Freitag, 29. September 2017

Goethe - Faust I, 26./28.09.2017

Kaum Faust zwischen Klamauk und Kalauer
Eines vorweg: das Engagement und die Spielfreude der Schauspieler bei der gestrigen Premiere waren ansteckend und ein wichtiger Erfolgsgarant. Bravo!
Doch sonst ist es gekommen, wie es zu befürchten war: Angsthasentheater! Man plätschert am seichten Rand und flachen Wasser und traut sich nicht in die Tiefen und Untiefen des Stücks vor. Goethes Faust wird Abiturthema und in den kommenden Monaten will man am Karlsruher Schauspiel möglichst viele Schüler durch die Vorstellungen schleusen. Das scheint auch der einzige Grund, wieso man Faust nun neu und ausgesprochen dürftig inszenierte, der Regisseur hat die Zielgruppe im Blick: bloß nicht ernst, bloß nicht staubtrocken, bloß nicht bedeutungsschwanger. Das Rezept für einen leichten Faust heißt: Groteske statt Tragödie, eine Entstellung, um eine Pleite zu verhindern. Beim Zuschauer bleibt der schale Eindruck, daß man mit Goethes Text spürbar wenig anfangen kann und ihm subtile Gewalt zufügt, nur die Gretchentragödie gelingt akzeptabel, davor ist vieles Verulkung. Man hat nur Ideen für den Urfaust, an Faust I scheitert man desinteressiert.
Doch Goethes Faust ist ein undurchdringlich kluges Mysterienspiel, in dem so viel mehr steckt, als man inszenieren und wahrnehmen kann, es ist buchstäblich reich und vielfältig - wieso muß die neue Karlsruher Inszenierung so reduziert und so armselig ausfallen? Wieso diese Selbstbeschränkung, die sich der Vielfalt nicht stellen will? Ein Theater, das Goethes Faust nicht mit spürbarer Hingabe und einer triftigen Idee inszenieren kann, hat ein grundlegendes Problem. Was sagte die gestrige Premiere also über das Karlsruher Schauspiel aus? Erneut vermittelt man den unguten Eindruck, daß es hier hauptsächlich nur um den Betrieb, weniger um die Sache und schon gar nicht wirklich um Qualität und das Stück geht. Man will über die Runden kommen und bewegt sich im Notenschema für diese Groteske zwischen ausreichend und ungenügend.
   
Hohl statt hoh - Eine Inszenierung als gescheiterter Versuch in "Pathos und Groteske"
Regisseur Michael Talke hat in Karlsruhe seinen allerersten Faust inszeniert. So unzufriedenstellend der Ansatz auch sein mag, der Regisseur erweist sich dabei als großer Könner mit Geschick und Phantasie. Handwerklich hat die Regie also sehr gute Ideen, inhaltlich bleibt sie dem Stück fremd. Das Programmheft gibt „Pathos und Groteske“ als Überschrift für seine Inszenierung vor, diese Kombination bezieht sich auf die theatralischen Mittel, Groteske auch auf die Gretchentragödie - der einzigen Geschichte im Faust, mit der der Regisseur etwas anfangen kann, alle anderen Aspekte des Stücks bleiben bestenfalls angedeutet. Er erklärt: "All die Mittel, die wir benutzen, vom Kostüm, über die Bühne, über den expressiven Spielstil bis zur musikalischen Gestaltung, haben etwas Groteskes.“ Wieso diese Mittel? Die Distanzierung scheint einen einfachen Grund zu haben: Man weiß mit zentralen Themen im Faust nichts anzufangen, der Prolog im Himmel hat keine Aussage, Fausts Drama wird anfänglich entpersonalisiert, die ersten Szenen mit plakativem Ulk verfremdet, Mephisto bleibt blaß - als hätte die Regie Angst vor Pathos und dem hohen Ton der Deklamation, Angst vor Bedeutung und Sinn, als hätte man keine Idee, was das alles bedeuten könnte -Gott und Teufel, Seele und Schicksal, Wissenschaft und Erkenntnisdrang, Streben und Scheitern. Die Regie sieht keinen doppelten Boden, keine Menschheitstragödie, keine Spiritualität. Doch damit kapituliert man vor einem Kernelement des Faust: dem Mysterienspiel. So sieht man jetzt im Karlsruher Schauspiel Faust anfänglich als bedeutungsloses, hohles Phrasenwerk mit abschließendem Verführungsdrama - hätte der Regisseur doch lieber den Urfaust inszeniert, nun quält er während der ersten Hälfte des Stücks das Publikum mit seinem Unbehagen am Text.

