Dienstag, 30. April 2013

5. Symphoniekonzert, 29.04.2013

Um eine Response, also eine Erwiderung bzw. Antwort zu verstehen, ist es nützlich, die Ursprungsaussage zu kennen. Jonny Greenwoods (*1971) Orchesterstück 48 Responses to Polymorphia aus dem Jahr 2005 ist eine Erwiderung auf Polymorphia für 48 Streichinstrumente des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki aus dem Jahr 1961. Pendereckis Polymorphia klingt wie die Hintergrund-Musik eines nervenzerreissenden Horror-Films - und tatsächlich wurden Ausschnitte daraus 1980 für den Film Shining des Regisseurs Stanley Kubrick verwendet (Hauptdarsteller Jack Nicholson versucht darin in einem eingeschneiten leeren Hotel seine Familie mit einer Axt zu erschlagen). Penderecki lässt das ca. zehnminütige Polymorhia mit einer Pointe enden: mit einem C-Dur-Akkord. Diesen verwendet Greenwood, um seine neun (nicht 48) Variationen jeweils damit zu beginnen und ihn dann zu verfremden. Nach einer persönlichen Einleitung durch GMD Justin Brown und 15 mäßig unterhaltenden Minuten mit Klangeffekten anstelle von Musik, versöhnte der rhythmische Schlußteil das Publikum zu etwas zu starkem Applaus und bewies, daß es der letzte Eindruck ist, der entscheidet.

Mit Maximilian Hornung hat man einen sehr jungen und bereits sehr renommierten Cellisten engagieren können, der gestern tadellos musizierte und sich mit einem schwierigen Konzert vorstellte, nämlich das des Polen Witold Lutoslawski (*1913 †1994). Dieses 1969/70 entstandene Cellokonzert hat einen programmatischen Hintergrund: Eine einzelne Stimme gegen die Machthaber und die Gleichgültigen, so beschreibt es das Programmheft. Und tatsächlich hört man die Qual und buchstäblich das Wimmern und Winseln des geschundenen und unterdrückten Künstlers im osteuropäischen Sozialismus des Kalten Krieges. Doch auch wer Zahnschmerzen gerne sinnlich-musikalisch erleben will, der kann dieses Konzert als narkosefreie Behandlungserinnerung zur Vorbereitung und Abhärtung hören. Das 30minütige Konzert-Martyrium endet nach zwischenzeitlich akutem, bohrendem, ja panischem Schmerz ungelindert. Ein nervenaufreibendes Konzert, das man nicht regelmäßig ertragen möchte, vor allem nicht, wenn es so intensiv wie von Maximilian Hornung gespielt wird.
Die Zugabe war dann klug zur Erholung kombiniert: Bachs Prélude aus seiner ersten Cello-Suite erklang wie ein helles Aquarell mit leichtem Pinselstrich gemalt.

Nach der Pause dann ein Hauptwerk deutscher Orchestermusik: Johannes Brahms' vierte Symphonie, deren Partitur als eine der schwierigsten und kompliziertesten des Komponisten gilt: ein Meisterwerk der Variationenentwicklung, aber auch ein Werk, dessen Charaker schwer zu bestimmen ist. War es Clara Schumann, die als erstes diesem Werk einen sehr männlichen und herben Charakter attestierte? Bei Justin Brown konnte man diese Aussage nachempfinden: herb mit geheimmisvoll unklaren tragischen Verstrickungen. Der erste Satz steigerte sich verschlungen zu dunkler Leidenschaft. Dem feierlichen und am Ende fast schon sakral endenden zweiten Satz folgte ein fröhliches und teilweise überbordendes Allegro giocoso. Das abschließende Allegro energico e passionato führte zu keiner Stimmungsaufhellung. Justin Brown ließ die Badische Staatskapelle immer wieder energisch aufspielen und steigerte Brahms in den Höhepunkten zu etwas Unerbittlichem.

Ein sehr schönes Konzert des Orchesters (trotz einiger Unkonzentriertheiten bei Brahms), des groß aufspielenden Solisten und des souveränen Dirigenten Justin Brown, das mit viel Applaus belohnt wurde.

