Freitag, 29. März 2013

Wagner - Die Walküre, 28.03.2013

Es ist vielleicht die undankbarste Aufgabe für einen Künstler, wenn er vor ein Publikum tritt, das emotionale Erinnerungen an Werke, Inszenierungen und/oder Interpreten hat. In Karlsruhe werden das evtl. einige Zuschauer aus Interpretationssicht bei folgenden Beispielen nachvollziehen können: Kathleen Cassello war unvergleichlich als Lucia di Lammermoor, Günter von Kannen ein unvergessen charismatischer Hans Sachs, Konstantin Gorny war grandios als Méphistopheles (Gounod) (u.v.a.m.!), Barabara Dobrzanska ist die Idealbesetzung für viele Puccini Rollen (u.v.a.m!), Bernhard Berchtold war erschütternd gut als Gustav von Aschenbach, Lance Ryan ist Siegfried (in Karlsruhe sang er diese Rolle zum ersten Mal und über Jahre immer wieder: die Erinnerung daran ist lebendig und wach), .....

Viele regelmäßige Opernbesucher werden solche Vorstellungen -emotionale Erinnerungen- kennen und bei der Walküre sind Edith Haller und Klaus Florian Vogt als Sieglinde/Siegmund (die Karlsruher Erstbesetzung dieser Inszenierung in der Spielzeit 2005/2006) unvergessen und zugegeben ein sehr hoher Maßstab. Als Zuschauer muß man sich davor hüten, solche Erinnerungen zu verklären und damit zu sentimentalisieren, denn dann ist man an einem Punkt des inneren Stillstands, der nur noch in Reminiszenzen schwelgt. Ein emotionales Erinnerungsvermögen kann gelegentlich ein Hindernis sein, aber es ist auch ein Kompass der eigenen Begeisterungsfähigkeit.

Nach dieser längeren Einführung ist es vielleicht verständlich, daß  man gestern eventuell überrascht sein konnte: Was für eine schöne Walküren-Vorstellung! Bereits die Premiere im Herbst 2005 war umjubelt und sie stellt immer noch den schönsten und gelungensten Teil der Denis Krief Inszenierung dar. Als gestern nach über fünf Stunden um 23.15 der letzte Vorhang fiel, hatte es viel Jubel und viele positive Eindrücke: gegeben
Linda Watson hat schon oft in Bayreuth gesungen und man konnte gestern staunen, mit welcher Souveränität und Stärke sie als Brünhilde auf der Bühne steht. Und wo hört man sonst eine so die Szene beherrschende, unerbittliche und hochdramatische Fricka wie die der großartigen Ewa Wolak? Heidi Melton  hat sich in kürzester Zeit einen Platz im Herzen des Karlsruher Publikums ersungen und spielt ihre großen Rollen -gestern Sieglinde- mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit. Renatus Meszar ist spätestens mit seinem gestrigen Auftritt als Wotan in Karlsruhe angekommen - viele warten jetzt auf seinen Hans Sachs in den angekündigten Meistersängern. Avtandil Kaspeli gab mit dunkler Stimme einen düsteren und authentischen Hunding. Und die größte Herausforderung bestand wahrscheinlich für John Treleaven - immerhin hatte er mit Klaus Florian Vogt und Lance Ryan aktuelle Bayreuth-Sänger als Vorgänger in der Rolle des Karlsruher Siegmunds. Treleaven zeigte eine beachtliche Leistung und auch er ist in Karlsruhe angekommen - im Sommer wird er als Peter Grimes in Brittens gleichnamiger großer Oper zu hören sein und man kann ihm nur wünschen, daß er so viel Applaus und Zustimmung wie gestern für diese Rolle bekommen wird. Justin Brown und die Badische Staatskapelle musizierten wieder sängerfreundlich und transparent und bekamen eine extra Portion Applaus vom glücklichen Publikum.

Was für eine schöne und interessante Walküren-Vorstellung!
Der Ring in diesem Jahr scheint unter einem sehr guten Stern zu stehen.


