Sonntag, 29. Dezember 2013

Rokokotheater Schwetzingen: Traetta - Ifigenia in Tauride, 28.12.2013

In der Reihe des Heidelberger Theaters "Winter in Schwetzingen" präsentiert man in diesem Jahr einen weiteren heute weitgehend unbekannten Komponisten der neapolitanischen Schule: Tommaso Traetta (*1727 †1779) komponierte über 40 Opern . Der deutsche Schriftseller Wilhelm Heinse  schrieb um 1790: »Traetta hat ein erstaunlich reines zartes Gefühl. In seinem Herzen muß manche Leidenschaft in ihrer Fülle gekämpft haben; er trifft auf ein Haar den Ton von Traurigkeit, Schauder, Schrecken, kühnen Entschlüssen, Übergängen aus einer Leidenschaft in die andre; und besonders von dem Leiden edler Seelen.« Traetta war einer der großen Opern-Komponisten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und steht neben anderen heute oft vergessenen Namen: Hasse, Jommelli (der 16 Jahre lang Hofkapellmeister am würtembergischen Hof war), Majo, Graun, Piccini  oder der Reformator Gluck, der heute auch für viele der einzige Name ist, der zwischen Händel und Mozart bekannt geblieben ist.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Schnitzler - Der Einsame Weg, 18.12.2013

Abschied kann schmerzlich sein
Schnitzlers Schauspiel Der Einsame Weg im Kleinen Haus bietet die Möglichkeit, sich von zwei der charismatischsten Karlsruher Schauspieler des letzten Jahrzehnts zu verabschieden: Georg Krause und Timo Tank verlassen im Verlauf der Saison im 12. Jahr ihrer Zugehörigkeit das Ensemble. Beide hatten viele große Momente, beide hatten Rollen die ihnen besser und manchmal schlechter lagen, beide spielten in Inszenierungen, die nur durch sie lebten - kurz: beide sind große Schauspieler, an die man sich erinnern wird und die einen Maßstab aufgestellt haben, an denen sich andere messen lassen müssen.

Georg Krause ist der Schauspieler für die besonderen Momente. Ich habe bisher keinen Schauspieler erlebt, der wie er in der Lage war, eine Situation auf die Spitze zu treiben. Unvergessen bleiben für mich z.B. seine Auftritte in Tartuffe, der Affäre Rue de Lourcine, Was ihr wollt, dem Sommernachtstraum und als Brandner Kasper. In 25 Jahren als Theaterbesucher habe ich keinen anderen Schauspieler erlebt, der wie er seinen Zuschauern die Lachtränen in die Augen treiben kann und die Zwerchfellmuskulatur seines Publikums in einem Maße strapaziert, daß er sich nicht hätte wundern dürfen, wenn ihm durch Herbeiführen von Lachmuskelkrämpfen ein juristisches Nachspiel wegen Körperverletzung gedroht hätte. Diese Steigerungen kamen immer unerwartet und stellten fast explosionsmäßige Höhepunkte innerhalb der schönsten Schauspielabende dar.

Mit Timo Tank verlässt der derzeit vielseitigste Schauspieler das Ensemble, der es wie kein anderer geschafft hat, sich in zahllosen Hauptrollen ein ausgezeichnetes Renommée zu erarbeiten. Erinnert sich noch jemand an Der Diener zweier Herren? Als Truffaldino verzauberte Tank buchstäblich das Publikum; das Essen eines Kekses wurde bei ihm zum großen Schauspielmoment. Überhaupt die Zwischentöne sind es, die er wie kein anderer in vielen Haupt- und auch Nebenrollen beherrscht. Für seinen 40minütigen Solo-Autritt in My Secret Garden (mehr dazu hier) wurde er in der Jahresumfrage 2013 unter 44 Kritikern der Fachzeitschrift „Theater heute“ als Schauspieler des Jahres nominiert.

Georg Krause und Timo Tank waren für mich in den vergangenen Jahren maßstabsbildend und zeigten mir, daß man nicht nach Frankfurt oder Stuttgart fahren muß, um herausragend gute Schauspieler und tolles Theater zu sehen. Ihr Weggang ist ein Verlust.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Tschaikowsky - Der Nußknacker, 17.12.2013

Alle Jahre wieder gehört es zu den schönsten Erlebnissen, die man in Karlsruhe kurz vor Weihnachten haben kann, in Youri Vámos herzerwärmende Choreographie des Nußknackers (mehr dazu hier und hier) zu gehen. Vámos erzählt die Handlung neu und setzte nicht die ursprünglich in französischer Übersetzung entschärfte Version der literarischen Vorlage von E.T.A. Hoffmanns Nußknacker und Mausekönig um, sondern Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte A Christmas Carol.

Auch gestern war die Wiederaufnahme restlos ausverkauft und zauberte ihren ca. 1100 lang und kräftig applaudierenden Zuschauern (darunter sensationell viele junge Besucher im Bereich 20 +/- x) ein glücklich zufriedenes Lächeln auf die Lippen. Unverändert sind in den Hauptrollen die Solisten Bruna Andrade als Weihnachtsgeist, Flavio Salamanka als Nußknackergeist, Sabrina Velloso als Clara sowie Admill Kuyler als Scrooge zu sehen. Vor allem Salamanka gebührt mal wieder ein großes Lob: unglaublich mit welch souveräner Lässigkeit er seine Rolle tanzt und seine Partnerin stützt, fängt und hebt. Bei ihm sieht es aus, als wäre es eine Kleinigkeit. Bravo! Als Todesgeist debütierte gestern Arman Aslizadyan in der Rolle, die Diego de Paula 2010 so unübertroffen gestaltete und die in den letzten beiden Jahren von Zhi Le Xu getanzt wurde. Aslizadyan zeigte einen guten Einstand und spielte auch das humorvoll Kokette seiner Rolle überzeugend.  Einen besonders guten Eindruck hinterließen gestern auch Blythe Newman und Reginaldo Oliveira im arabischen und Moeka Katsuki im chinesischen Tanz. Der russische Tanz war hingegen nur noch mit einem Tänzer besetzt anstatt wie früher mit zwei. Es war insgesamt eine sehr fröhliche Aufführung, aber wie fast immer bei Wiederaufnahmen gab es noch Wackler und Abstimmungsmankos in den großen Szenen (symptomatisch die Bärenfellgarde) beim Karlsruher Staatsballett, die man aber auch den vielen Umbesetzungen zuschreiben kann.
 
Ein Steigerung zeigte Dirigent Steven Moore, der letztes Jahr noch nicht ganz so viel aus der Partitur holte wie sein Vorgänger Christoph Gedschold, bei dem das Orchester farbenreicher, differenzierter und auch opulenter aufspielte - was Geschold auch gerade bei Dornröschen wieder belegte. Moore war letztes Jahr ein wenig zu eintönig und überraschte dieses Jahr mit einem deutlichen Plus an Ausdruck und Variabilität und insgesamt einer sehr guten Orchesterleistung.

Tipp: Wie der Nußknacker klingen kann, ist auf diversen Tonträgern belegt. Wer sich Tschaikowsky noch mal anhören möchte, der kann sich beispielsweise folgende besonders gelungene Einspielung zulegen: Die Aufnahme des Dirigenten Antal Dorati mit dem London Symphony Orchestra ist eine fast schon frenetische Konzertversion, die viel zu rasant ist als daß man zu ihr tanzen könnte und mehr erklingen lässt als man sonst hört. Der Dirigent galt als Experte und hat das Ballett meines Wissens auch mit mindestens einem anderen Orchestern eingespielt. Die Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra entstand vor ca. 50 Jahren und ist bei Philips erschienen.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Strauß - Die Fledermaus, 14.12.2013

Was für eine vermurkste und sinnschwache Inszenierung der Fledermaus! Die gestrige Premiere endete mit gespaltenen Reaktionen - viel Applaus für Sänger und Musiker und Kopfschütteln für eine gruselige Regie.

Zur Inszenierung(1): Gegen-den-Kamm-bürsten aus Originalitätszwang
Die letzte Karlsruher Fledermaus in der Spielzeit 2001/02 war ein Geschenk des damaligen Intendanten und Regisseurs Pavel Fieber an sein Publikum: keine Neu-Deutung, keine Psychologie, dafür dekorative Bühnenbilder und aufwändige Kostüme, nur Prinz Orlofsky hatte zwei Begleiterinnen im knappen Leder-Outfit mit Peitsche, aber das war schon die mutigste Entscheidung des Regisseurs. Ansonsten war es eine Fledermaus zum Wohlfühlen und Amüsieren und ein sehr großer Erfolg.

Leicht macht es diese neue Inszenierung von Lorenzo Fioroni dem Publikum leider nicht. Sie frägt nach dem 'Woher?', nicht nach dem 'Wohin?' und untersucht die Ursachen, nicht die Folgen. Der leichte Operettenstoff wird mit einem profunden 'Warum?' verknüpft. Eine "melancholische Stimmung", "Wehmut und Nostalgie" haftet laut der Dramaturgie der Musik an, eine "melancholische Weltflucht", die "Sehnsucht die eigene Identität zu verlassen" ist es, die die Figuren "vor der Lebenswirklichkeit in eine Traumwelt" treibt. Die Figuren der Fledermaus versuchen die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen  und "den Grenzen und Zwängen ihrer sozialen Rollen zu entfliehen; zumindest kurzfristig", so die Thesen dieser Inszenierung. Wie konnte man als Zuhörer bisher nur so taub gegenüber dieser tieftraurigen Konstellation sein?, wird sich vielleicht der eine oder andere fragen. Die verzweifelte Flucht vor der Erdenschwere überwiegt also diese Interpretation, nicht die vergnügte Attraktion des Spiels und der Abwechslung. Es ist eine psychologische Studie, die auch darin Ausdruck findet, daß Dr. Falke in dieser Inszenierung wie Sigmund Freud kostümiert ist und das Unbehagen in der Kultur analysiert. Strauß' Fledermaus als Vorläufer von Freud - das Ergebnis wird beiden nicht gerecht.
 
Was ist zu sehen?
Tja, wie lässt sich dieser Regie-Unfall am besten beschreiben ohne selber zu stocken und nicht weiter zu wissen - denn das ist es, was es zu beschreiben gilt. Es handelt sich um eine Inszenierung, die nicht für sich selber sprechen kann. Das Programmheft des Badischen Staatstheater beschönigt das Konzept vielleicht noch am freundlichsten:
"Das Bühnenbild zeigt uns ein alt-ehrwürdiges Gemäuer, das sich als Theater-Gebäude entpuppt, in dem die scheinbar vergessene Vergangenheit mit ihren glänzenden Vorstellungen und festlichen Bällen noch präsent ist und herumspukt. Die Geister des Theaters haben die Bühne nie verlassen und quellen aus den Ritzen und Löchern des Raums hervor. Sie feiern nicht nur die Feste vergangener Jahrzehnte wieder und wieder, sondern erwecken das Theater zu neuem Leben. Sie lechzen nach dem Rampenlicht, nach neuen Geschichten und wahrhaftigen Emotionen."
Ah ja. Also nicht wundern: es spukt auf der Bühne und seltsame Stimmen kommen aus dem Lautsprecher. Passend dazu ist die Rolle des  Prinzen Orlofsky konzipiert, der als greiser, verbitterter Herbert von Karajan einfach nicht abtreten will und weiter dirigiert. Das Gefängnis im letzten Akt ist kein Gefängnis, sondern ein psychologischer Ort: "Das Gefängnis, das der Freiheit des Individuums Grenzen setzt, ist vielleicht schon das eheliche Heim der Eisensteins, der Ballsaal von Prinz Orlofsky, Sinnbild für gedankenlose Vergnügungssucht, oder die soziale Rolle, die man auszufüllen hat." Die Fledermaus wird also zur Operette über existentialistische Krisen und nostalgische Sehnsucht. Das Ergebnis ist blutleer und öde und damit passend zu den Geistern und Untoten, die der Regisseur auf die Bühne holt. Dazu kommen seltsame Entscheidungen: Der zweite Akt wird bspw. unpassenderweise mittig durch die Pause geteilt, indem man den Radetzkymarsch spielt, der wie ein Fremdkörper die Handlung unterbricht und zumindest schwungvoll die Pause einleitet.

Zur Inszenierung (2): Eine Regie-Collage oder "Was soll das alles?"
Acht Tage vor der Premiere meldete das Staatstheater, daß Thilo Reinhardt als Regisseur übernommen hat und die Produktion für den erkrankten Lorenzo Fioroni zu Ende führt. Nach der gestrigen Premiere könnten Verschwörungstheoretiker glauben, daß das nicht ganz den Tatsachen entsprach und man von Staatstheaterseite eventuell noch damit einen Rettungsversuch startete. Die neue Karlsruher Fledermaus wirkt seltsam heterogen und halbfertig, die gesprochenen Dialoge und Spielszenen lassen den Spannungspegel immer wieder auf Belanglosigkeitsniveau absinken und nur durch musikalische Wiederbelebungsversuche gewinnt man Fahrt. Wie überhaupt die Regie zwar durchaus Ideen und Einfälle hat, aber nicht weiß, wie sie ihre Ziele erreichen soll. So ergibt sich für viele ein läppischer und überwiegend humorloser Abend, der den gewohnten Karlsruher Ansprüchen nicht gerecht wird.