Die "Inszenierung zitiert immer wieder Elemente, die an den deutschen Stummfilm des Expressionismus erinnern", dieser "zeigt sehr anschaulich, wie früher Theater gespielt wurde, und übersteigert dieses noch. Denn das aufkeimende Kino holte sich vom Theater die Anregungen, um seinen Figuren, wenn auch ohne Sprache, Ausdruck verleihen zu können. Im Theater standen die Schauspieler zu dieser Zeit mit großen Gesten und viel Pathos an der Rampe und schleuderten ihren Text in den Zuschauerraum". Der neue Karlsruher Faust beginnt aber nicht mit dem Pathos der hohen Deklamation, sondern mit dem aufgesetzten Pathos der hohlen Deklamation, der gerade dem Beginn seine Bedeutung nimmt. Die Groteske wirkt naiv, das paßt zumindest zum Holzschnittartigen der Figurenführung. Grotesk? - Absonderlich? Merkwürdig? - eine seltsame Zuschreibung, die wie eine Alibi-Behauptung wirkt, sich mit den Themen des Faust nicht wirklich beschäftigen zu müssen. Daß die Regie es besser könnte, beweist sie in der zweiten Hälfte, da ist eine Theatermagie teilweise bemerkbar. Einen Sinn für die Komik, die Zwischentöne und die Ironie des Texts findet sie leider zu oft nur mit dem Holzhammer. Auf der Strecke bleiben auch die Figuren. Erst im Verlauf des Stückes werden sie lebendig, die Gretchen-Geschichte ist das einzige der Dramen im Faust, das entwickelt wird. Mit den anderen Dramen hat der Regisseur die genannten Schwierigkeiten.

Die Gretchentragödie als falscher grotesker Mittelpunkt
"Das, was dem Gretchen widerfährt, hat groteske Züge. Die Art und Weise, wie Goethe die Gesellschaft beschreibt, vor allem, wenn Gretchens Martyrium losgeht, kann man nicht anders bezeichnen. Wie in einem Zerrspiegel wird bis zum Monströsen gemobbt, gemordet und gestorben.  ... Es wirkt ungeheuer übersteigert auf mich.“  Der Regisseur mokiert sich in der Inszenierung über das Frauenbild vor 200 Jahren und blickt nicht über den eng begrenzten Tellerrand. Angesichts weiblicher Genitalverstümmelung in Afrika, dem Nahen Osten und Südostasien in einer Größenordnung von geschätzt hunderte Millionen Frauen, angesichts zahlloser Gewalt gegen Frauen im Namen der "Ehre" (bis hin zu Morden), Zwangsverheiratungen und Jungfrauenimport selbst heute noch in Deutschland, angesichts von Frauenhandel und Zwangsprostitution wirkt die Einschätzung des Regisseurs wie unerträgliche Ignoranz. Gretchens Drama ist heute noch weltweit in ähnlicher oder abgewandelter Form an der Tagesordnung. Die Gegenwart ist grotesker als die Vergangenheit! Sich über die Goethe-Zeit aufzuregen, wirkt unaufrichtig und weltfremd.

Worum geht es und wie ist es (nicht) umgesetzt?
Vorab ein Hinweis: Vieles ist in der neuen Inszenierung gekürzt, bis zum Auftauchen Mephistos in der Studierstube wird der Text des Stücks keinen Rollen zugewiesen, sondern auf die Schauspieler verteilt, die alle ähnliche Kostüme tragen und ununterscheidbar bleiben sollen. Man weiß nie, wer spricht und warum, Worte ohne Sinn, Sätze ohne Bedeutung. Der Regisseur transformiert den Beginn in einen inneren Monolog, Faust könnte seines Erachtens im Fiebertraum sein. Die Entpersonalisierung entstellt aber den Text für all jene, die ihn nicht kennen. Hier zur besseren Orientierung eine etwas ausführlichere Inhaltsangabe.

