Samstag, 18. Februar 2017

Händel - Semele, 17.02.2017

Der Versuch, Oratorien zu inszenieren, hat in der Regel spröde und wenig überzeugende Folgen. Zum Auftakt der 40. Karlsruher Händel Festspiele gelang gestern, was sonst oft mißlingt - Händels Oratorium Semele ist kurzweilig und unterhaltsam. Der Jubel war groß beim Premierenpublikum.
  
Worum geht es?

König Cadmus hat zwei Töchter: Ino und Semele. Ino liebt den böotischen Prinz Athamas, der wiederum mit Semele verlobt ist. Seleme zielt höher: sie hat eine Liebesaffäre mit der menschlichen Gestalt des Gottes Jupiter (engl.: Jove) und wird von ihm in Gestalt eines Adlers bei der Hochzeit vom Altar entführt und in ein Liebesnest gebracht. Jupiters Ehefrau Juno ist nicht erfreut und schmiedet einen Racheplan, der sich Semeles Eitelkeit zunutze macht. Sie nähert sich Semele in Gestalt ihrer Schwester Ino und verrät ihr, daß sie unsterblich würde, wenn Jupiter sich ihr in seiner wahren Gestalt zeigt. Semele läßt Jupiter schwören, ihr einen Wunsch zu erfüllen und fordert, ihn als Gott sehen zu wollen. Junos Intrige funktioniert, der Anblick ihres Gatten verbrennt Semele. Ino nutzt die Chance und verkündet, daß Athamas im Auftrage Jupiters nun sie zu heiraten habe. Der Götterbote Apollo verkündet, daß Semeles Asche ein Phönix entstiegen ist - ein neuer Gott ist geboren: Bacchus.
  
Beziehungsgeflecht


    
 Was ist zu beachten?
30 Jahre lang komponierte Händel italienische Opern für London (1711: Rinaldo, 1741: Deidamia), bis das Londoner Publikum das Interesse verlor und konzertante englische Oratorien lukrativer wurden. Händel als wirtschaftlich denkender Komponist folgte den Bedürfnissen des Markts. Semele (uraufgeführt 1744) ist (wie auch Hercules) eine verkappte Oper, ein weltlich-mythologisches Werk und kein religiöses Erbauungsoratorium, Händel selber bezeichnete es als "after the manner of an oratorio". Das Thema über Ehebruch und Vergeltung, Sinnenfreuden und Erotik paßt so gar nicht in den sittlichen Rahmen des konzertanten Oratoriums, sondern wirkt wie eine ironische Transformation einer italienischen Oper für die Bedürfnisse eines sittenstrengeren englischen Zeitgeists. Im Barock war die politische Zuordnung etabliert: Jupiter/Zeus ist der Souverän, Juno/Hera seine Gattin und Semele seine Mätresse. Die mythologischen Quellen laden also zu einem ironischen und aktualisierenden Umgang mit der Handlung ein. Semele ist auch ein didaktisches Oratorium, das Gleichnis hatte seinen Ursprung in den politischen Gegebenheiten der Zeit, die Geschichte vom Scheitern einer Mätresse, die mehr sein will, gab es zu allen Zeiten. Und auch die Moral ist ironisch: aus Sinneslust entsteht Freude und Nachwuchs, kaschiert in christlicher Tradition; Apollo verkündet am Ende: "Apollo comes, to relieve your care, And future happiness declare. From Semele’s ashes a phoenix shall rise, The Joy of this earth, and delight of the skies. A god he shall prove More mighty than Love, And sighing and sorrow for ever prevent." Was hier mythologisch korrekt angekündigt wird, ist die Geburt von Bacchus/Dionysos, aber im Stile des Christentums: Bacchus wird hier wie Jesus zum Erlöser (und das ist in grober Sicht bildlich in der Bibel durchaus vorhanden: Ich bin der Weinstock  (Johannes 15,5), Das ist mein Blut (Matthäus 26, 28)). Semele ist Allegorie und Gleichnis, Mythos wird politisch, Sitte wird sinnlich, wer damals stark religiös geprägt war, wird Semele als unschicklich empfunden haben - für jeden Regisseur ein dankbares Feld.
             
