Sonntag, 29. Dezember 2013

Rokokotheater Schwetzingen: Traetta - Ifigenia in Tauride, 28.12.2013

In der Reihe des Heidelberger Theaters "Winter in Schwetzingen" präsentiert man in diesem Jahr einen weiteren heute weitgehend unbekannten Komponisten der neapolitanischen Schule: Tommaso Traetta (*1727 †1779) komponierte über 40 Opern . Der deutsche Schriftseller Wilhelm Heinse  schrieb um 1790: »Traetta hat ein erstaunlich reines zartes Gefühl. In seinem Herzen muß manche Leidenschaft in ihrer Fülle gekämpft haben; er trifft auf ein Haar den Ton von Traurigkeit, Schauder, Schrecken, kühnen Entschlüssen, Übergängen aus einer Leidenschaft in die andre; und besonders von dem Leiden edler Seelen.« Traetta war einer der großen Opern-Komponisten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und steht neben anderen heute oft vergessenen Namen: Hasse, Jommelli (der 16 Jahre lang Hofkapellmeister am würtembergischen Hof war), Majo, Graun, Piccini  oder der Reformator Gluck, der heute auch für viele der einzige Name ist, der zwischen Händel und Mozart bekannt geblieben ist.

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Schnitzler - Der Einsame Weg, 18.12.2013

Abschied kann schmerzlich sein
Schnitzlers Schauspiel Der Einsame Weg im Kleinen Haus bietet die Möglichkeit, sich von zwei der charismatischsten Karlsruher Schauspieler des letzten Jahrzehnts zu verabschieden: Georg Krause und Timo Tank verlassen im Verlauf der Saison im 12. Jahr ihrer Zugehörigkeit das Ensemble. Beide hatten viele große Momente, beide hatten Rollen die ihnen besser und manchmal schlechter lagen, beide spielten in Inszenierungen, die nur durch sie lebten - kurz: beide sind große Schauspieler, an die man sich erinnern wird und die einen Maßstab aufgestellt haben, an denen sich andere messen lassen müssen.

Georg Krause ist der Schauspieler für die besonderen Momente. Ich habe bisher keinen Schauspieler erlebt, der wie er in der Lage war, eine Situation auf die Spitze zu treiben. Unvergessen bleiben für mich z.B. seine Auftritte in Tartuffe, der Affäre Rue de Lourcine, Was ihr wollt, dem Sommernachtstraum und als Brandner Kasper. In 25 Jahren als Theaterbesucher habe ich keinen anderen Schauspieler erlebt, der wie er seinen Zuschauern die Lachtränen in die Augen treiben kann und die Zwerchfellmuskulatur seines Publikums in einem Maße strapaziert, daß er sich nicht hätte wundern dürfen, wenn ihm durch Herbeiführen von Lachmuskelkrämpfen ein juristisches Nachspiel wegen Körperverletzung gedroht hätte. Diese Steigerungen kamen immer unerwartet und stellten fast explosionsmäßige Höhepunkte innerhalb der schönsten Schauspielabende dar.

Mit Timo Tank verlässt der derzeit vielseitigste Schauspieler das Ensemble, der es wie kein anderer geschafft hat, sich in zahllosen Hauptrollen ein ausgezeichnetes Renommée zu erarbeiten. Erinnert sich noch jemand an Der Diener zweier Herren? Als Truffaldino verzauberte Tank buchstäblich das Publikum; das Essen eines Kekses wurde bei ihm zum großen Schauspielmoment. Überhaupt die Zwischentöne sind es, die er wie kein anderer in vielen Haupt- und auch Nebenrollen beherrscht. Für seinen 40minütigen Solo-Autritt in My Secret Garden (mehr dazu hier) wurde er in der Jahresumfrage 2013 unter 44 Kritikern der Fachzeitschrift „Theater heute“ als Schauspieler des Jahres nominiert.

Georg Krause und Timo Tank waren für mich in den vergangenen Jahren maßstabsbildend und zeigten mir, daß man nicht nach Frankfurt oder Stuttgart fahren muß, um herausragend gute Schauspieler und tolles Theater zu sehen. Ihr Weggang ist ein Verlust.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Tschaikowsky - Der Nußknacker, 17.12.2013

Alle Jahre wieder gehört es zu den schönsten Erlebnissen, die man in Karlsruhe kurz vor Weihnachten haben kann, in Youri Vámos herzerwärmende Choreographie des Nußknackers (mehr dazu hier und hier) zu gehen. Vámos erzählt die Handlung neu und setzte nicht die ursprünglich in französischer Übersetzung entschärfte Version der literarischen Vorlage von E.T.A. Hoffmanns Nußknacker und Mausekönig um, sondern Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte A Christmas Carol.

