Samstag, 28. April 2018

Vorschau auf die Spielzeit 2018/2019 des Badischen Staatstheaters

Me too! Eine Spielzeit der Diskriminierung
Die Me too! Debatte über das Castingverhalten und sexuellen Mißbrauch auf der Besetzungscouch kam aus der Filmbranche und hat zwar noch nicht zu einem Flächenbrand bei den Theatern geführt, in Karlsruhe hörte man in den letzten Jahren unter der Hand zumindest gerüchteweise den Verdacht, daß es die Chancen auf einen Job verbessert haben könnte, männlich und homosexuell zu sein. Ob das der Wahrheit entspricht, kann nur mit internem Engagement des Theaters untersucht werden und aufgrund der bisherigen Erfahrungen vermutlich erst nach einem Intendanzwechsel (hier mehr dazu in der ZEIT). Manchen scheint es, als ob man nun die Flucht nach vorne antritt und wie so oft tendiert radikales Gegenlenken bei Schieflage, in die entgegengesetzte Einseitigkeit zu kippen. Die Zukunft ist nicht Gleichberechtigung, nein, das Badische Staatstheater verkündet als diskriminierende Doktrin: "Die Zukunft ist weiblich". Als wolle man die bisherigen Gerüchte mit aller Gewalt und der entsprechenden Drohung widerlegen. Der Generalintendant versteckt sich, angeblich hat man nun ein "frauen-dominiertes Führungsteam" von Quotenfrauen, die ihr Engagement einem Mann verdanken, der damit von seiner prekären Intendanz ablenken kann. "Dominanz" wird in diesem Zusammenhang manche amüsieren, der Generalintendant und seine Dominas - statt um Theater geht es beim Programm der kommenden Spielzeit stark um Diskriminierung am Theater, im Schauspiel werden sogar ausschließlich Frauen inszenieren. Der Wettbewerb zwischen den Geschlechtern um Dominanz wird im Vorwort des Schauspiels offiziell für eröffnet erklärt: "Frauen sehen sich selbst als emanzipiert und selbstbewußt – und das über alle Generationen hinweg. In vielen Regionen der Erde sind sie bereits besser gebildet und erfolgreicher". Das klingt, als brauche man nun endlich einen Männerbeauftragten.
Harte Zeiten für all jene, die einfach nur wegen guten Theaters gerne ins Theater gehen würden. Denn eigentlich geht es beim Theatermachen ums Publikum und um Qualität, nicht um Selbstdarstellung und Selbstbefriedigung des Führungsteams am Badischen Mumpitztheater.
  

SCHAUSPIEL
Mit Anna Bergmann präsentiert Intendant Spuhler im achten Jahr den dritten Schauspieldirektor. Bergmann führt selber drei mal Regie und hat ansonsten in der kommenden Saison nur weibliche Regisseure engagiert. Gutes Theater ist weder männlich noch weiblich, wer Regie führt ist egal - Qualität ist geschlechtsneutral. Bergmanns Geste scheint eher ein Feigenblatt für Intendant Spuhler zu sein, der in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren allem Anschein nach zu nachlässig war. Kamen bei ihm weibliche Regisseure aus mangelndem Leistungsvermögen oder aus diskriminierender Entscheidung nur selten zum Zuge? Ob es ein amüsantes Schauspieljahr wird, das Freude und Spaß am Theater vermittelt, bleibt abzuwarten.
Die größte Konzentration gilt selbstverständlich den Abo-Produktionen, mindestens sechs Werke im Kleinen Haus sollten es schon sein. Identifizieren kann man aktuell nur fünf. Im Studio gibt es nur Ur-  und Erstaufführungen, ob etwas mit wirklichem Erfolgspotenzial dabei ist, ist dikutabel. Acht neue Schauspieler kommen, wer gehen mußte, ist noch nicht im lediglich vorläufigen Spielzeitheft zu erkennen.


Nora, Hedda und ihre Schwestern (nach Ibsen)
Regie: Anna Bergmann
30.09.2018

Elfriede Jelinek - Am Königsweg
Regie: Sláva Daubneróva
Bühne: Sebastian Hannak
24.11.2018

Shakespeare - Viel Lärm um nichts
Regie: Lily Sykes
31.01.2019

The Broken Circle 
Musical nach dem Film von Felix van Groeningen und dem Theaterstück von Johan Heldenbergh
Regie: Anna Bergmann
04.04.2019

Iphigenie (nach Euripides und Goethe)
Regie: Lilja Rupprecht
26.05.2019


Kleinere Produktionen (im Studio etc.), u.a.:

Miroslava Svolikova - Europa flieht nach Europa
Regie: Alia Luque
07.10.2018 STUDIO

Ingmar Bergmann - Szenen einer Ehe
Regie:  Anna Bergmann
27.10.2018 TREFFPUNKT FOYER

Samantha Ellis - How to date a feminist
Regie: Jenny Regnet
15.12.2018 STUDIO

Virginie Despentes - Apokalypse Baby
Regie: Sofia Simitzis
06.06.2019 STUDIO

sowie weiteres Befindlichkeits-, Doku- und Projekttheater für all jene, die sich gerne auf oberflächlichem Niveau belehren und belabern lassen wollen.


