Sonntag, 14. Januar 2018

Hübner/Nemitz - Willkommen, 11./13.01.2018

Der Flüchtling als Eindringling
Willkommen scheinen Flüchtlinge schon lange nicht mehr zu sein, schon gar nicht in den meisten Ländern Europas und auch in der Bundesrepublik ist die Stimmung gekippt; zu viel Negatives ist passiert, die Konflikte und Probleme scheinen zu groß, die Ursachen sind vielfältig: ein Staatsversagen aus Hilflosigkeit und Überforderung, getriebene Politiker, die nicht zugeben konnten, daß sie sich verrannt haben, dazu ein erschreckendes Medienversagen durch Journalisten, die nicht mehr unabhängig und integer berichteten, sondern sich als Interessenvertretung erwiesen, vermeintliche Staatsräson verbreiteten, Tatbestände ignorierten und zu Herstellern von Fiktionen und Feindbildern wurden. Die unkontrollierte Aufnahme von überwiegend männlichen Flüchtlingen mit geringer Qualifikation anstelle der angekündigten Familien, Ärzte und Ingenieure hat einen Graben geschlagen und den gesellschaftlichen Frieden aufs Spiel gesetzt, die Parteienlandschaft verändert sowie unverhältnismäßig viele Ressourcen verbraucht. "Machen wir uns nichts vor, es geht um Völkerwanderung", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, "Wenn wir nicht bald reagieren, wird es uns am Ende allen auf die Füße fallen, egal, welches Parteibuch wir haben", erkannte der Linken-Politiker. Laut ZDF im Dezember 2017 will eine absolute Mehrheit der Bürger eine Begrenzung der Aufnahme. So offenherzig die Hilfsbereitschaft des Staatsbürgers in der Flüchtlingskrise 2015 war, so desillusionierend und katastrophal waren die Folgen, die mit der Silvesternacht 2015/16 in Köln begannen und das friedliche Miteinander massiv beeinträchtigten. Die migrantische Gewaltkriminalität stieg auf nicht mehr akzeptable Weise, das Terrorjahr 2016 forderte mehr Tote und Verletzte als bspw. während den zwölf Jahren des NSU-Untergrundterrors.
Verheerend waren auch die Denunzierungen, die gegen legitime Kritiker und Skeptiker losgetreten wurden, und die Versuche, die Meinungsfreiheit zu beeinträchtigen und durch moderne Täuschungskünste Konformismus zu erzeugen oder zu erzwingen, die zu widerwärtigen Begleiterscheinungen und Hetze von beiden politischen Rändern und den Medien selber führten. Wenn man das Allgemeine richtig studieren will, braucht man sich nur nach einer wirklichen Ausnahme umzusehen, der Staatsrechtler Carl Schmitt formulierte: "Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles; sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik." Die Flüchtlingskrise der Jahre 2015/16 war diese Ausnahme, die vieles durchbrach und in Frage stellte, was bisher in der Bundesrepublik galt oder hingenommen wurde. Wer die Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas untersucht, sollte nicht die Symptome angreifen, sondern die Ursachen analysieren.

Auch in Willkommen, der Komödie des Autorenduos Lutz Hübner und Sarah Nemitz, scheitern fünf Flüchtlingsbefürworter am Praxistest der Gesinnung. Die von einer Wohngemeinschaft diskutierte Aufnahme von Flüchtlingen in die eigenen vier Wände findet am Ende nicht statt, der Flüchtling als abstraktes Wohltätigkeitsobjekt wird hier als konkrete Person zum Eindringling, der geduldet wird, solange er nur anderen zur Last fällt und man selber sein Leben unbehelligt fortführen kann. Willkommen ist gutes und kurzweiliges Boulevard-Theater, das mit überraschenden Entwicklungen und Wendungen und sehr guten Schauspielern überzeugt und bei dem Lachen nie zum Auslachen wird. Bei kritischeren Besuchern wird dennoch ein schales Gefühl bemerkbar sein, denn das Stück spielt Anfang 2016 und ist von der Zeit bereits überholt und läßt sich nicht auf Konflikte ein, es instrumentalisiert die Flüchtlingskrise als Folie für eine konventionell-kommerzielle Beziehungskomödie über Probleme in einer Wohngemeinschaft, die zwar auch locker Fehlentwicklungen und Streitthemen aufgreift, doch ansonsten unkritisch und unpolitisch ist und sich unbehelligt von den Zumutungen und Krisen der zukünftigen Realität zeigt. Wegsehen scheint aktuell leichter als Hinsehen.
 