Auch gestern war die Wiederaufnahme restlos ausverkauft und zauberte ihren ca. 1100 lang und kräftig applaudierenden Zuschauern (darunter sensationell viele junge Besucher im Bereich 20 +/- x) ein glücklich zufriedenes Lächeln auf die Lippen. Unverändert sind in den Hauptrollen die Solisten Bruna Andrade als Weihnachtsgeist, Flavio Salamanka als Nußknackergeist, Sabrina Velloso als Clara sowie Admill Kuyler als Scrooge zu sehen. Vor allem Salamanka gebührt mal wieder ein großes Lob: unglaublich mit welch souveräner Lässigkeit er seine Rolle tanzt und seine Partnerin stützt, fängt und hebt. Bei ihm sieht es aus, als wäre es eine Kleinigkeit. Bravo! Als Todesgeist debütierte gestern Arman Aslizadyan in der Rolle, die Diego de Paula 2010 so unübertroffen gestaltete und die in den letzten beiden Jahren von Zhi Le Xu getanzt wurde. Aslizadyan zeigte einen guten Einstand und spielte auch das humorvoll Kokette seiner Rolle überzeugend.  Einen besonders guten Eindruck hinterließen gestern auch Blythe Newman und Reginaldo Oliveira im arabischen und Moeka Katsuki im chinesischen Tanz. Der russische Tanz war hingegen nur noch mit einem Tänzer besetzt anstatt wie früher mit zwei. Es war insgesamt eine sehr fröhliche Aufführung, aber wie fast immer bei Wiederaufnahmen gab es noch Wackler und Abstimmungsmankos in den großen Szenen (symptomatisch die Bärenfellgarde) beim Karlsruher Staatsballett, die man aber auch den vielen Umbesetzungen zuschreiben kann.
 
Ein Steigerung zeigte Dirigent Steven Moore, der letztes Jahr noch nicht ganz so viel aus der Partitur holte wie sein Vorgänger Christoph Gedschold, bei dem das Orchester farbenreicher, differenzierter und auch opulenter aufspielte - was Geschold auch gerade bei Dornröschen wieder belegte. Moore war letztes Jahr ein wenig zu eintönig und überraschte dieses Jahr mit einem deutlichen Plus an Ausdruck und Variabilität und insgesamt einer sehr guten Orchesterleistung.

Tipp: Wie der Nußknacker klingen kann, ist auf diversen Tonträgern belegt. Wer sich Tschaikowsky noch mal anhören möchte, der kann sich beispielsweise folgende besonders gelungene Einspielung zulegen: Die Aufnahme des Dirigenten Antal Dorati mit dem London Symphony Orchestra ist eine fast schon frenetische Konzertversion, die viel zu rasant ist als daß man zu ihr tanzen könnte und mehr erklingen lässt als man sonst hört. Der Dirigent galt als Experte und hat das Ballett meines Wissens auch mit mindestens einem anderen Orchestern eingespielt. Die Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra entstand vor ca. 50 Jahren und ist bei Philips erschienen.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Strauß - Die Fledermaus, 14.12.2013

Was für eine vermurkste und sinnschwache Inszenierung der Fledermaus! Die gestrige Premiere endete mit gespaltenen Reaktionen - viel Applaus für Sänger und Musiker und Kopfschütteln für eine gruselige Regie.

Zur Inszenierung(1): Gegen-den-Kamm-bürsten aus Originalitätszwang
Die letzte Karlsruher Fledermaus in der Spielzeit 2001/02 war ein Geschenk des damaligen Intendanten und Regisseurs Pavel Fieber an sein Publikum: keine Neu-Deutung, keine Psychologie, dafür dekorative Bühnenbilder und aufwändige Kostüme, nur Prinz Orlofsky hatte zwei Begleiterinnen im knappen Leder-Outfit mit Peitsche, aber das war schon die mutigste Entscheidung des Regisseurs. Ansonsten war es eine Fledermaus zum Wohlfühlen und Amüsieren und ein sehr großer Erfolg.

