Donnerstag, 25. Oktober 2012

Delius - Romeo und Julia auf dem Dorfe, 24.10.2012

Romeo und Julia auf dem Dorfe ist in der Karlsruher Inszenierung ein sehr schöner Erfolg für das Badische Staatstheater. Letzte Spielzeit hatte Delius' Oper nach verhaltenem Start eine gute Besucherauslastung - ein Zeichen dafür, daß die Mund-zu-Mund-Werbung in Karlsruhe sehr gut funktioniert. Nur noch drei Termine sind in dieser Spielzeit angesetzt (Freitag, 02.11.12 / Donnerstag, 08.11.12 / Sonntag, 30.12.12), die alle nutzen sollten, um das Werk kennenzulernen oder noch mal zu hören.

Das besondere an Delius' Musik ist eine anschauend-impressionistische Haltung, die nicht durch Licht-und-Schatten Beleuchtung ihre dramatische Tiefe erhält, sondern zurückhaltend den Hörer einlädt und ihn nur selten überwältigen will. Der Gesang ist nicht stilisiert, sondern diskret und deklamierend. Es ist das menschliche Maß der Oper, das nicht vorrangig auf Effekte setzt und das traurige Ende nicht musikdramatisch überhöht, das dem Werk seinen noblen Charakter gibt. Delius geht mit Romeo und Julia auf dem Dorfe seinen eigenen, originellen und besonderen Weg, denn man dann erkennt, wenn man sich vorstellt, was die musikalischen Großdramatiker des späten 19. Jahrhunderts oder die Komponisten des Verismo aus ähnlichen Szenen gemacht haben.

Die gestrige Vorstellung bestätigte die bisherigen positiven Eindrücke. Ekaterina Isachenko war schon zuvor in der Rolle sehr positiv aufgefallen und ergänzt sich sängerisch und auf der Bühne sehr gut mit Carsten Süss. Süss ließ zwar eine Beeinträchtigung durch eine Erkältung ansagen, aber auch leicht geschwächt klingt er noch gut. Der schwarze Geiger -die profilierteste Figur der Oper- ist eine Milieugestalt und wird von den beiden in dieser Rolle alternierenden Sänger diametral interpretiert. Armin Kolarzcyk ist der helle Verführer, der dem Liebespaar einen Ausweg bietet, Gabriel Urrutia Benet, der gestern sang, ist mehr der dunkle Realist, der ihnen illusionslos eine Alternative vorschlägt.

Ein Erfolg für alle Beteiligten und eine sehr schöne Produktion. Die für Opern-Fans spannende Reihe der unbekannten Meisterwerke wird diese Spielzeit mit Benjamin Brittens beliebtester (und gar nicht so unbekannter) Oper Peter Grimes fortgesetzt. Mal schauen, was in den folgenden Jahren kommen wird.

Sonntag, 21. Oktober 2012

2. Symphoniekonzert, 21.10.2012

Das zweite Symphoniekonzert war aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes: Es war ein historisches Konzert, das ein Programm wiederholte, daß Richard Strauss (der zwischen 1900 und 1924 mehrfach als Gast die Badische Hofkapelle leitete) im Mai 1908 selber in Karlsruhe dirigiert hatte. Und man muß zugeben, daß es auch heute noch lauter gern gehörte, wirkungsvolle Kompositionen enthält. Man kann sogar sagen, daß es aufgrund der Stückauswahl ein Höhepunkt der Konzertsaison ist, denn es sind lauter Kompositionen die transzendent-überhöhend oder verklärend sind oder sogar in Triumph und Freude enden.
Als Gastdirigent hatte man dafür Christof Prick engagiert, der von 1977 bis 1986 Generalmusikdirektor am Badischen Staatstheater war und immer noch einen hervorragenden Ruf beim Publikum genießt und in Karlsruhe in seiner Zeit sehr viel Strauss und Wagner, Mahler und Bruckner dirigierte. Heute sind noch zwölf Orchestermitglieder übrig, die ihn als GMD erlebt haben.

