Problemzone

Das Badische Staatstheater hat eine bessere Intendanz verdient!
Ich gehe seit meiner Jugend, genau genommen sogar seit meiner Kindheit, ins Badische Staatstheater und seit nun fast 30 Jahren mit hoher Regelmäßigkeit. Meine Großmutter wohnte in der Wilhelmstraße in Sichtweite, ich habe den Neubau, den Brand, die Inbetriebnahme 1975 wahrgenommen. Als Schüler und später als Student stand ich samstags oft in aller Frühe auf, war kurz vor 9 Uhr vor dem Eingang, um dann bei Öffnung der Kasse um 10 Uhr Karten zu kaufen (Internet gab es noch nicht, der Vorverkauf begann samstags für die kommende Woche, viele Vorstellungen waren schnell ausverkauft). Lieber Frisches als Konserven, lieber eine Bühne als einen Fernseher - ein Großteil meines Lebens verbinde ich die Bühne mit einem begeistertem Gefühl der Abwechslung, des Perspektivwechsels und der Hochachtung vor der Hochkultur.

Seit wenigen Jahren hat sich etwas verändert, besser gesagt verschlechtert, und das in vielerlei Hinsicht (mehr dazu auch hier). Seitdem Peter Spuhler als Generalintendant die Geschicke des Karlsruher Staatstheaters leitet, ist man sowohl qualitativ als auch quantitativ defizitär geworden, man kann einen Mangel an Format und Klasse und ein Übermaß an Durchschnittlichkeit und Phantasielosigkeit feststellen, etwas aufgesetztes, anbiederndes, mittelbares, wie aus zweiter Hand wieder aufgewärmtes ist bemerkbar, bei dem es zu selten um die Sache geht; seit 2011 haben bei mir Freude und Begeisterung bei Theaterbesuchen deutlich nachgelassen. Angesichts des Mangels an Originalität und Qualitätsbewußtseins seines Theaterkonzepts könnte man Herrn Spuhler treffender als Gebrauchttheaterhändler anstatt als Generalintendant bezeichnen. Ein Theater der Uneigentlichkeit - ästhetisch unsicher, inhaltlich insbesondere zu Beginn überfordert, politisch tumb und einseitig parteipolitisch. Das Publikum verdankt der Intendanz von Peter Spuhler auch etwas Neues, denn dilettantisch mißlungene Inszenierungen gab es vorher in diesem Ausmaß nicht.

Auch im Umfeld gibt es unsympathische Erscheinungen, die etwas Unaufrichtiges beinhalten. Den Claqueur-Verdacht hört man immer wieder. Tatsächlich wurde die tradierte Zurückhaltung bei Premieren aufgehoben. Zu oft erwiesen sich lautstarke Bravo-Rufer als Mitarbeiter oder Angehörige, die eine neutrale Meinungsfindung verhindern sollten. Gibt es eigentlich ein anderes Theater, das sich nach einer Premiere selber bespricht und für toll befindet? Man kann viel lachen, wenn man gerne genau liest, was man am Badischen Staatstheater für selbstverliebte Sätze produziert. Unaufrichtig sind auch die Floskeln, die die Intendanz gerne verwendet: „Theater für alle“ als Alibispruch für segmentierendes Klienteltheater und politische Meinungsmache, die tatsächlich ausgrenzend gedacht sind. (Man sollte sich die Frage stellen, wer (oder was) wurde denn zuvor vom Theaterbesuch ausgeschlossen?). Selbstdarstellung und Selbstbeweihräucherung der Intendanz erinnern an Donald Trump, sie wirken unfreiwillig komisch und wie eine Selbstparodie und mir fällt es schwer, diese Intendanz ernst zu nehmen, auch wenn sich Lerneffekte und Verbesserungen bei den Verantwortlichen eingestellt haben.

Seit Jahrzehnten beobachte ich Kunst, Künstler und Kunstermöglicher am Badischen Staatstheater. Angesichts der Freud- und Lieblosigkeit, der nervenden Spießigkeit politischer Gesinnungsverklemmung steht bei mir ohne Zweifel fest: Das Badische Staatstheater hat eine bessere Intendanz verdient!