PS:
Aus familiären Gründen verpasse ich Siegfried am Ostersamstag und für Ostermontag habe ich bereits Karten für Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker in Baden-Baden und werde auch die Götterdämmerung nicht besuchen. Ich
würde mich über Stimmungsbilder und Kommentare zu den beiden Vorstellungen sehr freuen, insbesondere über die Sänger - vor allem Christian Franz als  Siegfried, Christian Hübner als Hagen und Linda Watson als Brünnhilde.


Besetzung & Team
Siegmund: John Treleaven
Hunding: Avtandil Kaspeli
Wotan: Renatus Meszar
Sieglinde: Heidi Melton
Brünnhilde: Linda Watson
Fricka: Kammersängerin Ewa Wolak
Helmwige: Christina Niessen
Gerhilde: Veronika Pfaffenzeller
Ortlinde:Ekaterina Isachenko
Waltraute: Katharine Tier
Siegrune: Stefanie Schaefer
Roßweiße: Sarah Alexandra Hudarew
Grimgerde: Hatice Zeliha Kökcek
Schwertleite: Rebecca Raffell

Dirigent: Justin Brown
Regie, Bühne und Kostüme: Denis Krief

Donnerstag, 28. März 2013

Wagner - Das Rheingold, 27.03.2013

Vor zwei Jahren zu Ostern 2011 gab es den letzten Ring-Zyklus in Karlsruhe - damals mit Höhen und Tiefen und vor allem einem herausragenden Orchester und Dirigenten Justin Brown. Es gab zwar gestern gelegentlich verwackelte Stellen, aber es war erneut beeindruckend, wie ökonomisch Brown am Anfang das Orchester führt, um später immer stärker die Zügel zu lockern und die Musiker aufspielen zu lassen und so den Vorabend-Charakter des Rheingolds betont und die Vorfreude für die heutige Walküre weckt.

Dieses Jahr ist der größte Teil der Gesangsrollen neu besetzt.
Oleg Bryjak gehörte zum Ensemble des Badischen Staatstheaters von 1991 bis 1996 und sang die Rolle des Alberich in der Karlsruher Ring-Inszenierung von Jean-Louis Martinoty und später noch als Gast bei der Wiederaufnahme während der Intendanz Pavel Fiebers. Ihm war gestern die jahrelange Erfahrung als Alberich anzumerken: ein starker Auftritt, der ganz auf Ausdruck ausgerichtet war. Für Bryjak eine Paraderolle.
Nicht neu besetzt war Matthias Wohlbrecht als Loge, der gestern bewies, wieso er seit Jahren erfolgreich diese Rolle singt. Auch für ihn eine Paraderolle.
Beim neu besetzten Renatus Meszar konnte man gelegentlich den Eindruck haben, daß er sich stimmlich nicht ganz wohl fühlte als Rheingold-Wotan. Man kann gespannt sein, wie er sich heute Abend in der Walküre präsentiert.
Als Fricka debütierte Ewa Wolak (sie war sonst als Erda zu hören) und sie nahm die Rolle sofort in Besitz und drückte ihr ihren unverkennbaren stimmlichen Stempel auf. Eine sehr schöne Repertoire-Erweiterung. Auf das Duell Wotan-Fricka im zweiten Akt der Walküre kann man sich heute ebenfalls freuen.
Aufhorchen ließen auch Seung-Gi Jung als Donner und Lucas Harbour als Fasolt, die in ihren Rollen stimmlich durchgehend präsent waren.

Eine homogene und starke Ensemble-Leistung. Lauter Applaus vor ausverkauftem Haus - ein spannender Start in den neuen Zyklus.

Besetzung
Wotan: Renatus Meszar
Donner: Seung-Gi Jung
Froh: Steven Ebel
Loge: Matthias Wohlbrecht
Alberich: Oleg Bryjak
Mime: John Pickering
Fasolt: Lucas Harbour
Fafner: Avtandil Kaspeli
Fricka: Ewa Wolak
Freia: Christina Niessen
Erda: Rebecca Raffell
Woglinde: Ina Schlingensiepen
Wellgunde: Stefanie Schaefer
Flosshilde: Katharine Tier