Worum geht es?
Eine Zeitreise zurück in eine nahe, aber schon ganz andere Vergangenheit. Ein Abendessen in einer seltsamen Wohngemeinschaft, in der fünf junge bis mittelalte deutsch-autochthone Personen auf über 200 qm im Edel-Altbau mit Stuck und Holzböden zusammenleben. Die Bewohner sind sozioökonomisch privilegiert, weder konkurrieren Sie um Jobs oder um Wohnraum mit den gerade ins Land kommenden Flüchtlingen noch bemerken Sie die entstehenden gesellschaftlichen Konflikte. Benny verkündigt eine Neuigkeit: er wird für ein Jahr als Dozent in die USA gehen und will sein Zimmer Flüchtlingen geben, vorausgesetzt, die anderen sind damit einverstanden. Es beginnt eine Diskussion um die Casting-Anforderungen für Bennys Nachfolger. Doro spricht Klartext, sie hat kein Interesse an dem Experiment und will keinen arabischen Mann mit rückständigem Frauenbild in der Wohnung haben. Nur die erfolglose Photographin Sophie ist begeistert und will die Situation als Kunstprojekt verwerten. Jonas ist beruflich noch in der Ausbildung bei einer Bank und benötigt Ruhe, der erwartete Lärmpegel macht ihm Sorgen. Die Studentin Anna hat ganz andere Sorgen, sie verkündet, daß sie schwanger ist. Der Kindsvater kommt später zu Besuch und dreht die Diskussion in eine neue Richtung, denn der türkischstämmige Sozialarbeiter Achmed (er leitet eine Fahrradwerkstatt für migrantische Schulabbrecher, die er Kanaken nennt) will selber das Zimmer.

Was ist zu beachten?
Willkommen ist keine politische Komödie und auch nur von sehr begrenzter gesellschaftlicher Aussage. Man sieht eine Momentaufnahme in einem eng definierten Milieu und Konflikte, die schnell persönlich werden: man kratzt beim Abendessen ein wenig an der Oberfläche äußerer Geschehnisse, ein Austausch von Meinungen und Vermutungen in kaum differenzierter Grundhaltung, man wagt sich jedoch nicht  aus seinem Milieu hinaus und nimmt andere gar nicht wahr. Weder Politik- noch Medienkritik fließen ein, man diskutiert nicht politisch, ob und unter welchen Voraussetzungen Flüchtlinge überhaupt ins Land kommen sollen, wie alternativlos Politik sein kann oder welche politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen zu erwarten sind. Es geht um individuelle Meinungen im Wolkenkuckucksheim, ohne Blick in die Zukunft: kann und soll man sich einen Flüchtling in den eigenen vier Wänden gönnen? Würde man die eigene Komfortzone verlassen, um konkret zu helfen?
Willkommen hatte Anfang 2017 seine Uraufführung und spielt Anfang 2016, dem Stück fehlen zu viele Erkenntnisse, um noch zutreffend zu sein. Ein Überblick in zwei Abschweifungen:
 
Abschweifung (1):  Flüchtlingskrise, Vertrauenskrise, Legitimitätskrise
Wer wissen will, wie humanitäre Erwägungen und hehre Ideale zu ideologischer Polarisierung führten und die Bundesrepublik wegen der gescheiterten Flüchtlingspolitik des Jahres 2015 in eine politische und mediale Vertrauenskrise stürzen konnte, der kann beispielhaft den Brandbrief zitieren, den der Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz von der SPD angesichts migrantischer Gewalt und Kriminalität, hier speziell jugendlicher Intensivtäter, am 23. Oktober 2017 nach Stuttgart schrieb: "Die Haltung der Mannheimer Bevölkerung ist inzwischen umgeschlagen. Die Bürgerschaft ist in hohem Maße sensibilisiert und nimmt das Problem als Staatsversagen wahr. Die Stimmungslage entwickelt sich selbst in bisher stabilen Stadtteilen in eine bedrohliche Richtung" und "Das Grundvertrauen, daß der Staat seine Bürger schützen kann, ist nicht mehr vorhanden". Das ist keine hetzerische Panikmache eines SPD-Politikers, sondern ein Warnruf, damit aus der Flüchtlingskrise und Vertrauenskrise nicht auch noch eine Legitimitätskrise wird. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen schrieb am 2. Januar 2018 nach der Ermordung eines Mädchens durch einen Afghanen: "Verharmlosung ist es für mich, wenn immer wieder behauptet wird, Gewalt, die von Flüchtlingen ausgeht, sei normal und nicht unterscheidbar von der Kriminalität, die wir immer schon kennen. Es gab vor der Flüchtlingseinwanderung 2015 keine Anschläge auf Weihnachtsmärkte, keine Domplattenexzesse und in Brutalität, Anlaß und Vorgeschichte eben auch keine Morde wie in Kandel oder Freiburg. Ehrenmorde unter Jugendlichen sind hier nicht verbreitet. Wer das bestreitet, hindert den Staat daran, zielgenau zu handeln. Nur, wer die spezifischen Formen dieser Gewalt anerkennt, kann ihre Ursachen finden und bekämpfen. Schon 2016 waren 10% aller Tatverdächtigen in Sexualstraftaten Asylbewerber. 2017 wird der Wert weiter steigen. Das ist bei 1,5% der Bevölkerung einfach viel zu hoch und nicht relativierbar."