Zur Inszenierung (3): Therapiebedürftig?
Woher kommt das Streben nach Amüsement und Abenteuer in dieser Operette? Ausgelassenheit und Rauschzustände, Verschwendung und Augenblicksgenuß schlagen eine Kerbe in die Zeitlinie - ohne Unvernunft wäre alles Alltägliche ohne Farbakzente. "Gut gelaunte, champagnergeschwängerte Gesänge" haben ihren Zweck, denn was bedeutet das Amüsement der Fledermaus anderes als die Intensivierung des Alltags. Es sind nicht zwangsweise Verzweiflung und Verbitterung, Gedankenlosigkeit oder Bosheit, die die Figuren der Fledermaus ausmachen. In dieser Hinsicht ist das Regiekonzept zu einseitig. Und auch moralisch lässt sich in dieser Operette nichts bewerten. Die Fledermaus - das ist die heldenfreie Operette über menschliche Unzulänglichkeiten, über Schadenfreude, Heuchelei und Betrug, auch über Vergeltung und Rache. Man kann zwar alle möglichen Krisen (individuelle, gesellschaftliche und ökonomische) und kulturelle Uneigentlichkeiten bemühen, aber auch dafür findet sich bei Freud eine Erklärung: die Sättigung eines gezähmten Triebes verspricht weniger Glücksgefühl. Die Unwiderstehlichkeit ..., vielleicht der Anreiz des Verbotenen überhaupt, findet hierin eine ökonomische Erklärung. Die Fledermaus ist eine menschliche Operette, deren Figuren nicht durch Krisen zu dem wurden, was sie sind. Freuds Buntheit der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens ist so vielfarbig, daß es vielen im Publikum widerstrebte, die Hauptpersonen der Fledermaus als therapiebedürftig anzuerkennen. Auch darin ging das Regiekonzept fehl.

Und musikalisch?
Gewinner des Abends waren Justin Brown und die Badische Staatskapelle, die eine Fledermaus musizierten, wie man sie nicht oft hört: vielfarbig, opulent und rasant. Vor allem in den großen Ensembles mit den sehr gut klingenden Chor erreichte man einen beeindruckend runden und homogenen Klang.
Für die Sänger gab es ebenfalls viel Applaus und dennoch Einschränkungen: Heidi Melton singt als Rosalind alle(s) in Grund und Boden - beeindruckend, aber in hohem Maße diskutabel, ob eine Wagner-Stimme zu Strauß passt. Der Zweifel ist berechtigt. Als Rosalinde ist sie immer wieder unfreiwillig komisch und auch kostümtechnisch hat man ihr keinen Gefallen getan. Ina Schlingensiepen bekam den meisten Einzelapplaus. Nur schade, daß der Regisseur für die Rolle der Adele wenig mehr Einfälle hatte als ein nörgelnd-nölendes Kalauern. Die junge Christina Bock ist gerade erst vom Opernstudio kommend seit dieser Spielzeit im Ensemble und ist stimmlich schon beeindruckend gut, doch als Orlofsky ist sie noch zu jung, das Abgründige der Figur geht zu sehr unter. Gute Momente hatten auch die Routiniers: Matthias Wohlbrecht als zwielichtiger Eisenstein, Eleazar Rodriguez als höhensicherer Alfred und Edward Gauntt als Frank.
Die meisten Lacher hatte Pavel Fieber als Frosch - kein Wunder, denn der frühere Intendant und Regisseur der letzen  Fledermaus wiederholte einige seiner besten Einfälle von vor 12 Jahren. Ein Kunstgriff, der sich bei dieser Fledermaus nicht anbietet, wenn man sich im nächsten Jahrzehnt an die nächste Inszenierung macht: gute Einfälle sucht man vergeblich.

Fazit(1): Leere Gesten, platte Szenen, eine Abfolge von Improvisationen und Halbfertigem, um über die Runden zu kommen. Den besten Tipp, den man für diese Fledermaus geben kann, lautet vielleicht: "Nicht mitdenken!" Der Versuch die Regie zu ergründen, endet in Frust. Also zuhören und wenn man dem sinnschwachen Treiben mal nicht zuschauen möchte, dann hat man viel Freude, wenn man Justin Brown beim Dirigieren beobachtet.

Fazit(2): Wieder eine Regie, bei der man als Stammzuschauer Herzblut vergießt. Mißerfolge gehören zum Inszenierungsrisiko, aber dennoch muß man beim Badischen Staatstheater achtgeben, daß man sich eines Tages nicht rückblickend an die Intendanz von Peter Spuhler als eine Zeit der legendären Pleiten erinnert: Lohengrin oder Stücke wie Auf Kolonos und Wie es euch gefällt verschwanden zu Recht sehr schnell wieder vom Spielplan und auch diese Fledermaus verdient ein baldiges Verschwinden.

Besetzung & Team
Rosalinde: Heidi Melton
Gabriel von Eisenstein: Matthias Wohlbrecht
Adele: Ina Schlingensiepen
Alfred: Eleazar Rodriguez
Prinz Orlofsky: Christina Bock
Dr. Falke:  Gabriel Urrutia Benet
Frank: Edward Gauntt
Ida: Larissa Wäspy
Dr. Blind: Hans-Jörg Weinschenk
Frosch: Pavel Fieber

Dirigent: Justin Brown
Chor: Stefan Neubert
Regie: Lorenzo Fioroni / Thilo Reinhardt
Bühne: Ralf Käselau
Kostüme: Sabine Blickenstorfer

Dienstag, 10. Dezember 2013

Hübner/Nemitz - Richtfest, 09.12.2013

Die Richtfest-Premiere vor knapp 10 Tagen war ein großer Erfolg (mehr dazu hier) und auch die gestrige dritte Aufführung bestätigt den sehr guten Eindruck: die Inszenierung ist auf den Punkt und getragen von sehr guten Schauspielern. Es fällt weiterhin schwer jemanden hervorheben, dennoch sind es besonders Gunnar Schmidt und André Wagner sowie Lisa Schlegel und Sophia Löffler, die das Geschehen immer wieder prägen. Es lohnt sich bei dieser Inszenierung in den Gesichtern der nicht sprechenden Figuren zu lesen. Man kann dort mehr bemerken, als man beim einmaligen Besuch wahrnehmen kann. Beim zweiten Anschauen ergaben sich gestern wieder ganz neue starke Momente und auch einen dritten und vierten Besuch des Karlsruher Richtfests kann ich mir gut vorstellen. Bravo an alle Beteiligte!
Gestern war noch nicht ganz ausverkauft. Das sollte sich hoffentlich bald ändern. Richtfest ist turbulenter und spannender als der gemächlichere und harmlosere Vorname.

Es war zuletzt ein langer und immer wieder qualvoller Weg als Zuschauer des Karlsruher Schauspiels. Aber nach fast 2,5 Jahren mit neuer Schauspieldirektion habe ich mir gestern endlich wieder etwas Selbstverständlichkeit zurückerobern können. Zum ersten Mal seit dem Intendanzwechsel habe ich mir eine Schauspiel-Inszenierung zum zweiten Mal angeschaut - und das mit großer Freude. Es gab zuvor zwar schon andere Kandidaten für eine Zweitbesichtigung, aber berechtige Vorbehalte oder inhaltliche Inkongruenzen aufgrund des beengenden Zielgruppencharakters überwogen meistens meine Planungen. Mit Kabale und Liebe, dem KSC-Projekt und Richtfest hat man es zu Beginn der dritten Spielzeit endlich geschafft, ein wenig Normalität einziehen zu lassen. Die stereotyp verunglückte Endstation Sehnsucht soll hier als fehlgeschlagenes Experiment deshalb nur schwach zu Buche schlagen.

Die Gesamtbilanz bleibt zwar weiterhin negativ, aber das zarte Pflänzchen Aufwärtstrend hat hoffentlich auch Ende Januar nach den zwei nächsten relevanten Premieren Bestand. Nur schade, daß der Rest der Spielzeit danach wieder fast keine interessante Produktionen zu bieten hat und verflacht oder wieder nur spezielle Zielgruppen bedient und andere Zuschauer ausgrenzt. Zumindest untheatralisch wird es zugehen: Doku-Theater zur NSU, klischeebehaftetes Schülertheater mit Maienschlager, ein hunderte Seiten langer Hermann Hesse Roman als Bühnenadaption. Mit Gas I+II von Georg Kaiser hat man zwar auch ein Theaterstück im Programm, allerdings fand die Premiere bereits im Sommer dieses Jahrs bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen statt und wurde von der Kritik überwiegend ohne Emphase trocken besprochen.

Nach Shakespeares Sommernachtstraum und der Komödie Benefiz Ende Januar ist die Spielzeit also fast schon beendet und nur die Theater in Frankfurt, Stuttgart und evtl. anderswo können Asyl bieten, während man als Theater-Fan in Karlsruhe ca. 9 Monate (!) auf die nächste richtige Premiere zu Beginn der kommenden Spielzeit warten muß. Es scheint als würde das zarte Pflänzchen Aufwärtstrend 2014 sang- und klanglos vertrocknen. Aber immerhin hatte man für eine kurze Zeit mal wieder den Eindruck qualitativer Normalität.

Hallo liebes Staatstheater!
Traut euch! Gutes Theater ist dem Publikum zumutbar! Karlsruhe verträgt Theater auf dem Niveau von Frankfurt oder anderen Städten. Daß man kein Vertrauen in die eigene Qualität als Schauspiel hat und auf Senioren-, Schüler-, Beschallungs- und anderes Zielgruppentheater setzt, spricht nicht für das Selbstvertrauen und die Anspruchshaltung, die man von den Theaterverantwortlichen in Karlsruhe gewohnt war.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Britten - Peter Grimes, 30.11.2013

Bereits die Premiere (mehr dazu hier) war beeindruckend und beklemmend und auch gestern erwies sich Peter Grimes als publikumswirksame Produktion. Vor allem die großen Chorszenen, die symphonischen Zwischenspiele (bei denen mal gelegentlich gar nicht so sehr auf das fast zu dichte Bühnengeschehen achten sollte, sondern auch bewusst zuhören), das Frauenquartett zu Beginn des zweiten Akts, u.v.a.m - was für starke Momente und wunderbare Musik!

Aldens eindeutige Inszenierung ist wirkungsvoll und interessanterweise hört man in Gesprächen viele unterschiedliche Wahrnehmungen, was an dieser Inszenierung großen und teilweise verstörenden Eindruck hinterlässt: die Stigmatisierung des Außenseiters, die Massenszenen, die sich zu beklemmender Intensität aufschwingen und besonders der Chor, der mit größter Überzeugungskraft im dritten Akt bedrohlich "Peter Grimes" fordert, das gelungene Bühnenbild, die ausdrucksstarken Rollenzeichnungen (auch in den Nebenrollen), sogar die symbolische Ermordung Peter Grimes - abseits individueller Geschmacksvorlieben muß man dem Inszenierungsteam eine sehr gute und einfallsreiche Arbeit attestieren, deren diskussionswürdigen Szenen konstruktiv diskutabel sind.

Am gestrigen Samstag fand schon die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit (und überhaupt?) statt. Es ist ein wenig schade, daß Operndirektor Schaback seine Programmpunkte immer wieder nur blöckeweise spielen lässt, statt zum Spielplan-Reichtum beizutragen und jeden Monat möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Über einen längeren Zeitraum hätte sich die Qualität dieser Oper besser herumgesprochen. Ein wenig Geduld ist manchmal angebracht - gerade die schwierigen Opern, bei denen Operndirektor Schaback bisher die interessantesten Inszenierungen fand, hätten eine Chance verdient gehabt. Wirklich schade, daß das nun bereits schon ein Abschied ist.

Fazit: Musikalisch war die fast ausverkaufte gestrige Vorstellung ein Genuß und ein Ereignis, das das Publikum spürbar faszinierte. John Treleaven (in dieser Rolle erneut tief beeindruckend) und Christina Niessen, Rebecca Raffell und Jaco Venter, Katharine Tier und Gabriel Urrutia Benet sowie alle anderen Sänger und dazu Justin Brown und die Badische Staatskapelle: Bravo! Der lange Applaus des Publikums war hochverdient. Besser hört man es auch nicht anderswo.

Freitag, 29. November 2013

Hübner/Nemitz - Richtfest, 28.11.2013

Der Vorname war letzte Spielzeit solide gemacht und ein sehr großer Erfolg, die gestrige Premiere von Richtfest steht mehr als gleichberechtigt daneben, ist inhaltlich prägnanter und sollte der nächste voraussichtlich stets ausverkaufte Komödien-Erfolg des Badischen Staatstheaters werden.

Dienstag, 26. November 2013

3. Symphoniekonzert, 25.11.2013

Das 3. Symphoniekonzert zeichnete sich durch kontrastierende Gemeinsamkeiten aus.