Leicht macht es diese neue Inszenierung von Lorenzo Fioroni dem Publikum leider nicht. Sie frägt nach dem 'Woher?', nicht nach dem 'Wohin?' und untersucht die Ursachen, nicht die Folgen. Der leichte Operettenstoff wird mit einem profunden 'Warum?' verknüpft. Eine "melancholische Stimmung", "Wehmut und Nostalgie" haftet laut der Dramaturgie der Musik an, eine "melancholische Weltflucht", die "Sehnsucht die eigene Identität zu verlassen" ist es, die die Figuren "vor der Lebenswirklichkeit in eine Traumwelt" treibt. Die Figuren der Fledermaus versuchen die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen  und "den Grenzen und Zwängen ihrer sozialen Rollen zu entfliehen; zumindest kurzfristig", so die Thesen dieser Inszenierung. Wie konnte man als Zuhörer bisher nur so taub gegenüber dieser tieftraurigen Konstellation sein?, wird sich vielleicht der eine oder andere fragen. Die verzweifelte Flucht vor der Erdenschwere überwiegt also diese Interpretation, nicht die vergnügte Attraktion des Spiels und der Abwechslung. Es ist eine psychologische Studie, die auch darin Ausdruck findet, daß Dr. Falke in dieser Inszenierung wie Sigmund Freud kostümiert ist und das Unbehagen in der Kultur analysiert. Strauß' Fledermaus als Vorläufer von Freud - das Ergebnis wird beiden nicht gerecht.
 
Was ist zu sehen?
Tja, wie lässt sich dieser Regie-Unfall am besten beschreiben ohne selber zu stocken und nicht weiter zu wissen - denn das ist es, was es zu beschreiben gilt. Es handelt sich um eine Inszenierung, die nicht für sich selber sprechen kann. Das Programmheft des Badischen Staatstheater beschönigt das Konzept vielleicht noch am freundlichsten:
"Das Bühnenbild zeigt uns ein alt-ehrwürdiges Gemäuer, das sich als Theater-Gebäude entpuppt, in dem die scheinbar vergessene Vergangenheit mit ihren glänzenden Vorstellungen und festlichen Bällen noch präsent ist und herumspukt. Die Geister des Theaters haben die Bühne nie verlassen und quellen aus den Ritzen und Löchern des Raums hervor. Sie feiern nicht nur die Feste vergangener Jahrzehnte wieder und wieder, sondern erwecken das Theater zu neuem Leben. Sie lechzen nach dem Rampenlicht, nach neuen Geschichten und wahrhaftigen Emotionen."
Ah ja. Also nicht wundern: es spukt auf der Bühne und seltsame Stimmen kommen aus dem Lautsprecher. Passend dazu ist die Rolle des  Prinzen Orlofsky konzipiert, der als greiser, verbitterter Herbert von Karajan einfach nicht abtreten will und weiter dirigiert. Das Gefängnis im letzten Akt ist kein Gefängnis, sondern ein psychologischer Ort: "Das Gefängnis, das der Freiheit des Individuums Grenzen setzt, ist vielleicht schon das eheliche Heim der Eisensteins, der Ballsaal von Prinz Orlofsky, Sinnbild für gedankenlose Vergnügungssucht, oder die soziale Rolle, die man auszufüllen hat." Die Fledermaus wird also zur Operette über existentialistische Krisen und nostalgische Sehnsucht. Das Ergebnis ist blutleer und öde und damit passend zu den Geistern und Untoten, die der Regisseur auf die Bühne holt. Dazu kommen seltsame Entscheidungen: Der zweite Akt wird bspw. unpassenderweise mittig durch die Pause geteilt, indem man den Radetzkymarsch spielt, der wie ein Fremdkörper die Handlung unterbricht und zumindest schwungvoll die Pause einleitet.