Wenn eine neue Kriminalitätsstatistik veröffentlicht wird, beginnt in den Medien das Beschwichtigungstheater. "Natürlich haben auch Kriminalstatistiken nur eine begrenzte Aussagekraft", relativierte DIE ZEIT um dann doch irgendwann den Satz zu schreiben: "Zuwanderer waren 2016, selbst wenn man sämtliche ausländerrechtlichen Straftaten wie etwa den illegalen Aufenthalt herausrechnet, überdurchschnittlich an der gesamten registrierten Kriminalität beteiligt." Die Deutsche Polizeigewerkschaft schlug bereits früh Alarm, der stellvertretende Bundesvorsitzende Ralf Kusterer sagte zur Kriminalität durch Flüchtlinge: „Was jetzt eingetreten ist, übersteigt die bisherige Vorstellungskraft. .... Es hilft nicht, wenn wir die reale Situation nicht zur Kenntnis nehmen und aus falsch verstandener Zurückhaltung Entwicklungen verschweigen! ... Massenschlägereien, Übergriffe und Straftaten im Nahbereich von Flüchtlingsunterkünften sind an der Tagesordnung, die Sicherheitslage ist mehr als angespannt". Im Zuge der Masseneinwanderung ist eine mediale Gleichgültigkeit angesichts migrantischer Gewalt und Übergriffe festzustellen, die Opfer werden kaum thematisiert, um die Herkunft der Täter nicht nennen zu müssen, ein Phänomen wird unter den Vorzeichen unnötiger Verallgemeinerungen und regionaler Relevanz als belanglose individuelle Schicksale unter den Tisch gekehrt. Es sind nur wenige Prozent krimineller Intensivtäter, die viele in Verruf bringen, doch mit wahnhafter Relativierung und Schönrednerei ist der Situation nicht beizukommen. Von den vielen schwerwiegenden kulturellen und organisatorischen Problemen (bspw. hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder hier oder täglich an zahllos vielen anderen Stellen, vor allem in Zeitungen und Poizeiberichten) soll erst gar nicht die Rede sein.

In einem beunruhigendem Interview in der FAZ mit der französischen Philosophin Elisabeth Badinter sowie Alice Schwarzer ersieht man, wer noch die Opfer der Migration aus dem islamischen Kulturkreis sind, Alice Schwarzer sagte dazu: "Deutschland hat eine massive Zuwanderung von jungen Männern erlebt, die aus Ländern kommen, in denen Frauen völlig rechtlos sind, die tief patriarchale Traditionen haben und außerdem seit Jahren einer radikalislamischen Propaganda ausgesetzt sind. In ihrem Gepäck bringen sie, wie es der algerische Schriftsteller Kamel Daoud so treffend gesagt hat, all dies mit zu uns. Nimmt man diese jungen Männer ernst, muß man dafür sorgen, daß sich das ändert. Ich halte es auch gegenüber diesen jungen Männern für schlicht rassistisch, die Augen zuzumachen. Da sagt man, bei euch ist das nun mal so, für euch gelten andere Gesetze. Aber das ist menschenverachtend."

