Montag, 26. März 2012

Preiserhöhungen und Publikumsbilanz zur Halbzeit

Glückwunsch an die neue Intendanz! Der sympathische und offene Stil wird auch vom Publikum honoriert. Die Besucherzahlen sind laut Badischem Staatstheater bisher nur um 3% gesunken.

Die Besucherzahlen sind allerdings nicht vollständig konsistent aufgeschlüsselt:
 45.043 Oper (84 % Auslastung)
 27.584 Junges Staatstheater (93% Auslastung)
 30.303 Schauspiel (77% Auslastung)
 21.551 Ballett (100% Auslastung)
 11.036 Konzert (fast 100% Auslastung)
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= 135.517 Zuschauer

Anscheinend wurden für andere Veranstaltungen noch ca. 16.000 weitere Karten verkauft (?). Laut Staatstheater lag die durchschnittliche Auslastung aller Sparten und Spielstätten in den ersten sechs Monaten bei 85% mit insgesamt 151.244 Besuchern. In einem vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres kamen knapp  mehr Besucher (155.872 Besucher / 87% Auslastung in 2010/2011).

Sensationelle 27.584 Zuschauern kamen in 125 Aufführungen des neu gegründeten Kinder- und JugendtheatersGlückwunsch: Die Leiterin Ulrike Stöck hat es geschafft eine neue Sparte sehr erfolgreich zu etablieren.
Wenn man diese neu hinzugekommenen 27.584 Besucher des Kindertheaters von der Gesamtbilanz (151.244) abzieht, würde das allerdings einen deutlichen Zuschauereinbruch bei den anderen Sparten bedeuten, vor allem in der Oper! Dort wäre das der geringeren Anzahl an Aufführungen in dieser Spielzeit geschuldet. Nächste Spielzeit sollten dann also bei bestehendem Repertoire eine deutlich höhere Zuschaueranzahl als 2010/2011 zu erwarten sein, ca 175.000 zur Halbzeit 2012/2013, wenn das Kinder- und Jugendtheater seine Auslastung hält.

Birgit Keil und Vladimir Klos können stolz auf Ihr Ballettcorps sein: bei einer Auslastung von stolzen 100% und 21.551 Besuchern sind sie unumstritten die beliebteste Sparte, die noch mehr Karten verkaufen könnte.

Glückwunsch an Justin Brown und die Badische Staatskapelle: sie konnten Ihre Besucherzahlen in den Konzerten um ca 10% auf 11.036 Zuschauer steigern und sind rechtzeitig zum 350. Orchestergeburtstag fast zu 100% ausgebucht!

Das Musiktheater hat wenig überraschend weniger Besucher: Mit einer Auslastung von 84% und 45.043 Besuchern liegt das Musiktheater etwas unter den Vergleichszahlen. Allerdings ist das verständlich: ein neues Repertoire muß erst aufgebaut werden; der Spielplan ist im ersten Jahr nach einem Wechsel mit starken personellen Veränderungen immer etwas eintöniger. Dazu kommen viele wenig bekannte Opern, die sich erst etablieren müssen.
Sehr schön, daß die Händel Festspiele einen Besucherrekord von erstmals über 13.000 Zuschauern erreicht haben! In den letzten zehn Jahren haben Achim Thorwald und Thomas Brux regelrecht einen Boom ausgelöst, den Bernd Feuchtner mit einem sehr vielfältigen Programm weiterführte.

Das schwächste Kind wird ja üblicherweise am stärksten verhätschelt. Viel Mühe gibt sich das Staatstheater, um die Schwäche des Schauspiels zu kaschieren. Immerhin 77% Auslastung bei 30.303 Besuchern. Das sind fast 3000 Besucher mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.
Allerdings kann man sich nur wenig mit diesem Zeitraum vergleichen. Das letzte Jahr unter der Leitung von Knut Weber war schon durch die Wechselvorbereitungen sein schwächstes Karlsruher Jahr. Der Publikumsfavorit Big Money war erst in der zweiten Hälfte der letzten Spielzeit im Spielplan.
Wenn man bedenkt, daß die Musikshows Big Money und Dylan in dieser Saison praktisch ständig ausverkauft sind, dann wird einem erst bewußt wie schwach die Sparte Schauspiel an sich, also ohne Musikstücke, dasteht. Für das reine Sprechtheater sind die Zeiten gerade schwer. Aus den vielen schwachen Inszenierungen hat sich das neugierige und aufgeschlossene Karlsruher Publikum die beiden stärksten herausgesucht: Orpheus steigt herab (95% Auslastung) und Amphitryon (93% Auslastung) sind sehr gut besucht, auch wenn beide meines Erachtens Mittelmaß sind und nicht das Niveau zeigen, das man für diese Stücke in Karlsruhe erwarten kann.