Im BALLETT wird in Birgit Keils letzter Spielzeit als Direktorin Christopher Wheeldons Schwanensee wieder neu einstudiert, Thiago Bordin wird eine neue Kreation vorstellen.
Als Wiederaufnahme gibt es Romeo und Julia, Ein Sommernachtstraum, Carmina Burana, Rusalka und Nußknacker


OPER 
Es gibt unzählige Opern, aber Intendant Spuhler bringt gerne die, deren letzte Produktionen gar nicht so lange her sind. Freischütz, Elektra und Hoffmanns Erzählungen wurden während der letzten Intendanz von Achim Thorwald gespielt. Was sich der Intendant von diesen Wiederholungen verspricht, wird vorläufig sein Geheimnis bleiben. Dennoch ist da einiges dabei, was ein ordentliches Jahr verspricht und Freischütz, Elektra und Hoffmanns Erzählungen sind Opern mit Zugkraft, falls man nicht wieder mal die Inszenierungen verhunzt. Nur die Wiederaufnahmen sind wieder ohne jede Überraschung, kein Tannhäuser, keine Meistersinger, kein Tristan, kein sonst was, aber dafür Tosca, Hänsel und Gretel und Zauberflöte ....

Weber - Der Freischütz
Musikalische Leitung:Johannes Willig
Regie: Verena Stoiber
13.10.2018

Leoš Janáček - Das schlaue Füchslein
Übernahme vom Cleveland Orchestra
Musikalische Leitung: Justin Brown 
Regie: Yuval Sharon
16.12.2018

Richard Strauss - Elektra
Koproduktion mit dem Nationaltheater Prag und der San Francisco Opera
Musikalische Leitung: Justin Brown
Regie: Keith Warner
26.01.2019

Händel - Serse
Musikalische Leitung: George Petrou
Regie: Max Emanuel Cencic
15.02.19

Donizetti - Roberto Devereux
Musikalische Leitung: Daniele Squeo
Regie: Harry Fehr
23.03.2019

Offenbach - Hoffmanns Erzählungen
Musikalische Leitung: Constantin Trinks
Regie: Floris Visser 
06.06.2019

Debussy - Pélleas et Mélisande
Koproduktion mit der Malmö Opera
Musikalische Leitung:Johannes Willig
Regie: Benjamin Lazar
29.6.2019


Eine andere weibliche Note
Man hätte übrigens auch einfach mal eine Reihe mit Opern von weiblichen Komponisten lancieren können, um sich künstlerisch statt ideologisch zu positionieren. Unter den gar nicht so wenigen zur Auswahl stehenden Werken kämen bspw. in Frage:
Francesca Caccini - La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina (1625)
Elisabeth-Claude Jacquet de la Guerre - Céphale et Procris (1694)
Maria Antonia Walpurgis - Talestri, regina delle Amazzoni (1760)
Louise Bertin - La Esmeralda (1836)
Ethel Smyth - The Wreckers (1906)
Kaija Saariaho - L'amour de loin (2000)
Alma Deutscher - Cinderella (2016)

Die KONZERTE werden erst später bekannt gegeben.

Kommentare:

  1. Danke für dieses leider wunderbar stimmige Kommentar gerade zur Schauspielsparte. Und zu den Schauspielern die gehen "müssen", wirklich müssen? oder wollen? oder sogar endlich woanders hin dürfen?

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    1. Die Wahrheit liegt wohl wie immer in der Mitte. Manche gehen von sich aus, Bergmann bringt jemanden mit, 8 sind schon einige, das Schauspielensemble habe ich in dieser Spielzeit zum ersten Mal seit langem als sehr gut zusammengestellt empfunden. Aber warten wir's ab bis das Spielzeitheft da ist.