Wenn Opfer marginalisiert, Täter nicht benannt und Ursachen ignoriert werden, liegt etwas im Argen. Wenn die Politik glaubt, das sei in den Griff zu bekommen, indem immer noch mehr Geld ausgegeben wird für Sprachkurse, Ausbildung, Betreuungskonzepte und Integrationsexperimente, um vielleicht Erfolge zu erzielen und wenn man proportional zur steigenden eingewanderten Kriminalität einfach nur die Polizei vergrößert, denkt man zu kurz. Sexual- und Rohheitsdelikte sind toxisch, der Bürger verliert die Unbefangenheit im öffentlichen Raum. Wenn man sich nicht mehr in öffentliche Verkehrsmittel, auf Plätze, in Stadtviertel oder nachts sich nicht mehr in die Innenstadt traut, wenn Bürger, die zeitlebens nicht mit Kriminalität in Berührung kommen, zum ersten Mal durch Migranten mit Belästigungen, Verbalattacken und Drohungen oder Gewalt  in ihrem Umfeld oder sogar persönlich in Berührung kommen, geht Vertrauen verloren. Frankreich ist ein drohendes Beispiel, in Straßburg oder Paris bewachen schwerbewaffnete Militärs die Innenstädte, in Risikozonen der Peripherie haben Warlords das Sagen. Die Probleme der Berliner Polizei mit arabischen Clans in der Hauptstadt sind ein weiteres gutes Beispiel für eine drohende Legitimitätskrise durch migrantische Gewalt und Kriminalität.

Abschweifung (2): Die Medien waren auch schuld
Otto Depenheuer, Professor für Allgemeine Staatslehre in Köln, analysierte: "So sind die gegenwärtigen Zeiten in Deutschland geprägt von einer politischen Schönrednerei und Hypermoral, die der sachbezogenen und offenen politischen Diskussion staatsrechtlicher Grundfragen nur noch enge, moralisch überwachte Korridore zulässiger Argumentation bereitstellen. Damit werden politische Probleme buchstäblich unsagbar." Der Erfolg des Populismus hat seine Ursache auch im Ignorieren von Konflikten. Gerade in der früheren DDR kennen die Menschen noch aus eigener Erfahrung, wie es ist, gegängelt und bevormundet zu werden. Der Protest dort ist auch die Weigerung, sich als entmündigte  Untertanen fühlen zu müssen. Doch nicht nur das Verhältnis zwischen Repräsentanten und Repräsentierten ist gestört, auch das Verhältnis der Journalisten zum Bürger hat gelitten. Die unrühmliche Rolle der Medien hatte Auswirkungen, die Medienskepsis ist inzwischen weit verbreitet. Laut einer statistischen Erhebung, die Anfang Januar 2018 veröffentlicht wurde, trauen nur 30 Prozent in den alten und 16 Prozent in den neuen Bundesländern dem Fernsehen. Die Wochenzeitung DIE ZEIT und die FAZ berichteten im Sommer 2017 von einer Studie der Hamburg Media School und der Uni Leipzig. Die Forscher unter der Leitung des wissenschaftlichen Direktors des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung Michael Haller (früher Leiter des ZEIT-Dossiers) untersuchten die Rolle der Printmedien in der Flüchtlingskrise 2015 und kam zu ernüchternden Resultaten. Die "Medien haben versagt", "Sorgen und Ängste der Bevölkerung seien hinter der großen Erzählung von der Willkommenskultur fast völlig zurückgedrängt, Andersdenkende seien diskursiv ausgegrenzt worden", die "wichtigsten Tageszeitungen Deutschlands verwandeln sich in Volkserziehungsbroschüren. Die Journalisten kontrollieren nicht mehr das Handeln der Politik, sie kontrollieren das Denken der Bürger." Es wurden "freiwillig von den Bürgern zu erbringende Samariterdienste moralisch eingefordert", Skeptiker wurden zu Feinden und diffamiert, Widerworte wurden unterbunden, "Refugees welcome" und "Willkommenskultur" wurden zum Slogan der Unaufrichtigkeit und kollektiven Selbsttäuschung, die "Ausgrenzung und Stigmatisierung" nach sich zog, "journalistisches Wuttheater" nannte das ein Medienkritiker. Das Resultat: "Das Land hat unter einem publizistischen Stromausfall gelitten – und die Gesellschaft hat sich in der Folge gefährlich gespalten." Die Studie kommt zu dem Schluß, "daß der Journalismus eine beträchtliche Mitschuld an der "tiefen Spaltung" habe, die sich seit 2015 durchs Land ziehe. All die Dysfunktionen der Medien hätten 'diesen polarisierenden und desintegrativen Prozess massiv gefördert". Vieles was man als Populismus am rechten politischen Rand bezeichnet, ist ein Symptom, dessen Ursache eine fehlgeleitete Politik und Berichterstattung sind. Es sind "eine spezifische Lebenslage und das Gefühl, nicht von der Politik vertreten zu werden", die diese Verwerfungen ausgelöst haben.
   