Mozarts 31. Symphonie (die sogenannte Pariser) war als kalkuliertes Werk zur Selbstvermarktung dazu gedacht das Pariser Publikum zu begeistern und ein Fuß in die Tür der musikalisch durch hohen Konkurrenzdruck geprägten französischen Metropole zu bekommen. Dementsprechend ist die Musik effekt- und prunkvoll, kontrastreich und überraschend - Mozart wollte gefallen und tatsächlich sollen die Zuhörer auch während der Symphonie Szenenapplaus gegeben haben. Gestern hörte man eine schöne und schwungvoll dirigierte Symphonie, deren Gefallsucht aber nicht mehr wie vor 235 Jahren funktioniert und deren Popularität heute durch andere Symphonien abgelöst wurde.
Claude Debussy Ibéria (Images Nr. 2) erklang danach und der Dirigent löste das Versprechen der unterschiedlichen und farbenreichen Debussy-Klänge ein: Straßengetümmel, Sommernächte, festliche Vorbereitungen - es war eine stimmungsreiche Interpretation.

Nach der Pause erfolgte eine Steigerung: die beliebtere Mozart Symphonie und die bekanntere Spanien-Tondichtung. Im Sommer 1788 komponierte Mozart innerhalb von ca. 8 Wochen seine drei letzten Symphonien: die heitere 39., die in C-Dur strahlende 41 sowie die gestern gespielte 40. Symphonie in g-moll. Rätselhafte, dunkle Befindlichkeiten und melancholische Stimmung prägen dieses so beliebte und bekannte Werk und der Dirigent brachte das spannend zu Gehör: rasch und erregt, elegisch und innerlich aufgewühlt.
Der Abend endete wieder im französischen Spanien mit der Rapsodie espagnole von Maurice Ravel. Der erste Satz -das Prélude à la nuit- war gestern eine Meisterleistung fein nuancierter, delikater Poesie, die folgenden Sätze atmosphärisch charaktervoll und individuell stark.

Der junge, aus Mallorca stammende Dirigent Antonio Méndeza beeindruckte nicht nur das Publikum, sondern auch das Orchester, das ihn mit heftigem Applaus bedachte. Zu Recht, denn der gerade 29 Jahre alte Spanier zeigte fast schon frühreifes Können: die Mozart Symphonien waren nuanciert und lebendig und die orchestral groß besetzten französischen Tondichtungen leitete er souverän und atmosphärisch dicht. Beeindruckend war dabei, daß man nie den Eindruck der Beliebigkeit hatte, sondern stets spürte, daß Méndeza einen Plan verfolgte und wusste, was er wollte und genau das auch erreichte. Bravo!

Montag, 25. November 2013

Franco Fagioli - Arien für Caffarelli, 24.11.2013

Anlässlich seiner neusten (und wirklich grandiosen) Solo-CD Arien für Caffarelli konnte das Karlsruher Publikum gestern zum dritten Mal Franco Fagioli in einem Konzert erleben. Und was für eines! Der Applaus für ihn wollte kaum enden.

Hommage an Franco Fagioli
Mit Countertenören ist das so eine Sache. Als man (wann eigentlich?) so vor ca 30-40 Jahren begann, Barockopern mit Countern aufzuführen, waren diese noch Exoten und viele im Publikum werden sich gewünscht haben, daß man die entsprechende Rolle lieber mit einer Sängerin besetzt hätte. Die wenigen bühnentauglichen Sänger hatten damals teilweise Stimmen, die es heute schwer hätten, sich gegen die inzwischen groß gewordene Konkurrenz durchzusetzen - sie klangen damals entweder zu piepsig oder hohl, zu schrill oder nasal - viele im Publikum -auch ich- haben sie nur als Exoten und Experiment toleriert.

Doch innerhalb des letzten Jahrzehnts gab es erste beste Stimmen und die Situation hat sich grundlegend geändert: es gibt bereits CD Einspielungen barocker Opern, die auf Frauenstimmen komplett verzichten. Damit ist man allerdings bereits zu einseitig geworden und schlägt die falsche Richtung ein - aber das ist ein anderes Thema .... Die Spitzengruppe der Countertenöre ist dennoch überschaubar klein geblieben und sogar wahrscheinlich an einer Hand abzuzählen.

Die Wende in Karlsruhe ist mit dem Namen Franco Fagioli verknüpft. Seine Auftritte als Julius Cäsar und Ariodante rissen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Sein vierter Opernauftritt bei den Karlsruher Händel Festspielen 2014 als Riccardo Primo ist bereits frühzeitig ausverkauft gewesen. Fagioli hat nicht nur eine individuelle und schöne Stimmfarbe sowie einen als Alleinstellungsmerkmal zu bezeichnenden, sensationell großen Stimmumfang über 3 Oktaven. Der sympathische Argentinier ist in einem Maß koloratursicher, daß er mit Cecilia Bartoli verglichen wurde, mit der er auch bereits zusammen auftrat und CDs einspielte. Er hat es bei vielen Zuhörern geschafft, der erste Countertenor zu sein, den man in den Rang eines Publikumslieblings und zur favorisierten Stimme erhebt. Franco Fagioli ist für mich der beste Sänger seiner Stimmlage - niemand sonst traut sich an die schwer zu singenden Arien für Caffarelli. Was für ein Glück, daß er bisher so oft in Karlsruhe auftrat (hier mehr zu seinen letzten Auftritt) und nun auch gestern seine neue CD erstmals im Konzert vorstellte.

Zum Konzert
Fagioli wählte für seine CD neapolitanisch geprägte Komponisten, denn laut Fagioli: "Ich muss sagen, dass die Neapolitaner die schwierigste Musik überhaupt komponiert haben. Die Arien sind wirklich tückisch. Das hat etwas Sportliches, fast schon Akrobatisch-Athletisches." Händels Arien für Caffarelli sind hingegen keine Bravourstücke wie die aus Neapel, die Arien von Händel sind sängerfreundlicher und weniger schwierig. Neapel und seine Oper stehen heute für den Triumph des Sängers über den Komponisten und der Vergleich der Kastraten als die ersten Popstars greift deshalb nicht zu kurz.
Man konnte gestern im Konzert schnell hören, wieso man Fagioli auch bereits als Cecilia Bartoli 2.0 bezeichnet hat: es hat etwas Atemberaubendes mit welcher Sicherheit und Souveränität Fagioli diese Form der Stimmakrobatik in den Bravourarien darbot und dabei das besondere Timbre seiner Stimme nie verlor. Schon in der ersten Arie von Porpora konnte man sich gestern daran schwindlig hören. Daß Fagioli auch Stimmungen auf sein Publikum übertragen kann, weiß das Karlsruher Publikum schon lange und auch gestern waren es die langsamen Arien, die man sich inniger nicht wünschen konnte und besondere Höhepunkte des Konzerts darstellten, bei denen das Publikum in den Sog barocker Affekte gezogen wurde.

Musikalisch wurde Fagioli von Il Pomo d'oro begleitet, einem gestern 15köpfigen Barock-Ensemble, das aus Spezialisten für authentische Aufführungspraxis mit historischen Instrumenten besteht und trotz der kleinen Besetzung (es fehlten die Holzbläser. In Pergolesis Arie spielte stattdessen Riccardo Minasi an der Geige das Solo) eine kompetente Begleitung mit nuancierten und variablen Klangfarben darstellte.

Fazit: Das Publikum erhob sich - Standing Ovations und viele Bravos für Franco Fagioli und Il Pomo d'oro nach einem herzöffnenden und wunderschönen Konzert. 

PS (1): Riccardo Primo ist von Händel für Senesino -einen weniger variablen Kastraten mit deutlich kleinerem Stimmumfang- komponiert worden. Für Caffarelli komponierte er u.a. die Rolle des Faramondo in der gleichnamigen Oper, also eine der wenigen Händel Opern, die bei den Karlsruher Händel-Festspielen noch nie zu hören war. Also ein guter Ansatzpunkt für Fagiolis nächste Verpflichtung in Karlsruhe.

PS (2): Händel mit seinen über 40 Opern stand nur am Anfang der aktuellen Wiederausgrabungsepoche. Barock boomt und man gewöhnt sich wieder an Namen von Opernkomponisten, die lange Zeit niemand kannte: Leonardo Vinci (†1730), Leonardo Leo (†1744), Domenico Sarro (†1744), Francesco Feo (†1761), Nicola Porpora (†1768), Niccolò Jommelli († 1774), Tommaso Traetta (†1779), Gennaro Manna (†1779), ....
Nach Händel scheint es auch die nächste sächsische Wiederentdeckung zu geben: Johann Adolph Hasse (*1699 †1783), der zu seiner Zeit ein Star war, ebenfalls über 30 Opern komponierte und  mit der Sängerin Faustina Bordoni verheiratet war, die in London für Händel sang (er komponierte für sie u.a. Rollen in Alessandro und Riccardo Primo).

PS(3): 2015 feiert Karlsruhe seinen 300. Stadtgeburtstag. Gibt es in den Archiven keine überlieferte Oper vom badischen Hof, die man aufführen könnte?


PROGRAMMFOLGE

Domenico Sarro (1679 – 1744)
Demofoonte - Sinfonia (Allegro – Poco andante - Allegro)

Nicola Antonio Porpora (1686 – 1768)
Passaggier che sulla sponda
Semiramide riconosciuta, Napoli, Teatro San Carlo 1739

Johann Adolf Hasse (1699 – 1783)
Ebbi da te la vita
Siroe, Bologna, Teatro Malvezzi 1733

Giuseppe Avitrano (um 1670 – 1756)
Sonata D-Dur opus 3 Nr. 2 L’Aragona für 3 Violinen und Continuo (Largo – Allegro – Adagio - Presto)

Leonardo Leo (1694 – 1744)
Misero pargoletto
Demofoonte, Napoli, Teatro San Carlo 1741

Leonardo Vinci (1690 – 1730)
In braccio a mille furie
Semiramide riconosciuta, Napoli, Teatro San Carlo 1744

PAUSE

Giovanni Battista Pergolesi (1710 – 1736)
Lieto così talvolta
Adriano in Siria, Napoli, Teatro San Bartolomeo 1734

Angelo Ragazzi (um 1680 – 1750)
Sonata f-moll opus 1 Nr. 4 Imitatio in Salve Regina, Mater Misericoriae für Streicher (Andante – Adagio - Allegro)

Johann Adolf Hasse
Fra l’orror della tempesta
Siroe, Bologna, Teatro Malvezzi 1733

Leonardo Leo
Il Ciro riconosciuto Introduzione (Allegro – Andante - Allegro)

Pasquale Cafaro (1716 – 1787)
Gonfio tu vedi il fiume
L’Ipermestra, Napoli, Teatro San Carlo 1751

Gennaro Manna (1715 – 1779)
Odo il suono di tromba guerriera
Lucio Papirio dittatore, Roma, Teatro delle Dame, Carnevale 1748

ZUGABE:

Leonardo Leo (1694 - 1744)
Sperai vicino il lido
Demofoonte, Napoli, Teatro San Carlo 1741

Domenico Sarro
Un cor che ben ama
Valdemaro, Roma, Teatro delle Dame, Carnevale 1726

Freitag, 22. November 2013

Williams - Endstation Sehnsucht, 21.11.2013

Die gestrige Premiere von Endstation Sehnsucht bewies, was für ein großartiger Autor Tennessee Williams war. Leider wurde dieser Beweis dem Publikum erbracht trotz einer lauwarmen und unrunden Inszenierung und obwohl der Regisseur den Text nicht nur massiv kürzte und dennoch den Worten des Autors nicht vertrauend neue Sätze und Szenen hinzu erfand, um seine Figuren zu charakterisieren. Was vordergründig gelang und durchaus auch immer wieder spannend war, gelang meistens entgegen der Regie und dank der Qualität des Stücks. Die gestrige Premiere zeigte also mal wieder vieles, was im Schauspiel des Badischen Staatstheater zur Zeit suboptimal läuft.

Mittwoch, 20. November 2013

Verdi - Un Ballo in Maschera, 19.11.2013

Ein sehr schöner, ausverkaufter Maskenball am Dienstagabend. Ein so gutes, treues und interessiertes Publikum verdiente eine sehr gute Aufführung - und diese Erwartung wurde erfüllt. Der musikalisch so packend und spannend gelungene und inszenatorisch stabile und unaufregende Maskenball kommt beim Publikum gut an.

Doch es gibt auch andere gute Gründe für den Publikumszuspruch. Endlich führt man mal wieder eine Oper über die ganze Spielzeit verteilt auf. Gestern war der letzte Termin im November, es folgen jeweils nur eine Vorstellung im Dezember bis März, jeweils zwei im April und Mai, drei im Juni. Die knapp 20 Termine erstrecken sich über neun Monate. Für Opernfreunde ist das ideal, um sich eine Oper mehrfach im Verlauf einer Spielzeit anhören zu können. Peter Grimes hatte im Juli Premiere und verschwindet bereits wieder Ende November aus dem Programm. Und das ist wahrscheinlich auch ein Schwachpunkt des scheidenden Operndirektors Joscha Schaback: sein Spielplan hätte weniger gedrängt und damit abwechslungsreicher sein können und immer wieder fehlten schlichtweg die Alternativen für die Besucher.
 