Dirigent: Justin Brown
Regie, Bühne und Kostüme: Denis Krief

Freitag, 22. März 2013

Shakespeare - Wie es euch gefällt, 21.03.2012

Oh je! .... Vergleiche können schmerzen, vor allem wenn sie stets einseitig zu Ungunsten ausfallen. Aber dennoch sind Vergleiche ein zuverlässiger Indikator, um das Gute vom Besseren zu unterscheiden. Bei der gestrigen Premiere waren Vergleiche unvermeidbar: die Messlatte lag hoch ... leider zum wiederholten Male zu hoch für das Karlsruher Schauspiel. In den letzten 15 Jahren wurde man als Zuschauer von Shakespeare-Komödien im Badischen Staatstheater verwöhnt: Wie es euch gefällt war zuletzt 1998 in der turbulenten und witzigen Regie des damaligen Schauspielleiters Peter Schroth ein phantasievolles Theaterfest, 2006 gab es einen Sommernachtstraum, der reich an Höhepunkten war und den Lachmuskeln alles abforderte und 2008 folgte eine sehr schöne und geglückte Inszenierung von Was ihr wollt. Alle drei setzten Maßstäbe, die leider gestern eine unüberwindbare Hürde darstellten. Die gestrige Premiere konnte dem Vergleich leider nicht standhalten. Shakespeare 2013 in Karlsruhe: kein Witz, kein Tempo, kein Rhythmus, sehr wenig Einfälle und nur teilweise Spielfreude.

Worum geht es? 
Wie es euch gefällt
ist Shakespeares entspannteste Komödie mit seinen vielleicht sympathischsten Figuren und spielt überwiegend in einem Wald, der im Shakespeare'schen Theateruniversum wohl der schönste Ort zum Leben ist, in dem Hierarchien und soziale Schranken aufgelöst sind und die Figuren einfach Mensch sein dürfen.
Wie es euch gefällt  hat seinen Titel zu Recht: vier Paare lässt Shakespeare am Ende heiraten (in der Karlsruher Inszenierung sind ca. die Hälfte der Figuren gestrichen und es finden drei Paare zueinander). Es handelt sich um eine musikalische Komödie: für kein anderes Stück hat Shakespeare so viele Lieder vorgesehen (die überwiegend gestrichen sind und die allerdings meistens von Rollen gesungen würden, die in der Karlsruher Inszenierung ebenfalls gestrichen sind. Dafür hat man drei andere zeitgenössische englische Songs integriert). Shakespeare selber spielte ursprünglich eine Nebenrolle (die in Karlsruhe auch gestrichen ist). Die "bösen" Figuren müssen nicht überwältigt oder besiegt werden, sondern werden im Wald geläutert und treten Macht und Besitz freiwillig ab. Shakespeares Friede-Freude-Eierkuchen-Stück ist eine Glücksutopie.

Was passiert?
Handlungsort im 1. Akt: an einem Fürstenhof in Frankreich, im 2.-5. Akt: Der Wald von Arden (in der deutschen Übersetzung auch der Ardenner Wald, aber Shakespeare dachte dabei wahrscheinlich an den Mädchennamen seiner Mutter Mary Arden).

Es gibt im Grunde zwei Handlungsstränge: Es geht um Liebe und um rivalisierende Brüder.
Der alte Herzog wurde von seinem jüngeren Bruder Friedrich (in der Karlsruher Inszenierung wird daraus eine Schwester) abgesetzt und mit anderen Adeligen in die Verbannung geschickt. Friedrichs Tochter Celia hängt so an ihrer Cousine Rosalind, der Tochter des älteren Herzogs, daß letztere weiterhin am Hof bleiben durfte. Doch Friedrich verbannt schließlich auch Rosalind. Beide Frauen entkommen gemeinsam. Sie verkleiden sich -Rosalind aus Sicherheitsgründen als Mann namens Ganymed- und fliehen mit dem Hofnarren Touchstone (Probstein) in den Ardenner Wald.

