Montag, 30. April 2012

Festspielhaus Baden-Baden: Netrebko / Schrott Konzert, 29.04.2012

Anna Netrebko kommt schon seit vielen Jahren gerne und regelmäßig nach Baden-Baden und hat hier bereits in hohem Maße erinnerungswürdige Auftritte vorzuweisen. Gestern sang zum ersten Mal ihr Lebensgefährte im Festspielhaus; der Bassbariton Erwin Schrott begleitete Netrebko zu einem Konzert. Beide wurden mit starkem Applaus begrüßt und Anna Netrebko fühlte sich sichtbar wohl und winkte im Verlauf des Abends regelmäßig huldvoll ins Publikum.

Netrebko/Schrott sind Publikumsmagneten und wer sich gestern aufmerksam umsah, konnte im restlos ausverkauften Festspielhaus auch mal wieder viele Karlsruher Opernfreunde entdecken, die einem sehr guten, aber auch oft nur auf hohem Niveau routinierten Konzert beiwohnten, bei dem der Funke nur bei wenigen Nummern übersprang.

Beide, Netrebko und Schrott, konnten zeigen, daß sie nicht nur große Stimmen, sondern auch große Bühnenpräsenz haben, aber wie so oft bei Potpourris fehlte der rote Faden und es gab diesmal auch keinen herausragenden Höhepunkt. Doch anders ausgedrückt kann man behaupten, daß für jeden etwas dabei war und jeder seinen persönlichen musikalischen Netrebko/Schrott-Favoriten individuell finden konnte. Ein etwas spannungsarmes und dadurch vielleicht auch sehr effektives Konzert, das Appetit auf mehr (mehr Zusammenhang und Spannung, mehr Leidenschaft, durchaus aber auch mehr von diesen beiden Sängern) machte.

So gab es viel und langen Applaus, aber keine großen Bravo-Stürme. Bei den Zugaben wurde es dann emotionaler und auch spontaner: Netrebko sang Puccinis O mio babbino caro und Erwin Schrott zwei Lieder von Astor Piazzolla (Oblivion, Rojotango). Als das Konzert zu Ende ging, schienen die Sänger gerade erst so richtig angekommen zu sein.

PS(1): Netrebko/Schrott werden im Mai 2013 erneut in Baden-Baden zusammen auftreten: als Graf und Gräfin in Mozarts Hochzeit des Figaro (mit Luca Pisaroni als Figaro und Mojca Erdmann als Susanna). Darauf kann man sich jetzt schon freuen - bei der sehr hohen Spielfreude der beiden Künstler wird das wahrscheinlich zum Ereignis, das sich in die Reihe großer Mozart-Interpretationen in Baden-Baden einreihen sollte.

PS(2): Hier das gestrige Konzertprogramm:
Wolfgang Amadeus Mozart - Ouvertüre zur Oper Le nozze di Figaro

Luigi Arditi - "Il bacio"

Wolfgang Amadeus Mozart - "Madamina, il catalogo è questo", Arie des Leporello aus der Oper Don Giovanni

Charles Gounod aus der Oper Faust:

„Ah, je ris“ Juwelenarie der Marguerite

"Le veau d'or est toujours debout" Rondo des Mephistopheles

Giachino Rossini - Ouvertüre zur Oper L’italiana in Algeri

Gaetano Donizetti aus der Oper L’elisir d’amore:
“Che voul dire” Chor
"Udite, udite, o rustici!, Auftrittsszene des Dulcamara
"Quanto amore”  Duett Adina-Dulcamara

Franz Lehár - “Lippen Schweigen” – Duett Hanna und Danilo aus der Operette Die lustige Witwe

Gerónimo Giménez - Intermedio aus La boda de Luis Alonso

Antonín Dvorák - “Lied an den Mond” – Arie der Rusalka aus der Oper Rusalka

Pablo Sorozábel - „Despierta negro“ aus der Zarzuela La taberna del Puerto

Francesco Cilea „Io Son L’Umile Ancella“ aus der Oper Adriana Lecouvreur

George Gershwin - "Bess, You Is My Woman Now", Duett aus Porgy and Bess


Claudio Vandelli dirigierte die Baden-Badener Philharmonie und den Philharmonia Chor Stuttgart sicher und konnte bei den orchestralen Zwischenspielen Akzente setzen.

Freitag, 27. April 2012

Jurek Becker - Jakob der Lügner, 27.04.2012

Die literarische Woche geht weiter: nachdem es am Samstag eine getanzte Momo gab, folgte eine weitere Romanadaption: Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner in einer Theaterfassung.

Die Geschichte von Jurek Beckers Roman über Jakob, der während des zweiten Weltkriegs in einem polnischen Juden-Ghetto vorgibt, eine Radio zu haben und erfundene Berichte darüber verbreitet, daß die rote Armee im Anmarsch sei und der Krieg sich wende, ist so einfach und eingänglich, aber auch exemplarisch und überzeitlich, daß es sich vom Buch löst und in einen Kanon des Wissens und der Verständlichkeit eingegangen ist.
Manche Bücher verselbständigen sich: sie werden erst gerühmt, besprochen und gelegentlich von einem größeren Publikum gelesen, dann in Schulen zur Lektüre, irgendwann verfilmt (sogar ein Remake aus Hollywood ist für Beckers Roman vorhanden) und da liegt es nicht fern, sie auch in Theaterfassung zu bringen. Der Nachteil solcher verfilmten und medial verbreiteten Stoffe ist, daß sie thematisch bekannt sind, daß man oft feste Vorstellungen dazu hat. Schon im Voraus weiß man zumindest so ungefähr, was passiert und wie es zu geschehen hat. Das kann ein Vorteil sein, wird sich aber auch oft nachteilig auswirken. In Karlsruhe unterläuft der Regisseur die Erwartungen auf ebenso geschickte wie überraschende Weise: er setzt auf Komik und ein erinnerungswürdiges Bühnenbild!