Und noch ein wichtiger Anlaß für das ausverkaufte Haus: gestern sang zum ersten Mal Heidi Melton als Amelia. Mit ihr und Publikumsliebling Barabara Dobrzanska hat man zwei gute Gründe für zwei Besuche. Melton hatte gerade erst an vier Terminen im November im Opernhaus Palau de les Arts im spanischen Valencia als Sieglinde in Wagners Walküre (Dirigent Zubin Mehta) gesungen. Kaum zurück aus Valencia begeisterte sie gestern das Karlsruher Publikum wieder mit der scheinbaren Leichtigkeit mit der sie die Rolle gestaltete. Während Dobrzanska Amelias Verzweiflung und Tragik betont, singt sie Melton erregt und ungestüm. In Karlsruhe ist Melton übrigens noch vier mal als Amelia eingeplant (28.01.14, 09/22.05.14, 11.06.14).

Mit gewohnt souveränem und beeindruckendem Auftritt sangen Ewa Wolak (ihr Auftritt ist der Höhepunkt vor der Pause), Andrea Shin (mit einer wunderbar offenen Stimme und unangestrengter Höhe und sehr starkem viertem Akt) und Seung-Gi Jung (mit herausragender Arie im dritten Akt). An alle: BRAVO!
Emily Hindrichs und alle anderen Sänger sowie Chor und Orchester trugen ihren Anteil zur so schönen gestrigen Aufführung bei und zeigten, daß die musikalische Leistungsstärke der Karlsruher Oper bei Operndirektor Schaback nicht gelitten hat.

Fazit: Eine der schönsten Verdi-Opern in einer Darbietung, die man öfters hören kann/will.

Sonntag, 17. November 2013

Tschaikowsky - Dornröschen, 16.11.2013

Wie immer endete die große Ballett-Premiere mit vielen freudig strahlenden Gesichtern, nicht enden wollendem Applaus und heißgeklatschten Händen.

Die Tschaikowsky-Trilogie ist komplett
Nach Schwanensee und Nußknacker erfolgte nun gestern das in der Entstehungsgeschichte mittlere Dornröschen und Birgit Keil hat mal wieder bewiesen, daß das große Handlungsballett das publikumswirksamste Aushängeschild in Karlsruhe ist. Welches der drei Ballette nun die schönste und gelungenste Inszenierung in Karlsruhe hat, darüber lässt sich trefflich diskutieren - und das beweist nur mal wieder, mit wie viel qualitativer Kontinuität das Karlsruher Staatsballett nun schon über ein Jahrzehnt tanzt und sich seine große Popularität verdient hat.

Worum geht es?
Wie schon bei seinem Nußknacker erzählt Choreograph Youri Vámos eine neue Geschichte und zwar diesmal die der Zarentochter Anastasia, die vermeintlich die Hinrichtung durch die Bolschewisten überlebt haben soll. Eine Frau namens Anna Anderson behauptete in den 1920ern in Berlin von sich, die einzige überlebende Zarentochter zu sein, und viele glaubten ihr. Heutzutage ist sie als Hochstaplerin überführt, aber das spielt für Vámos' Geschichte keine Rolle - es bleibt in der Schwebe, wer die Unbekannte ist. Das Drama der Zarentochter, die durch die russische Revolution alles verliert wird zur Drama einer einsamen Frau, die sich in Erinnerungen und Phantasien flüchtet. Das Ballett ist eine kontrastierende Vermischung von Zeitebenen - ein in Rückblenden verpacktes inneres Puppenspiel der vermeintlichen Anastasia.
Dennoch ist diese Geschichte von Youri Vámos nur eine sehr lose Klammer, die das Ballett gerade so zusammenhält. Schon das Original-Dornröschen galt als handlungsschwaches Ballett und auch Vámos schafft es nur, dem Geschehen eine geringe Handlungsdichte zu geben. Der große Jubel für die gestrige Premiere hatte andere Gründe.

Was ist zu sehen?
Dornröschen ist ein abwechslungsreiches und bildstarkes Ballett. Michael Scott hat wieder ein schönes Bühnenbild und viele Kostüme entworfen. Die Nähnadeln müssen geglüht haben bei der hohen Anzahl an Kostümen, die benötigt werden. Der Zarenpalast mit seinem prunkvollen Ballsaal steht im Gegensatz zu einer kargen, dunklen Welt der einsamen Anastasia. Licht spielt hier eine wichtige Rolle und Klaus Gärditz' gelungene Lichtregie ist ein wichtiger Bestandteil, der zentrale Spannungsmomente bewirkt.

Für die Tänzer hat Youri Vámos eine sehr ausgeglichene und anspruchsvolle Choreographie mit regelmäßigen Höhepunkten geschaffen, die die komplette Kompagnie gleichermaßen fordert, auch wenn es nur wenig individuelle Charakterzeichnungen gibt. Nur Bruna Andrade als Anastasia wird nicht nur tänzerisch gefordert, sondern auch als Darstellerin. Wie immer tanzt und spielt sie mit hoher Souveränität und viel Ausdruck. Bravo! Doch wirklich alle Tänzer hatten den Applaus gestern verdient, für viele gibt es Gelegenheit sich auszuzeichnen: Flavio Salamanka, Admill Kuyler, Sabrina Velloso und Pablo Dos Santos (er entwickelt sich immer mehr zum Nachfolger von Diego de Paula) haben dabei die größten Rollen. Ergänzt wird das Karlsruher Ballettensemble wieder durch Tänzer des Ballettstudios, der Mannheimer Akademie des Tanzes und durch Kinder der Ballettschule Lagunilla & Reijerink - dem Auge wird viel geboten.

Was ist zu hören?
Christoph Gedschold und die Badische Staatskapelle spielen einen opulenten Ohrenschmaus, der auch als Symphoniekonzert gelten kann: ob nun Janos Ecseghy als Soloviolinist oder das ganze Orchester im akustischen Breitwandformat - immer wieder ergeben sich große Höreindrücke und der Schluß ist überwältigend pompös und schön. Bravo!

Hommage an das Karlsruher Ballett
Kann man etwas Kritisches anmerken? Bestimmt. Aber nicht heute! Der Erfolg und die überragende Beliebtheit des Karlsruher Balletts sowie ein Blick auf das letzte Jahrzehnt sprechen eine klare Sprache. Die erfolgreichste Sparte des Badischen Staatstheaters hat die höchste Zuschauerauslastung und das im Durchschnitt jüngste Publikum. Birgit Keil hat so viel Interessantes und Erinnerungswürdiges auf die Bühne gebracht: Don Quijote, Liaisons Dangereuses, Giselle, CoppéliaRomeo und Julia,  Les Sylphides, Carmen, Tschaikowsky, La Fille mal gardée, Ein Sommernachtstraum, Schwanensee, Nußknacker, nun Dornröschen, dazu die großartigen Neuschöpfungen des Glanzjahres 2011/12: Siegfried und Momo und zuvor Anna Karenina. Auch wer Handlungsballett weniger schätzt wird daran erkennen, daß Birgit Keil dem Karlsruher Publikum ein goldenes Jahrzehnt beschert hat und viele neue Anhänger gewonnen wurden, die in die Vorstellungen pilgern. Besser und geglückter konnte sich das Karlsruher Ballett nicht entwickeln.
   
Fazit: Das komplette Ballettensemble glänzt in einem visuell prachtvoll umgesetzten, aber inhaltlich wenig ergiebigen "Handlungs"ballett, das musikalisch zelebriert wurde von der Badischen Staatskapelle und Christoph Gedschold am Dirigentenpult.

PS: Ein Kamerateam begleitete gestern Birgit Keil bei der Premiere. Hallo liebes Staatstheater, meldet rechtzeitig, wann und wo der Bericht gesendet wird!

Team & Besetzung
Zar - Eric Blanc
Zarin - Hélène Dion
Anastasia - Bruna Andrade
Der Unbekannte - Admill Kuyler
Alexei - Kammertänzer Flavio Salamanka
Anastasia als Kind - Sabrina Velloso
Olga als Kind - Shiri Shai
Tatjana als Kind - Kyoko Watanabe
Maria als Kind  - Moeka Katsuki
Olga als Erwachsene - Blythe Newman
Tatjana als Erwachsene - Elisiane Büchele
Maria als Erwachsene - Patricia Namba
3 Adelige - Juliano Toscano, Louis Bray, Bledi Bejleri
Rasputin - Andrey Shatalin
Blauer Vogel - Sabrina Velloso, Pablo dos Santos
Katzen - Blythe Newman, Arman Aslizadyan
3 Russen - Brice Asnar, Pablo dos Santos, Ed Louzardo

Musikalische Leitung - Christoph Gedschold
Choreografie - Youri Vámos
Einstudierung - Joyce Cuoco, Filip Veverka
Einstudierung der Kinder - Leon Kjellsson
Bühne & Kostüme - Michael Scott
Licht - Klaus Gärditz

Freitag, 15. November 2013

****Generalprobe Riccardo Primo im Vorverkauf****

Karten für die Generalprobe für die bereits ausverkaufte Kerzenlichtproduktion von Händels Oper Riccardo Primo am Mittwoch, 19.02.14 um 19:00 Uhr mit Countertenor-Star Franco Fagioli können ab heute für 15€ für alle Plätze im Vorverkauf erworben werden, und zwar z.B. im Internet hier:

http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/termine/1674/

WICHTIG: Bei Generalproben wird nicht immer alles ausgesungen. Gelegentlich schonen sich sie Sänger und markieren nur. Wer eine möglichst hochwertige Vorstellung hören will, der hat nur noch die Chance auf Stehplätze in den regulären Aufführungen.

Donnerstag, 14. November 2013

160 Dirigenten und 148 Komponisten gegen SWR Orchesterzerschlagung

Das Land Baden-Württenberg steht zur Zeit nicht gut da. Die Staatstheater-Intendanten des Landes protestieren gegen massive Eingriffe in die Kunstfreiheit und auch die Entscheidung gegen das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und die zentralistische Neuschaffung eines Fusionsorchesters am Standort Stuttgart verärgert viele Künstler und den badischen Landesteil.

Hier der offene Protest-Brief, unterschrieben von 160 Dirigenten, die diese Orchester bereits dirigiert haben, z.B. auch der frühere Karlsruher GMD Kazushi Ōno:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gegen-die-fusion-der-swr-orchester-ein-offener-brief-von-hundertsechzig-dirigenten-12660917.html

"Mit der Entscheidung für Stuttgart als Standort des Fusionsorchesters huldigen Sie zudem einem Zentralismus, dessen verhängnisvolle Auswirkungen auf die Musikkultur in zahlreichen europäischen Staaten zu besichtigen sind, und welcher der in Deutschland historisch gewachsenen Situation einer flächendeckend regionalen Verwurzelung von Kultureinrichtungen diametral entgegensteht."

Die Frankfurter Allgemeine befragte auch den Dirigenten Michael Gielen zur SWR Orchesterzerschlagung. Das Interview befindet sich hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/michael-gielen-zur-orchesterfusion-worum-es-den-160-dirigenten-geht-12661358.html


NACHTRAG (15.11.2013): Auch 148 Komponisten schließen sich dem Protest für den Erhalt des SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg an, darunter auch Wolfgang Rihm. Mehr dazu hier: http://www.nmz.de/node/86282

Dienstag, 12. November 2013

Konstantin Gorny in Paris

Das Karlsruher Ensemble-Mitglied Konstantin Gorny sang im Oktober als Gast im Théâtre des Champs Elysées in Paris die Rolle des Oberpriesters in Spontinis Oper La Vestale, die in der letzten Saison auch in Karlsruhe zu hören war (mehr hier).

Auf der Internetseite der Pariser Oper ist die Inszenierung zur Zeit (anscheinend noch bis ca. April 2014; @S.: Danke für die Info!) als Aufzeichnung zum Ansehen/-hören hinterlegt. Hier der Link: http://www.theatrechampselysees.fr/opera/opera-mis-en-scene/la-vestale

Mittwoch, 6. November 2013

Yuval Sharon im ZDF heute Journal

Das heute Journal des ZDF berichtete über eine Inszenierung der Oper Invisible Cities im Bahnhof von Los Angeles. Regisseur Yuval Sharon wird im Januar in Karlsruhe John Adams' Oper Dr. Atomic inszenieren.

Hier der Link: http://www.heute.de/Kopfh%C3%B6rer-Oper-Wenn-Realit%C3%A4t-und-Kunst-verschmelzen-30509152.html

Die Oper des Badischen Staatstheater verdient Applaus: "Mit Yuval Sharon konnte einer der kreativsten amerikanischen Regisseure gewonnen werden, der hier zum ersten Mal in Europa Regie führt."