Die Zueignung: eine einsame Stimme spricht, erinnert sich aus der Ferne zurück. Ein Rückblick zu Beginn wie man ihn auch filmästhetisch kennt. Wer spricht? "Ist das Faust, der am Ende seines Lebens sein Leben vorbeiziehen läßt? Hat der Schriftsteller Goethe sich selber in das Stück eingeschrieben? Das Werk beginnt also mit dem Wechselspiel von Urheberschaften.", erläutert der Regisseur und läßt über den Lautsprecher verschiedene Stimmen den Text vorlesen. Ein dramaturgischer Sinn ist hier nicht erkennbar. 

(Das Vorspiel auf dem Theater entfällt in dieser Inszenierung, auch in einer Verfilmung wäre sie nur in der Extended version vorhanden. Sie zeigt Figuren, die im weiteren Verlauf keine Rolle spielen, die Szene wirkt wie eine Persiflage auf die Zueignung. Erst der Pathos des individuellen Schicksals und Erlebens, nun der Kampf der Ästhetik mit Äußerlichkeiten, Kunst als Zweck (Autor) und Mittel (Direktor). Quentin Tarantino hat solche Gesprächsszenen im Film perfektioniert und könnte als Vorbild dienen.)

Der dritte Szenenwechsel -leider in Karlsruhe massiv gekürzt und entstellt-: Im Faust gibt es mehrere Dramen, der Prolog im Himmel ist ein archimedischer Punkt: elementarer Bestandteil und entscheidend für die Entwicklung der Geschichte, denn erst durch die überirdische Schicksalsmacht wird die Bedeutsamkeit des Stücks verwandelt und erhöht. Goethes Faust handelt nicht nur von Menschen, sondern auch von überirdischen Mächten. Der Prolog beinhaltet eine ewige Gottesidee und die trostvolle Maßgabe eines Werts des menschlichen Lebens, das Drama der Seele ist überwölbt durch die göttliche Vorsehung. Ein Wettstreit eröffnet den Konflikt. Die dunkle Seite der Macht (Mephisto) trifft auf seinen Widersacher, der ihn allerdings nicht als Bedrohung sieht. Goethe beschreibt keine manichäische Welt, Gott und Mephisto befinden sich nicht im Kampf, es scheint vielmehr, als sei Mephisto Bestandteil der Schöpfung als Stachel und Antrieb für die Menschheit. Der Herr ist auch nicht strafend, feindselig oder vergeltend, er fordert keinen Gehorsam. Man fühlt sich an die Uhrmacher-Hypothese erinnert, bei der alles in Gang gesetzt wurde und nun ohne Zutun funktioniert. Das Lob des großen göttlichen Ganzen wird von Mephisto mit Fehlern im Detail bestritten. Mephistos Anthropologie definiert den Menschen als Armuts- und Mängelwesen. Der Herr spielt mit, er hört Mephistos Klagen über die Trübsal der Menschheit und schlägt ihm seinen Knecht Faust vor, doch nimmt er dessen Ende bereits vorweg, er wolle "ihn bald in die Klarheit führen". Es geht also nicht um Fausts Seele und Seligkeit! Mephisto beißt an und fällt darauf hinein (so viel darf man aus Faust II verraten, denn erst in der Fortsetzung erfährt man Fausts weiteres Schicksal), er will die Unvollkommenheit der Schöpfung an Faust beweisen. Der Herr warnt ihn vor, "es irrt der Mensch, solang er strebt"und "ein guter Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewußt". Fausts Schicksal ist vorbestimmt, das große Ganze funktioniert, Mephisto wird keine Lücke im Schöpfungsplan finden, vielmehr scheint er selber Teil des Plans (- die mit Keanu Reeves verfilmte Matrix-Trilogie (1999-2003) hat diese Idee aufgegriffen). 
Es treten in Faust weitere spirituelle Gestalten auf: Engel, Geister und Hexen. Diese Figuren werden beschworen, besucht oder tauchen von sich auf, ein böser Geist vertreibt Gretchen später aus der Kirche (entfällt in dieser Inszenierung). Für diese Zwischenwelt hat der Regisseur keine Aussagen und kein Verständnis, seine Fremdheit drückt er durch die Kostüme aus: greise, gebückte Figuren, alle mit langen weißen Haaren und Bart im schwarzen langen Mantel repräsentieren das Altertümliche religiös-spiritueller Gestalten. Die Walpurgisnacht am Ende des Stücks scheint nur aus pädagogischen Gründen musikalisch rhythmisiert enthalten.
            