Was ist zu sehen (1)?
Mal kurz beim Schampus die Welt retten und ab in die Legitimitätskrise - wie lebt es sich in der Komfortzone? Regisseur Nicolai Sykosch und der Ausstatter Stephan Prattes fanden letztes Jahr beim Krüppel von Inishmaan wenig überzeugende Metaphern, Willkommen ist nett und ordentlich geworden. "Aus den 200 Quadratmetern Wohnraum ist eine Art riesiges, weißes Labor geworden", der Regisseur sieht das als "Gesellschaftsversuchslabor" und übersieht, daß er nur ein sehr enges Milieu abbildet. Zu einem Gesellschaftsversuchslabor taugen weder die Figuren noch ihre Meinungen, die dem Praxistest der ernüchternden Ereignisse in Folge der Flüchtlingsaufnahme nicht unterworfen wurden. Man sieht ein Eßzimmer mit Kühlschrank, ein Sofa, eine Waschmaschine, die Kleidung ist unaufdringlich, aber typisch, die Bühne läuft spitz zu in den Zuschauerraum, zuspitzen wird sich aber nichts.
Inhaltlich erreicht Willkommen nie die Höhe der Zeit, das zeitliche Zurückbleiben auf dem Stand des Beginns der Flüchtlingspolitik nimmt dem Stück jede Schärfe. Um was für eine Komödie handelt es sich hier? Tatsächlich ist Willkommen ein Beziehungskomödie über eine WG, die ein Streitthema zum Anlaß nimmt, harmlose offene Rechnungen zu begleichen. Doch auch das quasi monopolistische Milieu wird nicht weiter untersucht, es gibt keine Zuspitzungen zwischen veganen Gutmenschen und eingefleischten Realisten, die Vorwürfe entgleisen nicht zu Zerfleischungen, es gibt keine erregten Diskussionen, kein pointenreiches Fetzenfliegenlassen, Willkommen kommt nicht wirklich zur Sache, keine Illusionen werden beerdigt, das Bitterböse bleibt eine Nuance. Am Ende des Stücks hat sich nichts verändert, der Abend klingt versöhnlich aus. Der Regisseur hält Maß, die Dialoggefechte sind unterhaltsam und witzig, aber nicht rasant. Die Klischees unterstützen die Charakterisierung, ohne aufdringlich zu werden. Die beste (aber unauffällige) Pointe versteckt der Regisseur am Schluß. Wenn die Gespräche wieder friedlich sind und leiser werden, ertönt die sieghafte Fanfare aus Star Wars und beendet ironisch das unpolitische So-tun-als-ob-nichts-gewesen-wäre mit dem die Figuren sich wieder einspinnen in den Kokon der vermeintlichen Weltverbesserer. Das Zimmer bleibt nämlich leer - darin besteht die wirkliche Pointe dieser Komödie. Man will tatsächlich weder Kinder oder Familien noch Türken oder Flüchtlinge - man will einen Gast, der wieder geht, wenn er lästig wird und das Gefühl, bis dahin ein toller Gastgeber gewesen zu sein. Man kann es sich ja leisten.