Entgeisterung statt Begeisterung

Es ist schon bitter, da gibt es von allem Bemerkenswertem zuviel: mehr Musik, mehr Texte, Bücher und Bühnenwerke, mehr Kunst als man kennen kann, soviel Entdeckenswertes und Spannendes - und dann beginnt in Karlsruhe die Intendanz Peter Spuhlers und präsentiert bevorzugt Alltägliches und Problembeladenes, kunstloses Brot sowie opportunistische Anbiederung an bevorzugte Zielgruppen: veganes Klientel-Theater, vermeintlich "politisch korrekt". Man hebt gerne den Zeigefinger und belehrt sein Publikum. Was in den Medien ist, kann man auch im Theater verwerten - man benötigt Krisen und Katastrophen und/oder Betroffenheitsgesten für dieses "Theater"-Konzept. Zu sagen hat man allerdings fast nichts, hauptsächlich geht es nur um den Anschein von Relevanz, Aufmerksamkeit und Medienpräsenz. Dabei läßt man eine fundamentale Einsicht vermissen, die der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern" formuliert hat: Der gelungene ästhetische Imperativ ist weder aufdringlich noch autoritär; im "ästhetischen Simulationsraum" wird eine "nicht-repressive Erfahrung" gemacht. Daß Standpunkte bei Intendant Peter Spuhler oft als Bevormundung und Einseitigkeit vermittelt werden, liegt an einer defizitären Theaterauffassung in plakativ politischem Gewand. Der Mißerfolg der Spuhlerschen Intendanz ist u.a. ein Ästhetik-Defizit: irgendwie "gut gemeint" ist nicht genug. Der große Dichter Gottfried Benn sagte, daß "gut gemeint" das Gegenteil von Kunst sei. Damit ist mein Problem mit einer nicht bereichernden Theaterauffassung, die sich mehr politisch und schulmeisterlich als ästhetisch und phantasievoll definiert, hinreichend beschrieben. Oder um es noch mal anders mit adaptierten Worten Sloterdijks auszudrücken: Müssen Künstler etwas zu sagen haben? Den Künstler stimmt das Nichts-zu-sagen haben heiter, da es die Voraussetzung dafür ist, daß die Kunst feiert.
 
Eine Intendanz auf der Suche nach der künstlerischen Linie

Die neue Karlsruher Leitungsspitze hat keine eigene aktive künstlerische Handschrift: keiner ist als Regisseur tätig oder hat eine bemerkenswerte Erfahrung als Bühnendarsteller. Man spürt, daß man in Karlsruhe Theatertheoretiker statt Theaterpratiker hat - sie können nach meiner Ansicht mit Ensemblepflege und Repertoireplanung nur unterdurchschnittlich umgehen und planen nach theoretischen Gesichtspunkten und mit zu wenig Fokus auf Qualität, Perspektive und Entwicklung der Künstler. Als Zuschauer konnte man den Eindruck gewinnen, daß die neuen Verantwortlichen am Badischen Staatstheater  immer wieder ein wenig hilf- und ratlos wirkten. Als würde man ein Training-on-the-job beobachten: das Badische Staatstheater als Übungsfeld, auf dem man in eine Aufgabe hineinwachsen kann. Lernerfolge haben sich für mich tatsächlich eingestellt; es ist sehr gut möglich, daß man die Kurve noch kriegt und in der 2. Hälfte der Intendanz beweisen kann, daß man nicht nur als Personal mit Sanierungs- und Neubauerfahrung engagiert wurde. Doch bisher überwiegte für mich bei Peter Spuhler und Jan Linders der Eindruck, es lediglich mit Kulturmanagern zu tun zu haben, die künstliche Waren für vermeintlich aktuellen Bedarf verkaufen wollen.

Problemzone (1) - Die Oper  
Wie stark der Opernbetrieb vom Intendanten reduziert wurde, zeigen folgende Zahlen: vor 10 Jahren in der Saison 2006/2007 umfasste der Spielplan 23 Opern, 2016/2017 gibt es nur noch 15. 2005/2006 gab es 8 Premieren und 15 Wiederaufnahmen, 2015/2016 gibt es 7 Premieren und 8 Wiederaufnahmen. Eine Opernsaison mit nur noch 15 anstatt 23 Opern vor 10 Jahren - 8 Opern fehlen zur früheren Vielfalt. Harte Zeiten für die Karlsruher Opern-Fans.