Nun beginnt das Gelehrtendrama im Studierzimmer. Bis zu Mephistos Eintreffen dienen die Szenen der Beschreibung des Seelenzustands der Titelfigur. Sollten sie zumindest, nicht aber hier. In der Karlsruher Inszenierung verzichtet man auf die Individualisierung der Hauptperson, der Text wird auch hier von mehreren Schauspielern gesprochen. Der Verzicht auf das Individuum Faust zu Beginn hat keinen Mehrwert, er schärft nichts, er erklärt nichts, für die Zuschauer ist der Anfang ermüdend und enttäuschend - da steckt viel mehr im Text als auf der Bühne zu sehen ist!
Die historische Sage um den Dr. Faust gab es bereits zweihundert Jahre vor Goethes Bearbeitung, künstlerisch verarbeitet bspw. als Puppenspiel oder in einigen Theaterstücken (Christopher Marlowe schuf seinen Faust 1589). Bei Goethe ist Faust hochbegabter, umfassend gebildeter Universitätslehrer, sein Forschen fängt da an, wo andere aufhören, aber auch ein Wissenschaftler, der an seine Grenzen stößt. Ein revolutionärer Durchbruch zeichnet sich nicht ab, er ist seiner Zeit nicht wirklich voraus. Er muß sich schwarzer Magie bedienen, um weiterzukommen. „Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Als Charakter ist Faust vielschichtig, er ist von sich selbst überzeugt, aber nicht arrogant, als Arzt hilfsbereit und engagiert. Faust ist aber auch eine zutiefst unglückliche Figur in freudloser Existenz, das Herz bang beklemmt, die Lebensregungen schmerzlich gehemmt. Fausts Weltschmerz ist nicht der eines Hamlet, er leidet nicht an Leere und Wertlosigkeit des Daseins oder der Kleingeistigkeit und Niedertracht der Menschen. Es steckt mehr Leben und Sehnsucht nach Leben in ihm als ihm die räumliche und zeitliche Beschränkungen und Vergänglichkeit der Existenz erlauben. Faust leidet an der Unzulänglichkeit, den Reichtum und die Faszination des Daseins zu erfassen. Als Mystiker will er seine irdischen Beschränkungen überwinden, in etwas Größerem aufgehen. Fausts Expansionstrieb wird umgeleitet werden, weg von der Vertikalen in die Horizontale.   

Faust ist aber nicht der Naturwissenschaftler modernen Zuschnitts, das ist vielmehr sein Famulus Wagner. Jeder Mensch ist entweder materialistisch oder spirituell, Faust ist letzteres - er nimmt Kontakt auf mit einer Welt hinter dem Vorhang. Er will nicht nur die zweckgerichtete Fähigkeit, sondern auch ein Verständnis der Ursache, ihn interessiert die Schöpfungsmacht. Diese überraschende Selbstüberschätzung führt ihn in die Sackgasse. Ist das wirklich ein Selbstmordversuch? Oder spielt Faust nicht vielmehr mit dem Gedanken? Er bricht ab, nicht aus religiösen Motiven, sondern aus nostalgischen. Faust scheint in einem Graubereich von enttäuschter Hoffnung, Resignation und Depression zu sein. Goethes Hilfskraft Wagner bekommt zuerst den Spott Fausts ab, später versucht dieser, seinem Famulus gute Ratschläge zu erteilen. Eine Figur im Windschatten des Genies, ein fleißiger Methodiker, der Typus des zukünftigen Wissenschaftlers. Diese Aspekte entfallen in der Inszenierung.
  