Ein weiterer Bruderzwist am Hofe besteht: Oliver hasst seinen jüngeren Bruder Orlando und beneidet ihn um seine Beliebtheit. Er beauftragt den Ringer Charles, seinem Bruder in einem Wettbewerbskampf schwer zu verletzen, doch Orlando siegt und lernt dabei Rosalind kennen: Liebe auf den ersten Blick. Orlando flüchtet vor seinem Bruder und dem neuen Herzog ebenfalls in den Ardenner Wald. Aus Sehnsucht nach Rosalind schreibt er unzählige Liebesgedichte an die entfernt geglaubte Geliebte und heftet sie an die Bäume des Walds. Dort entdeckt die immer noch als Mann verkleidete Rosalind die Liebesgedichte an sie und beschließt, Orlando zu prüfen und zu erziehen, ohne ihre wahre Identität preiszugeben.

Die als Mann verkleidet Rosalind bekommt noch einen weiteren Verehrer, allerdings einen weiblichen: die Schäferin Phoebe verliebt sich in Ganymed (also in Rosalind) und wird gleichzeitig vom Schäfer Silvius devot geliebt. Am Ende des Stückes, das aus gutem Grund Wie es euch gefällt heißt, wird alles entwirrt und es stehen lauter zueinander gefundene Paare vor dem Traualtar.

Im Ardenner Wald trifft man auch auf eine entspannt-glückliche Aussteigergesellschaft: der alte Herzog und seine Begleiter leben fern des Hofes und genießen ihr sorgenfreies Leben: "Gutes überall". Man könnte von einer Prä-Rousseau-Stimmung eines glücklichen Zurück zur Natur sprechen (In der Karlsruher Inszenierung geht dieser Aspekt verloren). 

Was ist zu sehen?

Regisseur Sebastian Schug streicht knapp die Hälfte der Figuren: 11 Schauspieler spielen 13 Rollen. Schon wieder (wie letzte Spielzeit bei Schillers Fiesco) entschied man sich für eine Bühne-auf-der-Bühne Situation, bei der die nicht benötigten Schauspieler ihre Kollegen auf der aufgebauten Zweitbühne beobachten und sich vor den Zuschauern umziehen. Gelegentlich spielen die Schauspieler, daß sie spielen und auch die Verkleidungen sind nur grob angedeutet und vermeiden jede Form von Täuschung. Dem Regisseuer kommt es darauf an, den Illusionscharakter der Handlung aufzudecken. Schug inszeniert keine Glücksutopie, also keine romantische Komödie, sondern eine Liebesillusion - eine "schmutzige" Farce.

Es gibt keinen Szenenwechsel vom 1. zum 2. Akt: Der Ardenner Wald ist "ein innerer Ort, ein erfundener, ausgedachter...". Die unattraktive Bühne besteht aus 15 großen, gestapelten Wassertanks, die mit wenig Wasser gefüllt sind und an einer Stelle des Stückes -in einer Szene großer Liebesqual- als Wasserfall ca. 5-10 Minuten lang die Bühne fluten und mit 6 Eimern Erde zu einem feucht-erdigen Waldboden werden. Die zentrale Bühenbildidee findet nur für wenige Minuten ihre Berechtigung, ansonsten hat die Bühne wenig zu bieten außer nasser Erde, in der sich die Schauspieler beim Liebeswerben beschmutzen.

Was ist zu beachten ... und wie ist es umgesetzt?             
Regisseur Schug macht da weiter, wo er vor knapp einem Jahr bei seiner Karlsruher Produktion von Orpheus steigt herab aufgehört hat: Nebenstränge und Nebenrollen werden nicht inszeniert, für einige Rollen fiel Schug gar nichts ein: sie stehen auf der Bühne und sagen lustlos ihren Text auf. Immer wieder wirkt das Bühnengeschehen wie eine Text-Rezitation.