PS: Und einen Dank muß man in diesem Jahr bereits jetzt aussprechen, nämlich für die Gast-Solisten. Mit Maximilian Hornung, Benjamin Moser und Boris Berezovsky hatte man bisher herausragend gute Musiker engagiert. Gideon Kremer folgt zum Abschluß der Saison

Sonntag, 28. April 2013

Künneke - Der Vetter aus Dingsda, 27.04.2013

Wer nach der gestrigen Vorstellung nicht zufrieden und in guter Laune nach Hause ging, dem war an diesem Samstagabend auch nicht mehr zu helfen. Nach der Premiere (mehr dazu hier) war die Überraschung groß: musikalisch ist Der Vetter aus Dingsda eine außergewöhnliche und hervorragende Operette, die szenisch sehr gut umgesetzt ist. Und auch die gestrige Aufführung zeigte, daß es sich um einen der seltenen Fälle handelt, bei der eine Operette nicht betulich oder gezwungen um Komik bemüht ist, sondern das Publikum auf beste Art amüsiert und lachen lässt. Beispielhaft sei die Batavia-Erzählung vor der Pause genannt, bei der so gelungen gesungen und getanzt wird, daß das Publikum aus dem Lachen nicht mehr herauskommt.

Hervorheben muß man die homogene Leistung der Sänger, denen man den Spaß und die Freude an dieser Produktion anmerkt und die sich auf das Publikum überträgt.
Sebastian Kohlhepp ist großartig als Sänger und Darsteller und wenn man ihm zuhört, bedauert man, daß es keinen CD-Mitschnitt dieser Operette gibt. BRAVO!
Rebecca Raffell ist ein Ereignis für sich: Allein für ihre Bühnenpräsenz lohnt sich der Besuch! Bei ihr ist keine Sekunde langweilig und man könnte den ganzen Abend ihren Rollenauftritt beobachten und würde dabei mehr erleben, als bei so manchen anderen Komplettproduktionen. BRAVO!
Veronika Pfaffenzeller gehört für mich in dieser Spielzeit zu den positiven Überraschungen. Die junge Sängerin ist angekommen im Ensemble. An sie und alle anderen Beteiligten: BRAVO!

Auch der musikalische Aspekt rechtfertigt einen wiederholten Besuch: was für eine zündende und abwechslungsreiche Musik! Die von Dirigent Florian Ziemen einstudierte Operette wurde gestern vom jungen Nachwuchsdirigenten Justus Thorau ohne Übergabeverlust präsentiert.

Fazit: Operette als Volltreffer - hier ist's geschehen.

Besetzung:
Julia de Weert: Veronika Pfaffenzeller
Hannchen, ihre Freundin: Lydia Leitner
August Kuhbrot, der erste Fremde: Sebastian Kohlhepp
Roderich de Weert, der zweite Fremde: Andrew Finden
Joseph Kuhbrot: Kammersänger Hans-Jörg Weinschenk
Wilhelmine Kuhbrot: Rebecca Raffell
Egon von Wildenhagen: Max Friedrich Schäffer
Diener Hans: Frank Wöhrmann
Diener Karl: Eric Rentmeister

Dienstag, 23. April 2013

Vorschau auf die Spielzeit 2013/14 in Karlsruhe

Hier eine erste Zusammenfassung der Pläne für 2013/14 ohne Berücksichtigung des Volks-, Kinder- und Projekttheaters.
Das Programm der Symphoniekonzerte wird am 6. Juni veröffentlicht.


OPER

EIN MASKENBALL
Oper von Giuseppe Verdi
REGIE Aron Stiehl
12.10.13

DIE FLEDERMAUS
Operette von Johann Strauß
REGIE Lorenzo Fioroni
14.12.13

DOCTOR ATOMIC
Oper von Johns Adams
REGIE Yuval Sharon
26.01.14
  
RICCARDO PRIMO

Oper von Georg Friedrich Händel
HÄNDEL-FESTSPIELE 2014, Mehr dazu auch hier
REGIE Benjamin Lazar
23.02.14
  
RINALDO
Oper von Georg Friedrich Händel
HÄNDEL-FESTSPIELE 2014
02.03.14
(mehr zu der Marionetten-Inszenierung findet sich in diesem Video: http://vimeo.com/26574249)

DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
Oper von Richard Wagner
REGIE Tobias Kratzer
Mit: Renatus Meszar als Hans Sachs, Daniel Kirch als Stolzing
26.04.14

DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE / DIE NACHTIGALL
Kurzopern von Maurice Ravel und Igor Strawinsky
14.06.14

BORIS GODUNOW
von Modest Mussorgsky, Urfassung
REGIE David Hermann
19.07.14

Wiederaufnahmen: 
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER,  27.10.13
PETER GRIMES, 15.09.13
DIE HOCHZEIT DES FIGARO, 21.09.13
DIE REGIMENTSTOCHTER; 03.10.13
RIGOLETTO, 03.11.13
HÄNSEL UND GRETEL, 08.12.13
DIE ZAUBERFLÖTE, 12.01.14
TANNHÄUSER, 09.02.14
DIE PASSAGIERIN, 21.03.14

Anmerkung: Was ist denn aus der Reihe Große Französische Oper geworden? Und was aus den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts? Ravel/Strawinsky ist in der Hinsicht eine bescheidene Auswahl. Geht dem Badischen Staatstheater schon nach zwei Spielzeiten die Planungs-Luft aus?
Und wieso schon wieder die unattraktive Rigoletto-Inszenierung? Ist das Repertoire-Lager wirklich so leer?

BALLETT

DORNRÖSCHEN – DIE LETZTE ZARENTOCHTER
Ballett von Youri Vámos
16.11.13

MYTHOS
Kreationen von Jörg Mannes, Reginaldo Oliveira & Tim Plegge     
22.03.14

CHOREOGRAFEN STELLEN SICH VOR
Ein Ballettabend zur Entdeckung neuer Talente
URAUFFÜHRUNGEN
Juli 2014

Dazu fünf Wiederaufnahmen: Momo, Giselle, In den Winden im Nichts, Nußknacker und Schwanensee


SCHAUSPIEL
Eine Bemerkung vorab: Entweder Jan Linders ist erbarmungslos oder er kennt wirklich nur sehr wenige Regisseure - man trifft schon wieder auf die Namen, die bisher bereits nur für wenig interessantes Schauspiel standen ....
Und schon wieder Shakespeares Sommernachtstraum? Wie ideenlos ist das denn?? Der stand doch erst vor wenigen Jahren im Programm!?! Es gibt so viele andere Komödien von Shakespeare und anderen Autoren .....

KLEINES HAUS:  
  

KABALE UND LIEBE

Ein bürgerliches Trauerspiel von Friedrich Schiller
REGIE Simone Blattner
03.10.13

ENDSTATION SEHNSUCHT
von Tennessee Williams
REGIE Sebastian Schug
21.11.13

EIN SOMMERNACHTSTRAUM
Komödie von William Shakespeare
REGIE Daniel Pfluger
30.01.14

MAIENSCHLAGER
Schauspiel von Katharina Gericke
REGIE Stefan Otteni
17.04.14

GAS I & II
aus der Sozialen Trilogie von Georg Kaiser
REGIE Hansgünther Heyme
08.05.14

DAS GLASPERLENSPIEL
nach dem Roman von Hermann Hesse
REGIE Martin Nimz
Juni 2014


STUDIO Bühne: 

RICHTFEST

Komödie von Lutz Hübner
29.11.13

BENEFIZ – JEDER RETTET EINEN AFRIKANER
von Ingrid Lausund
23.01.14 

HOHE AUFLÖSUNG

von Dmytro Ternovyi
Juni 2014


SINGSPIEL

RIO REISER –  KÖNIG VON DEUTSCHLAND
Eine musikalische Biografie von Heiner Kondschak
28.09.13

LIEDER AUS DEM ALL
Ein Liederabend von & mit Natanaël Lienhard & Jakob Bussmann
Oktober 2013