Bereits im April 2011 brachte der Regisseur Martin Nimz die Uraufführung einer Theaterfassung in Heidelberg auf die Bühne. Gestern nun eine neue Version im Badischen Staatstheater, die im Vergleich zu Heidelberg um einen namenlosen Erzähler erweitert ist (ein Kunstgriff, der zur Zeit in Mode zu sein scheint und auch bei Handkes Immer noch Sturm erfolgreich ist). Dieser schildert rückblickend die Ereignisse und sieht sich beim Erinnern und Selbstbefragen mit dem eigenen inneren Schrecken konfrontiert; als Überlebender konnte er sich nie vom Grauen des Ghettos befreien. Seine Schilderungen vom dortigen Leben sind anfänglich hoch amüsant, zeigen sie doch, wie man sich mit dem Leben in ständiger Ausnahmesituation arrangierte. So sind die ersten Szenen voller Situationskomik; der Schrecken schleicht sich nur unterschwellig hinein und die Beklemmung wächst langsam. Zum ersten Mal in dieser Spielzeit wird wieder im Zuschauerraum oft gelacht, der Kontrast zum starken Schlußbild ist dann umso schärfer. Die Bedrohlichkeit der Lage ist anfänglich fast zu stark zurückgenommen: die Komik angesichts der trostlosen Lage wird nicht jeder für angemessen und nachvollziehbar halten und sich vielleicht nur jenen ganz erschließen, die auch in einer verzweifelten Lage noch optimistisch bleiben und denken, daß es hätte schlimmer kommen können. Rückblickend fällt es schwer zu glauben, daß es in dieser Situation Humor überhaupt geben konnte. Es ist damit zu rechnen, daß der teilweise vordergründige Witz einigen zu weit geht und ihnen den hintergründigen Ernst zu stark verstellt.
Der Zwiespalt des fröhlichen Ghettos wird bei einigen Irritationen auslösen und Beckers Geschichte als Tragikomödie erscheinen lassen. Hier liegt das größte Diskussionspotential dieser Inszenierung.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung befürchtete im Juli 2011, daß mit der vermehrten Präsentation nicht für die Bühne geschriebener Texte die Entdramatisierung der Theater endgültig dramaturgisch beschlossene Sache zu sein scheint. Wenn man die Karlsruher Inszenierung betrachtet, möchte man der FAZ teilweise Unrecht geben: Es ist zwar ganz und gar nicht garantiert, daß man man einen guten Roman gewinnbringend auf die Bühne bringen kann (vor einigen Jahren war Hesses Steppenwolf ein Beispiel dafür, daß es nicht funktioniert), aber in Karlsruhe gelingt die Adaption. Obwohl die Szenen überwiegend episodisch sind, es Durchhänger gibt (ca. 30 Minuten des dreistündigen Abends hätte man verlustfrei kürzen können) und nicht jede Balance austariert ist, ergibt sich doch ein fast durchgängiger Spannungsbogen, der in einem beeindruckendem Schlußbild seinen Höhepunkt findet.

Das psychologische Destillat dieser Handlungskonstellation -eine Gruppe Menschen in beklemmender existentieller Ausnahmesituation- bietet auf den ersten Blick wenig Spielraum für Überraschungen. Es wurde vor allem in Filmen hinreichend konjugiert, da in solchen Situationen exemplarische Persönlichkeiten gezeigt werden. Für Regie und Schauspieler besteht die Herausforderung darin, daß die Individuen zu Typen, die Typen zu Individuen geworden erscheinen. Der Karlsruher Regie gelingt das leider nicht durchgehend, einige der Figuren bleiben einfach zu blaß und wirken fast wie Statisten, aber es entwickelt sich trotz weniger darstellerischer Schwachpunkte eine dichte Aufführung.

Viele Zuschauer werden bei Jakob der Lügner erleichtert aufatmen: endlich dürfen die Schauspieler zeigen, was sie können und -überraschend genug bei diesem Thema- darf auch gelacht werden. Dafür ist hauptsächlich Frank Wiegard verantwortlich, der als Friseur Kowalski seine bisher stärkste Rolleninterpretation in Karlsruhe zeigt.
André Wagner als namenloser Erzähler zeigt das, was er am besten kann: er überzeugt als traumatisierte, zerissene, sich im Zwiespalt befindende Person. Er ist die tragische Hauptfigur dieser Inszenierung.
Unter den sehr guten Schauspielern haben vor allem Cornelia Gröschel, Ute Baggeröhr (beide ein klarer Gewinn für das Karlsruher Ensemble!) Timo Tank (großartig, wie er mit minimaler Mimik seine Rolle verkörpert und doch seine Figur unverwechselbar macht) und Gunnar Schmidt  die Chance, ihr Können zu zeigen.

Nach der kurzfristigen Erkrankung des Hauptdarstellers Georg Krause (hier mehr zu ihm), wurde die für letzten Freitag angesetzte Premiere um zwei Tage auf Sonntag verschoben, nachdem man ebenfalls kurzfristig mit Axel Sichrovsky einen Ersatzschauspieler gefunden hatte, der nur wenige Tage intensiv geprobt hatte, um die ersten Termine zu retten. Sichrovskys Rollenporträt des Jakob als die des kleinen Manns von der Straße ist hauptsächlich der Anknüpfpunkt für die Betrachtungen des Erzählers und nicht, wie vielleicht von einigen erwartet, die eigentliche Hauptfigur im Zwiespalt. Sichrovskys Jakob ist einer unter vielen, ein unauffälliger Durchschnittsmann, den der Zufall als Held auserwählt. Jakob wird bei ihm nicht zum unverwechselbaren Charakter. Dem Zwiespalt seiner Figur als Lügner und Hoffnungsträger wird er nicht ganz gerecht. Ob das die Regie vorgab oder dem kurzfristigen Einspringen geschuldet ist, bleibt vorerst unklar. Sichrovsky spielt sehr gut und doch wird sich der eine oder andere gefragt haben, wie Krause die Rolle gespielt hätte oder bald spielen wird.