Rosalind dominiert bei Shakespeare das Stück - seine sympathischste Theaterfigur, die aus jeder Situation das beste macht und stets richtig agiert, ist intelligent und schlagfertig, witzig und warmherzig, selbstbewußt und vorausblickend: ein Charakter ohne Bosheit und Vorurteile. Sie setzt in allem die richtigen Maßstäbe - keine romantische Hollywood-Komödie konnte diese Figur besser erfinden. Doch der Regisseur will Hollywood und Hochglanz bei dieser Produktion vermeiden. Seine Stoßrichtung ist klar: Wer liebt, suhlt sich im Dreck. Die Liebe ist Wahnsinn und eine Illusion. Die Paare stehen am Schluß zwar auf der Bühne, doch der gekürzte Schluß endet in Wehmut und betont den Illusionscharakter der Liebe. Der Regisseur will nicht, daß man sie oder das Happy-End ernst nimmt. Wie es euch gefällt will nicht gefallen, sondern entlarven - leider passiert das auf Kosten der Zuschauer, die nur wenig Spaß haben dürfen. Schug inszeniert also keine Komödie, sondern bremst Wortgefechte immer wieder aus oder lässt sie im Falle Rosalind/Celia (gespielt von den beiden wie immer gerne gesehenen Joanna Kitzl und Sophia Löffler) nie auf die Umdrehungszahl kommen, die die beiden Schauspielerinnen in Lessings Minna von Barnhelm zeigen durften. Orlando (Simon Bauer mit sehr starker Bühnenpräsenz) steht das ganze Stück in Unterhosen auf der Bühne.

Neben den sich findenden Liebespaaren (Rosalind - Orlando / Silvius - Phoebe / Celia - Oliver), den zwei geläuterten Bösewichtern (der junge Herzog Friedrich und Orlandos Bruder Oliver) gibt es zwei komplexere Figuren: den Hoffnarr Probstein und den Melancholiker Jaques. Bei Wie es euch gefällt steht der Regisseur vor der Herausforderung, ein Positionsdreieck zu analysieren und in Szene zu setzen, denn diese beiden und Rosalind  kommentieren und bewerten ihre Umgebung. Rosalind ist dabei der Maßstab, der die beiden anderen auf die Ränge verweist. Der Regisseur weiß mit den beiden nichts anzufangen: Probstein (für den ihm nichts weiter einfällt als ein verschmiertes Clownsgesicht - ein vertrautes Klischee im Fundus repetitiver Ideenlosigkeit) und Jaques sprechen zwar ihre Texte, haben aber nichts zu sagen.
Probstein, dessen Aufgabe als Hofnarr darin besteht, den Höflingen die Maske abzusetzen und ihre Motivation offen zu legen, ist im Wald vor Arden umgeben von Liebenden und maskenlosen Menschen. Matthias Lamp war schon im letzten Jahr ein Gewinn für das Badische Staatstheater und hat sich inzwischen auch als Sänger profiliert - leider war er komplett unterfordert mit seiner undankbaren Rolle. Zum Glück darf er singen!
Jaques ist die Karikatur eines Hoffnarren, der nach seiner Bekanntschaft mit Probstein sich dazu zwar berufen fühlt, aber doch nur Pseudo-Weisheiten von sich gibt und als Gegenspieler der ungleich gefühls- und erkenntnistieferen Rosalind die eigentlich lächerliche Figur des Stücks ist. Sein bekannter Monolog "Die ganze Welt ist nur eine Bühne" trieft vor pathetisch-aufgeblasener Banalität  und Shakespeare konterkariert Jaques' Rede in dem er Orlando mit dem alten Diener Adam auftreten lässt (in Karlsruhe ist diese Szene gestrichen). Ronald Funke steht zwar auf der Bühne, hat aber eigentlich keine Rolle.

Wie bereits erwähnt: kein Witz, kein Tempo, kein Rhythmus, sehr wenig komödiantische Einfälle und nur teilweise Spielfreude. Das Publikum kichert ab und zu -das ist unvermeidlich, Shakespeares Text lässt sich nicht komplett entfreuden-, aber niemand wird ein Problem mit seiner Lachmuskulatur bekommen. Schugs Versuch einer kühlen Analyse lächerlicher Liebe hat etwas Hilf- und Hoffnungsloses, ja etwas abgeklärt Verzweifeltes. 
Die ganze Inszenierung ist ideal für den nächsten ver.di-Streik: man hat bei den vielen ereignislosen Momenten immer wieder den Eindruck, daß man eine improvisiert gespielte Rezitation zu sehen bekommt, die auch ohne Bühne funktioniert.
 
Fazit: Eine freudlose und blutleere Inszenierung mit spürbaren Längen, einer unattraktiven Bühne, langweiligen Kostümen, austauschbarer Musik, lässliche Videoeinspielungen - nichts, was man in Erinnerung behalten möchte.
Es bleibt weiterhin schleierhaft, wieso das Schauspiel unter Jan Linders so humorfeindlich geworden ist. Mit Wehmut denkt man an bessere Zeiten im Karlsruher Schauspiel, als Shakespeare Komödien die Zuschauer in vitalisierende und beglückende Hochstimmung versetzt haben.......