Zur Inszenierung (2): Eine Regie-Collage oder "Was soll das alles?"
Acht Tage vor der Premiere meldete das Staatstheater, daß Thilo Reinhardt als Regisseur übernommen hat und die Produktion für den erkrankten Lorenzo Fioroni zu Ende führt. Nach der gestrigen Premiere könnten Verschwörungstheoretiker glauben, daß das nicht ganz den Tatsachen entsprach und man von Staatstheaterseite eventuell noch damit einen Rettungsversuch startete. Die neue Karlsruher Fledermaus wirkt seltsam heterogen und halbfertig, die gesprochenen Dialoge und Spielszenen lassen den Spannungspegel immer wieder auf Belanglosigkeitsniveau absinken und nur durch musikalische Wiederbelebungsversuche gewinnt man Fahrt. Wie überhaupt die Regie zwar durchaus Ideen und Einfälle hat, aber nicht weiß, wie sie ihre Ziele erreichen soll. So ergibt sich für viele ein läppischer und überwiegend humorloser Abend, der den gewohnten Karlsruher Ansprüchen nicht gerecht wird.

Zur Inszenierung (3): Therapiebedürftig?
Woher kommt das Streben nach Amüsement und Abenteuer in dieser Operette? Ausgelassenheit und Rauschzustände, Verschwendung und Augenblicksgenuß schlagen eine Kerbe in die Zeitlinie - ohne Unvernunft wäre alles Alltägliche ohne Farbakzente. "Gut gelaunte, champagnergeschwängerte Gesänge" haben ihren Zweck, denn was bedeutet das Amüsement der Fledermaus anderes als die Intensivierung des Alltags. Es sind nicht zwangsweise Verzweiflung und Verbitterung, Gedankenlosigkeit oder Bosheit, die die Figuren der Fledermaus ausmachen. In dieser Hinsicht ist das Regiekonzept zu einseitig. Und auch moralisch lässt sich in dieser Operette nichts bewerten. Die Fledermaus - das ist die heldenfreie Operette über menschliche Unzulänglichkeiten, über Schadenfreude, Heuchelei und Betrug, auch über Vergeltung und Rache. Man kann zwar alle möglichen Krisen (individuelle, gesellschaftliche und ökonomische) und kulturelle Uneigentlichkeiten bemühen, aber auch dafür findet sich bei Freud eine Erklärung: die Sättigung eines gezähmten Triebes verspricht weniger Glücksgefühl. Die Unwiderstehlichkeit ..., vielleicht der Anreiz des Verbotenen überhaupt, findet hierin eine ökonomische Erklärung. Die Fledermaus ist eine menschliche Operette, deren Figuren nicht durch Krisen zu dem wurden, was sie sind. Freuds Buntheit der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens ist so vielfarbig, daß es vielen im Publikum widerstrebte, die Hauptpersonen der Fledermaus als therapiebedürftig anzuerkennen. Auch darin ging das Regiekonzept fehl.

Und musikalisch?
Gewinner des Abends waren Justin Brown und die Badische Staatskapelle, die eine Fledermaus musizierten, wie man sie nicht oft hört: vielfarbig, opulent und rasant. Vor allem in den großen Ensembles mit den sehr gut klingenden Chor erreichte man einen beeindruckend runden und homogenen Klang.
Für die Sänger gab es ebenfalls viel Applaus und dennoch Einschränkungen: Heidi Melton singt als Rosalind alle(s) in Grund und Boden - beeindruckend, aber in hohem Maße diskutabel, ob eine Wagner-Stimme zu Strauß passt. Der Zweifel ist berechtigt. Als Rosalinde ist sie immer wieder unfreiwillig komisch und auch kostümtechnisch hat man ihr keinen Gefallen getan. Ina Schlingensiepen bekam den meisten Einzelapplaus. Nur schade, daß der Regisseur für die Rolle der Adele wenig mehr Einfälle hatte als ein nörgelnd-nölendes Kalauern. Die junge Christina Bock ist gerade erst vom Opernstudio kommend seit dieser Spielzeit im Ensemble und ist stimmlich schon beeindruckend gut, doch als Orlofsky ist sie noch zu jung, das Abgründige der Figur geht zu sehr unter. Gute Momente hatten auch die Routiniers: Matthias Wohlbrecht als zwielichtiger Eisenstein, Eleazar Rodriguez als höhensicherer Alfred und Edward Gauntt als Frank.
Die meisten Lacher hatte Pavel Fieber als Frosch - kein Wunder, denn der frühere Intendant und Regisseur der letzen  Fledermaus wiederholte einige seiner besten Einfälle von vor 12 Jahren. Ein Kunstgriff, der sich bei dieser Fledermaus nicht anbietet, wenn man sich im nächsten Jahrzehnt an die nächste Inszenierung macht: gute Einfälle sucht man vergeblich.