Die sehr kreative und intelligente Bühne von Bühnenbildner Sebastian Hannak (der auch am Samstag die Bühne zum Ballett Momo entworfen hat) ist massiv orange und gibt dieser Produktion eine unverwechselbare Form: Unmengen an kleinen orangefarbenen Bällen, die wie Orangen-Berge wirken, sollen zwei metaphorische Funktionen erfüllen. Sie verbergen Latentes, Verschüttetes und Vergessenes und sind gleichzeitig ein Bild für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Fazit (1): Eine gute, interessante und originelle Inszenierung, die im positiven Sinne an gute Produktionen unter Knut Weber anknüpft.

PS (1): Das Karlsruher Schauspiel benötigte im Vorfeld dringend einen Erfolg, um die bisher magere Bilanz zu verbessern. Jakob der Lügner ist bis zum Spielzeitende zwölf mal im Spielplan vorgesehen. Viele populäre Schauspieler des Ensembles werden aufgeboten. Schon vor der Premiere waren nur noch wenige Plätze für die folgenden Aufführungen erhältlich. Anscheinend hat man darauf geachtet, daß möglichst viele Abonnenten dieses Stück zu sehen bekommen, damit die Zuschauerstatistik am Saisonende halbwegs ordentlich aussieht. Zu oft hatte man bisher zu wenig Publikum. Der Plan sollte aufgehen:  Im Detail mag die Inszenierung diskutabel sein, aber es handelt sich durchweg um eine legitime Sicht, die diesem schwierigen Stoff trotz oder gerade wegen des Humors angemessen ist.

PS(2): Man sieht dem lustigen Treiben auch deshalb verwundert zu, weil es das Gegenteil der bisherigen Spielzeit ist. Man könnte den Verdacht äußern, daß hier Wiedergutmachung betrieben wird und einige Schauspieler die Chance ergreifen, daß sie etwas aus ihren Rollen machen dürfen und endlich Theater spielen können. So sieht man gelegentlich etwas zu viel, die Möglichkeit zum Klamauk wird etwas zu stark ausgereizt, die Balance dadurch etwas verschoben. Ich habe mich als Zuschauer ebenfalls gelegentlich daran gestört, aber mich dann mehr darüber gefreut, daß man endlich etwas gezeigt bekommt.

Fazit (2): Und sehr spät nachts noch eine letzte Erkenntnis: man kann über diese Inszenierung in einem konstruktiven Sinne viel diskutieren und nachdenken. Und deshalb ist das Ergebnis meiner nächtlichen Selbstbefragung angesichts der Vielschichtigkeit dieser Produktion eine Empfehlung: Jakob der Lügner ist in dieser Spielzeit die bisher beste Inszenierung im Kleinen Haus. Ich werde sie -nicht nur wegen Georg Krause- ein zweites Mal anschauen. Ich bin gespannt, wie dann mein Urteil ausfällt.


Besetzung: Erzähler: André Wagner; Jakob Heym: Georg Krause/Axel Sichrovsky; Lina: Cornelia Gröschel; Kowalski, Frisör: Frank Wiegard; Mischa, Boxer: Benjamin Berger; Herr Frankfurter: Klaus Cofalka-Adami; Frau Frankfurter: Ursula Grossenbacher; Rosa Frankfurter: Ute Baggeröhr; Prof. Kirschbaum: Timo Tank; Elisa Kirschbaum: Eva Derleder; Herschel, der Fromme: Jonas Riemer; Fajngold: Hannes Fischer; Preuß: Gunnar Schmidt; Meyer: Robert Besta; Kostüme: Ricarda Knödler; Video: Manuel Braun

Hommage an Georg Krause und die Kunst der virtuosen Eskalation

Aufgrund einer Erkrankung verpasste Georg Krause leider die Premiere von Jakob der Lügner. Sehr schade für das Publikum, denn seine Auftritte sind immer besonders beachtenswert.

Krause ist ein besonderer Schauspieler, der zwei Talente besitzt, die hervorragen:
Ich habe noch nie jemanden auf der Bühne gesehen, der wie er latent bedrohlich wirken kann. Vor einigen Jahren spielte er den Kommissar in Martin McDonaghs "Der Kissenmann". Das Stück wurde damals in der Insel inszeniert und hatte leider nur wenige Zuschauer. Vielleicht kam es zu früh, denn es nahm atmosphärisch einen Trend vorweg, dem heute viele gerne folgen: es war ein düsterer Psychokrimi, der an den skandinavischen Stil erinnerte. Wer gerne solche Krimis liest, hätte das Stück sehen sollen. (Anregung an das Staatstheater: Krimifans gibt es anscheinend viele; inszeniert doch mal was für diese Leser und vermarktet es gut). Der Kissenmann war szenisch sehr bedrohlich und aufreibend: einige Zuschauer mussten dabei schwer durchatmen. Georg Krause hatte einen starken Anteil an dieser unterschwellig eskalierenden Beklemmung.

Krause hat aber noch eine weitere, außergewöhnliche Stärke: wie kaum ein anderer kann er Situationen auf die komödiantische Spitze treiben und die Balance auf dem schmalen Grat zwischen Verzweiflung, Melancholie und Komik halten. Seine Auftritte in Shakespeares Sommernachtstraum oder als Orgon in Molieres Tartuffe oder zusammen mit Jörg Seyer in "Die Affäre Rue de Lourcine", waren buchstäblich Zwerchfell erschütternd und witziger als alles andere, was ich bis dahin und später auf einer Bühne sah. Dabei hält er immer ein virtuoses Maß; seine Darstellung entgleitet nicht in überbelichtete Extreme.