Der Osterspaziergang - ist das nun ein freudvoller oder ein bedauernder Monolog? Diese Frage erübrigt sich in der neuen Inszenierung. Der Text gibt mehr her: Faust erklärt sich und beschreibt eine Vertikalspannung;
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, / Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust, / Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust / Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Ein schwarzer Pudel läuft Faust zu uns begleitet ihn. Zurück in seinem Studierzimmer gibt es eine Überraschung, als des Pudels Kern erweist sich Mephisto. Faust stellt sich ihm selbstbewußt (auch dieser Aspekt entfällt), Mephisto muß das erste Gespräch abbrechen, durch einen Drudenfuß ist er der Gefangene Fausts; durch eine List befreit er sich und kehrt zurück. Nun wird auf Augenhöhe verhandelt, Faust gibt Mephisto nicht einfach seine Seele als Lohn für die Erfüllung irdischer Wünsche. Fausts spirituelles Bemühen bei bleibender Distanz zum Unmittelbaren bringen ihn nicht weiter: Und so ist mir das Dasein eine Last / Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt. Er will eine zweite Chance und einen anderen Weg beschreiten, sein Dasein als Menschen ausschöpfen, buchstäblich eine Selbstermächtigung, man achte auf das Wort "selbst":
Du hörest ja, von Freud' ist nicht die Rede. / Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß. / Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen, / Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genießen, / Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen, / Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern.

Seelenheil? Egal! Faust will leben! Aus diesem Zustand bietet Faust Mephisto seine Wette an, seine Seele solle ihm nur unter bestimmten Voraussetzungen gehören:
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, / So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen, / Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen – / Das sei für mich der letzte Tag! .....

Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!

Der Pakt mit Mephisto ist eine Wette Fausts auf seine Unruhe, Unzufriedenheit und Rastlosigkeit, Faust hat ein hungriges Herz, das sich mit nichts zufrieden gibt, sein Leben ist ein ständiges Ringen um mehr.  Mephisto will ihn zum Triebwesen machen, Faust wird ihm durch eine Ausweichbewegung entkommen: der spirituelle Weg nach oben ist versperrt, die Enthemmung nach unten ist keine ausreichende Option. In Faust nimmt nun die Moderne als Selbstermächtigung Fahrt auf, weder nach oben noch nach unten, sondern einfach nur voran, der individuelle Expansionstrieb wird globalisierend (- eine Geschichte, die Faust II erzählt, streben statt verweilen - Wer immer strebend sich bemüht / Den können wir erlösen, heißt es in der Schlußszene von Faust II. Der spirituelle Zugang nach oben mag verwehrt sein, das Leben geht dennoch weiter, kompensiert wird es durch einen ständigen Fortschritt, dessen negative Seite heute als Ausbeutung beschrieben werden kann).

Wer ist Mephisto? Diese Frage beantwortet der Regisseur so: "Auch Mephisto kann wie eine Abspaltung der Faustschen Seele verstanden werden. ...  Lange vor Freud schreibt Goethe eine psychoanalytische Studie eines getriebenen, eines manischen Menschen, der mit sich selbst im Dialog steht." Ein Aspekt, der in der Inszenierung aber nicht erkennbar wird. Mephisto als zweites Ich - das ist eine Andeutung, die zu nichts führt - Mephisto gewinnt keine Konturen. Die erste Station in Auerbachs Keller ist ein Fehlgriff Mephistos, tumbe Suchtbefriedigung in einer Kneipe reizt Faust nicht, im Alkohol liegt keine einfache Lösung. Fausts einziger relevanter Satz in dieser Szene lautet: "Ich hätte Lust, nun abzufahren". Der Mißerfolg in Auerbachs Keller läßt Mephisto zu neuen Mitteln greifen, in einer Hexenküche wird Faust durch einen Zauber radikal verjüngt - "Wohl dreißig Jahre". Ein junger Mann mit funktionierender Libido - Mephisto setzt auf sexuelle Erfüllung, um Faust glücklich zu machen. Mephisto entfacht das Feuer der Sinnlichkeit.
  