Fazit(1): Leere Gesten, platte Szenen, eine Abfolge von Improvisationen und Halbfertigem, um über die Runden zu kommen. Den besten Tipp, den man für diese Fledermaus geben kann, lautet vielleicht: "Nicht mitdenken!" Der Versuch die Regie zu ergründen, endet in Frust. Also zuhören und wenn man dem sinnschwachen Treiben mal nicht zuschauen möchte, dann hat man viel Freude, wenn man Justin Brown beim Dirigieren beobachtet.

Fazit(2): Wieder eine Regie, bei der man als Stammzuschauer Herzblut vergießt. Mißerfolge gehören zum Inszenierungsrisiko, aber dennoch muß man beim Badischen Staatstheater achtgeben, daß man sich eines Tages nicht rückblickend an die Intendanz von Peter Spuhler als eine Zeit der legendären Pleiten erinnert: Lohengrin oder Stücke wie Auf Kolonos und Wie es euch gefällt verschwanden zu Recht sehr schnell wieder vom Spielplan und auch diese Fledermaus verdient ein baldiges Verschwinden.

Besetzung & Team
Rosalinde: Heidi Melton
Gabriel von Eisenstein: Matthias Wohlbrecht
Adele: Ina Schlingensiepen
Alfred: Eleazar Rodriguez
Prinz Orlofsky: Christina Bock
Dr. Falke:  Gabriel Urrutia Benet
Frank: Edward Gauntt
Ida: Larissa Wäspy
Dr. Blind: Hans-Jörg Weinschenk
Frosch: Pavel Fieber

Dirigent: Justin Brown
Chor: Stefan Neubert
Regie: Lorenzo Fioroni / Thilo Reinhardt
Bühne: Ralf Käselau
Kostüme: Sabine Blickenstorfer

Dienstag, 10. Dezember 2013

Hübner/Nemitz - Richtfest, 09.12.2013

Die Richtfest-Premiere vor knapp 10 Tagen war ein großer Erfolg (mehr dazu hier) und auch die gestrige dritte Aufführung bestätigt den sehr guten Eindruck: die Inszenierung ist auf den Punkt und getragen von sehr guten Schauspielern. Es fällt weiterhin schwer jemanden hervorheben, dennoch sind es besonders Gunnar Schmidt und André Wagner sowie Lisa Schlegel und Sophia Löffler, die das Geschehen immer wieder prägen. Es lohnt sich bei dieser Inszenierung in den Gesichtern der nicht sprechenden Figuren zu lesen. Man kann dort mehr bemerken, als man beim einmaligen Besuch wahrnehmen kann. Beim zweiten Anschauen ergaben sich gestern wieder ganz neue starke Momente und auch einen dritten und vierten Besuch des Karlsruher Richtfests kann ich mir gut vorstellen. Bravo an alle Beteiligte!
Gestern war noch nicht ganz ausverkauft. Das sollte sich hoffentlich bald ändern. Richtfest ist turbulenter und spannender als der gemächlichere und harmlosere Vorname.

Es war zuletzt ein langer und immer wieder qualvoller Weg als Zuschauer des Karlsruher Schauspiels. Aber nach fast 2,5 Jahren mit neuer Schauspieldirektion habe ich mir gestern endlich wieder etwas Selbstverständlichkeit zurückerobern können. Zum ersten Mal seit dem Intendanzwechsel habe ich mir eine Schauspiel-Inszenierung zum zweiten Mal angeschaut - und das mit großer Freude. Es gab zuvor zwar schon andere Kandidaten für eine Zweitbesichtigung, aber berechtige Vorbehalte oder inhaltliche Inkongruenzen aufgrund des beengenden Zielgruppencharakters überwogen meistens meine Planungen. Mit Kabale und Liebe, dem KSC-Projekt und Richtfest hat man es zu Beginn der dritten Spielzeit endlich geschafft, ein wenig Normalität einziehen zu lassen. Die stereotyp verunglückte Endstation Sehnsucht soll hier als fehlgeschlagenes Experiment deshalb nur schwach zu Buche schlagen.