Die Rahmenbedingungen waren also überaus attraktiv und die Wirkung blieb nicht aus. Prick zeigte, was ihn in Karlsruhe so populär machte: es war ein fesselndes und begeisterndes Konzert.

Carl Maria von Webers Ouvertüre zu seiner letzten Oper Oberon, uraufgeführt 1826 in London, ist  instrumental -wie die ganze Oper- der Versuch, daß missratene Libretto musikalisch zu retten und stellt eine idealtypische Opernouvertüre dar, die den Geist des Werks zusammenfasst. Eine schöne Geste des Dirigenten: er gönnte dem neuen Solo-Hornist Dominik Zinsstag einen Einzelapplaus. Danach folgte Musikmagie - der Karfreitagszauber aus Richard Wagners Parsifal wurde klangsinnlich und ruhig dargeboten. Danach ein berühmtes Werk von Richard Strauss: Tod und Verklärung beginnt mit den letzten Herzschlägen eines Sterbenden und endet mit der Apotheose - eine Tondichtung, deren Thema vom Komponisten eingängig und sinnfällig dargestellt wird. Orchester und Dirigent wurden mit viel Applaus vom Publikum in die Pause geschickt.
Über Ludwig van Beethovens fünfte Symphonie ist alles gesagt: vom unvergesslichen Auftakt des bangen Klopfens bis zum überbordenden Finale - eine in c-moll beginnende Reise, die in triumphalen C-Dur endet. Christof Prick dirigierte sie bereits im März 1979 in Karlsruhe und die Neuauflage nach 33 Jahren ließ keine Alterserscheinungen erkennen. Es war eine mustergültige Interpretation, bei der man bedauern kann, daß davon keine Aufnahme gemacht wurde. Man könnte viele andere Einspielungen im CD-Schrank dafür entsorgen.

Die Badische Staatskapelle war in ausgezeichneter Form und Christof Prick dirigierte souverän mit klaren Ansagen und aus dem Gedächtnis, ohne Partitur und Pult.

Das Karlsruher Konzertpublikum weiß, was es zu hören gilt. Die Eintrittskarten für beide Konzerte waren schnell vergriffen. Ein sehr schönes Konzert am Sonntagmorgen, das sein zufriedenes und glückliches Publikum in einen zum Konzert klimatisch passenden 21. Oktober mit Sonnenschein und über 20 Grad Celsius entließ.

PS: Die von Strauss 1908 festgelegte Reihenfolge wurde modifiziert. Ursprünglich sah das Programm folgendermaßen aus:
Carl Maria von Weber Oberon-Ouvertüre
Ludwig van Beethoven Sinfonie Nr. 5 c-Moll
-Pause-
Richard Wagner Karfreitagszauber
Richard Strauss Tod und Verklärung

Tschechow - Die Möwe, 20.10.2012

Leider vorab eine Warnung: Die Möwe ist eine von jenen überflüssigen Inszenierungen, auf die man als Zuschauer rückblickend lieber verzichtet hätte. Theater zum Abgewöhnen. Als regelmäßiger Schauspiel-Besucher (und auch als Tschechow-Leser) blutet einem bei dieser Produktion das Herz. Es gibt so viele schwache und misslungene Momente, Szenen, die bis an die Grenze erträglicher Langeweile zerdehnt sind, sinnschwache Einfälle und altmodische Humor-Versuche, daß man bei den vielen Unzulänglichkeiten kaum weiß, wo man rekapitulierend beginnen soll.

Worum geht es?
 
