Montag, 22. Mai 2017

Die dezimierte Oper

Als Karlsruher Opernfan kann man für die Dezimierung der Sparte Oper durch die aktuelle Intendanz nur Unverständnis und auch Empörung übrig haben. Intendant Spuhler kürzte die Programmvielfalt in der Oper nach seinem Amtsantritt dramatisch, produzierte nur noch mit kurzem Planungshorizont und investierte lieber in neue Themen. Mehr Steuergelder bekam er für seine Ideen nicht, Stadt und Land duldeten seine Vorstellungen, sie honorierten sie aber nicht. Und dann, als feststand, daß er sogar weniger Steuergelder bekommt, rettete er nicht die Kronjuwelen, er legte nicht die zusätzlich von ihm lancierten Projekte wie bspw. das Volkstheater vorübergehend auf Eis, sondern bediente sich weiter an der Oper. In der kommenden Spielzeit gibt es nun sogar eine konzertante Oper ohne Bühnenbild. Man spart Regie- und Materialkosten in der Oper, steckt die konzertante Oper ins Abonnement, senkt aber nach aktuellem Stand nicht den Preis und verkauft sein Publikum für dumm. Dabei hat die Oper weit mehr Zuschauer (und vor allem zahlende Zuschauer) als das Volkstheater. Mit einer konzertanten Oper schreckt man wahrscheinlich bereits innerhalb weniger Vorstellungen mehr zahlende Zuschauer ab, als man im Volkstheater über eine ganze Spielzeit erreicht. Und was soll das überhaupt für eine Strategie sein, die Oper zu fördern, indem man das Opernprogramm monotoner gestaltet?

Bitter ist der Mangel an Offenheit und Transparenz bei den Entscheidungen des Intendanten. Ich habe die Spielzeithefte und Magazine durchgeschaut und meine Aufzeichnungen geprüft - nirgends fand ich offene Worte von Intendant Spuhler, mit denen er dem Publikum erklärte, wieso er die Opernvielfalt einschränken will. Auch im neuen Spielzeitheft für die Saison 2017/2018 findet man weder Entschuldigung noch Rechtfertigung, wieso das Opernprogramm während seiner Amtszeit erneut leiden muß. Und das muß klar formuliert sein: die Einsparungen bei der Oper sind eine Entscheidung des Intendanten. Er hätte die Möglichkeit gehabt, andere Maßnahmen zu ergreifen und das Programm anders aufzustellen.

Wenn man als regelmäßiger Besucher des Badischen Staatstheater nach Mannheim schielt und sieht, wie man dort an Nationaltheater ein vielfältiges Programm auf die Beine stellt und in Karlsruhe hingegen bereits vor der Kürzung des Budgets die Oper vom Intendanten zusammengestrichen wurde (hier der Vergleich 2006/07 und 2016/17), dann möchte man die Verantwortlichen in Karlsruhe mit Eiern und Tomaten bewerfen und sie aus dem Haus jagen. Mögen Sie doch lieber andere Theater verhunzen. Karlsruhe braucht frischen Wind und eine neue Intendanz, die wieder das Wertvolle fördern will. Man bekommt viele Millionen, um das Besondere, das Außergewöhnliche - nämlich die Hochkultur - zu fördern. Also all das, wofür man viel Talent und jahrelange Mühe und Ausbildung braucht, um es leisten zu können. Der konsequente Verzicht auf Mittelmaß und Durchschnittlichkeit ist die Leitlinie von nachhaltiger Theaterarbeit. Das trifft auch auf Personalfragen zu. Früher hatte man am Badischen Staatstheater Multitalente, die gleichermaßen als Dramaturgen und Regisseure tätig waren und sich dem Publikum mit eigener künstlerischer Handschrift zeigten. Intendant Spuhler setzt auf Administratoren und Delegierer, man hat niemand im Haus, der selber Regie führen und die konzertante Gounod-Oper Roméo et Juliette auf die Bühne bringen kann. Das künstlerische Eunuchentum -man weiß, wie es geht, man kann es aber nicht selber- kostet das Theater zu viel Geld. Der Fall des "Chefdramaturgen", der selber als Dramaturg für keine Abonnement-Produktionen tätig ist, ist ein eklatantes Beispiel. Eine Folge dieses künstlerischen Eunuchtentums ist auch, daß die Verantwortlichen gezwungen sind, in möglichst vielen Gremien tätig zu sein und sich für Positionen und Posten zur Verfügung stellen müssen, um sich als Amtsträger indirekt eine Reputation zu verschaffen, die ihnen direkt verwehrt ist, da ihnen die eigene künstlerische Tätigkeit fehlt. Die Intendanten Günter Könemann, Pavel Fieber und auch Achim Thorwald hatten diese Kompetenz und man sollte bei der Auswahl von Peter Spuhlers Nachfolge dieses Kriterium wieder berücksichtigen oder sich genau überlegen, ob man das Modell "Generalintendanz" nicht wie in Mannheim oder Stuttgart durch ein Intendanzteam ersetzen will, womit man vielleicht auch das vermeiden könnte, was in den letzten Jahren bei Intendant Spuhler wiederholt einen negativen Beigeschmack auslöste und was die Süddeutsche Zeitung vor Jahren analysierte: daß es ihm nicht um die Sache geht, sondern um Selbstdarstellung und Profilierungssucht. Man kocht sein eigenes Süppchen auf Kosten des Theaters und des Publikums.