Was ist zu sehen?
Regisseur Floris Visser hat das erkannt und versetzt die Handlung in die USA. Dem Inszenierungsteam gelingt es dabei, diese mythologische Geschichte kurzweilig, überzeugend und mit leichter Hand ins politische Heute zu transformieren - man kann die Handlung anders, aber nicht besser in Szene setzen. Jupiter ist der amerikanische Präsident, Juno ist die First Lady, die Figur der Semele erinnert von fern an die Affäre, die Bill Clinton vor knapp 20 Jahren im Weißen Haus mit der Praktikantin Monica Lewinsky hatte. Bühne und Kostüme von Gideon Davey imitieren mit einem Kuppelbau amerikanische Machtarchitektur - die Handlung wird komplett nach Washington transferiert. Athamas wird zum US-Offizier, Cadmus und seine Töchter gehören zur Machtelite, Juno zahlt Cadmus Geld, um seine Tochter mit einer Ehe aus der Reichweite des Präsidenten zu bringen. Die Entführung Semeles geschieht durch militärische Spezialkräfte. Juno geht es um ihre Macht als First Lady, sie will Semele stürzen. Somnus - der Gott des Schlafes - ist der Sicherheitsexperte, der mit Kameras die Zuflucht Jupiters und Semeles bewacht. Semele wird von den Medien und den Blitzlichtern "verbrannt", die sie durch ihre Berichterstattung bloß stellen und ein normales Leben für Semele unmöglich machen; sie und ihr Kind sterben. Jupiter tritt als Apollo auf, die Geburt Bacchus wird zum Wahlkampf-Gerede. Am Ende triumphiert der Opportunismus der Macht.
   
Was ist zu hören?
Musikalisch gehört Semele zu Händels schwächeren Werken, es hat kaum eingängliche Melodien oder bemerkenswerte Arien, im Vergleich zu den Opern mangelt es der Musik trotz des Sujets an Sinnlichkeit und Leidenschaft. Dennoch war das Festspielorchester der Deutschen Händel-Solisten gestern umjubelt - wie gewohnt spielten sie mit einem wunderbaren flexiblen Klang, den man so nur selten hört. Dirigent Christopher Moulds setzte auf Spielfluß; er begleite die Sänger vorbildlich, gelegentlich konnte man sich wünschen, daß er noch stärker akzentuieren und in den Vordergrund treten würde. (Nächste Woche bei Arminio wird man den Unterschied hören können).
Als Semele steigerte sich Jennifer France gestern von Akt zu Akt, am Anfang wirkte sie noch etwas verhalten, im dritten Akt lief sie zu großer Form auf. Ihre Semele ist vielleicht ein wenig zu mädchenhaft, etwas mehr Sinnlichkeit und Verführung könnten noch hinzukommen. Geradezu eine ideale Wahl ist der Tenor Ed Lyon als Jupiter / Apollo - ein schön klingender und koloratursicherer Tenor, der auch noch das Aussehen und die sportliche Figur hat, um seine Rolle  typgerecht zu verkörpern. Bravo!
Den ersten großen Szenenapplaus hatte gestern Katharine Tier, die als Präsidentengattin Juno mit hoher Bühnenpräsenz ihre Rolle spielte. Als Athamas hatte Countertenor Terry Wey die erste bemerkenswerte Arie am Ende des 1. Akts. Nicht richtig warm wurde Dilara Baştar mit ihrer Rolle als Ino - ihre Stimme blieb auf Distanz zur Figur, ihr fehlte die Emotionalität. Die Szene zwischen Athamas und Ino im ersten Akt war der sterilste Moment des Premierenabends. Viel Applaus gab es auch für die kleineren Rollen: Edward Gauntt als Cadmus / Priester, Hannah Bradbury als Iris, Yang Xu als Somnus und Ilkin Alpay als Cupid sowie einen sehr gut aufgelegten Festspielchor.

Fazit: Viele Bravos und starker Applaus, eine kurzweilige Inszenierung und überzeugende Darbietung - Bravo! Nur schade, daß Semele nicht zu Händels stärksten Werken gehört - aber das ist persönliche Ansicht.

Nachtrag:  Die New York City Opera soll 2006 ein ähnliches Konzept umgesetzt haben: Jupiter wurde zu John F. Kennedy, Semele zu Marilyn Monroe.

PS: Im Publikum sah man u.a. den Begründer der Karlsruher Händel Festspiele Günter Könemann, der auch im diesjährigen Programmheft interviewt wird. Wolfgang Sieber verteilte nach der Premiere Blumen an die Künstler. Sieber war von 1980 (dem Jahr, im dem Semele zuletzt szenisch in Karlsruhe auf die Bühne kam, Regie hatte Jean-Louis Martinoty, Dirigent war Charles Farncombe) bis 2007 fast 27 Jahre lang Verwaltungsdirektor des Badischen Staatstheaters. Seitdem ist er regelmäßiger Gast und hängt auch zehn Jahre nach seiner Verabschiedung offensichtlich noch immer mit ganzem Herzen am Badischen Staatstheater.

Team und Besetzung:
Semele: Jennifer France
Jupiter / Apollo: Ed Lyon
Ino: Dilara Baştar
Juno:  Katharine Tier
Athamas: Terry Wey
Cadmus / Priester: Edward Gauntt
Iris: Hannah Bradbury
Somnus: Yang Xu
Cupid: Ilkin Alpay

Deutsche Händel-Solisten
Musikalische Leitung: Christopher Moulds
Einstudierung Festspiel-Chor: Carsten Wiebusch

Regie: Floris Visser
Bühne & Kostüme: Gideon Davey
Licht: Alex Brok