Adornos Satz "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" könnte auf die Figuren in Tschechows Möwe gemünzt sein. Es geht um unglücklich Liebende und hoffnungslos Hoffende. Es passiert wenig, aber es gibt einige Handlungsstränge. Hier vier davon:
- Medwenko liebt Mascha, Mascha liebt Kostja, Kostja liebt Nina, Nina liebt Trigorin und Trigorin liebt niemanden, hat aber mit Irina Arkadina (Kostjas Mutter) eine Geliebte.
- Kostja schreibt Theaterstücke und will Autor werden, leidet aber unter seiner egozentrischen Mutter (einer alternden Schauspielerin), die ihn für einen Versager hält. Er kämpft um Anerkennung, fühlt sich aber unverstanden. Er liebt die falsche Frau, ist am falschen Ort, hat die falsche Mutter und kein Geld.
- Kostja liebt Nina, doch die lässt sich von Trigorin schwängern, der sie sitzen lässt. Auch im vierten Akt, der zwei Jahre nach den ersten drei spielt, kann sie in Kostja nur einen Freund sehen. Kostja, inzwischen zwar ein anerkannter Autor, kann die wiederholt abgewiesene Liebe nicht verkraften und begeht Selbstmord.
- Polina, die Frau des Gutsverwalters Schamrajew, liebt den Arzt Dorn, hatte auch eine heimliche Affäre mit ihm und eine Tochter (Mascha), die der senile Gutsverwalter Schamrajew unwissentlich als sein Kind betrachtet. Dorn liebt aber Irina Arkadina.

Wie immer bei Tschechow ist die Gesellschaft, die sich an an warmen Sommerabenden trifft, eine Krisengesellschaft: sie sitzen in der Falle. Die Figuren suchen nach Auswegen und Sinn und scheitern an ihren verfehlten Wünschen. Die Hauptpersonen sind und bleiben unglücklich: sie wissen nichts davon oder ahnen es nur, daß geglücktes Leben immer auch ein Dennoch und Trotzdem enthält.

Was ist zu beachten? 
Im Programmheft wird Tschechow treffend als Chronist der Überforderung bezeichnet. Tschechows Werke waren stilbildend: sie zeigen moderne Menschen, die gegen ihre Unsicherheit und  gegen ungewisse Verhältnisse anreden und eine Sehnsucht in sich tragen: nach Sicherheit und Gewissheit, nach sinnstiftenden Tatsachen und einem Lebensmittelpunkt.  Im Theater benötigen sie Inszenierungen, die die doppelten Böden und und Zwischentöne des Werks zutage treten lassen und Schauspieler, bei denen jeder Tonfall, jede Nuance des Textes passen und sitzen muß. Tschechows Möwe -wie alle seine Werke- beruht auch auf einer gewissen Stimmung aus Melancholie und Vergeblichkeit, aber auch aus Lebenszugewandheit und Freundlichkeit: man muß sie spüren können, um die Stücke zu erfassen. Nichts davon ist in Karlsruhe zu merken, ganz im Gegenteil: Tschechows Text wird verödet und nie eine Balance erreicht. Die neue Inszenierung zeigt einseitig hysterisch Verzweifelte, denen jede Form von Subtilität ausgetrieben wurde; eine Ansammlung von experimentellen Kunstfiguren ohne Identifizierungspotential, die gelegentlich erahnen lassen, wie viel mehr an Interpretationspotential vorhanden wäre.

Für die Akteure auf der Bühne ergeben sich Chancen und Risiken: Jede Tschechow'sche Figur ist ein Typ, aus der man etwas machen kann. Die Schauspieler müssen von Anfang an Stimmungen transportieren: die Dialoge und Monologe sind ein intimes Bangen, Verzweifeln oder Hoffen. Wenn die psychologische Feinzeichnung nicht gelingt, erreicht man bei Tschechow schnell den Zustand der Oberflächenversiegelung: zum Publikum dringt dann nichts mehr durch. Genau das passierte gestern - doch lag es in der Verantwortung des Regisseurs, daß das Potential der Schauspieler nicht ausgereizt wurde und der Text nicht zum Leben erweckt wurde. Jeder muß zu wenig aus seiner Rolle machen und darf vorrangig schnell verzweifeln. Es gab keinen schauspielerisch starken Moment, sondern nur grob gezeichnete Interpretationen ohne doppelten Boden. Die Distanz zum Bühnengeschehen wird dadurch verstärkt.