Ein kurzes persönliches Fazit:
  • Ein interessantes Neuprogramm mit Opern, die es lange nicht mehr oder noch nie in Karlsruhe zu hören gab. Doch es fehlen spannende Wiederaufnahmen. Nur Der fliegende Holländer ergänzt sinnvoll das Programm. Es freut mich, daß (schon wieder) Die Fledermaus kommt. Die letzte Inszenierung ist ja erst knapp 10 Jahre her und war ein großer Erfolg und ich habe sie noch vor Augen und sogar im Ohr, aber ein bißchen langweilig in Hinsicht auf Repertoire-Vielfalt ist das schon ....
  • Im Ballett konnte man Dornröschen ja fast schon erwarten. Handlungsballette sind beim Karlsruher Publikum so beliebt, daß man jetzt schon von ständig ausverkauften Vorstellungen ausgehen kann.
  • Das Schauspiel-Programm ist so uninteressant wie .... ja wie bisher noch nie. Karlsruhe zeigt Theater für Gruppierungen und grenzt eine Gruppe leider aus: die, die einfach gerne gutes Theater sieht. Bei der Auswahl der Regisseure kann man sich gruseln - so öde und freudlos war Theater in Karlsruhe zuletzt phasenweise in den 1990ern.
    Liebes Badisches Staatstheater, alles ist zyklisch und irgendwann gilt es, einen neuen Schauspielchef & Team zu wählen. Bitte nehmt keine Theoretiker und Verwalter, sondern einen Praktiker - jemand, der sich selber mit seinen Inszenierungen vor sein Publikum traut, jemand, dem es um die Umsetzung geht, dessen Theater sinnlich und prall ist und nicht aufgrund von inhaltlichen Erwägungen berechenbar, trocken und langweilig.

Sonntag, 21. April 2013

Donizetti - Die Regimentstochter, 20.04.2013

Endlich mal wieder etwas aus dem Belcanto-Repertoire! Und das war vielleicht das Schönste an der gestrigen Premiere: der einhellige und herzliche Jubel für Ina Schlingensiepen und Eleazar Rodriguez, die ihre anspruchsvollen Hauptrollen so schön und sicher sangen. Es heißt, daß Felix Mendelssohn Die Regimentstochter bewunderte und gerne selber komponiert hätte. Donizettis komisches Meisterwerk bietet große Szenen und berühmte Arien für die Sänger, eingängige Musik und viel Leichtigkeit und Witz - in Karlsruhe gelingt dies in hohem Maße in einer guten Inszenierung.

Worum geht es?
Die Oper spielt zu Zeiten Napoleons. Die französischen Revolutionstruppen kämpfen 1805 gegen Österreich und sind in Tirol. Die Handlung von Donizettis fröhlichster Oper ist harmlos und eingänglich. Kurz gesagt: das von Soldaten großgezogene Sopran-Findelkind Marie findet ihre Mutter (die Marquise von Berkenfield) wieder und darf am Ende den Tenor Tonio heiraten.

Marie, Tochter einer illegitimen Beziehung zwischen einem bürgerlichem Soldaten und einer adligen Mutter, die sie nie kennenlernte, wurde nach dem frühen Tod ihres Vaters von dessen Regimentskameraden und dem Sergeanten Sulpice großgezogen. Marie kennt nur das Soldatenleben und hat viele "Väter" im Regiment. In Tirol verliebt sie sich "in den Feind" - in den Tiroler Tonio. Um Marie heiraten zu können, tritt dieser in die französische Armee ein - er will so die Zustimmung von Maries "Väter" erhalten. Doch kaum ist dies geschehen, wendet sich das Blatt. Sulpice findet in Tirol durch Zufall Maries Tante, die sich später als deren Mutter erweist: die Marquise von Berkenfield nimmt die burschikose Marie mir auf ihr Landgut, um aus ihr eine Dame der besseren Gesellschaft zu machen und sie standesgemäß zu verheiraten. Eine schwierige und für das Publikum amüsante und unterhaltsame Aufgabe. Doch letztendlich gibt die Marquise nach: Marie kriegt Tonio.

