehr einfallsreich, phantasievoll und überraschend mit Sinn für Tempo und Zwischentöne. Es wundert nicht, daß man Regisseur Christian Papke in der Folge keine weiteren Aufgaben im Karlsruher Schauspiel anvertraute. 
Cornelia Gröschel war der Star dieser Produktion, sie machte Agnes zu ihrer Rolle,  André Wagner war hingegen der Held, der alle 175 Vorstellungen absolvierte. Bravooo! Beide spielten die gestrige Dernière und hatten spürbar noch mal Freude an der letzten Aufführung. Das Unmittelbare, die Spannung des Stücks wirkten auch zum Abschluß. Gröschel verabschiedete sich gestern vom Karlsruher Schauspiel. Sie hat inzwischen einige bemerkenswerte Fernsehauftritte gehabt, insbesondere in der großartigen ZDF-Serie Lerchenberg und im Dreiteiler Honigfrauen. Sie wird zukünftig als ARD-Kommissar im Ermittlerteam des Dresdner Tatort spielen.

Freitag, 2. Februar 2018

Vorschau: Händel Festspiele 2019

Bald beginnen endlich wieder die Händel Festspiele, die Planungen für das kommende Jahr sind nun auch bekannt: 2019 wird Händels Oper Serse zu hören sein, singen werden Franco Fagioli und Max E. Cencic, der auch die Regie führen wird (Dirigent: George Petrou, Ausstattung: Rifail Ajdarpasic). Weitere Sänger sind u.a. Lauren Snouffer, Katherine Manley, Pavel Kudinov. Premiere ist am 15.02.2019, weitere Termine am 17./22./24. und 26.02.2019
Alcina wird wie erwartet wieder aufgenommen, und zwar am 23./27.02.2019 sowie am 01.03.2019; Lauren Fagan singt dann die Titelrolle, David Hansen erneut den Ruggiero.
Für Konzerte hat man Vivica Genaux, Ann Hallenberg und Hervé Niquet engagiert.
Der offizielle Vorverkauf für das kommende Jahr startet am 16.02.2018.

Mittwoch, 31. Januar 2018

Klavierrezital Lucas Debargue, 31.01.2018

Inhalt ist Form
Nachdem Lucas Debargue im 4. Symphoniekonzert der Saison erneut einen großen Erfolg in Karlsruhe feierte, gab er zusätzlich einen Solo-Abend mit eher unbekannten bzw. selten gespielten Sonaten von Schubert und Szymanowski. Und was man bereits bei Saint-Saëns bemerken konnte, war auch hier hörbar: Debargue weiß, wie man eine stimmige Interpretation findet, er gibt den Tönen eine Bedeutung, sein Klavierspiel ist reif und beredt mit Gespür für Zusammenhang. Er transformiert Inhalt in lebendige Form.

Dienstag, 30. Januar 2018

4. Symphoniekonzert, 29.01.2018

Das 4. Symphoniekonzert der Saison war ein touristisch-pastorales Wohlfühlkonzert in herzlicher Stimmung.

Sonntag, 28. Januar 2018

Portrait von Barbara Dobrzanska auf SWR2

Am 27.Januar sendete SWR2 einen kleinen, aber informativen und sympathischen Beitrag des Journalisten Georg Waßmuth über Kammersängerin Barbara Dobrzanska unter dem Titel Primadonna und Publikumsliebling.
Der Beitrag ist aktuell hier zum Nachhören auf SWR2 oder -mit vielen weiteren interessanten Reportagen (hier)- auf der Seite von Herrn Waßmuth: https://soundcloud.com/geowas/die-sopranistin-barbara-dobrzanska-portrat-fur-swr2

PS: Vielen lieben Dank für die Hinweise und Links zu der Sendung!

Sonntag, 21. Januar 2018

Verdi - Simon Boccanegra, 20.01.2018

Simon Boccanegra scheint bei Regisseuren beliebter zu sein als beim Publikum. In Karlsruhe gehört diese Oper Verdis neben manchen von Wagner zu den Spitzenreitern der letzten Jahrzehnte. Nach 1986/87 (Regie: Giancarlo del Monaco), 2005/06 (Robert Tannenbaum) ist nun die dritte Inszenierung in knapp 30 Jahren zu sehen. Es gibt weit publikumswirksamere und mitreißendere Opern, Simon Boccanegra scheint hingegen praxistauglich, trotz verworrener Handlung um Intrigen, Macht und Ohnmacht ist sie machbar und dankbar in der Umsetzung; del Monaco schrieb damals, daß er diese Oper gerne jedes Jahr wieder neu inszenieren würde. Gestern gab es nun erneut (und schon wieder) Verdis 1857 erfolglose und dann 1880/81 umfänglich renovierte Oper über den ersten Dogen von Genua - und es war sängerisch und musikalisch eine großartige Aufführung. Als Zuschauer konnte man gestern nach der Premiere von Verdis Simon Boccanegra nicht anders, als Solisten, Chor und Orchester zuzujubeln, das zentrale Sängerquintett mit Bariton Seung-Gi Jung in der Titelrolle begeisterte. Die konventionelle Inszenierung stört nicht, sie konzentriert sich auf Arrangement und Bebilderung und in ihren besten Momenten verdichtet sie die Dramatik zu packenden Momenten.