Eine Komödie? 
Tschechow, der chronisch krank war und im Alter von 44 Jahren im südbadischen Kurort Badenweiler an Tuberkulose starb, lebte gezwungenermaßen ständig im  Dennoch-Trotzdem Modus und musste seinem prekären Gesundheitszustand seine großen Werke abringen. Er nannte Die Möwe eine Komödie. Der Hauptdarsteller begeht am Ende Selbstmord, das Stück endet im Unglück - warum also eine Komödie? Alles Einseitige und Unbedingte ist durchweg und ausnahmslos lachhaft und lächerlich! Tschechows Figuren sind eindimensional und dadurch komisch. Man spricht und spielt falsch, man hofft und liebt falsch. Tschechow zeigt mißlungenes, vergeudetes und vergebliches Leben. Man wünscht sich wie das Metaphern-Tier Möwe frei und ungebunden zu sein, doch sind die Figuren durch sich selbst gebunden und gefesselt und können aus ihren selbst gezimmerten Käfigen nicht heraus. Wenn Fichtes Satz, daß das vernünftige Wesen nicht zum Lastträger bestimmt ist zutrifft, dann zeigt Tschechow unvernünftige Wesen, über die man lachen darf. Der grausame Humor liegt in der Sinnlosigkeit ihres Handelns, Sterbens und im Weiterlebenmüssens. Die Möwe ist also laut Tschechow kein Drama, auch wenn es genug Ansätze dafür gibt, und jede Inszenierung macht es sich zu einfach, wenn sie nur um das deprimierende Unglück der Figuren kreisen würde und die Aspekte der Typenkomödie negiert. Doch die gestrigen hilflosen Versuche durch Typenklamauk lustig zu sein, enttäuschten stark. Auf der Bühne gab es eine wenig subtile und sehr grobe Komik und altmodische Slapstick-Einlagen, wie man sie vor über 30 Jahren im deutschen Fernsehen sah und die so gar nicht zum Rest der Geschichte passen wollte. In Großbritannien gilt  Deutscher Humor als Oxymoron, also als etwas, das einen inneren Widerspruch beinhaltet. Seit letzter Spielzeit scheint das Karlsruher Schauspiel öfters angetreten, diesen Widerspruch aufzuzeigen und auch der gestrige Abend war dazu angetan, Dramaturgie und Regie zur Humor-Ausbildung nach England zu verfrachten.

Was wird gezeigt?
  