In der Spielzeit 2017/18 hat nun eine neue Variante zur Marginalisierung der Oper gewählt: man bringt nur noch sechs Opernpremieren auf die Bühne, ein weiteres Werk wird konzertant ohne Inszenierung gespielt.

Problemzone (2) - Das Schauspiel
Im Schauspiel hinterließ Jan Linders einen hilf- und ratlosen Eindruck: man produzierte zu viel Unterdurchschnittliches mit dem man die Ansprüche, die man meines Erachtens an ein Staatstheater haben darf, immer wieder unterbot und teilweise grottenschlechte und schlampig durchdacht erscheinende Inszenierungen zeigte, bei der man die Qualitäten der Schauspieler entweder nicht ausreizte oder sie fehlbesetzte. Hier hat man am stärksten aus seinen Fehlern gelernt: alle Dramaturgen wurden ausgetauscht, Mißerfolge schnell wieder eliminiert und ein variabler und optimierter Spielplan auf die Beine gestellt. 17 neue Schauspieler brachte man 2011 mit nach Karlsruhe, 2015 sind noch 5 davon übrig, in der Saison 2016/2017 sogar nur noch 3.
Diskontinuitäten, abnehmende Leistungsfähigkeit - Schauspieldirektor Linders gab nach 5 Jahren auf.
Inzwischen hat sich einges verbessert, man hat wieder Schauspieler und ein Ensemble, 2016/17 wurde Axel Preuß neuer Schauspieldirektor, doch er geht bereits nach zwei Jahren wieder
, ab 2017/2018 kommt Timo Tank zurück in Ensemble. E
s scheint als könnte man die Kurve doch noch halbwegs kriegen.

Problematisch ist die politische Orientierung, die das Theatergeschehen zu oft auf langweilige Weise "gut gemeint, aber halt auch nicht mehr" erscheinen ließ. Alexander Kluge lieferte in der Dezember 2015-Ausgabe von "Theater der Zeit" eine allgemeine Analyse, die sich wie eine speziell auf Spuhler/Linders gedachte Erwiderung liest: "Das Theater ist in dreierlei Hinsicht tätig. Erstens ist es fähig, einen Beitrag zum notwendigen Eigensinn zu leisten. (…) Theater hat die Funktion, der Phantasietätigkeit einen Tempel zu geben. Zweitens hat es die Funktion, die die wichtigste ist, nämlich zu memorieren, was an unwahrscheinlichen, glücklichen Fällen aufbewahrenswert, erzählenswert ist. (…) Das ist sozusagen die mittlere Säule. Die eine Säule ist spielerisch und bedeutet die Befreiung von Sinnzwang, die andere bedeutet Rekapitulation, die ernste Bemühung, etwas zusammenzufügen, was zusammengehört, zum Beispiel Rhythmus plus Gedanken, Musik plus Wissenschaft. Und schließlich die dritte Säule: Das ist das Theater als Kampfeinheit. Diese Säule läuft Gefahr, sofort die Säule eins zu instrumentalisieren und auf Säule zwei zu verzichten. Sie ist also selten allein seligmachend.(…) Diese drei Säulen (…) sind dasjenige, was man im Gleichgewicht halten sollte und zwischen denen man wechseln kann." In Karlsruhe kann man diese defizitäre Theaterauffassung, die lieber zwei als eine Säule ignoriert, die instrumentalisiert und gemißbraucht, seit 2011 beobachten.