Karlsruhe muß sparen, das Badische Staatstheater muß leider ebenfalls wieder und weiter sparen und über die letzten Jahrzehnte gab es diesen Spardruck immer wieder, am Ende der Intendanz Könemann und Thorwald konnte man schon beklagen, daß es der Politik nie um Kunst geht, sondern nur um Finanzen. Nun hat man auch noch einen Intendanten, dem es nicht um das Wesentliche geht und bei dem man den Eindruck bekommt, Posten, Pfründe und Profilierung für sich und seine Gefolgschaft stehen im Vordergrund. Mit ihm als Intendanten scheint das Theater tatsächlich Schaden nehmen zu können - das ist die bittere Aussage, die Intendant Spuhler mit seiner Entscheidung gegen die Oper übermittelt.

Kommentare:

  1. Wie wahr! Nur: wie kriegt man GI Spuhler und seinen Hofstaat weg? Der zuständige Bürgermeister Jäger ist nicht empfänglich für Kritik an den Vorgängen am Badischen Staatstheater, die zuständige Ministerin T. Bauer spuckt ihrem grünen Parteisympathisanten nicht in die landesbetriebliche Suppe und Herr Dr. Krüger (Gesellschaft der Freunde des Bad. Staatstheaters) versteht sich blendend mit Spuhler und sieht vermutlich keinen Anlass für eine nachhaltige Einflussnahme auf den Spielplan. Was meint die Händelgesellschaft wohl dazu?

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    1. Vielen Dank für den Kommentar. Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Politik wird über die eigene Fehlentscheidung keine Diskussion vom Zaun brechen oder sich aus politischer Nähe opportun verhalten. Eine eigene Meinung zu vertreten und dabei auch auf Konfrontationskurs zu gehen, ist nicht jedes Charakters Sache. Und für Finanzpolitiker ist Intendant Spuhler doch ideal, er bereitet die nächsten Einsparungsmöglichkeiten vor. Wenn sich niemand über die dezimierte Oper aufregt, kann man demnächst die Anzahl der Sänger reduzieren und die Sparte allmählich weiter verkleinern. Dafür spielt man dann billiges Volkstheater. Partzipatives Theater ist der neoliberale Weg zur Kostenreduktion bei der lobbylosen Hochkultur.

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    2. Wolfgang Kiefer30. Mai 2017 um 12:56

      Man kann über das Karlsruhe Theater viel klagen. Man kann aber nicht MEHR das Nationaltheater Mannheim als Vorbild anführen. Die Stadt Mannheim hat es fertiggebracht nach dem Flop mit Regula Gerber den in Stuttgart gefeuerten Puhlmann als Intendanten einzusetzen. Das wars dann wohl mit Mannheim. Die Wege werden weiter: Eine sehr gute Adresse ist Frankfurt. Bernd Loebe scheint keine Abwanderungsgelüste zu haben. Er ist übrigens auch ein nicht Regie führender Inttendant - genau wie Klaus Bachler. Er versteht aber sein Handwerk. Sic!