Der junge Regisseur Jan-Christoph Gockel (*1982) sieht die Möwe als ein Psycho-Horror-Drama einer kaputten Mutter-Sohn Beziehung mit Figuren aus dem psychologischen Kuriostätenkabinett. Er nimmt die Rolle des unglücklichen Sohnes also bitterernst und treibt sie ins psychologische Extrem. Alle Figuren sind bei ihm zu einseitig, so daß die Urlaubsgesellschaft auf der Bühne unheimliche Züge bekommt. Grundsätzlich ist das nach dem oben gesagten durchaus ein legitimer Ansatz, der dann aber daran scheitert, daß die Möwe zu stark gegen den Strich gebürstet wird und man keinen Zugang mehr zur Personen-Komödie fand und zum oberflächlichen Situationsklamauk auswich.
Als Regisseur oder Dramaturg hat man es heute offensichtlich schwer. Man steht ständig unter der Doppelanforderung kreativ zu sein, etwas Neues und Originelles auf die Bühne zu bringen, aber gleichzeitig den Inhalt und den Geist eines Stückes und die Erwartungen eines Publikums zu erfüllen. Auch in Karlsruhe suchte man wohl nach einer Idee, Tschechows Möwe auf ungewöhnliche Weise zu inszenieren und hatte den Einfall, die Rolle des Kostja von zwei Schauspielern spielen zu lassen. Wieso? Man hatte wohl beim Lesen den Verdachtsmoment gefunden, daß zwei Herzen in seiner Brust schlagen, die des um Anerkennung kämpfenden Autors und die des unglücklich Verliebten und diese Doppelanforderung an einen Schauspieler zu stellen, die eigentlich den Reiz ausmacht, ist nun auf zwei Personen verteilt. Das funktioniert grundsätzlich gut - das Konzept der Doppelbesetzung stört nicht, bringt aber auch nichts Neues und nutzt sich schnell ab. Man kann nur hoffen, daß das nicht der Mode-Kunstgriff der Zukunft ist.
Arkadinas Bruder -der Gutsbesitzer Sorin- ist in dieser Inszenierung gestrichen und wird durch einen namenlosen alten Gutsbesitzer ersetzt. Eine wichtige Bezugsperson geht also verloren, einen Mehrwert ist bei dieser neuen Konstellation leider ebenfalls  nicht zu finden.
Der Schriftsteller Trigorin ist charmant, erfolgreich, will eigentlich seine Ruhe und nur angeln. Laut Tschechow ist er noch keine vierzig, wird aber in Karlsruhe von einem Schauspieler dargestellt, der auf die sechzig zugeht. Damit ergibt sich für die Zuneigung Ninas zu Trigorin eine seltsame Konstellation: ihre Anhänglichkeit an einen Mann, der ihr Großvater sein könnte, irritiert. Man fragt sich unweigerlich, was Nina an ihm findet und wieso der Regisseur diese Besetzung wünschte. Ob die Demütigung für Kostja größer ist, wenn Nina statt eines erfolgreichen Mannes einen Greis liebt, ist nicht erkennbar. Auch Arkadinas Liebe zu Trigorin verliert dabei ihre Glaubwürdigkeit.
Tschechows Text ist zudem umgestellt, teilweise neu montiert und wird immer wieder durch nicht-Tschechowschen Text ergänzt: es ergibt sich ein inhomogenes Ganzes, dem die Tschechowsche Atmosphäre abhanden kommt.

Fazit: Eine große Enttäuschung und in keiner Hinsicht empfehlenswert. Statt vergeudetem Leben auf der Bühne wird die Lebenszeit des Publikums vergeudet. Eine langweilige Inszenierung mit aufdringlichen Momenten, die das Potential der Tschechowschen Figuren nicht ausreizt und deren unorigineller Retro-Klamauk langvergangener früherer Jahrzehnte wie ein Fremdkörper wirkt.

PS(1): Die letzte Inszenierung der Möwe hinterließ einen besseren Eindruck (1996 in der Regie von Istvan Bödy mit Friedhelm Becker als Schamrajew und Michael Rademacher als Dr. Dorn). Einige erinnern sich vielleicht noch an die meines Erachtens schönste Tschechow-Inszenierung der letzten zwei Jahrzehnte: Platonow (2006 in der großartigen Regie von Albert Lang) hatte unvergessliche Momente. Aber auch Drei Schwestern (Spielzeit 2000, Regie: Peter Hatházy und  zuvor 1989, Regie: Istvan Bödy) hatte starke Szenen. Im Vergleich zu diesen beiden fiel der Kirschgarten (2010) deutlich ab, der trotz sehr guter Schauspieler inszenatorisch nicht funktionierte. Die neue Möwe ist in dieser Reihe die schwächste Inszenierung.

PS(2): Die Möwe wird auch als Silvester-Vorstellung das Jahr beenden. Na dann guten Rutsch, 2013 kann damit nur besser werden. Vielleicht kann man ja beim Badischen Staatstheater noch umdisponieren und die Studio-Produktion Der Vorname ins Kleine Haus verfrachten. Diese Möwe wird kein Publikumserfolg, sondern wird eher Publikum abschrecken.

TIPP:
Wer in der ersten Reihe sitzt, sollte Handtücher mitnehmen oder wasserfeste Bekleidung anziehen. Es kann sehr naß werden.

PS(3): Das Bühnenbild ist übrigens einfallsreich, aber in den obigen Betrachtungen nicht berücksichtigt.