Freitag, 19. Januar 2018

Mozarts Lucio Silla im TV

Am 08.07.2018 hat Mozarts Jugendoper Lucio Silla in der Inszenierung von Tobias Kratzer Premiere am Badischen Staatstheater. Es handelt sich um eine Koproduktion mit der Brüsseler Oper, an der die Aufführungen mit anderer Besetzung bereits erfolgt sind. Wer sich vorab ansehen will, was ab Juli in Karlsruhe gezeigt wird, kann das auf Arte, wo ein Mitschnitt von Lucio Silla aus Brüssel am Sonntag, 21.01.18 von 23:45 - 02:40 Uhr gezeigt wird. Außerdem steht die Oper in der Mediathek für eine geraume Zeit zur Verfügung: https://www.arte.tv/de/videos/075388-001-A/lucio-silla-im-theater-de-munt/

Sonntag, 14. Januar 2018

Hübner/Nemitz - Willkommen, 11./13.01.2018

Der Flüchtling als Eindringling
Willkommen scheinen Flüchtlinge schon lange nicht mehr zu sein, schon gar nicht in den meisten Ländern Europas und auch in der Bundesrepublik ist die Stimmung gekippt; zu viel Negatives ist passiert, die Konflikte und Probleme scheinen zu groß, die Ursachen sind vielfältig: ein Staatsversagen aus Hilflosigkeit und Überforderung, getriebene Politiker, die nicht zugeben konnten, daß sie sich verrannt haben, dazu ein erschreckendes Medienversagen durch Journalisten, die nicht mehr unabhängig und integer berichteten, sondern sich als Interessenvertretung erwiesen, vermeintliche Staatsräson verbreiteten, Tatbestände ignorierten und zu Herstellern von Fiktionen und Feindbildern wurden. Die unkontrollierte Aufnahme von überwiegend männlichen Flüchtlingen mit geringer Qualifikation anstelle der angekündigten Familien, Ärzte und Ingenieure hat einen Graben geschlagen und den gesellschaftlichen Frieden aufs Spiel gesetzt, die Parteienlandschaft verändert sowie unverhältnismäßig viele Ressourcen verbraucht. "Machen wir uns nichts vor, es geht um Völkerwanderung", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, "Wenn wir nicht bald reagieren, wird es uns am Ende allen auf die Füße fallen, egal, welches Parteibuch wir haben", erkannte der Linken-Politiker. Laut ZDF im Dezember 2017 will eine absolute Mehrheit der Bürger eine Begrenzung der Aufnahme. So offenherzig die Hilfsbereitschaft des Staatsbürgers in der Flüchtlingskrise 2015 war, so desillusionierend und katastrophal waren die Folgen, die mit der Silvesternacht 2015/16 in Köln begannen und das friedliche Miteinander massiv beeinträchtigten. Die migrantische Gewaltkriminalität stieg auf nicht mehr akzeptable Weise, das Terrorjahr 2016 forderte mehr Tote und Verletzte als bspw. während den zwölf Jahren des NSU-Untergrundterrors.
Verheerend waren auch die Denunzierungen, die gegen legitime Kritiker und Skeptiker losgetreten wurden, und die Versuche, die Meinungsfreiheit zu beeinträchtigen und durch moderne Täuschungskünste Konformismus zu erzeugen oder zu erzwingen, die zu widerwärtigen Begleiterscheinungen und Hetze von beiden politischen Rändern und den Medien selber führten. Wenn man das Allgemeine richtig studieren will, braucht man sich nur nach einer wirklichen Ausnahme umzusehen, der Staatsrechtler Carl Schmitt formulierte: "Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles; sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik." Die Flüchtlingskrise der Jahre 2015/16 war diese Ausnahme, die vieles durchbrach und in Frage stellte, was bisher in der Bundesrepublik galt oder hingenommen wurde. Wer die Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas untersucht, sollte nicht die Symptome angreifen, sondern die Ursachen analysieren.

Auch in Willkommen, der Komödie des Autorenduos Lutz Hübner und Sarah Nemitz, scheitern fünf Flüchtlingsbefürworter am Praxistest der Gesinnung. Die von einer Wohngemeinschaft diskutierte Aufnahme von Flüchtlingen in die eigenen vier Wände findet am Ende nicht statt, der Flüchtling als abstraktes Wohltätigkeitsobjekt wird hier als konkrete Person zum Eindringling, der geduldet wird, solange er nur anderen zur Last fällt und man selber sein Leben unbehelligt fortführen kann. Willkommen ist gutes und kurzweiliges Boulevard-Theater, das mit überraschenden Entwicklungen und Wendungen und sehr guten Schauspielern überzeugt und bei dem Lachen nie zum Auslachen wird. Bei kritischeren Besuchern wird dennoch ein schales Gefühl bemerkbar sein, denn das Stück spielt Anfang 2016 und ist von der Zeit bereits überholt und läßt sich nicht auf Konflikte ein, es instrumentalisiert die Flüchtlingskrise als Folie für eine konventionell-kommerzielle Beziehungskomödie über Probleme in einer Wohngemeinschaft, die zwar auch locker Fehlentwicklungen und Streitthemen aufgreift, doch ansonsten unkritisch und unpolitisch ist und sich unbehelligt von den Zumutungen und Krisen der zukünftigen Realität zeigt. Wegsehen scheint aktuell leichter als Hinsehen.