Politisches vs. Weltanschauliches Theater
Einfache Lösungen schneiden die Kausalkette von Ursache und Symptom schnell ab, Verzweigungen und Komplexität sollen gar nicht erst in Reichweite kommen. Der intellektuelle Zugang wehrt sich gegen diese Art der primitiv populistischen Vereinfachung, die den Geist beleidigt. Auch die Karlsruher Intendanz ist leider ein Anhänger von Simplifizierung, man konstruiert gerne einfache Verhältnisse und falsche Wertigkeiten, in denen man die weltanschauliche verklemmte Sicht der Intendanz darstellen kann. Man identifiziert gerne Symptome als Ursachen und leitet daraus oberflächliche Schlußfolgerungen ab. Aber als Zuschauer muß man von einer Intendanz mehr erwarten. Politisches Theater stellt Fragen, ideologisches Theater gibt Antworten. Das Spießerhafte der Intendanz von Peter Spuhler liegt in der selbstgefälligen Positionierung als Sittenwächter und Moralprediger. Man weiß alles besser, gibt gerne Antworten und stellt keine Fragen. Sich selber zu hinterfragen –ob ernsthaft tiefgründig oder ironisch verspielt– kommt gar nicht erst in die Tüte. Das eigene –von Außenstehenden durchaus als borniert wahrzunehmende– Selbstverhältnis prägt  eine Selbstgerechtigkeit, die zur Weltgerechtigkeit aufgebläht wird.

Problemzone (3) - Die Intendanz
So viele Aufgaben gilt es zu bewältigen - die Intendanz Peter Spuhlers scheint ein Plädoyer dafür zu sein, -wie in Mannheim oder in Stuttgart bereits geschehen- auch in Karlsruhe den Posten des Generalintendanten durch ein Intendanzteam zu ersetzen. Spuhler als kaufmännisch-administrativer Intendant mit Bauerfahrung und dazu eigenverantwortliche Spartenintendanten mit künstlerischer Berufserfahrung. Vor allem ist es im Zuge der Umstellung des Badischen Staatstheaters zu einem Landesbetrieb ist es erforderlich, demokratische Maßstäbe anzulegen und Verantwortungsteilung statt Machtkonzentration als zeitgemäße Führungsstrategie durchzusetzen. Daß das Ballett die unumstrittene Lieblingssparte mit der höchsten Auslastung in Karlsruhe geworden ist liegt auch daran, daß man mit Birgit Keil keine Theoretikerin an der Spitze hat. Das Festhalten am Ein-Mann-Führungsprinzip verleugnet die Erfordernisse und Zukunftstauglichkeit - es entspricht nicht mehr den demokratischen Mindestanforderungen der Verantwortungs- und Gewaltenteilung.

Problemzone (4) - Die Abberufung des Verwaltungsdirektors
Durch die ungeschickte Abberufung von Verwaltungsdirektor Michael Obermeier (mehr dazu hier) wurde die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die prekäre Stimmung am Badischen Staatstheater gelenkt. Wer als Zuschauer künstlerische und qualitative Einwände gegen die Intendanz vorbrachte, konnte nun erfahren, daß es auch kommunikative und zwischenmenschliche Defizite im Leitungsteam gab. Es scheint, als mangelte es in verschiedener Hinsicht am Format und Geschick.

Problemzone (5) - Der Intendant
Man hört, daß Peter Spuhler Karlsruhe zum Sommer 2015 verlassen wollte. Er hoffte auf die Intendantenposition am Theater Basel, die er aber nicht bekam. Auch sein Bemühen, 2018 als Intendant in Stuttgart anzutreten, war erfolglos. Beachtet man das bisherige Auftreten des Intendanten, dann kann man Herrn Spuhler aktuell nur viel Glück wünschen, damit eine seiner Bewerbungen bald erfolgreich sein wird.

Erfolgszone
Es gibt auch zuverlässige Konstanten: das Ballett unter Birgit Keil, das Orchester mit GMD Justin Brown und der Staatsopernchor und sein Leiter Ulrich Wagner sowie die sehr guten Mitarbeiter neben und hinter der Bühne sind hier aus gutem Grund nicht in der Problemzone genannt. Alle sind Aushängeschilder für das Theater und die Stadt.
   

Das Unbehagen an der Intendanz Spuhler
wurde hier immer wieder versuchsweise in Worte gepackt. Ein Überblick:

Spielzeit 2016/17
               

Spielzeit 2013/14
        
Spielzeit 2012/13
         
Spielzeit 2011/12