Die Gesamtbilanz bleibt zwar weiterhin negativ, aber das zarte Pflänzchen Aufwärtstrend hat hoffentlich auch Ende Januar nach den zwei nächsten relevanten Premieren Bestand. Nur schade, daß der Rest der Spielzeit danach wieder fast keine interessante Produktionen zu bieten hat und verflacht oder wieder nur spezielle Zielgruppen bedient und andere Zuschauer ausgrenzt. Zumindest untheatralisch wird es zugehen: Doku-Theater zur NSU, klischeebehaftetes Schülertheater mit Maienschlager, ein hunderte Seiten langer Hermann Hesse Roman als Bühnenadaption. Mit Gas I+II von Georg Kaiser hat man zwar auch ein Theaterstück im Programm, allerdings fand die Premiere bereits im Sommer dieses Jahrs bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen statt und wurde von der Kritik überwiegend ohne Emphase trocken besprochen.

Nach Shakespeares Sommernachtstraum und der Komödie Benefiz Ende Januar ist die Spielzeit also fast schon beendet und nur die Theater in Frankfurt, Stuttgart und evtl. anderswo können Asyl bieten, während man als Theater-Fan in Karlsruhe ca. 9 Monate (!) auf die nächste richtige Premiere zu Beginn der kommenden Spielzeit warten muß. Es scheint als würde das zarte Pflänzchen Aufwärtstrend 2014 sang- und klanglos vertrocknen. Aber immerhin hatte man für eine kurze Zeit mal wieder den Eindruck qualitativer Normalität.

Hallo liebes Staatstheater!
Traut euch! Gutes Theater ist dem Publikum zumutbar! Karlsruhe verträgt Theater auf dem Niveau von Frankfurt oder anderen Städten. Daß man kein Vertrauen in die eigene Qualität als Schauspiel hat und auf Senioren-, Schüler-, Beschallungs- und anderes Zielgruppentheater setzt, spricht nicht für das Selbstvertrauen und die Anspruchshaltung, die man von den Theaterverantwortlichen in Karlsruhe gewohnt war.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Britten - Peter Grimes, 30.11.2013

Bereits die Premiere (mehr dazu hier) war beeindruckend und beklemmend und auch gestern erwies sich Peter Grimes als publikumswirksame Produktion. Vor allem die großen Chorszenen, die symphonischen Zwischenspiele (bei denen mal gelegentlich gar nicht so sehr auf das fast zu dichte Bühnengeschehen achten sollte, sondern auch bewusst zuhören), das Frauenquartett zu Beginn des zweiten Akts, u.v.a.m - was für starke Momente und wunderbare Musik!

Aldens eindeutige Inszenierung ist wirkungsvoll und interessanterweise hört man in Gesprächen viele unterschiedliche Wahrnehmungen, was an dieser Inszenierung großen und teilweise verstörenden Eindruck hinterlässt: die Stigmatisierung des Außenseiters, die Massenszenen, die sich zu beklemmender Intensität aufschwingen und besonders der Chor, der mit größter Überzeugungskraft im dritten Akt bedrohlich "Peter Grimes" fordert, das gelungene Bühnenbild, die ausdrucksstarken Rollenzeichnungen (auch in den Nebenrollen), sogar die symbolische Ermordung Peter Grimes - abseits individueller Geschmacksvorlieben muß man dem Inszenierungsteam eine sehr gute und einfallsreiche Arbeit attestieren, deren diskussionswürdigen Szenen konstruktiv diskutabel sind.

Am gestrigen Samstag fand schon die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit (und überhaupt?) statt. Es ist ein wenig schade, daß Operndirektor Schaback seine Programmpunkte immer wieder nur blöckeweise spielen lässt, statt zum Spielplan-Reichtum beizutragen und jeden Monat möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Über einen längeren Zeitraum hätte sich die Qualität dieser Oper besser herumgesprochen. Ein wenig Geduld ist manchmal angebracht - gerade die schwierigen Opern, bei denen Operndirektor Schaback bisher die interessantesten Inszenierungen fand, hätten eine Chance verdient gehabt. Wirklich schade, daß das nun bereits schon ein Abschied ist.

Fazit: Musikalisch war die fast ausverkaufte gestrige Vorstellung ein Genuß und ein Ereignis, das das Publikum spürbar faszinierte. John Treleaven (in dieser Rolle erneut tief beeindruckend) und Christina Niessen, Rebecca Raffell und Jaco Venter, Katharine Tier und Gabriel Urrutia Benet sowie alle anderen Sänger und dazu Justin Brown und die Badische Staatskapelle: Bravo! Der lange Applaus des Publikums war hochverdient. Besser hört man es auch nicht anderswo.