Was ist zu sehen?
Regisseurin Aurelia Eggers stand vor einer einfachen Aufgabe: Die Regimentstochter muß Spaß machen. Diese Aufgabe hat sie gut gelöst, im ersten Akt gab es zwei mal Szenenapplaus für die Inszenierung. Das Bühnengeschehen ist abwechslungsreich mit überwiegend guten Einfällen.
Eggers bemüht sich vor allem um politische Korrektheit. Um die 200 Jahre alte Militärseligkeit dieser Oper zu entwaffnen und verniedlichen, setzt sie auf Satire und lässt bspw. die Soldaten im ersten Akt zum Lange-Unterhosen-Appell antreten, bei der Marie die Regimentsväter mit der passenden Alpen-Unterwäsche ausstattet. Die Bühne ist in einen Rahmen gefasst, das Bühnenbild ist pittoresk im Stil eines kolorierten Stichs. Der historische Kriegshintergrund wird zur allegorischen Auseinandersetzung zwischen den von Schauspielerinnen gespielten Ländern Frankreich und  Österreich, die während der Ouvertüre in Streit geraten und sich mit Kanonen beschießen.
Auf Kostümebene sind die französischen Soldaten in typischen Uniformen der napoleonischen Zeit; Eleazar Rodriquez ist als Tonio anfänglich fesch in Trachtenbekleidung, Marie ist dagegen zu Beginn in einem aktuell zeitgemäßerem Outfit. Der Landadel hingegen besteht aus Gruftis und erinnert an Figuren aus alten amerikanischen Schwarz-weiß-Gruselfilmen. Bei ihrem Auftritt zeigt die Regisseurin buchstäblich uralten Adel. Nachdem sich kurz zuvor Donzetti im Trio Tous les trois réunis als musikalisches Vorbild für Jacques Offenbach zeigte, inszeniert Eggers im Schlußbild eine kurze Offenbachiade mit entsprechenden musikalischen Anleihen - dieser Abschnitt ist der diskutabelste dieser Regimentstochter, da sein Witz nur auf Klamauk beruht und den Schluß eher zu verzögern scheint, statt zum Ende nochmal Tempo zu gewinnen.

Was ist zu hören?

Donizettis 67 erhaltene Opern haben ein wechselvolles Bühnenleben. Vor allem die drei komischen Opern Der Liebestrank, Die Regimentstochter und Don Pasquale sowie die tragische Lucia di Lammermoor sind immer auf den Opernbühnen präsent gewessen. Andere werden mehr oder weniger regelmäßig wieder neu entdeckt oder vergessen. Donizettis für Paris in französisch komponierte komische Oper La fille du régiment ist eine der schönsten und witzigsten ihres Genres mit sehr anspruchsvollen und schwierigen Rollen für die Sänger. Maries Abschiedsarien Il faut partir am Ende des 1. Akts und Par le rang et par l'opulence im 2. Akt sind große Arien, die auch in Donizettis tragischen Opern ihren Platz gefunden hätten und wurden gestern von Ina Schlingensiepen zum Dahinschmelzen schön gesungen. Sie bleibt ihrer Rolle als Marie nichts schuldig: anfänglich lebhaft burschikos und doch feinfühlend und entwaffnend beherrscht sie in jeder Hinsicht die Szenerie und wird von Eleazar Rodriguez ideal ergänzt. Besonders die erste Arie des Tonio am Ende des 1. Akts gilt wegen der extrem hohen Lage (neun hohe C!) als schwierige Paraderolle und wurde von dem jungen Mexikaner bravourös gesungen. Für den Tenor eine geglückte und glückliche Premiere. Das Ganze wird verfeinert durch Edward Gauntt als Sulpice, Sarah A. Hudarew als Marquise und einem sehr guten Chor. Es lohnt sich auch immer wieder, der Badischen Staatskapelle unter Johannes Willig zuzuhören und sich bewußt zu machen, was dort Schönes und Großes von Donizettis erklingt.

Fazit:  Ein Triumph für Ina Schlingensiepen, viel Jubel für Eleazar Rodriguez, Edward Gauntt und Sarah A. Hudarew, die zusammen mit allen andern Sängern und dem Chor sowie dem Orchester die Garanten dafür sind, daß diese Regimentstochter immer wieder fröhlich und ausgelassen wirkt und ihr Publikum fast durchgängig sehr gut unterhält. 

PS(1): Ina Schlingensiepens großes Rollendebut wurde noch veredelt: Intendant Peter Spuhler und sein Vorgänger Achim Thorwald kamen beim Schlußapplaus auf die Bühne und verliehen ihr den Titel Kammersängerin. Herzlichen Glückwunsch!