Ob nun als Brandner Kasper oder Wendelin Schlüter (Big Money), Dorfrichter Adam oder Malvolio (Was ihr wollt), ob er sich auf der Bühne ungewollt in den Finger schneidet (bei der Premiere von Lukas Bärfuss' "Der Bus") oder erfolglos versucht, Sekt aus einer Flasche zu trinken (bei der Premiere von "Benja der König" nach Isaak Babel): Krause macht aus seiner Rolle Figuren, die in Erinnerung bleiben. Er hat es  für mich in den letzten 20 Jahren wie kaum ein anderer geschafft  mit seinen Rolleninterpretationen Maßstäbe zu setzen. Seine herausragende Stärke liegt für mich in der virtuosen Eskalation von Situationen.

Unter den vielen sehr guten Schauspielern, die in den letzten Jahren in Karlsruhe zu sehen waren, gehört er zu denen, die einen besonders hohen Erinnerungswert haben.

Donnerstag, 26. April 2012

Lance Ryan in Paris, Heidi Melton an der New Yorker MET

Wenn man den (in Englisch verfassten) Bericht des Gastspiels der Bayrischen Staatsoper in Paris liest, wird man sich wieder bewusst, was für großartige Sänger der letzte Karlsruher Ring mit Lance Ryan und Thomas J. Mayer hatte und wie schwer es 2013 in Karlsruhe wird, dieses Erlebnis zu überbieten. Machen wir uns nichts vor: im Falle von Lance Ryan als Siegfried ist das aktuell unmöglich.
http://opera-cake.blogspot.de/2012/04/from-munich-to-paris-with-love.html

Doch dafür gibt es ja jetzt in Karlsruhe Heidi Melton als neuer Star. Hier der (in Englisch verfasste) Bericht zur New Yorker Götterdämmerung:
http://operaobsession.blogspot.de/2012/04/gotterdammerung-fliegt-heim-ihr-raben.html

Mittwoch, 25. April 2012

Vorschau auf die Spielzeit 2012/2013 in Karlsruhe

Hier erst mal nur die Neuinszenierungen des Badischen Staatstheaters:

OPER

TANNHÄUSER
Oper von Richard Wagner
07.10.12

DIE DREI MUSKETIERE
Operette von Ralph Benatzky
DER VETTER AUS DINGSDA

Operette von Eduard Künneke
08.12.12

DIE VESTALIN
Oper von Gaspare Spontini
26.01.13

DER SIEG VON ZEIT UND WAHRHEIT
Oratorium von Georg Friedrich Händel
DER SIEG VON SCHÖNHEIT UND TÄUSCHUNG
Oper von Gerald Barry
HÄNDEL-FESTSPIELE
16.02.13

DIE REGIMENTSTOCHTER
Oper von Gaetano Donizetti
20.04.13

DIE PASSAGIERIN
Oper von Mieczysław Weinberg
DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG
18.05.13

PETER GRIMES
Oper von Benjamin Britten
06.07.13

Unter den Wiederaufnahmen sind u.a. die "alten" Inszenierungen von Carmen, Hänsel und Gretel, Tosca, Zauberflöte, Hochzeit des Figaro und der Wagnersche Ring.
(Na ja, da hat man über lange Jahre viel gespielte Wiederaufnahmen ausgesucht, die fast jeder bereits kennt....)



BALLETT

GISELLE
Ballett von Peter Wright nach Marius Petipa, Jean Coralli; Jules Perrot
NEUEINSTUDIERUNG
17.11.12 GROSSES HAUS

IN DEN WINDEN IM NICHTS
Ballett von Heinz Spoerli
DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG
16.03.13 GROSSES HAUS

Dazu vier Wiederaufnahmen: Momo, Siegfried, Nußknacker und Schwanensee


SCHAUSPIEL
ALICE
Musical von Waits | Brennan | Wilson | Schmidt
27.09.12 KLEINES HAUS

MY SECRET GARDEN
von Falk Richter
DEUTSCHSPRACHIGE ERSTAUFFÜHRUNG
03.10.12 STUDIO

DIE MÖWE
Komödie von Anton Tschechow
20.10.12 KLEINES HAUS

DANTONS TOD
Ein Drama von Georg Büchner
22.11.12 KLEINES HAUS

AGNES

nach dem Roman von Peter Stamm
DEUTSCHSPRACHIGE ERSTAUFFÜHRUNG
16.12.12 STUDIO

DER EINSAME WEG
Schauspiel von Arthur Schnitzler
19.01.13 KLEINES HAUS

MEDEA
Trauerspiel von Franz Grillparzer
24.01.13 STUDIO

MÜDIGKEITSGESELLSCHAFT
von Byung-Chul Han
VERSUCH ÜBER DIE MÜDIGKEIT
von Peter Handke
URAUFFÜHRUNG
FEBRUAR 13 STUDIO

DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER
nach dem Roman von Johann Wolfgang Goethe
10.03.13 STUDIO

WIE ES EUCH GEFÄLLT
Komödie von William Shakespeare
21.03.13 KLEINES HAUS

MÄNNERPHANTASIEN
von Patrick Wengenroth nach Klaus Theweleit
URAUFFÜHRUNG
24.4.13 STUDIO

AM FALSCHEN ORT
von Alice Monica Marinescu und David Schwartz
URAUFFÜHRUNG / GEWINNER DES DRAMENWETTBEWERBS „ÜBER GRENZEN SPRECHEN“ 2012
FRÜHLING 13 STUDIO

PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG
Ein Schauspiel von Heinrich von Kleist
16.05.13 KLEINES HAUS

VETERANEN DES RASENS
Ein KSC-Projekt von Tobias Rausch
16.06.13 STUDIO

EINE (MIKRO)ÖKONOMISCHE WELTGESCHICHTE, GETANZT
von Pascal Rambert und Éric Méchoulan
27.06.13 KLEINES HAUS

EXAMEN
Dramatiker-Projekt
URAUFFÜHRUNGEN
STUDIO

Dienstag, 24. April 2012

6. Symphoniekonzert, 23.04.2012

Das 6. Symphoniekonzert war amerikanisch geprägt: Vor der Pause zwei Vertonungen von Gedichten des amerikanischen Lyrikers Walt Whitman, nach der Pause eine durch einen Aufenthalt in den USA inspirierte Symphonie.