PS(1):
Es wird eine aktuelle Shakespeare- Übersetzung von Jürgen Gosch / Angela Schanelec verwendet, die Stärken und Schwächen hat und beim Übersetzen gelegentlich freizügiger zu interpretieren scheint als bspw. die klassische Schlegel-Version. Hier zwei Beispiele aus dem ersten Akt.

Shakespeare: Wilt thou lay hands on me, villain?
Schlegel: Willst du Hand an mich legen, Schurke?
Gosch / Schanelec: Legst du Hand an mich, du Schwein?

Shakespeare: Let us sit and mock the good housewife Fortune from her wheel
Schlegel: Laß uns sitzen und die ehrliche Hausmutter Fortuna von ihrem Rade weglästern
Gosch / Schanelec: Wir ziehen über die alte Schlampe Fortuna her und vergraulen sie von ihrem Rad

PS(2): Zu den kommenden Shakespeare-Jubliäumsjahren
Peter Spuhler hat in einem Interview im Herbst 2012 darauf hingewiesen, daß 2014 und 2016 Shakespeare (*1564 †1616) -Jahre sein werden. Hoffentlich eine Chance, die man am Badischen Staatstheater ergreifen wird, um Repertoirelücken zu schließen.

Viele große Dramen (z.B. Hamlet, Macbeth, Othello) wurden lange nicht gegeben. Die römischen Dramen wurden nur in Gastspielen (z.B. Titus Andronicus) oder während der Europäischen Kulturtage 2008 (Coriolan, Julius Cäsar, Antonius und Kleopatra kombiniert als Rome! Democrazy) wenig gespielt. Von den großen Spätwerken fehlen Der Sturm und das Wintermärchen. Auf Komödienseite gab es lange keine Komödie der Irrungen, Verlorene Liebesmüh oder Viel Lärm um nichts.

Die bekanntesten Opernvertonungen (Verdi, Gounod) waren in den letzten 15 Jahren zu hören, doch es gibt spannende Alternativen: Der Sturm (bspw. von Frank Martin oder Thomas Adès), Mittsommernachtstraum (B. Britten), Die lustigen Weiber von Windsor (Otto Nicolai oder Ralph Vaughan Williams), Otello (Rossini), Was ihr wollt (Manfred Trojahn), .......

Im Ballett könnte es neben Neueinstudierungen auch Wiederaufnahmen geben: Romeo und Julia oder den Sommernachtstraum

Besetzung & Team:
Herzog, der Ältere, in der Verbannung: Eva Derleder
Herzog Frederick: Eva Derleder
Charles (Ringer): Georg Krause
Lord am Hof und in der Verbannung: Georg Krause
Silvius (Schäfer): Natanaël Lienhard
Touchstone (Probstein), Narr: Matthias Lamp
Jaques: Ronald Funke
Orlando: Simon Bauer
Oliver: Frank Wiegard
Rosalinde, Tochter des verbannten Herzogs: Joanna Kitzl
Celia, Tochter Herzog Fredericks: Sophia Löffler
Phoebe: Ute Baggeröhr
Begleiterin des verbannten Herzogs / Hymen: Shari Crosson

Regie: Sebastian Schug
Bühne: Nadia Fistarol
Kostüme: Nicole Zielke
Musik: Johannes Winde
Video: Nazgol Emami

Sonntag, 17. März 2013

Spörli - In den Winden im Nichts, 16.03.2013

Nach vielen Handlungsballetten gibt es am Badischen Staatstheater nun auch wieder eine handlungsfreie Choreographie zu sehen: «In den Winden im Nichts» ist ein kurzes, kurzweiliges und sublimes Ballett, musikalisch nur begleitet von einem Cello.