BESETZUNG und TEAM:
Irina Nikolajewna Arkadina: Ute Baggeröhr
Konstantin Gawrilowitsch Trepljew (Kostja): Thomas Halle / Matthias Lamp
Nina Michajlowana Saretschnaja: Sophia Löffler
Ilja Afanasjewitsch Schamrajew (Gutsverwalter): Klaus Cofalka-Adami
Mascha, seine Tochter: Cornelia Gröschel
Polina Andrejewna, seine Frau: Lisa Schlegel
Boris Alexejewitsch Trigorin: Ronald Funke
Jewgenij Sergejewitsch Dorn (Arzt): André Wagner
Semjon Semjonowitsch Medwedenko: Michel Brandt
Ein alter Mann: Kurt Meyer 

REGIE Jan-Christoph Gockel
BÜHNE Julia Kurzweg
KOSTÜME Sophie Du Vinage
MUSIK Matthias Grübel 

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Händel Festspiele 2013

Heute wurde das Programm der Händel Festpiele 2013 veröffentlicht und ein wenig enttäuscht darf man sein. Im Vergleich zu 2012 fehlen die großen Höhepunkte und man frägt sich, wieso Lawrence Zazzo sein Konzert nicht nächstes Jahr hätte geben können; Bei den Händel Festspielen 2012 konkurrierte er mit dem spektakulären Konzert mit 4 Countertenören und hatte dadurch deutlich weniger Zuschauer als diese. Nächstes Jahr steht nichts Vergleichbares auf dem Programm und der Zuschauerrekord wird damit nicht in Gefahr gebracht.

Dazu kommt, daß am 25.02.2013 zeitgleich das 4. Symphoniekonzert mit dem Dirigenten Bruno Weil und das Oratorium Esther mit der großartigen Kirsten Blaise und Dirigent Michael Hofstetter aufgeführt werden. Als Konzertabonnent hat man also die Qual der (Verzichts-)Wahl. Außerdem wird parallel auch noch der Jazzabend der Internationalen Händel-Akademie mit Claude Diallo am Klavier stattfinden. Eine sehr ungeschickte Termin-Festsetzung dreier Konzerte.

Ebenso vermisst man beispielsweise ein Gastspiel einer Barockoper, wie es in der Vergangenheit verschiedene Beispiele gab.

Hier der Link zum Programm als pdf
-Datei auf der Internetseite des Badischen Staatstheaters.

Samstag, 13. Oktober 2012

Stuttgarter Ballett: John Cranko - Onegin, 12.10.2012

Am 17.11.2012 erfolgt am Badischen Staatstheater die Wiederaufnahme des Balletts Giselle. Die Choreographie von Peter Wright erlebte ihre Uraufführung 1965 - einem großen Jahr  für das Stuttgarter Ballett, denn auch Onegin, choreographiert und inszeniert von John Cranko, erlebte in diesem Jahr an gleicher Stelle seine Premiere. Giselle und Onegin sind beide inzwischen Klassiker des Handlungsballetts. Fünf Wochen vor der Wiederaufnahmenpremiere von Giselle am Badischen Staatstheater gab es gestern die Rückkehr von Onegin am Württenbergischen Staatstheater. Das Stuttgarter und Karlsruher Ballett ergänzen sich mit diesen Wiederaufnahmen also auf sinnvolle Weise - Grund genug für einen Blick über die badische Landesgrenze und einen Besuch bei unseren Nachbarn im Osten.