Es begann mit John Adams The Wound-Dresser für Bariton und Orchester nach Walt Whitman, gefolgt von Frederick Delius' Sea Drift für Bariton, Chor und Orchester nach Walt Whitman. Sea Drift wurde (wie Mahlers 6. Symphonie) 1906 auf dem Deutschen Tonkünstlerfest in Essen aus der Taufe gehoben – ein Jahr vor der Premiere der auch in Karlsruhe in dieser Spielzeit so wunderbar wieder entdeckten Oper Delius' Romeo und Julia auf dem Dorfe.

Beide Stücke passten sehr gut zusammen, zeigten interessante Details, wurden von Bariton Roderick Williams und später dem Badische Staatsopernchor schön gesungen und wurden lange beklatscht. Wer in kontemplativ-meditativer Stimmung zum Konzert gekommen war, der konnte seine Freude an Adams und Delius haben; bei anderen stellte sich unter Umständen der Verdacht ein, Zeuge gepflegter Langeweile geworden zu sein.

Zum 350. Geburtstag der Badischen Staatskapelle wurde ein abwechslungsreiches und vielfältiges Programm für diese Spielzeit konzipiert. Doch muß man nach dem sechsten Symphoniekonzert eingestehen, daß es zwar viele Ausgrabungen, aber keine Entdeckungen gab und selten etwas, das Begeisterung auslöste. Es fehlten im Verlauf dieser Konzertsaison vielleicht ein bis zwei Schlachtrösser des Repertoire. So kommen die Höhepunkte zum Schluß (im nächsten Konzert Mozarts berühmtes A-Dur Klavierkonzert  und Mahlers großartige 5. Symphonie, zum Abschluß dann im Juli Beethovens Neunte) und gestern zumindest dann nach der Pause.

Antonín Dvořáks 9. Symphonie  „Aus der Neuen Welt“ ist eine der beliebtesten Symphonien überhaupt und wer nach einer Konzertaufführung nicht begeistert applaudiert, hatte entweder einen uninspirierten Dirigenten oder ist schwerhörig. Aber in Karlsruhe wurde gestern begeistert applaudiert und auch das Orchester applaudierte dem tschechischen Dirigenten Tomas Hanus vehement - mal schauen wie lange es dauert bis er wieder in Karlsruhe zu hören sein wird. Der junge Tscheche hinterließ einen sympathischen und kompetenten Eindruck.

PS(1): Janos Ecseghy verließ seinen Posten als 1. Violinst und das ihm besorgt nachblickende Publikum nach dem zweiten Satz von Dvořáks Symphonie. Für alle Fälle: Gute Besserung!

PS(2): Hallo liebes Staatstheater: wollt ihr nicht mal die alte Ansage von Achim Thorwald aus dem Archiv holen, daß Mobiltelefone auszumachen sind. Es kommt wieder öfters vor und eine kurze Ansage unmittelbar vor Vorstellungsbeginn könnte hilfreich sein.

PS(3): Hallo liebes Staatstheater: wollt ihr nicht mal Zuschauerschulungen anbieten zum Thema: Wie entpacke ich mein Bonbon ohne zu stören? Einige denken immer noch, daß man das in quälend langsamer Weise und nur während den leisen Stellen in Angriff nehmen darf. Vielleicht hilft da auch eine Ansage: Nehmen Sie Ihr Bonbon bitte jetzt, bevor die Vorstellung beginnt und warten sie nicht, bis die ersten Takte einsetzen.

Sonntag, 22. April 2012

Momo (Ballett Uraufführung), 21.04.2012

Es war perfekt! Um den Triumph der gestrigen Ballettpremiere gerecht zu werden, müsste man eine Sprache der aufrichtigen Superlative finden, bei der es keine Zweifel gibt, daß Wörter wie großartig, berührend oder Meisterwerk ihrem wahren Sinn nach verstanden werden. Mit Momo gelingt dem Ballett des Badischen Staatstheaters eine Sternstunde und das Kunststück, eine rundum geglückte Romanadaption in Form eines philosophischen Balletts für unsere Zeit zu präsentieren, das vielleicht nur eine Hürde für sein Publikum stellt: es ist von Vorteil Momo zu kennen.

Donnerstag, 19. April 2012

Peter Spuhler im Interview

Anbei zwei aktuelle Links.

Hier ein Interview mit Peter Spuhler:
http://www.boulevard-baden.de/lokales/kultur-lokal/2012/04/15/von-der-begeisterung-angesteckt-staatstheater-intendant-peter-spuhler-im-interview-497916/


Und hier ein Bericht über das Badische Staatstheater:
http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/kultur/ueberregionale-kultur_artikel,-Peter-Spuhlers-Start-als-Generalintendant-des-Staatstheaters-Karlsruhe-_arid,169985.html


Das nächste Spielzeitmotto 2012/2013 lautet „Von Prüfungen“
Zum Schauspiel - Spuhler: "Mit dem kommenden Motto werden wir uns auch im bürgerlichen Theater bewegen – weg von der Klassik hin zur Jahrhundertwende. Und wir werden die Zahl der Komödien erhöhen."

Tja, das wäre vielleicht auch der bessere Plan für ein erstes Jahr gewesen ....

Mittwoch, 18. April 2012

von Einem - Dantons Tod, 17.04.2012

Die Uraufführung von Dantons Tod am 6. August 1947 bei den Salzburger Festspielen (dirigiert von Ferenc Fricsay) wurde ein sensationeller Erfolg und katapultierte Gottfried von Einem an die Spitze der deutschsprachigen Opernkomponisten seiner Zeit. Der Librettist Boris Blacher hatte Georg Büchners Schauspiel kräftig überarbeitet und reduziert; von Einem komponierte eine abwechslungsreiche und tonale Partitur, die vor allem im zweiten Teil große, eindrucksvolle Chorszenen bietet.