Die Begegnung mit Gretchen eröffnet nun ein weiteres Drama zwischen Lust und Verlust - eine Liebesgeschichte unter dämonischen Vorzeichen. Faust verführt sie. Auch Gretchen fühlt mehr Leben in sich als es sich schickt, in einer Zeit mit unsicheren Verhütungsmitteln und gesellschaftlicher Ächtung wird die Schwangerschaft zur Tragödie, in der sich keine Hilfe anbietet. Gretchen konkurriert mit Mephisto um Fausts Seele. (Wie man im Prolog sieht/liest ist Gott in dieser Hinsicht entspannt. Sein Motto könnte lauten: Alles ist gut). Mephisto sorgt dafür, daß sie ins Unglück gerät und ihr Dasein zerstört wird. Die Gretchenfrage ist auch eine Frage nach der Ehe: Nun sag! Wie hast du's mit der Religion? hatte Faust zu Beginn in seinem Studierzimmer beantwortet (Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube) und wiegelt ab: Gefühl ist alles. Name ist Schall und Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.  (Goethe beschrieb sich selber so: Naturforschend Pantheist, dichtend Polytheist, sittlich Monotheist). Eine Frage des Gefühls, obwohl es eine spirituelle Welt mit Geistern und Mephisto gibt, ist sich Faust beim christlichen Gottesbegriff unsicher. Die Gretchen-Geschichte verliert im Kontext der Inszenierung an Fallhöhe, Gretchens Abgrund wird angedeutet, nicht durchspielt. Am Schluß geht es nicht um Leben und Tod, sondern um das Ende eine Beziehung, Gretchen macht Faust Vorwürfe und fordert die Trennung von Mephisto, er will sich das nicht anhören und verschwindet, das ganz geht schnell und schmerzlos über die Bühne. Es kündigt sich keine Rettung von oben an, wieso auch.
(Auch hier ein Blick auf Faust II: Goethe erklärte in einem Brief Fausts Handlungen als Irrtümer, in denen sich die Figur verlieren wird - "es irrt der Mensch, solang er strebt". Dennoch ist Faust kein schlechter Mensch. Sein Tod läßt das Stück am Ende in einer Himmelfahrt enden. Gretchen holt ihn ab und begleitet ihn).

Was ist zu sehen (1)?
Wie bringt man Faust in Karlsruhe auf die Bühne? "Mit Hilfe einer expressiven theatralen Übersteigerung" und "mit der Ästhetik des Stummfilmes", der Regisseur nennt Wilhelm Murnaus Faust-Stummfilm von 1926 als Beispiel im Programmheft. "Ein weiteres Element ist die Bühnenmusik, die Johannes Mittl auf den Proben am Klavier entwickelt hat und die ganz bewußt die Charakteristik und Klanglichkeit von Stummfilm-Begleitmusik aufnimmt. .... Das Bühnenbild von Barbara Steiner besteht hauptsächlich aus einem überdimensionierten Detail aus einem Bild von Roy Lichtenstein. Wir sehen in ein Gesicht einer blonden jungen Frau, in deren Augen sich Tränen bilden. .... Das junge Mädchen mit blonden Zöpfen, das sexuell begehrt wird und deswegen sterben muß, fließt geradezu ikonographisch in Lichtensteins Gemälde ein. Das Bild, im Stil eines gedruckten Comics gemalt, versucht die industrielle und damit kommerzielle Produktion der Comics zu kopieren und spielt, wie Pop Art überhaupt, mit der Entwertung von Kunst und Aura in der Massenkultur. In diesem Kontext erscheint Goethes Gretchen wie ein Stereotyp, das uns immer noch prägt, aber keine Kraft mehr hat, da es seelenlos geworden ist wie eine Werbebotschaft. Eigentlich ist das Bühnenbild nicht viel mehr als eine markierte Spielfläche. Es verweigert Illusion. .... Die Kostüme von Inge Medert erinnern in ihrer Silhouette eher an die Goethezeit. Sie scheinen wie im Kontrast zur Ästhetik des Lichtenstein-Gemäldes zu stehen …. die Zeitebenen fließen ineinander, wie schon bei Goethe. ..... Der alte Mann in der Studierstube: langes, weißes Haar. Bart. Gottähnlich. Das unschuldige blonde Mädchen: Zöpfe. Die rothaarige Kupplerin. Diese „Verkleidung“ mag zu Beginn etwas holzschnittartig und grob wirken, vielleicht denkt sogar der eine oder andere Zuschauer an die Puppenspiel-Herkunft des Stoffes. Aber nach und nach löst sich die Schminke auf, die Perücken sitzen nicht mehr richtig und es wird immer unwichtiger, welches Kostüm die Schauspieler eigentlich tragen. Hinter der bröckelnden Fassade wird der Mensch sicht- und erkennbar. Er kann sich nicht mehr hinter Äußerlichkeiten verstecken."