Sonntag, 3. November 2013

Kurze Zwischenbilanz der Intendanz Spuhler (Teil 1)

Wie schief hängt denn nun der Haussegen zwischen Intendanz und scheidender Operndirektion des Badischen Staatstheaters? Es wird wohl nur rückblickend zu analysieren sein, denn alle Beteiligten werden die Professionalität haben, um eine Schlammschlacht zu vermeiden. Durch verschiedene freundliche Kommentare und persönliche Mitteilungen scheint aber eines klar: Schaback und Team gehen von sich aus, sie wurden nicht gegangen. Die Ursachen für das Zerwürfnis bleiben vorerst unklar. Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung in den BNN scheint abgesprochen. Auch die Moderation der Sparte Oper beim Theaterfest durch Heiner Kondschak erscheint in neuem Licht. Sogar das neue Theatermagazin Nr. 9 lässt sich aus dieser Sicht wie eine Verteidigung der Intendanz Spuhler mit Durchhalteparolen lesen. Im Begrüßungswort wird man bereits darauf hingewiesen, daß man das Theater allen Menschen öffnen wolle (wem war es denn bisher ausdrücklich verschlossen?). In einem über mehrere Seiten aufgeblähten, aber inhaltsschwachem Gespräch (Seite 19 ff.) wird "Öffnung" als Schlüsselwort und "Du mußt dein Leben ändern" als Leitlinie der Intendanz Spuhler in Erinnerung gerufen. (Die Leitlinie bedeutet doch aber nicht, daß man seine Ansprüche an die Qualität des Badischen Staatstheaters verringern muß?). Und Peter Spuhler offenbart sogar seine Vision: "Ich träume von einen Haus/Theater, das rund um die Uhr offen ist". Wieso der Charme einer Bahnhofshalle künstlerisch relevant und eine Vision ist, wird sich nicht jedem auf Anhieb erschließen. Wer lange genug im Bahnhof ist, wird auch mal selbstverständlich einen Zug besteigen - so scheint die Taktikvorgabe bei solchen Aussagen zu sein. Dabei gäbe so viele und schöne andere Visionen auf die man sich mit seinem Publikum einigen könnte: z.B. ein Haus, dessen künstlerische Qualität ein großes Publikum lockt und das seinen Platz auf der Landkarte zwischen Frankfurt, Stuttgart und Baden-Baden gefunden hat.

Hier treffen wohl zwei Paradigmen aufeinander: soll  das Theater ein alltäglicher Gebrauchsraum werden und verhilft die Currywurst dem Hamlet zu mehr Besuchern oder soll das Theater ein besonderer und gelegentlich feierlicher Raum sein, in dem man den Anspruch aufstellt, etwas Außergewöhnliches und nicht Alltägliches in hoher künstlerischer Qualität durch Profis aufzuführen. Ein Intendant, dem es um die künstlerische Qualität des Besonderen im Staatstheater geht wäre mir lieber als einer, der die Alltagstauglichkeit eines Stadt-Theaters bevorzugt.

Und noch an ein anderes wichtiges Argument will ich erinnern, das ich bei den vielen sehr guten Kommentaren zum Abgang der Operndirektion gefunden habe (mehr dazu hier): Das Badische Staatstheater ist vorrangig ein Opern und Konzerthaus, bei dem Orchester, Chor und Solisten den mit Abstand größten Personalposten einnehmen. Es gibt also einen guten Grund, wieso vor Spuhler der Intendant auch immer gleichzeitig der Operndirektor war - diese Sparte muß stets im Mittelpunkt stehen; ihre Besucherauslastung ist entscheidend. Die Ausstrahlung der Karlsruher Oper als Staatstheater muß bis ins Umland reichen. Kontinuität ist hier wichtig. Der frühzeitige Abgang der Operndirektion lässt das nun schmerzlich zu Tage treten.

Ich bin anscheinend  nicht der einzige, der sich mehr erhofft hatte und schnell enttäuscht wurde. Bald sind 2,5 Jahre vorbei, 2,5 Jahre liegen noch vor uns, ggf. länger, wenn Spuhler als Sanierungsintendant vom Kultusminsterium verlängert wird. Doch profiliert hat sich der Generalintendant nicht auf dem Gebiet, auf dem ihn viele sehen wollten: Spuhler hat in Karlsruhe bisher keine künstlerischen Ambitionen gezeigt, es geht ihm weniger um die künstlerische Leuchtkraft des Hauses. Zum ersten Mal hat man in Karlsruhe ein Leitungsteam, das nicht selber inszeniert, sondern nur verwaltet. Der GI arbeitet an Grundlegendem: der Akzeptanz in breiten Schichten der Bevölkerung. Er will ein Intendant zum Anfassen sein, das Programm hat sich vom dem Kern entfernt, der traditionell dem Staatstheater vorbehalten war und sich zu Programmpunkten verbreitert, die man sonst in anderen Theatern erwartet hat. Es dominieren gute Absichten (Standard-Platitüde "Theater für alle", die "Öffnung des Theaters auf allen Ebenen") und Organisatorisches. Es wird nun Zeit, daß es wieder um Inhalte und Qualität geht.

Wagner - Der fliegende Holländer, 02.11.2013

Für die erste Operngala der Spielzeit hat man Achim Thorwalds Inszenierung aus dem Jahr 2005 aus dem Fundus geholt, bei der sich die Holländer-Geschichte nur in der überspannten Phantasie Sentas abspielt, die am Ende an der Seite Eriks ein Happy-End erlebt - so zumindest in der ursprünglichen Version; gestern starb Senta und beraubte die Inszenierung ihrer Pointe.

Für den ursprünglich als Holländer angekündigten und in Karlsruhe noch bspw. als Barak in Strauss' Frau ohne Schatten bekannten Marcus Jupither hatte man ca. 10 Tage zuvor Tomasz Konieczny als Ersatz bekannt gegeben. Der 1972 in Polen geborene Bassbariton erwies sich als Glückgriff! Mit seiner durchdringenden, düster-kernigen und klaren Stimme lieferte er ein eindrucksvolles Rollenporträt und beeindruckte stark. Für seinen Auftritt lohnte sich der Besuch der gestrigen Gala.
Es gab gestern auch ein schönes Wiederhören mit Manuela Uhl die von 1995 bis 2000 ihr erstes Engagement in Karlsruhe hatte und bereits damals einige große Rolleninterpretationen lieferte, bspw. als Marguerite in Gounods Faust in der Inszenierung von Thomas Schulte-Michels (und Konstantin Gorny als grandiosem Mephisto). Bei Thorwalds Inszenierung befindet sich Senta für die komplette Dauer der pausenlosen Oper auf der Bühne und muß ca. 55 Minuten warten, bevor sie zum ersten Mal singen darf. Vielleicht lag es daran, daß Uhl die Ballade nicht ganz so beeindruckend gelang. Danach steigerte sich sich und gestaltete ihre Partie sicher und überzeugend.
Als dritter Gast sang Reinhard Hagen mit sehr schöner und sonorer Stimme einen  fast schon zu noblen Daland.

Fazit: Eine gelungene, spannende und schöne Aufführung, bei der Chor, Orchester, hauseigene und geladene Sänger gleichermaßen zum harmonischen Gesamteindruck beitrugen.

Besetzung:
Holländer - Tomasz Konieczny
Daland - Reinhard Hagen
Senta - Manuela Uhl
Erik - Zurab Zurabishvili
Mary - Rebecca Raffell  
Steuermann - Steven Ebel    
Musikalische Leitung - Johannes Willig

Samstag, 2. November 2013

Zum neidisch werden(?) - Schauspiel in anderen Städten (3)

Das Stuttgarter Schauspiel erfährt gerade einen Neubeginn. Der frühere Schauspielchef Hasko Weber (der in Karlsruhe durch seine Inszenierung des Diener zweier Herren und evtl. des Kaufmanns von Venedig vielen noch in bester Erinnerung ist) wechselte nach Weimar. Neu ist Armin Petras, der von 2006-2013 das Maxim Gorki Theater in Berlin leitete und in seiner ersten Stuttgarter Spielzeit 32(!) Inszenierungen auf die Bühne bringt. Das erste Jahr wimmelt von Roman- und Filmadaptionen - Petras Vertrauen in literarische Dramatik scheint für seine Vorstellungen von zeitgemäßen Schauspiel gering zu sein.

Die erste Premierenwelle (mit sechs verschiedenen Stücken) begann am letzten Wochenende. Man kann gespannt sein, wie das fast komplett neue Schauspieler Ensemble und Petras' Stil in Stuttgart aufgenommen werden wird. Petras selber war sich nicht sicher, ob sein unruhiges Temperament zu Stuttgart passt. Man hat vorerst fünf Jahre, um es festzustellen.

Übrigens (1): Paul Grill, der in der Spielzeit 11/12 in Karlsruhe engagiert war, gehört nun zum Stuttgarter Ensemble.
Ubrigens (2): Die erste Premiere in Stuttgart (Goethes Ur-Götz) übernahm Regisseur Simon Solberg und Ausstatterin Maike Storf, die in Karlsruhe vor zwei Jahren Die Hermannsschlacht gemacht hatten.

Und nach drei Jahren pannenbelasteten Umbaus ist die Sanierung des Stuttgarter Schauspiels abgeschlossen. Hier ein Foto des neuen Innenraums. Ob der Karlsruher Neubau ebenfalls die scheinbar beliebte Kino-ähnliche Form erhalten wird?

Nachdem der Karlsruher Neustart vor zwei Jahren schnell sang- und klanglos an Elan verlor und nur wenig Bemerkenswertes hervorbrachte, kann man gespannt sein, was in Stuttgart passieren wird. Also viele gute Gründe, um außerhalb der badischen  Landesgrenzen mal wieder einen Besuch bei unseren Nachbarn im Osten abzustatten.
   
Mein persönliches Ergebnis: 14:7 für Stuttgart. Dort interessieren mich trotz Neustarts nur 14 Neuproduktionen, in Karlsruhe besuche ich 2013/14 sogar  maximal nur noch 7 Schauspielpremieren.
Hier ein Überblick über das Stuttgarter Programm dieser Spielzeit an den drei Spielstätten.

Schauspielhaus
Urgötz
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie Simon Solberg
Premiere 25. Oktober 2013

Szenen einer Ehe
nach dem Film von Ingmar Bergman
Regie Jan Bosse
Premiere 26. Oktober 2013

Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Regie Robert Borgmann
Premiere 27. Oktober 2013

Das Versprechen
nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt
Regie Armin Petras
Stuttgarter Premiere 31. Oktober 2013

Effi Briest
nach dem Roman von Theodor Fontane
Regie Jorinde Dröse
Stuttgarter Premiere 7. November 2013

Die Räuber
nach Friedrich Schiller
Regie Antú Romero Nunes
Stuttgarter Premiere 13. November 2013

Der Besuch der alten Dame
von Friedrich Dürrenmatt
Regie Armin Petras
Stuttgarter Premiere 22. November 2013

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie Jan Bosse
Stuttgarter Premiere 30. November 2013

Reigen
von Arthur Schnitzler
Regie Bastian Kraft
Premiere 14. Dezember 2013

Ronja Räubertocher
nach dem Kinderbuch von Astrid Lindgren
Regie Robert Neumann
Premiere 19. Januar 2014
Familienstück für alle ab 8 Jahren

Leben des Galilei
von Bertolt Brecht, Musik von Hanns Eisler
Regie Armin Petras
Premiere 31. Januar 2014

Das kalte Herz
nach der Erzählung von Wilhelm Hauff
Regie Armin Petras
Premiere 22. Februar 2014

Denn sie wissen nicht was wir tun
Eine Fluxus-Konzertinstallation
Regie Schorsch Kamerun
Uraufführung 28. März 2014
In Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart

Das Fest
nach dem Film von Thomas Vinterberg
und Mogens Rukov
Regie Christopher Rüping
Premiere 16. April 2014

Die Dreigroschenoper
von Bertolt Brecht, Musik von Kurt Weill
Regie Sebastian Baumgarten
Premiere 12. Juni 2014

Kammertheater
Doppelgänger
Musiktheater nach Texten von E.T.A. Hoffmann
Regie David Marton
Uraufführung 11. Januar 2014

Iphigenie auf Tauris
von Johann Wolfgang von Goethe
Ein Abend von Peter Baur, Sibylle Dudek, Falko Herold,
Edgar Selge und Franziska Walser
Stuttgarter Premiere 23. Januar 2014

Lehrstücke
She She Pop und Schauspiel Stuttgart
Ab Januar 2014
Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes

Sobald fünf Jahre vergehen
von Federico García Lorca
Regie Jo Fabian
Premiere 29. März 2014

Die Marquise von O./ Drachenblut
nach den Novellen von Heinrich von Kleist und Christoph Hein
Regie Armin Petras
Premiere 10. Mai 2014

Nord
Die Reise
nach dem Roman von Bernward Vesper
Regie Martin Laberenz
Premiere 25. Oktober 2013

5 morgen
von Fritz Kater
Regie Armin Petras
Uraufführung 26. Oktober 2013
In Zusammenarbeit mit der Union des Théâtres de l‘Europe (U.T.E.)
im Rahmen des internationalen Projekts TERRORisms