Daß dieser Klassiker der Moderne etwas in Vergessenheit geraten ist und auch in Karlsruhe seit seiner erfolgreichen Premiere in Juli 2011 nicht besonders viel Publikum anzog und nur selten im Spielplan war, liegt wahrscheinlich daran, daß die Personen nur grob gezeichnet sind, daß man musikalisch durchaus beeindruckt sein kann, aber nur selten emotional beteiligt wird: mehr Spektakel als Emotionen prägen diese Oper.
Dabei ist es wirklich eine spannende Geschichte, die im Badischen Staatstheater zu hören und sehen ist  und bei der auch der dieser Oper vorangestellte, kurze Monolog "Eine Straße, Lucille" von Wolfgang Rihm sehr gut passt. Alexander Schulin hat eine unauffällige Regie abgeliefert, die mit Hilfe der Drehbühne  immer wieder den Eindruck vermittelt, in einem runden Anatomie-Hörsaal zu sein, der auch parlamentarisch als Versammlungsort und Tribunal genutzt wird. Ein treffendes Bild der blutrünstigen französischen Revolution.

Die gestrige, vorletzte Aufführung war vor allem ein (vorläufig letztes?) Wiedersehen mit früheren Ensemble-Mitglieder. Spätestens seit ihrer großartig gesungenen Zerbinetta in Strauss' Oper Ariadne auf Naxos ist Diana Tomsche bei den Karlsruher Opernanhängern in bleibender Erinnerung. Ulrich Schneider, Stefan Stoll und Lukas Schmid haben sich ebenfalls ihre Verdienste im Karlsruher Opernleben erworben.

In gewisser Weise gehört bereits Dantons Tod zu der unter der neuen Intendanz ins Leben gerufenen Reihe Politische Oper, die im Juli mit der Oper Wallenberg des estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür beginnt. Es bleibt abzuwarten, ob Wallenberg erfolgreicher sein wird als der beim Publikum wenig zugkräftige Danton. Gestern waren zumindest nur einige wenige hundert Zuschauer im Staatstheater.

Samstag, 14. April 2012

Verdi - Rigoletto, 13.04.2012

Man sollte es sich regelmäßig in Erinnerung rufen: wir leben im Gelobten Land der Oper! Als man vor einigen Jahren nach der PISA-Studie über Schulen und Universitäten diskutierte, übersah man leider zu oft, daß die deutschen Musikhochschulen führend sind, daß von überall in der Welt Musiker und Sänger nach Deutschland kommen, um hier zu studieren und daß das intakte Kulturleben Künstler aus aller Welt anzieht. Das Karlsruher Publikum profitierte davon heute in hohem Maße bei einem fast perfekten koreanischen Abend.

Der Karlsruher Rigoletto hat sich inzwischen etabliert und wird regelmäßig gut besucht.  Die unattraktive Inszenierung wird wett gemacht durch das sehr gute musikalische Niveau. So auch heute. Aber ich vermute auch andere Gründe für den Zuschauerzuspruch: Rigoletto ist nicht nur eine sehr sehr schöne, sehr zugängliche und sehr beliebte Oper, sie ist -neben La Traviata- in dieser Spielzeit eine der wenigen, die auch dem weniger spezialisierten Publikum bekannt ist. Es gibt also zu wenige der üblichen Verdächtigen auf dem Spielplan. Die Opern von Janacek, Delius, von Einem oder auch Berlioz haben vielleicht einfach ein -zugegeben unverdientes- Bekanntheitsproblem.

Wieder gab es eine neue Gilda: an Stelle der angekündigten Ina Schlingensiepen, die auch die Premiere sang, diesmal ein Gast aus Heidelberg: die koreanische Sängerin Hye-Sung Na passte sehr gut in die Inszenierung, die sie aus Heidelberg kennt. Leider war sie ein wenig indisponiert, als ob sie gerade am Anfang einer Erkältung sei: drei oder vier mal hatte sie Probleme, die hohen Töne zu halten. Das minderte aber nicht den sehr guten Eindruck, den sie hinterließ und zu recht bekam sie sehr viel Beifall. Brava!

Der koreanische Bariton Seung-Gi Jung  war schon zuvor als großartiger Rigoletto in Karlsruhe aufgefallen. Sensationell und großartig mit wie viel Hingabe er diese Rolle singt.  Für mich eine herausragende Neuverpflichtung. BRAVO!

Und auch der koreanische Andrea Shin machte die heutige Vorstellung zu einem sehr schönen und gelungenen Abend. Er sang den Duca mit scheinbar endlosen Reserven und großer Selbstverständlichkeit. Auf Andrea Shins weitere Rollen kann man sich ebenfalls freuen. BRAVO!

Besonders hervorzuheben ist auch Konstantin Gorny, der als Sparafucile zwar nur eine Nebenrolle hat, aber diese buchstäblich ideal verkörpert. Stimmlich und darstellerisch ist  er bereits die ganze Spielzeit auf der Höhe seines Könnens und beeindruckt regelmäßig auf höchstem Niveau! Gorny hat als Sparafucile für mich Referenzcharakter. Bravo!

Johannes Willig dirigierte sichtbar mit viel Hingabe und Freude! Als Andrea Shin La donna è mobile sang, dirigierte Willig so enthusiastisch, daß ich jenem begeistert zuhörte und diesem zusah, wie er das Dirigieren zelebrierte. Die Badische Staatskapelle spielte Verdi dramatisch und Höhepunkt-betont und bereitete dem Publikum viel Freude. BRAVO!