Heinz Spoerli: Tänzer, Choreograph, Ballettleiter
Der 1940 in Basel geborene Spoerli war nach seiner Karriere als Tänzer ein viel gerühmter und gelobter Ballettleiter, der große Erfolge mit den Kompagnien in Basel, Düsseldorf, Berlin und zuletzt 16 Jahre in Zürich erzielte. Er choreographierte klassische Ballette (z.B. Nußknacker, Schwanensee, Giselle, Coppelia, La fille mal gardée, ...) und abstrakte Ballette, bspw. zur Musik Johann Sebastian Bachs, aber auch Webern, Schönberg und Mahler.
Birgit Keil tanzte in mehreren seiner Ballette, zum ersten Mal schuf Spoerli 1978 ein Choreographie für Keil: die Mozart-Quintette bei den Ludwigsburger Festspielen. Später tanze Keil in Spoerli-Balletten zur Musik von Wagner (1979), Nono (1980), Brahms und Berg (1985)        
     
Vier mal choreographierte Spoerli Bachs Musik: die Goldberg Variationen (1993), «Wäre heute morgen und gestern jetzt« (2009) zu Musik aus Konzerten, Kantaten und Messen für Orchester und Sänger und die sechs Suiten für Cello: 1999 die Suiten Nr. 1,4, 5 unter dem Titel «… und mied den Wind», 2003 folgten die Suiten 2, 3 und 6 als «In den Winden im Nichts».  Bachs Partitur zu seinen sechs Cello Suiten besteht aus jeweils sechs einheitlich aufgebauten Sätzen: einem Prélude und 5 Tanzsätzen: 1. Prélude, 2. Allemande, 3. Courante, 4. Sarabande, 5. Menuett (Suiten 1 und 2), Bourrée (Suiten 3 und 4) oder Gavotte (Suite 5 und 6), 6. Gigue. Der Cellist Alexandre Vay betont mit vollem, warmen Klang das tänzerische Element der Suiten und bekam für sein tadelloses Spiel gestern viel Premierenapplaus.
   
In den Winden im Nichts
Es sind 3 Cello-Suiten zu 6 Sätzen, also 18 unterschiedliche Musiksätze zu hören, bei denen durch ständig sich wechselnde Besetzungen und Konstellationen und eine rasche Abfolge (die einzelnen Sätze dauern zwischen 2 und 7 Minuten) ein abwechslungsreicher und kurzweiliger Abend entsteht. Spoerlis Choreographie vereint Soli, Duette, Trios und Ensembles zu einer großen Vielfalt und zeigt unterschiedlichste Ausdruckswelten, bei denen es kaum möglich ist alle passenden Adjektive aufzuzählen, die bei diesem Abend das Bühnengeschehen zutreffend beschreiben: Momente von hoher ästhetischer Kraft und Wirkung, ein Auf-und-Ab voller Harmonie und Ausgewogenheit bei der die Musik durch einen choreographischen Mehrwert noch hinzugewinnt.
Die leere Bühne wird im Hintergrund dominiert von einem schwebenden Ring, der in wechselnden Farben leuchtet. Dazu wird die Bühne farbig ausgeleuchtet: in rot, grün und blau und ergänzt von farbigen Kostümen in rot, grün, blau und schwarz.
Spoerlis durchgestaltete fließende Bewegungen erfordern immer wieder Athletik, manche Bewegungen erinnern an Bodenturnen, andere in Gruppenszenen an Synchronschwimmen. «In den Winden im Nichts» ist eine konzentrierte Choreographien ohne Leerlauf (und ohne Pause: ca 65 Minuten) und ohne einfache Bewegungen, sondern durchgehend fordernd und anspruchsvoll. Die benötigten 28 Tänzer der Karlsruher Ballet Kompagnie lösten ihre Aufgabe mit großer Bravour und vielen bemerkenswerten Momenten: Bruna Andrade mit großer Ausdruckskraft, ebenso Rafaelle Queiroz, Pablo dos Santos sowie Zhi Le Xu mit beeindruckenden Sprüngen. Doch besonders ein Tänzer war gestern verdient im Mittelpunkt:

Hommage an Flavio Salamanka   
Das Karlsruher Ballett hat einige Tänzer, die nun schon im zehnten Jahr in Karlsruhe aktiv sind: z.B. die bildhübsche Jussara Fonseca, Sabrina Velloso oder die Solistinnen Barbara Blanche und Patricia Namba. Und Flavio Salamanka, der mit hoher Konstanz und Zuverlässigkeit seine Leistung bringt und das letzte Jahrzehnt wie kein anderer Tänzer geprägt hat: mit tadelloser Technik, mühelos eleganten und geschmeidigen Bewegungen, fließenden Linien und hoher Sprungsicherheit ist er zu Recht der dominierende Solist der Karlsruher Kompagnie und ein verlässlicher Partner für die Solistinnen. Gestern wurde er nach der Aufführung auf der Bühne von Intendant Peter Spuhler zum Kammertänzer ernannt - ein Titel, der in Karlsruhe zum ersten Mal vergeben wurde. Nach der eindrucksvollen Premiere war Salamankas Ernennung der emotionale Höhepunkt des Abends und all jene, die Birgit Keils nun fast zehnjährige Arbeit in Karlsruhe verfolgt haben, werden Salamanka die Ehrung von Herzen gegönnt haben: Glückwunsch und BRAVO!

PS: Eine schöne Überraschung im Zuschauersaal - der beliebte frühere erste Solist Diego de Paula war anwesend.

Freitag, 8. März 2013

Karlsruher Theaterglück

Fernab von allen Krise-der-Theater-Diskussionen muß man beispielhaft dieses Wochenende im Badischen Staatstheater beobachten:

Im Großen Haus kommen Der Vetter aus Dingsda (Freitag), Tosca (Samstag) und die Zauberflöte (Sonntag) - und alle drei sind ausverkauft - oder so gut wie. Wenn man bedenkt, daß die Inszenierungen von Tosca und Zauberflöte bereits über 10 Jahre im Programm sind, dann sieht man, daß Karlsruhe ein Theater-freundliches, ja Theater-begeistertes Publikum hat.

Aber nicht nur in der Oper, auch im Schauspiel steht ein gutes Wochenende bevor: Im Studio sind Agnes (Freitag) und Der Vorname (Sonntag) ebenfalls ausverkauft, im Kleinen Haus sind Alice (Freitag), Die Möwe (Samstag) und Der Einsame Weg (Sonntag) gut besucht.

Über 4000 Zuschauer in 3 Tagen - liebes Badisches Staatstheater, einige wenige denken nun vielleicht, das wäre das Ergebnis langwieriger theoretischer Überlegungen zur Programmzusammenstellung, aber tatsächlich ist eine Verbeugung vor euren Künstler, Technikern und Mitarbeitern fällig UND vor allem eine Verbeugung vor dem Karlsruher Publikum, das mit soviel Geduld, Interesse und Enthusiasmus für ihr Staatstheater in das Haus an der Baumeisterstraße strömt - und das nicht nur seitdem die "Helden" der neuen Intendanz versuchen, ihre Duftmarken zu setzen, sondern schon seit Jahrzehnten. Solche ausverkauften Wochenenden sind nichts Neues in der Fächerstadt und man könnte den Eindruck gewinnen, daß den Karlsruher Bürgern der hohe Stellenwert ihres Staatstheaters gerade wieder stärker bewußt wird. Karlsruher Theaterglück ....

Montag, 4. März 2013

Partizipatives Schauspiel

Die Franfurter Rundschau berichtet über neue Strategien zur Publikumsgewinnung.
Auch der Karlsruher Schauspielleiter Jan Linders wird zitiert: «Unser Ziel ist es, das Theater stärker in die Stadt hineinzutragen».

Es wird berichtet wie man locker mit allerlei Überraschungen Hemmschwellen und Kontaktscheu abbaut und man beim Graffiti-Wettbewerb, Spielszenen in der Straßenbahn und Flashmobs über Mitwirkungsangebote Interessenten gewinnen will.

Mehr dazu hier: http://www.fr-online.de/panorama/twitter--kochen--disco---ungewoehnliches-im-theater,1472782,21998098.html

Interessanterweise wird nicht über nachhaltige Erfolge berichtet, sondern nur über Techniken zur Aufmerksamkeitsgewinnung.
Und ein wenig könnte man den Verdacht haben, daß man damit kein neues Publikum gewinnt, sondern nur ein anderes und dafür andere Besucher verliert .....