Fräulein Smillas Gespür
für Schnee
nach dem Roman von Peter Høeg
Regie Armin Petras
Stuttgarter Premiere 9. November 2013

Liebe Kannibalen Godard
von Thomas Jonigk
nach dem Film Week-end von Jean-Luc Godard
Regie Niklas Ritter
Premiere 4. Dezember 2013

Fahrerflucht / Fluchtfahrer
von Alfred Andersch / von Philipp Löhle
Regie Dominic Friedel
Uraufführung 18. Dezember 2013

Schulden.
Die ersten 5.000 Jahre
nach dem Sachbuch von David Graeber
Regie Andreas Liebmann
Uraufführung 7. Februar 2014
Eine Koproduktion mit dem Theater Freiburg und der
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

Zerbombt
von Sarah Kane
Regie David Bösch
Premiere 28. Februar 2014

Caligula
von Albert Camus
Regie Krzysztof Garbaczewski
Premiere 15. März 2014
Mit freundlicher Unterstützung des Polnischen Instituts Düsseldorf

Am Schwarzen Berg
nach dem Roman von Anna Katharina Hahn
Regie Christoph Mehler
Uraufführung 25. April 2014

Mario und der Zauberer
nach der Novelle von Thomas Mann
Regie Tilmann Köhler
Premiere 24. Mai 2014

Unterm Rad
nach der Erzählung von Hermann Hesse
Regie Frank Abt
Premiere 13. Juni 2014

Hirnbonbon
Ein Dieter Roth-Projekt
Regie Christiane Pohle
Uraufführung 12. Juli 2014
Eine Koproduktion mit der Akademie für Darstellende
Kunst Baden-Württemberg
In Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart

Stadtraum
Autostück. Belgrader Hund
von Anne Habermehl
Regie Stefan Pucher, Co-Regie Tom Stromberg
Uraufführung 26. Oktober 2013
Abfahrt am Schauspielhaus

85 S – City of Youth
Stadtprojekt
Künstlerische Leitung Björn Bicker, Michael Graessner,
Malte Jelden, Katrin Spira
Sommer 2014
In Kooperation mit dem Caritasverband für Stuttgart e.V. und der Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft

Montag, 28. Oktober 2013

Operndirektor Schaback verlässt Karlsruhe 2014

Seit Samstag wurde ich wiederholt wegen eines Beitrags aus der Karlsruher Tageszeitung kontaktiert, den einige (auch ich) nicht gelesen haben, der aber Gerüchte und Spekulationen auslöste. Laut BNN vom 26.10.2013 soll es personelle Änderungen in der Karlsruher Operndirektion geben. Das Badische Staatstheater schweigt allerdings bisher dazu und gibt trotz Zeitungsartikels keine Stellungnahme im Internet ab.

Ein wenig überraschend ist das schon: Joscha Schaback wird also seinen meines Wissens auf drei Jahre befristeten Vertrag als Operndirektor nicht verlängern und verlässt das Badische Staatstheater am Ende dieser Spielzeit. Überrascht kann man sein, da Intendant Spuhler einen Vertrag für fünf Jahre hat. Falls Spuhlers Vertrag nicht verlängert werden würde, müsste man sich in den beiden kommenden Jahren mit einem Interimsdirektor begnügen, der wahrscheinlich hauptsächlich verwaltet und keine Weichen mehr stellt. Mit allen Gefahren und Risiken für den Erhalt und die Qualität des Ensembles. Kommt es also zu einem Stillstand und dem großen Warten auf einen Neubeginn 2016?

Über die Gründe für Schabacks ... ja was eigentlich? Schabacks früh- oder rechtzeitigen Rückzug? Oder sogar Schabacks Aufgabe? Oder doch Schabacks Neuanfang? Über die Gründe für Schabacks Weggang kann also spekuliert werden. Bezeichnend ist, daß das Publikum auf der Internetpräsenz des Badischen Staatstheaters keine offizielle Mitteilung findet. Für gewöhnlich das klassische Zeichen, daß es etwas zu verbergen gibt oder man etwas verschweigen möchte. Souverän ist diese Informationspolitik nicht - man wird entsprechende Gründe haben.

Doch Spuhlers Intendanz ist bisher von mangelnder Souveränität und ungewohnt großen Schwankungen und inszenatorischen Unsicherheiten geprägt. Latent kann man immer noch den Eindruck haben, daß das Badische Staatstheater etwas zu groß für das Leitungsteam ist. Schabacks Sparte hat hingegen ihre individuelle Linie und mit Bernd Feuchtner einen kompetenten Chefdramaturgen. Die eigene künstlerische Vision fehlte bisher dagegen im Schauspiel und ein eklatanter Leistungsabfall war dort bemerkbar - ob es demnächst also konsequenterweise weitere personelle Veränderungen gibt?

Man kann gespannt sein, wie es in Karlsruhe weitergeht. Man kann gespannt sein, wie lange das Badische Staatstheater noch schweigt. Mangelnde Kontinuität und frühzeitige personelle Veränderungen bereits in der Mitte einer Intendanz sprechen eine ambivalente und nicht vorteilhafte Sprache - "Klar Schiff" oder "Rette sich, wer kann" - das bleibt abzuwarten.

Weiß jemand etwas Konkretes? Über Kommentare würde ich mich freuen.

Dienstag, 22. Oktober 2013

2. Symphoniekonzert, 21.10.2013

Ein nordischer Abend mit Musik aus Russland, Finnland und dem Baltikum. Und gerade das Baltikum und Finnland haben in den letzten Jahrzehnten ungewöhnlich viele interessante Komponisten (die mehr Beachtung im Konzertbetrieb finden sollten) und Dirigenten hervorgebracht. Der Este Arvo Pärt (*1935) ist wahrscheinlich der bekannteste und erfolgreichste unter ihnen, aber auch Lepo Sumera (*1950 †2000) und Peteris Vasks (*1946), Eduard Tubin (*1905 †1982) und Eino Tamberg (*1930 †2010), die Finnen Einojuhani Rautavaara (*1928) und Aulis Sallinen (*1935) sowie namhafte und auf zahlreichen CDs erhältliche Dirigenten wie Maris Jansons, Neeme Järvi, Paavo Järvi, Osmo Vänskä, Jukka-Pekka Saraste und Esa-Pekka Salonen sprechen für den baltisch-finnischen Musikerruhm. Arvo Pärts einleitende zwei Kurzstücke Arbos für je vier Trompeten und Posaunen, Pauke und Schlagzeug sowie Cantus in Memoriam Benjamin Britten für Streicher und Glocken sind kurzweilige, effektvolle und interessante Kompositionen, die auch gestern unmittelbar auf das Publikum wirkten und zu Beginn starken Applaus bekamen.

Es folgte Sergej Prokofievs 1931 komponiertes 4. Klavierkonzert für die linke Hand, das -wie einige andere Werke namhafter Komponisten- für den einarmigen, im 1. Weltkrieg versehrten Pianisten Paul Wittgenstein komponiert wurde. Dem allerdings gefiel dieses Werk nicht und so erlebte es erst nach Prokofievs Tod seine Uraufführung im Jahr 1956.
Gestern hatte man als Pianisten einen großen Namen gewonnen: Leon Fleisher (*1928), dessen Einspielungen bspw. der Konzerte von Brahms und Beethoven vor 50 Jahren noch heute als mustergültige Interpretationen zu erhalten sind. Fleisher erkrankte kurz darauf und konnte seine rechte Hand über Jahrzehnte nicht mehr benutzen. Er eignete sich das Repertoire der Konzerte für die linke Hand an und gab Unterricht. Aufgrund neuer Behandlungsmöglichkeiten in den späten 1990ern kann er inzwischen wieder beidhändig spielen, doch wählte er gestern im Konzert mit seinem Schüler Justin Brown das selten zu hörende Konzert von Prokofiev, das im Schatten der großen Klavierkonzerte Nr. 2 und 3 steht. Mit Fleisher spielte also gestern ein 85jähriger Pianist - und auch an ihm sind die Spuren der Zeit nicht vorbeigegangen und hinterließen hörbare Spuren. Das virtuose Prokfiev-Konzert meisterte er für sein Alter bewunderungswürdig, doch im Ausdruck ging etwas Entscheidendes verloren; es mangelte seinem etwas zu nuancenarmen Spiel an Deutlichkeit und Dynamik. Nach einem in fast schon typisch Prokofiev'scher Manier humorvoll und beredt vorwärtsdrängendem ersten Satz, den Fleisher zu wenig eloquent spielte, folgte der mit Abstand längste Satz des Konzerts. In diesem Andante und dem folgenden Moderato zeigte vor allem das Orchester atmosphärische Dichte, Fleishers Klavierklang blieb etwas zu eintönig und zurückhaltend . Mit einem sehr kurzen Vivace endet das Konzert lebhaft wie es begann. Obwohl es hörbar keine große Interpretation war, belohnte das warmherzige Publikum den Pianisten verdientermaßen mit besonders viel Applaus.

Bemerkenswert wurde es nach der Pause! Ist Sibelius' Musik spröde? Vielleicht, doch Justin Brown dirigierte ein Plädoyer für den finnischen Komponisten, und zwar nicht mit den beliebten heroischen Symphonien Nr. 2 und 5, sondern mit den beiden selten gespielten letzten Symphonien. Die viersätzige 6. Symphonie hat einen eher undramatischen und lyrischen Charakter: eine reine Idylle, wie das schon nach der Premiere 1923 festgestellt wurde. Die kurze einsätzige 7. Symphonie erlebte 1924 ihre Premiere und ergänzt die 6. mit konzentrierter Ökonomie und Tiefsinn. Jenseits aller Klassifizierung erklangen die beiden Werke bei Brown spannend, abwechslungs- und farbenreich und eröffneten wahrscheinlich nicht nur für mich neue Perspektiven auf diese selten zu hörenden Werke.

Fazit: Ein geglücktes und schönes Konzert, in dem Orchester und Dirigent großes Format zeigten und das Publikum mit Pärt und Sibelius eine unerwartete Entdeckung machen konnte.

PS: Justin Brown bewies sich gestern als sehr Sibelius-affiner Dirigent. Hoffentlich leitet er zukünftig in Karlsruhe Aufführungen der 2. und 5. Symphonie.

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Verdi - Un Ballo in Maschera, 16.10.2013

Was für ein schöner Maskenball am gestrigen Mittwoch! Nach zwei Vorstellungen muß man dem Badischen Staatstheater zu einer sehr spannenden Produktion gratulieren, die beim Publikum vor allem aufgrund des musikalischen Niveaus ein großer Erfolg werden sollte.

Die B-Premiere des Maskenballs war nur auf zwei relevanten Stellen (und diversen kleineren Rollen) umbesetzt. Heidi Melton sang noch nicht die Amelia und so kam das gestrige Publikum in den akustischen Genuß von Publikumsliebling Barbara Dobrzanska. Ohne Zweitbesetzung sind zwei andere Hauptakteure: Ewa Wolak (unglaublich beeindruckend in der Rolle!) als Ulrica und Andrea Shin (mit wunderbar geschmeidiger Tenorstimme zum Dahinschmelzen) als Gustav wiederholten ebenfalls ihre herausragenden Leistungen der A-Premiere.

Neu und besonders bemerkenswert war gestern Seung-Gi Jung als Anckarström, dessen elegante Stimme schon als Rigoletto für hohe Verdi-Kantabilität stand und einen schönen Kontrast zur dunkleren Stimme Jaco Venters bildet. Jungs Stimme begeisterte auch gestern und man kann nur hoffen, ihn und seinen koreanischem Landsmann Shin noch lange in Karlsruhe halten zu können. Beide sind ein klarer Zugewinn im Ensemble der Karlsruher Oper.

Als Oscar war gestern Emily Hindrichs zu hören. Sie singt sehr schön, höhensicher und kraftvoll, doch schon beim Theaterfest mangelte es ihrer Stimme etwas an Unmittelbarkeit und Wärme, als ob sie noch nicht ganz angekommen sei, und auch gestern fehlte ihr zu Beginn die Leichtigkeit und der Ausdruck, mit der Ina Schlingensiepen am Samstag so souverän sang und spielte.

Eine Neubesetzung in einer Nebenrolle darf nicht unerwähnt bleiben: Yang Xu als Graf Ribbing ließ aufhorchen. Der Chinese ist Mitglied des Opernstudios und scheint eine Karriere vor sich zu haben.

Johannes Willig dirigierte meines Erachtens gestern mit noch mehr dramatischen Zug als in der Premiere einen absolut überzeugenden Verdi, dem man jederzeit musikalisch perfekt genießen konnte.