Viel Applaus für alle Künstler an einem sehr schönen Freitagabend im Badischen Staatstheater. Aber es hätten ein paar Bravos mehr sein können. Anscheinend waren die Karlsruher Zuschauer vor Erstaunen paralysiert: sie klatschten zwar animiert, ein bißchen mehr Begeisterung wäre allerdings angebracht gewesen. Diese musikalische Qualität ist nicht selbstverständlich. Traut euch! Bravo-rufen ist gar nicht so schwer! 


PS: Ende kommender Woche, also um den 20./21. April soll die Vorschau für die Spielzeit 2012/2013 veröffentlicht werden. Einige Opern scheinen ja schon bekannt zu sein.
Trotzdem, aus Lust und Laune heraus, ein kleiner, spontaner Wunschzettel lange nicht mehr in Karlsruhe gespielter, namhafter (und meines Erachtens populärer) Opern:

Donizetti: Don Pasquale, La Favorite, La fille du Régiment, Anna Bolena
Mussorgsky: Boris Godunow
Prokofiev: Die Liebe zu den drei Orangen
Rossini: La Cenerentola
Tschaikowsky: Jolante, Pique Dame
Verdi: Maskenball, Troubadour, La Forza del Destino, Die sizilianische Vesper, auch die letzte Aida war vor 10 Jahren nur kurz auf dem Spielplan. Nicht nur Wagner, auch Verdi hat 2013 200. Geburtstag.
Verdis Maskenball soll es übrigens in den nächsten 4 Jahren geben. Ob schon in der nächsten Spielzeit, ist mir unbekannt.

Und klar, da gibt es noch dutzende weiterer toller Opern und viele Entdeckungen und Raritäten:
Wann gab es denn zuletzt mal 17. Jahrhundert: Monteverdi oder Lully?
Barock: neben Händel auch mal Vivaldi
Glucks Iphigenien
Mozart: La Clemenza di Tito
Mehr Belcanto! Rossini, Bellini und Donizetti, auch mal Pacini und Mercadante
Meyerbeer scheint ja in der Reihe großer französischer Opern zu kommen
Rimski-Korsakow oder mal eine Reihe russischer Meisterwerke (s.o.)!
Puccini: La Rondine
Berg: Wozzeck
u.v.a.m.

Montag, 2. April 2012

Wagner - Lohengrin, 01.04.2012

Manche Opernpremieren sind Prestige-trächtiger als andere. Die erste Inszenierung der neuen Opernleitung war beispielsweise in dieser Hinsicht wichtig: Berlioz' Trojaner waren grandios und ein großartiger Start in die neue Spielzeit. In einer Wagner-Stadt wie Karlsruhe, die zu den ersten und  traditionsreichsten Orten der musikalischen Wagner-Pflege gehört, wird jede Wagner-Premiere zu einem Prüfstein für das Opernhaus und seine Verantwortlichen. Bei der gestrigen Lohengrin-Premiere lag also viel Vorfreude und Spannung in der Luft. Doch leider folgte einer der misslungensten Abende der - ja man kann es sagen - der letzten Jahrzehnte. Ich kann mich nicht erinnern, wann es zuletzt so viele Buh-Rufe für ein Inszenierungsteam gab. Sogar der stark kritisierte (und inzwischen fast schon etablierte) Rigoletto verblasst dagegen.

Sehr vieles war gestern umstritten und diskutabel und nicht nur auf den ersten Blick ist es schwer, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Hier eine mögliche Kausalkette:

Ursprünglich sollte Benedikt von Peter die Regie führen. Doch wurde ihm die Leitung der Sparte Oper am Theater Bremen angeboten und er bat um Freistellung von seinen Karlsruher Verpflichtungen. Anfang des Jahres wurde dann verkündigt, daß Reinhild Hoffmann die Regie übernimmt. Vielleicht war das zu kurzfristig, vielleicht kam sie mit den Vorgaben in so kurzer Zeit nicht zurecht. Tatsächlich war von Inszenierung oder Dramaturgie (Tina Hartmann) bei der gestrigen Premiere nichts zu erkennen.  Es wurde lediglich simuliert, daß es einen gedanklichen Überbau gab, doch auf der Bühne gab es nur vorgetäuschte Regie.

Die wenigen Ideen sind schnell erläutert: Anscheinend ließ sich die Regisseurin von Schillers Ausspruch, daß der Mensch nur da „ganz Mensch sei, wo er spielt“ inspirieren. Schiller hatte damit die Auflösung von Ernstfällen und Konflikten in rituelle, spielerische Handlungen im Sinn. So spielt Hoffmanns Lohengrin in einem provinziellen Sportstadion oder einer Mehrzweckhalle, in der eine festlich-elegante Abendgesellschaft versammelt ist. Lohengrins Auftritt wird durch einen Seiltänzer in großer Höhe verdeutlicht, ein Artist, zu dem man hinaufblicken muß. Kein Schwan, sondern ein kindliches Ebenbild begleitet Lohengrin, der wiederum in einem Fechtanzug erscheint, um den Wettbewerbscharakter seiner Auseinandersetzung mit Telramund und die spielerische Konversion zum stärkeren Argument anstelle von roher Gewalt zu versinnbildlichen.
Nach dem ersten Akt bricht die Inszenierung ab. Der Rest ist konventionell gestelltes Personenspiel, daß weder Bühne noch Regisseur benötigt, sondern eher wie eine fortgeschrittene, bebilderte konzertante Aufführung wirkt. Im zweiten Akt ist das Stadion also nur noch austauschbare Staffage in der die Sänger angemessene Bewegungen machen. Tatsächlich könnte man den zweiten und dritten Akt auch ohne Bühnenbild spielen - es würde kein Verlust erkennbar sein. Psychologisch wird nur sehr oberflächlich charakterisiert.