PS(2): Die Idee, Marie als Regimentswäscherin zu zeigen, wobei im Hintergrund lange Unterhosen zum Trocknen aufgehängt sind, erinnert allerdings sehr stark an die DVD Produktion des Royal Opera House 2007 mit Natalie Dessay und Juan Diego Flórez ...

PS(3): Im Publikum waren neben Achim Thorwald bspw. auch Thomas Brux, Justin Brown, Katharine Tier und Stefan Viering

Team und Besetzung
Marie: Kammersängerin Ina Schlingensiepen 
Tonio: Eleazar Rodriguez
Sulpice: Kammersänger Edward Gauntt
La Marquise de Berkenfield: Sarah Alexandra Hudarew
Hortensius: Lucas Harbour
La Duchesse de Crakentorp: Tiny Peters
Ein Offizier: Thomas Rebilas
Ein Bauer: Jan Heinrich Kuschel
Ein Notar: Martin Beddig

Dirigent: Johannes Willig
Regie: Aurelia Eggers
Bühne & Kostüme: Rainer Sellmaier

Donnerstag, 11. April 2013

Konstantin Gorny und Anna Netrebko im Radio

Ö1 überträgt am Samstag, 27. April 2013 ab 19:30h Tschaikowskys Eugen Onegin in einer Aufzeichnung aus der Wiener Staatsoper. Neben Anna Netrebko (Tatjana) und Dmitri Hvorostovsky (Eugen Onegin)  singt der Karlsruher Baß Konstantin Gorny den Fürsten Gremin.
Mehr dazu hier: http://oe1.orf.at/programm/335632

Am Samstag, 20. April -aber aufgepasst, da darf niemand rund um Karlsruhe Ina Schlingensiepen und Eleazar Rodriguez in der Premiere von Donizettis Regimentstochter verpassen- überträgt Deutschlandradio Kultur eine Aufzeichnung vom 15.03.2013 einer konzertanten Aufführung von Richard Wagners Götterdämmerung aus der Philharmonie Berlin mit den früheren Karlsruher Ensemblemitgliedern Lance Ryan als Siegfried und Edith Haller als Gutrune
Mehr dazu hier: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/konzert/2026236/

Dienstag, 2. April 2013

Festspielhaus Baden-Baden: Mozart - Die Zauberflöte, 01.04.2013

Da ist dem Festspielhaus Baden-Baden wirklich ein Coup gelungen, als man 2011 melden konnte, daß die Berliner Philharmoniker ab 2013 als Orchester die Osterfestspiele in der Kurstadt und nicht mehr in Salzburg bestreiten. Und wie in Baden-Baden üblich -immerhin kommt man in Deutschlands größter Bühne mit 2.500 Sitzplätzen ohne öffentliche Zuschüsse aus und der ganze Bau wurde nur von Sponsoren privat finanziert- wird den finanzkräftigen Besuchern in der Regel Bekömmliches, Bekanntes und Beliebtes (manche werden sagen Langweiliges) serviert. Entdeckungen und Ausgrabungen darf man nicht erwarten - Risiken kann sich ein selbstfinanziertes Festspielhaus nicht leisten und gibt damit das beste Beispiel, wieso die steuerfinanzierten Häuser unersetzlich sind.

Daß die erste Produktion mit den Berlinern nun gerade Mozarts Zauberflöte ist, wird einigen etwas zu brav und unspektakulär erscheinen, trifft aber die Erwartungen des Umfelds. Und Intendant Andreas Mölich-Zebhauser hat es bisher verstanden, mit zugkräftigen Namen seine Produktionen zu Ereignissen  zu machen. Und es ist auch in einer anderen Hinsicht eine Premiere und kein Repertoirestück: Simon Rattle hatte zuvor noch nie die Zauberflöte dirigiert, der Berliner Philharmoniker sie zuletzt vor Jahrzehnten musiziert - für das Orchester und seinen Leiter ist es also keine Routine. 

Was ist zu sehen und hören?

Der Abend vereint viel Bemerkenswertes, das sich allerdings nicht aufsummiert.