Die Karlsruher Ballettdirektorin Birgit Keil tanzte in Stuttgart in beiden Balletten die Hauptrollen: als Königin der Willis und Giselle im Jahr 1966; als Olga in Onegin 1970 und in der Hauptrolle als Tatjana 1974 (zuerst mit Jan Stripling in der Titelrolle als Onegin, später auch mit Vladimir Klos). Beiden -Onegin und Giselle- merkt man ihre enstehungsgeschichtliche Zeitgenossenschaft an: Ambiente, Ausdruck, Ausstattung, Kostüme, Stil - eine gewisse Verwandschaft lässt sich trotz unterschiedlicher Choreographen und Themen nicht verleugnen. Beide haben auch durchaus Schwächen, die man aber erst heute bemerkt: es gibt angestaubte und  gelegentlich auch etwas altmodisch wirkende Momente bei den folkloristisch gehaltenen Gruppen- und Festszenen. Dennoch funktionieren beide Choreographien weiterhin, denn sie erzählen ihre Geschichte klar, deutlich und geradlinig, mit viel emotionaler Teilnahme und Spannung für das Publikum.

Das von John Cranko nach Alexander Puschkins Versroman in drei Akten konzipierte Ballett ist durch seine anspruchsvollen, leidenschaftlichen und dramatischen Pas de deux berühmt. Dazu kommen viele sehr gute Bühneneinfälle: z.B. die Briefszene Tatjanas, die hier als Traumszenenfolge gelöst ist, das durch Schattenspiel dargestellte Duell zwischen Lenski und Onegin oder der unter umgekehrten Vorzeichen stattfindende abschließende Pas de deux zwischen Onegin und Tatjana. Das Stuttgarter Ballett glänzte gestern durch seine großartigen Solisten und durch die dichte Homogenität der Tänzer.

Die Musik zu Onegin stammt nicht aus der gleichnamiger Oper, sondern aus eher unbekannten Werken und Klavierkompositionen Tschaikowskys, die von Kurt-Heinz Stolze für Orchester arrangiert wurden. Das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle spielte mit sattem Wohlklang.

Fazit: Das Stuttgarter Ballett ist immer eine Reise wert und speziell Onegin weckt die Vorfreude auf Giselle am Badischen Staatstheater.

PS: Liebes Badisches Staatstheater, jahrzehntelang gab es in Karlsruhe eine monatliche Theaterzeitschrift, mit der man als Zuschauer und Interessent gut informiert war. Seit letztem Jahr wurde diese leider durch eine informationsarme und wenig interessante Publikation ersetzt, die sogar nur alle drei Monate erscheint. Ein trauriger Einschnitt. Vergleicht man aber die ebenfalls nur im Dreimonatsrhythmus erscheinende Stuttgarter Theaterzeitung, hat man guten Grund von der Publikation des Badischen Staatstheaters enttäuscht zu sein: ungleich mehr an gut verpackter Information und spannender Berichte ist dort zu finden. Nehmt euch doch mal daran ein Beispiel und erhöht wieder die Publikationsfrequenz.

Montag, 8. Oktober 2012

Wagner - Tannhäuser, 07.10.2012

Nach dem inszenatorisch stark kritisierten Lohengrin war eine große (An-)Spannung vor dem neuen Tannhäuser bei Publikum und Theatermitarbeitern am Premierensonntag im ausverkauften Großen Haus spürbar. Tannhäuser wurde gestern ein großer Erfolg für das Badische Staatstheater: alle Beteiligten wurden vom Publikum einhellig bejubelt.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Richter - My Secret Garden, 03.10.2012

Das Erlebnis des gestrigen Abends war nicht My Secret Garden, sondern Timo Tank. Der Schauspieler gestaltete und dominierte auf großartige Weise einen Text, dem man nur ein beschränktes Haltbarkeitsdatum attestieren kann und der nur durch die faszinierende Schauspielkunst Tanks lebendig wurde.

Worum gehts es?
Nach dem Musical Alice startete gestern nun auch das Schauspiel auf der Studio-Bühne in die neue Saison. Ausgesucht hatte man sich eine deutschsprachige Erstaufführung: My Secret Garden des deutschen Bühnenautors Falk Richter (Jahrgang 1969) hatte seine Uraufführung in französischer Sprache beim Festival d’Avignon 2010. Laut Staatstheater ist der Text eine Reise in eine bundesrepublikanische Biografie: "Ein Mann um die vierzig, ein Schriftsteller, nachts in einem Hotelzimmer: Während sein Vater im Krankenhaus mit dem Sterben ringt, lässt der Autor sein eigenes Leben Revue passieren." Dieser Mann um die vierzig scheint der Autor selber zu sein; er spricht sich selber mit dem Vornamen Falk an. My Secret Garden besteht aus Reflexionen und Erinnerungen - den Innenansichten eines Autors.