Was ist zu sehen (2)?
Die Schauspieler liefern sehr gute Rollenporträts, es macht stets Freude, ihnen zuzuschauen - BRAVO! Man muß der Inszenierung positiv attestieren, daß sie eine Debatte mit Rede und Gegenrede zuläßt, ohne zu moralisieren, stigmatisieren oder mit Ressentiments zu arbeiten, (fast) keine Figur wird bloß gestellt - das ist bei der deutlichen politischen Positionierung der Intendanz und ihrem bisherigen teilweise von Scheuklappen bestimmten Verhalten keine Selbstverständlichkeit, ein ganz klein wenig springt man über seinen ideologisch verklemmten Schatten. Die Ablehnung von Flüchtlingen ist hier legitim, auch wenn Doro betont, daß sie das nur im Privaten sagt und zu viel Angst vor Denunzierungen in der Öffentlichkeit hätte, das Stück traut sich den sanften Seitenhieb auf den politisch-medialen Meinungsdruck. Lisa Schlegel verleiht Doro eine bodenständige Glaubwürdigkeit, ihre Meinung spiegelt die obigen Worte von Alice Schwarzer emotional wieder, ohne daß sie die Regie verurteilt. Die Weltverbesserin Sophie erweist sich hingegen als unsympathischste und rechthaberischste Figur des Stücks, Flüchtlinge sind für Sie ein Projekt, um ihren verkorksten Leben einen Sinn zu geben. Ute Baggeröhr interpretiert Sophie als unglückliche und seelisch angeknackste Person. Mit Doros Ablehnung kommt sie nicht zurecht, auf Sophies Einmischung trifft psychologisch zu, was Carl Schmitt analysierte: der Kampf für den Humanismus führt zur unbedingten Feindschaft, denn wer zum Wohle der Menschheit tätig ist, muß seinen Gegner als Feind der Menschheit betrachten. Jesus wußte, was er tat, als er in der Bergpredigt Liebe deinen Nächsten forderte. Denn der Nächste ist nicht irgend jemand, sondern ein konkreter Mensch aus dem unmittelbaren Umfeld und nicht eine abstrakte Person. Und noch mal Carl Schmitt: „Wer Wert sagt, will geltend machen und durchsetzen. Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen; aber Werte werden gesetzt und durchgesetzt. Wer ihre Geltung behauptet, muß sie geltend machen. Wer sagt, daß sie gelten, ohne daß ein Mensch sie geltend macht, will betrügen.“ Sophie hat nichts, sie ist ungeliebt, unselbständig, beruflich erfolglos und ausgehalten von ihrem Vater, ihr moralisches Überlegenheitsgefühl scheint aus ihrem Geltungsbedürfnis zu kommen, wie ein stures Kund bockt sie, wenn sie nicht bekommt, was sie will - Baggeröhr setzt das dezent, aber eindringlich um.
Benny will zwar sein Zimmer Flüchtlingen geben und den anderen während seiner Abwesenheit die Folgen auflasten, er ist aber kein Heuchler. Er hilft tatsächlich in einem Flüchtlingsheim, seine Betroffenheit ist nicht tief, aber echt. André Wagner spielt Benny als grundsympathischen Idealisten, der sich als unwiderstehlich sieht und doch oft linkisch ist. Wagner läßt seine Figur am deutlichsten als Karikatur wirken, er übertreibt gelegentlich, um seine Lacher zu bekommen.
Die schwangere Anna ist bei Paula Skorupa emotional hin- und hergerissen, ihr Monolog ein kleines Meisterstück zwischen konfuser Überforderung und Hilflosigkeit, Jonathan Bruckmeier als Jonas kümmert fast nichts, er will seine Probezeit überstehen und dann ausziehen, er hat fast nie eine Haltung und passt sich flexibel an. Heisam Abbas spielt  Achmed als die sympathischste und geradlinigste Figur des Stücks, komplett integriert und bodenständiger Ruhrpottler, der offen und von Herzen ehrlich sein kann. Ein fast entwaffnende Direktheit, mit der nur Sophie nichts anfangen kann, der seine unverblümte Offenheit unangenehm aufstößt

Fazit: Sehr gut gespielt und durch die Schauspieler sehenswert, ordentlich inszeniert, inhaltlich gelten die obigen Einwände. Eine nette Komödie, die aber nicht Lachsalven auslöst oder zu Zwerchfellmuskelkater führt, dazu thematisch von den Ereignissen schon längst überholt und zu abwiegelnd.

Besetzung und Team:
Sophie: Ute Baggeröhr
Doro: Lisa Schlegel
Anna: Paula Skorupa
Benny: André Wagner
Jonas: Jonathan Bruckmeier
Achmed: Heisam Abbas
Sophies Vater via Skype: Gunnar Schmidt

Regie: Nicolai Sykosch
Bühne & Kostüme: Stephan Prattes

1 Kommentar:

  1. @GS
    Vielen Dank für Ihre freundliche Nachricht. Da sie sich nur indirekt auf das Theaterstück bezieht, gehört sie nicht hier her, ich werde sie nicht veröffentlichen. Hier gilt's der Kunst und wenn diese vorgibt, politisch zu sein, dann ist Politik in diesem Blog nur mit direktem Bezug zu Stück und Inszenierung möglich. Schicken Sie mir doch Ihre E-Mail Adresse, ich werde Ihnen dann gerne ausführlich antworten.

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