Noch mal zur Inszenierung: Grundsätzlich ist der Regieansatz gut. Was will man denn auch aus dem psychologisch wenig ergiebigen Verschwörerdrama und Beziehungsdreieck machen?, so könnte man meinen. Adäquat bebildern mit zusammenhangsfördernder Symbolik, so könnte es sich Regisseur Stiehl gedacht haben - und dem entspricht auch bisher sein Regiestil. Doch was sich in La Vestale ankündigte, ist beim Maskenball noch deutlicher zu bemerken: eine hölzern-steife Personenführung, die nur selten eine eigene Dimension hinzufügt, sondern meistens das Vorhersehbare in zu uninspirierter Weise ausdrückt. Man hätte vielleicht die alte Bühnenweisheit 'Nur nicht zu viel Absichtlichkeit!' stärker berücksichtigen sollen. Ein wenig wirkt die Inszenierung gelegentlich wie eine mechanische Aneinanderreihung von Gesten und Effekten aus dem Fundus, bei denen die harmonischen Übergänge fehlen.

Fazit: Ein Maskenball, dem man viele Zuhörer wünscht und bei dem man nicht vergessen sollte, den Sängern (auch denen im Chor) und Musikern ein klar vernehmbares BRAVO zu schenken!

PS: Wie schon bei der A-Premiere war auch gestern Mario Muraro im Publikum. Der italienische Tenor sang vor 30 Jahren die Rolle des Königs bei der letzten Karlsruher Inszenierung - damals wurde Verdis Maskenball noch in deutscher Sprache(!) gesungen.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Verdi - Un Ballo in Maschera, 12.10.2013

Endlich wieder Ein Maskenball am Badischen Staatstheater! Über 30 Jahre mußte man in Karlsruhe auf eine Neuinszenierung dieser schönen Oper warten, über die man in einem alten Opernführer die Bemerkung findet, daß sie der erklärte Liebling aller Verdifreunde sei. Die MET in New York hat sie bereits ca. 300 mal gespielt. Nachdem das Badische Staatstheater bspw. mit Wallenberg und der Passagierin, mit Romeo und Julia auf dem Dorfe und Peter Grimes viel Sorgfalt auf weniger bekannte Opern richtete, galt es gestern, dem breiten Karlsruher Publikum mit Verdis Un Ballo in Maschera ein Geschenk zu machen: der neue Maskenball löste bei der Premiere musikalisch Begeisterung aus. Die Inszenierung bekam freundlichen Applaus - nicht mehr, aber auch nicht viel weniger. Doch es blieb der Eindruck, daß szenisch mehr möglich gewesen wäre.

Samstag, 5. Oktober 2013

Schauspiel Frankfurt: Moritz Rinke - Wir lieben und wissen nichts, 04.10.2013

Wer dem Alltag des Karlsruher Schauspiels entkommen möchte, der kann Zuflucht im Frankfurter Schauspiel finden, wo Intendant Oliver Reese selber Regie führte bei der Uraufführung dieser im Dezember 2012 auf der kleinen Bühne der Kammerspiele uraufgeführten Komödie Wir lieben und wissen nichts von Autor Moritz Rinke.

Worum geht es (1)?
Um zwei Paare um die 35-40. Sebastian ist ein erfolgloser Kulturhistoriker und schreibt seine Texte von zu Hause. So kann er immer seine Dauer-Freundin Hannah begleiten, die buddhistische Kurse für Bankmanager gibt. Da Hannah für zwei Monate in Zürich arbeiten wird, haben sie ihr Appartement in einer Wohnungstauschbörse angeboten. Das Stück setzt kurz vor dem Besuch des tauschwilligen anderen Paares ein. Roman (immer unterwegs als Computerspezialist) und seine mit ihm reisende Frau Magdalena (Tiertherapeutin) kontrastieren und ergänzen das besuchte Paar. In beiden Beziehungen kriselt es und wirft Unausgesprochenes seine unheilvolle Schatten. Der Wohnungstausch wird fast zum Partnertausch. Das Publikum kann sich knapp zwei Stunden über Wortgefechte, Abrechnungen und Entlarvungen amüsieren. Doch es gibt kein Happy-End, sondern ein allegorisches Schlußbild: es ist zwischenmenschlich kalt geworden und man benötigt ein dickes Fell.

Worum geht es (2)?
Es geht um Liebe und Karriere, Individualismus und Partnerschaft, Selbstverwirklichung und Verzicht. Moritz Rinkes Vorbild ist Tschechow, der ebenfalls komische Stücke über traurige Leute geschrieben hat. Dabei urteilt der Autor nicht und nimmt nicht Partei, sondern er analysiert und zeigt Zeitgeist und erfasst Heutiges in Gedanken, Sätzen und Szenen und das auf prägnante und witzige Weise. Wo die Vorstellung von geglücktem Leben darin besteht, Punkte auf einer Liste abzuarbeiten und abzuhaken (Reisen, Erlebnisse und Abenteuer, Eigentum als Status), da wächst die Sehnsucht und die Ahnung, daß immer mehr Leben in einem steckt als man lebt. Neidvoll misst man sich an anderen. Daraus resultiert eine ständige Unzufriedenheit und gesteigerte Aktivität, die dem Leben das Grundgefühl der Rastlosigkeit verleiht - gefangen im Hamsterrad der glücken müssenden Selbstverwirklichung. Wie fragil ist Liebe, wenn beide Partner nicht mehr die gleichen Pläne haben? Ist wahre Liebe die Kunst des Verzichts? Hat die Soziologin Eva Illouz recht, wenn sie sagt, daß 'das wichtigste Merkmal der modernen Intimität darin besteht, daß sie jederzeit beendet werden kann, sollte sie nicht mehr mit Gefühl, Geschmack und Wollen in Einklang stehen'? Das sind die Themen in Wir lieben und wissen nichts.

Paarkomödien scheinen in Mode zu sein 
Der Gott des Gemetzels
, Der Vorname oder Wir lieben und wissen nichts - immer ist es das Zusammentreffen von Paaren in einer privaten Umgebung. Zeitdiagnose scheint heute einfacher als Komödie vermittelbar, bei einer Umsetzung als Drama hat man als Zuschauer meistens das ungute Gefühl einer schlichten Moralisierung. Einfacher (und erfolgreicher) scheint es, wenn man sich das Publikum in einer Komödie zum Verbündeten macht und das Drama unter der Oberfläche versteckt .Und hier ist dann auch der Unterschied und Mehrwert zur sogenannten Boulevardkomödie gegeben, wenn man während der Vorstellung manchmal nicht weiß, ob man lachen soll oder ob es einem eigentlich im Halse stecken bleiben sollte bzw. man über sich selber lacht. In dieser Hinsicht hat Wir lieben und wissen nichts deutlich mehr Substanz als eine Boulevardkomödie.

Was ist zu sehen?
Bücherregale, ein paar Bücher, zwei Stühle und Umzugskarton - es benötigt nicht viel Aufwand, um dieses Stück zu inszenieren. In Frankfurt hat man vier der besten Schauspieler auf die Bühne gebracht, die mit perfektem Timing und untrüglichem Gespür für die richtigen Zwischentöne begeistern. Jeder Satz sitzt!
Constanze Becker (die nicht nur als als Medea Zuschauer und Kritiker immer wieder gleichermaßen zu Ovationen hinreißt) ist als Magdalena naiv-unbedarft und unterwürfig, ihr Mann Roman wird von Oliver Kraushaar als geerdeter und besserwisserisches Techniker mit geringer Empathie gezeichnet. Hannah ist bei Claude De Demo sexuell vernachlässigt und mit verzweifeltem Kinderwunsch ausgestattet, den ihr eloquent dauerredender und alles zerredender Freund Sebastian (Marc Oliver Schulze) nicht erfüllen kann und will. Wenn der Zeitgeist eine Kraft ist, dann sind Magdalena und Sebastian  den abweisenden Zentrifugalkräften ausgesetzt, während die Job-Nomaden Hannah und Roman zentripetal herangezogen werden. Rinke schafft es, mit einem kleinen Konflikt zu Beginn -das für Roman zwingend erforderliche Passwort für das W-LAN, das Technikmuffel Sebastian nicht kennt- das Beziehungs-Kartenhaus zum Einsturz zu bringen.

Fazit:  Vier Schauspieler auf höchstem Spielniveau liefern sich Scharmützel und offene Kämpfe in einer guten Beziehungskomödie. Rinkes Stück wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren bundesweit auf den deutschen Bühnen zu sehen sein.

Besetzung und Team
Hannah: Claude De Demo
Sebastian, ihr Freund: Marc Oliver Schulze
Roman: Oliver Kraushaar
Magdalena, seine Frau: Constanze Becker

Regie: Oliver Reese
Ausstattung: Anna Sörensen
Video: Jonas Alsleben

Zum neidisch werden - Schauspiel in anderen Städten (2)

Ok, das ist nicht ganz fair. Der erste Teil dieser Reihe berichtete über Ingolstadt, nun geht es bereits um eine der großen deutschen Bühnen - dem Schauspiel in Frankfurt, das mit  über 170 000 Zuschauern in der Spielzeit 2012/13 so viele Besucher wie nie zuvor in den letzten dreißig Jahren anzog. Im Jargon des Badischen Staatstheaters würde man wohl selbstverzückt "Rekordtraumergebnis" oder etwas ähnlich Superlativiges dazu sagen. Das Frankfurter Leitungsteam wirkt hingegen bescheiden und uneitel im Umgang mit seinem Erfolg. Höchsten Respekt verdient man sich in der Main-Metropole mit der Art und Weise, wie man diesen "Rekord" erzielt hat: nämlich durch Qualität und Einfallsreichtum.

Frankfurt ist ein konstruktives Gegenbeispiel zum Karlsruher Schauspiel. Weder verdankt man seinen  Erfolg einer gesteigerten Aktivität im Kinder- und Jugendbereich, um durch Schulklassenbesuche die Quote nach oben zu treiben noch macht man mit Musikrevuen dem Konzertbetrieb der Stadt Konkurrenz oder produziert für Zielgruppen - man macht einfach nur gutes Theater und die Qualität hat sich herumgesprochen. Und hier liegt ein wichtiger Unterschied: Mißerfolge gibt es immer wieder, doch diese werden durch Erfolge mehr als kompensiert. Die Formerfüllung in Konzeption und Umsetzung ist gegeben.

Das Design der Publikationen des Karlsruher und Frankfurter Schauspiels werden übrigens von der gleichen Berliner Agentur entworfen - das scheint aber auch die einzige Gemeinsamkeit zum aktuellen Zeitpunkt zu sein.

Für die Saison 2013/14 sind in Frankfurt über 27 Neuproduktionen und 35 Wiederaufnahmen geplant. Mein persönliches Ergebnis: 20:7 für Frankfurt. Zum Glück wohne ich nicht in der Nähe von Frankfurt. In Karlsruhe besuche ich 2013/14 maximal 7 Schauspielpremieren, in Frankfurt wären es 20.

Hier der Überblick zu den Frankfurter Premieren, bei denen man allerdings bemerken muß, daß es hier in der kommenden Spielzeit schon sehr ernst zuzugehen scheint.
   
Schauspielhaus
Die Nibelungen - Friedrich Hebbel, Regie Jorinde Dröse
Der Menschenfeind - Molière, Regie Günter Krämer
Der Idiot - Fjodor Dostojewski, Regie Stephan Kimmig
Wille zur Wahrheit - Thomas Bernhard, Regie Oliver Reese
Kinder der Sonne - Maxim Gorki, Regie Andrea Moses
Biedermann und die Brandstifter - Max Frisch, Regie Robert Schuster
Dogville - Lars von Trier, Regie Karin Henkel
Penthesilea - Heinrich von Kleist, Regie Michael Thalheimer
Gefährliche Liebschaften - Christopher Hampton, Regie Amélie Niermeyer

Kammerspiele
Draussen vor der Tür - Wolfgang Borchert, Regie Jürgen Kruse
Das Versprechen - Friedrich Dürrenmatt, Regie Markus Bothe
Anatol - Arthur Schnitzler, Regie Florian Fiedler
Dekalog - Krzysztof Kieslowski, Regie Christopher Rüping
Die Bakchen - Euripides, Regie Felix Rothenhäusler
Der weisse Wolf - Lothar Kittstein, Regie Christoph Mehler
Ein Traumspiel - August Strindberg, Regie Philipp Preuss
Der Zwerg reinigt den Kittel - Anita Augustin, Regie Bettina Bruinier

Andere Spielorte
Ajax - Sophokles, Regie Thibaud Delpeut
All Inclusive -Projekt von Martina Droste und Chris Weinheimer
Je t'Adorno -René Pollesch, Regie René Pollesch
Punk Rock - Simon Stephens, Regie Fabian Gerhardt
Wälsungenblut - Thomas Mann, Regie Alexander Eisenach
Ich bin Nijinsky. Ich bin der Tod. - Oliver Reese nach Vaslav Nijinsky, Regie Oliver Reese
Die Geierwally - Wilhelmine von Hillern, Regie Johanna Wehner
Frankfurter Rendezvous - Schorsch Kamerun, Regie Schorsch Kamerun
Vom Ende einer Geschichte - Julian Barnes, Regie Lily Sykes

Kinder & Jugendtheater
Ronja Räubertochter - Astrid Lindgren
Familie: Schroffenstein - Projekt mit Jugendlichen nach Heinrich von Kleist

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Schiller - Kabale und Liebe, 02.10.2013

Klassische Texte sind für Regisseure eine besondere Herausforderung: Viele Klassiker haben den Lauf der Zeit nicht unbeschadet überstanden, ihre Sprache benötigt spezielle Sorgfalt, das Publikum hat diffuse Erwartungen und man muß die undefinierte Mitte zwischen Texttreue und Aktualität treffen. Alle Klippen lassen sich in der Regel nicht umschiffen. Und gestern? Endlich konnte man sich mal wieder über eine sehr gute, sehr spannende, aktuelle und zeitgemäße Premiere von Kabale und Liebe freuen, die zu Recht von der überwiegenden Mehrheit des Publikums starken und langen Applaus bekam und die man möglichst vielen weiterempfehlen sollte!