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  2. Hallo.
    - Ballett : schon aufgefallen,daß die "Premieren" (Romeo und Julia oder Sommernachtstraum) genau die gleichen Bühnenbilder sind?Das sind "Neuaufnahmen" ,nix Premiere,sry,der zahlende Zuschauer wird (meiner Meinung nach) verarscht,Schwanensee wird ebenso am Bühnenbild nix verändert = Zuschauer zahlt mehr (für Premiere),Kosten null,effektiv beim Geld und - man spart am Bühnenbildner.
    Oper - Nach Fledermaus und Boheme (das alte Material komplett abgerockt,in Italien aus den Händen gerissen und restauriert),freu ich mich schon auf einfaltslosen Freischütz,Elektra und Hoffmann (hatten wir ja schon,geht bestimmt schlechter).
    Thx für Tosca,Hänsel und Zauberflöte.wenigstens bissel Spaß können wir dem Publikum noch bieten.....

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    1. @anonym
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich war in dieser Saison in keiner Ballett-„Premiere“. Tatsächlich hatte ich an den Wochenenden andere Termine. Das war für mich verschmerzbar, da weder Sommernachtstraum, Romeo und Julia oder nächstes Jahr Schwanensee echte Premieren waren/sind, sondern Premieren der Neueinstudierungen – also Wiederaufnahmen mit neuer Besetzung. Kostüme, Bühne und Choreographie sind unverändert und kommen aus dem Lager. Die Produktionen liefen bereits vor ca. 10 Jahren – am Badischen Staatstheater muß man Geld einsparen und es ist durchaus üblich, Ballett-Repertoire nach einigen Jahren wieder neu einzustudieren. Intendant Spuhler nimmt es nicht so genau, wenn es ums Publikum geht. Der Anschein einer „Premiere“ reicht ihm aus, das Publikum hat das bei ihm hinzunehmen. Da 2019 ein Wechsel ansteht und die neue Ballettdirektorin Bridget Breiner wahrscheinlich viele neue Tänzer mitbringt und ihr eigenes Repertoire aufbauen will, lohnt die Investition in Neues auch nicht mehr.

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  3. @DD
    Es ist nicht von Bedeutung, ob ein Spartenleiter männlich oder weiblich ist, ob man nur Männer oder nur Frauen engagiert. Qualität hat nichts mit Geschlecht zu tun. Ich gehe davon aus, daß man den Mitarbeiter engagiert, der die Berufserfahrung, die Führungskompetenz und den administrativen Sachverstand hat, um seine Arbeit leisten zu können. Leider scheint das in den letzten Jahren nicht mehr der übliche Standard zu sein. Man vermittelt ja, auch nun bei den neuen Spartenleitern, gerne den Anschein von Opportunität und Gesinnung. Nicht die Pläne und Perspektiven mit Blick auf die Zuschauer stehen im Mittelpunkt, sondern sekundäre Merkmale.

    Die bedauernswerte Frau Braunger als neuer Operndirektor hat das verstanden, in einem ziemlich ahnungsfrei geführten Interview eines lokalen Karlsruher Fernsehsender reduzierte man ihr Engagement darauf, daß sie eine Frau ist. Dagegen wehrte sie sich, ihre Verpflichtung wollte sie nicht auf ihr Geschlecht reduziert wissen, sondern auf ihre Kompetenz. Die journalistisch hoffnungslos überfordert wirkende Moderatorin hatte anscheinend leider nicht den Sachverstand, um weiter zu fragen: wieso man an einem renommierten Staatstheater jemanden engagiert, der noch nie in einem Opernhaus an leitender Stelle gearbeitet hat, konnte man nicht erfahren.

    Das Hauptproblem mit Intendant Spuhler ist doch, daß er das Theater zu seinen Zwecken instrumentalisiert. Es geht um SEINE Intendanz, SEINE Entscheidungen, SEINE Haltung, SEIN Programm, SEINE Antworten, SEINE Herrlichkeit. Theater, Künstler und Publikum sind nur Mittel zum Zweck SEINER Karriere und Selbstdarstellung. Es geht immer nur um den Intendanten, „ein toller Hecht in flachstem Wasser“, der sich aber nie vom Ufer entfernt, um in die Tiefen vorzustoßen, in den einen Badisches Staatstheater unter kompetenter Leitung kreuzen könnte. Leider ist der Intendant halt nur ein Administrator ohne erkennbare künstlerische Kompetenz, der deshalb gezwungen ist, sich politisch-ideologisch aufzuspielen. Die Gründung des Volkstheaters zur Ermöglichung dilettantischer Selbstdarstellung scheint der flache Höhepunkt seiner Karlsruher Intendanz zu sein.

    Jetzt wird der Intendant also „von Frauen dominiert“. Vielleicht kommen sie bald darauf, daß dieser Intendant überflüssig ist und ersetzt werden sollte. Eine konsequente Entscheidung für weibliche Dominanz aus dem Geiste der Kompetenz hätte dann auch etwas Gutes.

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