Zuerst ist das Orchester zu bemerken. Die Berliner Philharmoniker besitzen eine immens hohe Klangkultur;  vor allem die treffsicheren und samtweichen Holz- und Blechbläsereinsätze können begeistern. Simon Rattle dirigiert die ca 50 Musiker im Orchestergraben allerdings immer wieder zu verhalten, nur selten gestaltet er die Musik, zu oft begleitet er nur. Wunderschön musiziert, doch nur wenige eigene Akzente werden beigesteuert. Man kann das sängerfreundlich nennen oder vermuten, daß die Berliner Philharmoniker halt kein Opernorchester sind.

Ähnliches ist bei den Sängern anzumerken. Eine hochklassige Sängerbesetzung mir wirklich bemerkenswerten Stimmen:  Michael Nagy präsentiert sich als idealer Papageno, Pavol Breslik ist als Tamino tadellos und wird durch Kate Royal als Pamina ideal ergänzt. Aber der Funke will nicht richtig überspringen. Dimitry Ivashchenko singt Sarastro mit wunderschöner und beweglicher Stimme - und bleibt dennoch blaß. 
Eigentlich sollte Simone Kermes die Königin der Nacht singen, aber sie brach die Probenarbeiten aufgrund einer Bronchitis ab. Die mazedonische Sopranistin Ana Durlovsky, die an der Mainzer und aktuell Stuttgarter Oper für Aufsehen gesorgt hat, übernahm und sang eine perfekte Partie - leider ist ihre Stimme ein wenig zu klein für das große Festspielhaus.
Aufgrund der Live-TV- Übertragung im SWR und Arte gaben sich am Ostermontag alle besonders Mühe - und doch fehlte etwas - der Handlungsfaden dieser Inszenierung ist zu dünn!
In den Feuilletons der Zeitungen wurde viel über Robert Carsens Regie geschrieben. Auf der Bühne ist viel Symbolik, die aber ohne klare Haltung auskommt. Was bleibt ist eine schön bebilderte Oper zum Zuschauen - und das ist bei der Zauberflöte oft eine sichere Lösung, die hier dennoch nicht funktioniert.

Fazit: Es scheint an der spannungslosen und sterilen Inszenierung zu liegen, daß die Sänger nie an Kontur gewinnen. Das Publikum spielte dafür perfekt heile Festspielwelt und klatsche stürmisch.

PS(1): Kostspieliger kann Oper in Deutschland fast nicht sein und man legt noch zu. Gab es die Karten dieses Jahr in einem Preissegment von 68.- bis 310.- Euro, kostet Puccinis Oper Manon Lescaut an Ostern 2014 zwischen 84.- und 310.- Euro. Auf den günstigen und oft sichtbeeinträchtigten Plätzen wird man die Zugangshürde etwas höher legen

PS(2): Baden-Baden wird zukünftig bei Opernproduktionen verstärkt mit anderen Häusern kooperieren. Die Zauberflöte wird im Teatro Real in Madrid und der Opéra Bastille in Paris gezeigt, 2014 wird Puccinis Manon Lescaut wie evtl. 2016 ein Tristan in Zusammenarbeit mit der MET in New York produziert, die auch eine Produktion von 2009 übernimmt (Tschaikowskys Jolanthe, die damals mit Anna Netrebko und Piotr Beczala umwerfend gut besetzt war und sängerisch ein herausragendes Erlebnis war)  
   
Besetzung und Team:
Königin der Nacht: Ana Durlovsky
Sarastro: Dimitry Ivashenko
Tamino: Pavol Breslik    
Pamina: Kate Royal
Papageno: Michael Nagy
Papagena: Regula Mühlemann
Erste Dame: Annick Massis
Zweite Dame: Magdalena Kožená
Dritte Dame: Nathalie Stutzmann
Sprecher: José van Dam
Monostatos: James Elliott
Erster Geharnischter: Benjamin Hulett
Zweiter Geharnischter: David Jerusalem
Erster Priester: Andreas Schager 
Zweiter Priester: Jonathan Lemalu
Drei Knaben: Aurelius Sängerknaben Calw

Musikalische Leitung: Sir Simon Rattle
Rundfunkchor Berlin
Berliner Philharmoniker
 
Regie: Robert Carsen
Bühnenbild: Michael Levine
Lichtdesign: Robert Carsen, Peter van Praet
Kostüme: Petra Reinhardt