Dirigent Justin Brown
muß erkannt haben, dass kein tragfähiges Regiekonzept vorhanden ist und versucht den Abend musikalisch zu retten: er dirigiert beeindruckend, aber nicht gerade Lohengrin-gerecht. Bereits der erste Akt ist sehr direkt und zupackend von ihm interpretiert. Es gibt keine transzendenten Momente - Begriffe wie Gral und Gott sind nur Parolen, denen weder auf der Bühne noch musikalisch eine Entsprechung geschaffen werden. Der orchestrale Höhepunkt ist der zweite Akt: Brown dirigiert ihn stark vorwärtsdrängend und dramatisch erregt. Das Publikum ist am Ende des Akts geradezu überwältigt und fast atemlos vor Spannung. Im Sog der beeindruckenden musikalischen Dramatik fällt fast nicht auf, daß auf der Bühne nichts passiert. Im dritten Akt begeistert Justin Brown mit dem Vor- und Zwischenspiel - die Badische Staatskapelle ist in ganz großer Form. Doch spätestens hier zeigen sich auch die Schwächen: Brown dirigiert konsequent schnell, mit starken Effekten und hohem Schalldruck. Sein Lohengrin ist wenig subtil und frei von Zwischentönen. Das Transzendente der Gralswelt geht komplett verloren.

Die hohen konzertanten Qualitäten hatten Nebenwirkungen. Um sich gegen das ungehindert auftrumpfende Orchester behaupten zu können, wird ständig am oberen Limit gesungen. Lance Ryan wandelt seinen Lohengrin in einen Siegfried um, um gegen das Orchester durchzudringen. Dabei singt er grandios. Ryans Stimme entwickelt sich immer noch weiter. Hatte er im ersten Akt noch Probleme und deklamierte über Gebühr, bewies er danach die Souveränität, Durchsetzungskraft und Stärke seiner Stimme. Großartig und hoch beeindruckend - aber nicht Lohengrin-gerecht.

Heidi Melton überzeugte als Elsa von Brabant  mit ihrer Klangschönheit und scheinbaren Unangestrengtheit. Doch auch sie ließ sich von Browns Vorgaben beeindrucken: viele Nuancen gingen verloren; die Textdurchdringung war ihr Manko. Ihre Elsa war zu einseitig. Der neue Karlsruher Publikumsliebling bekam dennoch die meisten Ovationen.

Susan Anthony als Ortrud überzeugte an diesem Abend nur wenig: ihre Stimme hatte etwas Schrilles und Angestrengtes, das nicht recht gefallen wollte.

Die drei Gewinner des Abends waren die tiefen Männerstimmen:
Renatus Meszar sang überzeugend als König Heinrich. Er wird ab der Spielzeit 2012/2013 fest im Ensemble des Staatstheaters Karlsruhe sein und singt zukünftig hier u.a. Hans Sachs in den Meistersingern, Landgraf in Tannhäuser, Pontifex in La Vestale, Wotan/Wanderer in Wagners Ring und bereits ab Juli Eichmann in Tüürs Wallenberg. 
Jaco Venter hatte einen ganz starken Auftritt als Friedrich von Telramund. Man könnte von einer Paraderolle sprechen.
Seung-Gi Jung zeigte als Heerrufer des Königs, daß er nicht nur ein großartiger Verdi-Bariton ist.

Ulrich Wagner hatte seinen Chor mal wieder sehr gut einstudiert. Es gab viel Beifall für die Sänger.

Fazit (1): Musikalisch ist dieser Lohengrin umstritten, aber trotzdem hörenswert aufgrund seiner ungewöhnlichen Interpretation.  Inszenatorisch ist er ein Ärgernis, selten gab es in Karlsruhe eine szenisch ähnlich oberflächliche Regie. Aber: man kann darüber hinweg sehen; das Bühnengeschehen, so seltsam belanglos und unmotiviert es auch ist, stört nicht beim Zuhören.

Fazit (2): Es ist zu bezweifeln, daß dieser Lohengrin lange im Repertoire durchhält. Die kurzlebige letzte Karlsruher Inszenierung des Lohengrin von John Dew, die 2001-2003 nur ca 10 mal gespielt wurde, war ein Märchen im Stile einer humorvollen Parodie. Große Teile des Publikums verziehen damals Dew nicht, daß man bei Lohengrin lachen kann. In der vorletzten Karlsruher Inszenierung von Heinz Lukas-Kindermann erschien Lohengrin als Träger einer utopischen Hoffnung, der sich als überirdisches Wesen vermenschlicht und das Leid der Liebe erfährt, was ihm als Gralsritter erspart geblieben wäre. Der aktuelle Bayreuther Lohengrin hat nichts Utopisches, sondern ist eine bittere und trostlose Abrechnung. Reinhild Hoffmann schafft es tatsächlich, keine ernst zu nehmende Aussage zu treffen, was ihr Lohengrin sein soll. Sehr schade. Die Rahmenbedingungen für einen Prestige-trächtigen Erfolg waren vorhanden. Aber gewisse Produktionen stehen unter einem schlechten Stern. Operndirektor Schaback ist nun im Herbst bei Tannhäuser allerdings stark unter Druck!

PS: Parallel zu Lohengrin lief im Kleinen Haus das Karlsruher Erfolgsstück Big Money. Einer der Zuschauer an diesem Abend war der Komiker Thomas Hermanns, den einige eventuell als Moderator und Gründer des Quatsch Comedy Clubs kennen.

Sonntag, 1. April 2012

Rückblende: Der Bayreuther Lohengrin von Hans Neuenfels

Wenige Stunden vor der Karlsruher Premiere der neuen Lohengrin Inszenierung ein Rückblick auf die in Bayreuth seit 2010 gespielte Produktion des Regisseurs Hans Neuenfels. Der neue Karlsruher Lohengrin spielt anscheinend in einem Sportstadion, Lohengrin tritt in einem Fechtkostüm auf.
Lohengrin ist eine der Opern, bei der die Regie die interessantesten und ausgefallensten Ideen hat. Es wird spannend, was ab 17 Uhr im Badischen Staatstheater zu hören und sehen sein wird ...