Was ist zu sehen (2)?
Alle Rollen sind sehr gut besetzt, die Schauspieler retten die klamaukige Inszenierung, leichte Schwächen gibt es sprachlich, aber das scheint gewollt, man deklamiert öfters übertrieben oder spricht eilig viel zu schnell - einen Sinn sollen manche Passagen nicht erhalten, manche Inhalte werden anscheinend auf Wunsch der Regie nur in Anführungsstrichen aufgesagt. Das Holzschnittartige der Figurenzeichnung läßt dazu kaum Ausleuchtungen zu. Als Faust ist Jannek Petri erst ab der Gretchentragödie individuell in Szene gesetzt. Da ihm zuvor die Möglichkeit genommen wurde, seine Rolle zu entwickeln, bleibt ihm nur die Rolle als Verführer, die er sehr gut spielt.
Der bedauernswerte Heisam Abbas als Mephisto darf wenig zeigen, manchmal blickt er spöttisch oder fragend ins Publikum, seine Bühnenpräsenz stimmt, etwas latent Unheilvolles geht von ihm aus, nur hat die Regie keine Verwendung für eine starke Figur - Mephisto bleibt blaß. So richtig wirken soll dieser Mephisto nicht - schade, Abbas hat Luft nach oben, die ihm die Regie nicht gewährt.
Als Gretchen hat Kim Schnitzer schöne Szenen und  starke Momente. Auch sie ist grob angelegt, etwas einfältig, etwas gerissen, etwas verschmitzt, als Gegenpol zu Mephisto gewinnt sie keine Konturen, als Figur bleibt sie stets sympathisch.
Marthe Schwerdtlein ist für Lisa Schlegel erneut eine große Rolle, ihr Auftritt in einer überdimensionierten Papiertüte ist originell und witzig. In den vielen geteilten chorischen Sprechrollen sowie in kleineren Rollen machen Luis Quintana (Valentin / Brander), Sven Daniel Bühler  (Wagner / Frosch / Mutter) und Meik van Severen (Hexe / Siebel) viel aus ihren Möglichkeiten. Für alle gilt: BRAVO! Man muß es mal wieder positiv anmerken: man hat wieder ein Ensemble im Karlsruher Schauspiel zusammen, mit dem man Rollen sinnvoll besetzen kann!
               
Fazit: Feigheit vor dem Text! Der Hinweis auf die Zielgruppe Schüler ist keine legitime Ausrede, um eine Tragödie zur Grotesken zu machen und sich um den Inhalt zu drücken.
 

Besetzung und Team:
Faust: Jannek Petri
Mephisto: Heisam Abbas
Gretchen: Kim Schnitzer
Marthe Schwerdtlein / Altmayer: Lisa Schlegel
Valentin / Brander: Luis Quintana
Wagner / Frosch: Sven Daniel Bühler
Hexe / Siebel: Meik van Severen

Regie: Michael Talke
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Inge Medert
Musik: Johannes Mittl