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    3. Vielen Dank Herr Kiefer! Sie haben recht. Das Gras ist anderswo immer grüner. Albrecht Puhlmanns erstes Jahr habe ich nicht im Detail verfolgt. Ich kenne nur einige Opern-Liebhaber, die Karlsruhe den Rücken gekehrt haben und eher Mannheim als ihr aktuelles Stammhaus bezeichnen. Wenn die zurückkehren, hat Karlsruhe alles richtig gemacht. Oder anders betrachtet: die Nationaloper macht dann etwas falsch.
      Da ich beruflich in Frankfurt zu tun habe, beobachte ich die hessische Metropole. Das Frankfurter Haus hat geglückte Jahre hinter sich. Man darf auf Titel nicht zu viel geben, aber als Indiz taugt es schon, daß zuletzt Frankfurt, Mannheim und Stuttgart "Opernhaus des Jahres" geworden sind.

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  2. Sehr geehrter Herr Kiefer,
    ich kann Ihren Ausführungen zu Mannheim nicht folgen.
    Zum einen kann man KA und MA durchaus vergleichen und letzteres Haus durchaus als Vorbild anführen, wenn es um Vielfalt bei Repertoire und Neuinszenierungen geht.
    Zum anderen sind Ihre Schwanengesänge auf Puhlmann nach nicht einmal einem Jahr Intendanz in der Quadratstadt etwas sehr verfrüht. Puhlmann hat Hannover bundesweit Anerkennung verschafft, sich aber - da haben Sie recht - in Stuttgart die Finger verbrannt. Nur lag das auch daran, dass es nach der Ära Zehelein jeder Nachfolger schwer gehabt hätte. Selbst Puhlmann-Kritiker kamen nach der Nichtverlängerung (nicht Kündigung) Puhlmanns nicht umhin zu konstatieren, dass Puhlmann einfach etwas mehr Zeit gebraucht hätte. Es muss schon bitter für ihn gewesen sein, ausgerechnet in dem Jahr nicht verlängert zu werden, als die Staatsoper mit dem Herheim-Rosenkavalier und dem Bieto-Parsifal einen Blockbuster nach dem anderen servierte.
    Dass Loebe übrigens keine Abwanderungsgelüste hätte, das wäre mir neu. Er hat eben nur keine renommierte Intendanz auftreiben können. In Frankfurt kann er ja mittlerweile machen, was er will, das ist der Barenboim Frankfurts. Gleichwohl ist seine Arbeit dort hervorragend, das stimmt.
    Florian Kaspar

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  3. Wolfgang Kiefer20. Juni 2017 um 10:38

    Sie schießen sich arg auf die Oper ein. Ich will Ihnen keineswegs wiedersprechen. Wie Kommt es aber, dass Sie das saft-und kraftlose Programm des Belletts so völlig ungeschoren lassen. Mir ist keine Companie in Deutschland bekannt, die sich so konsequent in der klassischen Mottenkiste vergräbt.

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    1. Es gibt zwei Aspekte beim Ballett: Erstens Birgit Keils künstlerische Ausrichtung, die sich in den letzten Jahren stark am Publikum orientierte - und das kommt vor allem zu einem klassisch geprägten Ballett mit Handlung. Das kann man kritisieren, ist aber meines Erachtens legitim und gehört zur Ausrichtung der Karlsruher Ballettdirektorin. Der Erfolg gibt ihr recht.

      Zweitens das Sparprogramm 2017/18: Daß es noch nicht mal eine richtige Premiere gibt, ist ein weiterer dunkler Fleck auf der Weste des Intendanten, der das Geld für seine Prestigeprojekte verwendet. Darauf kann man sich einschießen. Das Ballett gibt in der kommenden Spielzeit kein Geld für Neuproduktionen aus, sondern bringt zwei Wiederaufnahmen - das kann man, weil man sich in den Jahren unter Birgit Keil viele Klassiker erarbeitet hat, die dem Publikum gefallen. Hier ist im Vergleich zur Oper keine Repertoireproblem.

      Peter Spuhler kann sich bei seinem Abgang damit "rühmen", daß er das Ballett ignorierte und nicht besser gestellt hat, die Oper deutlich reduzierte und schwächte, im Schauspiel die Qualität drastisch senkte und sich seine Erfolgsbilanz auf die Gründung des Volkstheaters beschränkt und er das Kindertheater zur eigenen Sparte machte. Wenn er darüber nachdenkt, wird er vielleicht verstehen, wieso er bei seinen Bewerbungen für andere Theater bisher nur Absagen bekommen hat.

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