Dienstag, 1. Oktober 2013

Umzingelt von besseren Ideen?

Nachdem die Kritikerumfrage der Fachzeitschrift «Die Deutsche Bühne» bereits die Qualität der Bühnen in Stuttgart, Heidelberg und Freiburg hervorgehoben hat und Karlsruhe links liegen ließ (mehr dazu hier), folgten nun kürzlich die Ergebnisse der jährlichen Kritikerumfrage der Zeitschrift «Opernwelt» (mehr dazu hier). Die Komische Oper Berlin ist «Opernhaus des Jahres», gefolgt vom Mannheimer Nationaltheater.

Vielleicht findet sich ja auch noch eine Kritikerumfrage, die das Badische Staatstheater loben möchte. Es stellt sich dann nur die Frage, ob die passende Zeitschrift existiert. Angesichts der letzten Spielzeit könnte man spekulieren, wie man sich positioniert hat: Schülertheater des Jahres? Musikrevue-Spielstätte des Jahres?

Nun ja, neue Spielzeit, neues Glück. Vielleicht nimmt man sich ja für die laufende Saison am Badischen Staatstheater nicht nur vor, andere Zuschauer zu gewinnen, sondern auch, sich dem verschärften Konkurrenzdruck im Südwesten auf Augenhöhe zu stellen.

Montag, 30. September 2013

Festspielhaus Baden-Baden: Klavierduo Katia & Marielle Labèque, 29.09.2013

Die Labèque-Schwestern haben weltweite Reputation und gelten seit drei Jahrzehnten als das bekannteste Klavierduo. Ihre Konzerte führen sie in den nächsten Monaten nach Wien und Berlin, Paris und Rom, Sydney und Melbourne, San Francisco und Chicago, ... - eine internationale Musikerkarriere, der man nur mit viel Respekt begegnen kann. Im reichen kulturellen Angebot des Südwestens wäre mir der gestrige Auftritt in Baden-Baden gar nicht aufgefallen, wenn ich nicht zwei Karten geschenkt bekommen hätte - für diese Einladung zu dem mitreißenden gestrigen Konzert auch an dieser Stelle noch mal ein herzliches Danke!

George Gershwins Three Preludes sind im Stil der Rhapsody in Blue komponiert und mit stilistischen Ostküsten-Klängen: ein Charleston, ein schneller Foxtrott und zentral etwas Blues und die unverkennbare Gershwin- Mischung aus Klassik und Jazz.

Auch Philip Glass' Four mouvements for two pianos aus dem Jahr 2008 sind unverkennbar Philip Glass. Von Bruckner heißt es, er habe eine Symphonie komponiert und zwar neun Mal. Bei Glass' Musik könnte man etwas Ähnliches formulieren. Dennoch gibt es von ihm unvergleichliche Stücke. In Karlsruhe kann man im Ballett Momo (mehr dazu hier) bspw. den Zentralsatz seines Klavierkonzerts Tirol hören und staunen. Die 1984 in Stuttgart uraufgeführte Oper Echnaton ist immer noch zu wenig bekannt (eine Neuinszenierung präsentiert im Juni 2014 die Heidelberger Oper). Auch sein Stück für Klavierduo entfaltete immer wieder den typischen Minimal Music-Sog. Für viele im sehr gut besuchten Festspielhaus war dieser Programmpunkt der Labèques sichtbar eine positive und faszinierende Überraschung.

Nach der Pause folgte Leonard Bernsteins West Side Story, arrangiert für zwei Klaviere und Percussion von Irwin Kostal, der auch Bernsteins originale Partitur für den Broadway arrangierte und einen Oscar und Grammy Award dafür gewann - also eine authentische Fassung, die besonders die Latino-Rhythmen betont und die für Musicals typischen sentimental-kitschigen Momente vermeidet. So beginnt sogar Maria ironisch verkleidet als Cha-Cha-Cha. Überhaupt, wer angesichts der vielen Hits in Bernsteins Musical Ermüdungserscheinungen befürchtete, der erlebte ein schöne Überraschung, zeigte doch diese für vier Musiker arrangierte stark rhythmische Fassung, wie viel großartige Musik in Bernsteins Partitur steckt, die von den Schwestern und ihren beiden Begleitern mit viel Leidenschaft musiziert wurde.

Übrigens: das nächste Neujahrskonzert der Badischen Staatskapelle ist ausschließlich der Musik des großen Leonard Bernstein gewidmet!

Besetzung:
Katia & Marielle Labèque (Klavier)
Raphael Seguinier (Drums) & Gonzalo Grau (Percussion)

Dienstag, 24. September 2013

1. Symphoniekonzert, 23.09.2013

Der junge amerikanische Komponist Andrew Norman (*1979) schuf das Auftragswerk Unstuck für das Tonhalle Orchester Zürich, wo es 2008 von Dirigent Michael Sanderling uraufgeführt wurde. Wenn man irgendwann mal in ferner Zukunft auf die heute üblichen Konzertprogramme zurückblickt, dann könnte es auffallen und den Anschein haben, daß die kurze symphonische Form, Stücke, die ca 10-15 Minuten dauern, beim Publikum besonders beliebt waren. Die Programmplaner platzierten diese wenigminütigen Leckerbissen stets am Anfang des Konzerts. So auch gestern. Doch gleich zu Beginn konnte man  gestern nach wenigen Takten einen anderen Verdacht bekommen, daß manche zeitgenössische Musik etwas Unidiomatisches hat. Denn ob nun Norman, Adès oder Dorman gespielt wird, wer hinterlässt einen bleibenden Eindruck?  Justin Brown wendete sich zu Beginn zum Publikum und versuchte kurz, den Titel Unstuck zu erläutern. Dabei zeigte sich, daß sich Konzeptmusik nicht mal dann erschließen muß, wenn man die Geschichte dazu kennt. Unstuck war nach 10 Minuten vorbei und bekam freundlich-kurzen Applaus aufgrund seines partiell groß-orchestralen Filmmusikcharakters.

Richard Strauss' Tondichtung Don Quixote ist ein Genre-Mix, einerseits phantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters op. 35, auch eine symphonische Dichtung nach literarischen Vorbild sowie ein Instrumentalkonzert für Cello (Don Quixote) und etwas Bratsche (Sancho Pansa) und immer wieder geprägt durch Tonmalerei, Situationsschilderungen und Charakterbeschreibungen. Von Strauss ist ja der Satz überliefert: "Was ein richtiger Musiker sein will, der muss auch eine Speisekarte komponieren können" - wem sonst als Strauss konnte man das tatsächlich zutrauen. Und so wird man in Don Quixote auf eine Reise mitgenommen: man kämpft gegen Windmühlen, hört Schafe blöken, man beobachtet einen Pilgerzug, Windmaschinen stellen einen Ritt durch die Luft dar, man hört Wassertropfen als Streicherpizzicato und ganz am Ende lässt der Cellist den Klang abrutschen und Don Quixote stirbt friedvoll. Justin Brown brachte Strauss' humorvolle und hochvirtuose Instrumentationskunst prachtvoll und filigran zum Klingen und zusammen mit den beiden orchestereigenen Konzertmeistern Franziska Dürr (Viola) und Thomas Gieron (Violoncello) spielte die Badische Staatskapelle ein delikat schwelgerisches und lyrisches Tongemälde, das viel Applaus bekam und in dem besonders die Nachtwache der 5. Variation zum poetischen Höhepunkt für den Cellisten wurde.
2014 kennzeichnet den 150. Geburtstag von Richard Strauss. Man kann gespannt sein, wie man ihn in Karlsruhe in der Spielzeit 2014/15 feiern wird. Neben einem Programmschwerpunkt in den Konzerten, den möglichen Wiederaufnahmen der Frau ohne Schatten (unbedingt, oder!?! Welcher Dirigent wollte nicht diese Partitur zu Gehör bringen?) und des Rosenkavaliers sollte auch eine Neuinszenierung nicht fehlen.

Nach der Pause dann die 7. Symphonie von Ludwig van Beethoven, bei deren triumphalen Uraufführung im Dezember 1813 im Orchester auch Musiker saßen, die später selber als Komponisten erfolgreich waren wie Meyerbeer, Moscheles und Louis Spohr, der auch in seinen Lebenserinnerungen berichtete, wie der bereits schwerhörige Beethoven selber dirigierte:
"Die neuen Kompositionen Beethovens gefielen außerordentlich, besonders die Symphonie in A (die siebente). Der wundervolle zweite Satz wurde da capo verlangt; er machte auch auf mich einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Die Ausführung war eine ganz meisterhafte, trotz der unsicheren und dabei oft lächerlichen Direktion Beethovens. Daß der arme taube Meister die Piano seiner Musik nicht mehr hören konnte, sah man ganz deutlich."

Die beliebteste Assoziation zur Siebten stammt von Richard Wagner: die Apotheose des Tanzes. Wer diese Beschreibung für zutreffend hält, der konnte gestern bestaunen, was für durchtrainierte und muskulöse Tänzer Brown für seine Interpretation benötigte. Der erste Satz beginnt mit Beethovens längster Introduktion, die bei Brown breit angelegt war und sich nur gelegentlich zuckend aufbäumte, sonst aber wie eine logische  Fortsetzung der Pastoralen wirkte. Die Tempoverschärfung beim Übergang zum Vivace war dann zwar beachtlich, die beiden Klangwelten des Satzes zeigten so die benötigte Trennschärfe, doch das Unerbittliche, Manische und Euphorische war vielleicht etwas zu brav dimensioniert. Beethovens Siebte ist eine Symphonie ohne langsamen Satz, der berühmte zweite ist ein Allegretto. Brown dirigierte es nicht als nachdenklichen Trauermarsch oder flehendes Gebet, sondern unruhig und aufgewühlt mit fast zu geringer Steigerungskurve bei hohem Grundtempo. Manch einer hätte ihm dafür vielleicht Punkte in Flensburg geben wollen. Der dritte Satz war bei Brown durch die Betonung der retardierenden Momente gekennzeichnet, die das ungestüme und wilde Presto umso stärker losbrechen ließen. Der vierte Satz, das "con brio" überhaupt: ekstatisch, wild, energisch, überzogen - Brown steigerte das Orchester in einen rasanten Taumel.
Eine sehr individuelle und bemerkenswerte Interpretation, deren unbezähmbares Finale fast schon Furtwänglersche Qualitäten hatte und mit langem und starkem Schlußjubel belohnt wurde.

PS: Es gab eine neue Orchesteranordnung bei den Streichern. Die zweiten Violinen sitzen nun den ersten gegenüber, die Celli haben die freie Position eingenommen. Die Kontrabässe wanderten vom rechten zum linken Rand und tauschten mit Harfe und Klavier, die nun vom Publikum aus gesehen rechts sind.

Freitag, 20. September 2013

Karlsruher Operngalas 2013/14

Lange Zeit war Funkstille, nun findet man einen ersten Überblick über die geplanten Operngala-Gäste der kommenden Spielzeit

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER am 02.11.2013
Holländer MARCUS JUPITHER
Senta MANUELA UHL
Daland REINHARD HAGEN

In weiteren Rollen
Erik ZURAB ZURABISHVILI
Mary REBECCA RAFFELL
Steuermann STEVEN EBEL


DIE FLEDERMAUS am 19.01.2014 
Eisenstein Ks. MARTIN GANTNER
Rosalinde SOLVEIG KRINGELBORN

In weiteren Rollen
Adele Ks. INA SCHLINGENSIEPEN
Falke ARMIN KOLARCZYK
Orlofsky CHRISTINA BOCK


UN BALLO IN MASCHERA am 05.04.2014
König Gustav MARCELLO GIORDANI
Graf Anckarström LUCA SALSI

In weiteren Rollen
Amelia HEIDI MELTON
Oscar EMILY HINDRICHS
Ulrica Ks. EWA WOLAK


DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG am 08.06.2014
Hans Sachs ALBERT DOHMEN
Pogner DIMITRY IVASHCHENKO
Eva RACHEL NICHOLLS

In weiteren Rollen
Beckmesser ARMIN KOLARCZYK
Stolzing DANIEL KIRCH
David ELEAZAR RODRIGUEZ

Die Infos zu den Galabanden finden sich hier:
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/oper/gala/