Autofiktion?
Richter bezeichnet My Secret Garden als Autofiktion, eine Mischung aus Autobiographie mit erfundenen Bestandteilen oder eine Erfindung mit autobiographischem Anteil. Eine Mischung mit vorläufig unklarem Verhältnis. Die Autofiktion erscheint als eine Zweckform. Die autobiographische Selbstthematisierung ist immer auch eine Selbstuntersuchung: eine Therapieform, bei der man sich selber kennenlernt, sich eigene Unzulänglichkeiten von der Seele schreibt und gleichzeitig in die Zukunft blickt und den großen Bogen über ein Leben spannt. Verschleiert wird sie hier durch fiktive Elemente. Auf der Bühne wird für die erzählende Figur ein desaströses Lebengefühl diagnostiziert: ohne richtige soziale Kontakte, einsam, um Anerkennung als Autor ringend und voller Sinnlosigkeitsgefühle. Eine Entwicklungsgeschichte ohne geglückte Emanzipation. Die Schwäche des Textes besteht darin, daß er nicht konsequent zu Ende geschrieben ist. Etwas Unaufrichtiges, nicht Zuendeoffenbartes, Erfundenes lässt die schonungslose Offenheit vermissen, die nötig gewesen wäre, um My Secret Garden also große Innenanalyse gelten zu lassen. In Karlsruhe ist die Wirkung  des Textes keine stoffliche, sondern wird durch die Form des Erzählens erzielt: die Geschichte interessiert aufgrund der schauspielerischen Darstellung. 

Was wird gezeigt?

My Secret Garden ist zweigeteilt und beginnt als Monolog. In den ersten 50 Minuten blickt der von Timo Tank gespielte Erzähler zurück auf seine Kindheit und Jugend. Als Wunschbild stilisiert sich Tank in der ersten Szene: cool, selbstbewußt und lässig tanzt er auf der Bühne, doch die Fassade bröckelt schnell. Das beengende, spießige Milieu der Eltern in der norddeutschen Provinz, das von Lieblosigkeit und Enge gekennzeichnet war, ließ kein selbstbewußtes Ich entstehen, sondern eines, das von vitalen Unfähigkeiten und stumpfen Verstimmungen geprägt ist.  Die Vergangenheitsinstrumenalisierung wird aber auch zur Relativierung eigener Defizite genutzt. Im zweiten Teil, der den Autor und Künstler in den Mittelpunkt stellt und durch Dauerzweifel am eigenen Handeln und Bitterkeit gekennzeichnet ist, ergänzen zwei weitere Schauspieler das Ich des Erzählers. Dieser Abschnitt kann die Dichte des Beginns nicht halten und ist etwas schwächer. Die drei Schauspieler -Simon Bauer, Benjamin Berger, Timo Tank- tragen eng anliegende silbern-glänzende Kostüme, die an Ballett-Tänzer erinnern.  Kostüme, die nichts verbergen, aber auch das Inauthentische des Autofiktion-Konzepts zeigen.

Fazit: Als Schauspiel-Fan darf man Timo Tank nicht verpassen! In seinem Monolog gibt es keinen langweiligen Moment, jeder Satz lebt und atmet. Sein grandioser Auftritt bietet die kurzweiligsten und spannendsten 50 Minten seit langem. Insgesamt 90 schauspielerisch lohnenswerte Minuten.

Schauspieler: Timo Tank, Simon Bauer, Benjamin Berger
Regie: Pedro Martins Beja
Bühne und Kostüme: Christine von Bernstein
Musik: Jörg Follert