FAZIT: Die erste Halbzeitbilanz ist leider wenig aussagekräftig. Das traditionell treue Karlsruher Publikum ist offen und neugierig genug, um sich nicht durch personelle Wechsel das Interesse an seinem Theater nehmen zu lassen. Mit viel mehr Spannung ist das Ergebnis am Ende der ersten Spielzeit und dann vor allem im zweiten Jahr zu erwarten. Erst an den Halbzeit- und End-Statistiken 2012/2013 wird sich die neue Theaterleitung messen lassen können.

Mit der neuen Spielzeit wird eine vom Verwaltungsrat beschlossene Ticketpreiserhöhung von knapp 10% (!) einhergehen. Dabei wird es eine deutlich höhere Anhebung bei den teureren Kartenkategorien geben als in den niedrigeren Segmenten.

Freitag, 23. März 2012

Sophokles/Rihm - Auf Kolonos, 22.03.2012

Ausnahmsweise ein erstes Fazit zu Beginn: ABSOLUT NICHT EMPFEHLENSWERT! Wer in Auf Kolonos will, dem kann man nur guten Herzens empfehlen, die Karten umzutauschen oder an jemanden mit einer Schlafstörung weiterzugeben. Es handelt sich um eine von jenen Inszenierungen, bei der man voller Verzweiflung darauf wartet, daß Hape Kerkeling erscheint und "Huuurz" ruft oder ein Moderator der versteckten Kamera  auf die Bühne kommt und das Geschehen mit der Bemerkung "Verstehen Sie Spaß?" enttarnt. Vielleicht passierte das sogar und der Abend wurde nach der Pause als das Werk eines Scharlatans offenbart. In über zwanzig Jahren als Theaterbesucher in Karlsruhe bin ich gestern zum zweiten Mal in der Pause vorzeitig gegangen. Warum? Es war unglaublich langweiliges Theater zum Abgewöhnen bei dem bereits nach ca. 30 Minuten eingeschlafene Zuschauer zu entdecken waren und nach ca. 45 Minuten die ersten Frustrierten das Theater verließen. Das Karlsruher Schauspiel ist mit dieser Produktion da angekommen, wo sich die Fußballer des Karlsruher SC schon seit einiger Zeit befinden: im Abstiegskampf. Man darf sich nicht wundern, wenn die Trainerfrage gestellt wird.

Aber der traurigen Reihe nach: Der Titel Auf Kolonos hat seinen Ursprung im Drama Ödipus auf Kolonos  des antiken griechischen Dichters Sophokles.
Etwas zur Vorgeschichte: Ödipus war nach einer Warnung des Orakels von Delphi von seinen königlichen Eltern als Säugling ausgesetzt worden. Unwissentlich tötete er später im Streit seinen Vater und nachdem er Theben von der Sphinx befreit hat, bekommt er den thebanischen Thron und seine ihm unbekannte Mutter zur Frau. Als Jahre später seine Herkunft offenbar wird, zieht Ödipus die Konsequenzen aus seiner schuldlosen Schuld: er verzichtet auf Besitz, Luxus, Amt und Würden, sticht sich selber die Augen aus und geht als blinder Bettler in die Verbannung.
In seiner Konsequenz, nicht in seiner Härte, gibt er damit ein Beispiel für heutige Politiker, Amts- und Würdenträger: er zeigt, was es bedeutet Verantwortung zu übernehmen und zu seinen Taten zu stehen, sogar wenn sie aus Unwissenheit begangen wurden. Im Umgang mit Politikern, die angesichts von Verfehlungen lavieren und versuchen sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen, ist diese Geschichte bereits von hoher gesellschaftlicher Relevanz.

Sophokles‘ Ödipus auf Kolonos
erzählt, wie der blinde Flüchtling Ödipus als Greis, begleitet von seiner Tochter Antigone, Zuflucht und Gastfreundschaft beim athenischen König Theseus in Kolonos (heute ein Stadtteil von Athen) findet, sich dabei noch mal der Vergangenheit stellt, sich den Anfechtungen und Verwicklungen seiner thebanischen Heimat letztendlich entzieht  und durch göttliche Gnade erlöst wird. Ödipus ereilt ein außergewöhnlich milder und gnädiger Tod nach einem leidvollen Leben.
Der Schriftsteller Adolf Muschg rühmte Ödipus auf Kolonos folgendermaßen: "Ich kenne kein Stück, das für europäische Kultur – also auch Kulturpolitik – tiefer vorbildlich wäre als »Ödipus auf Kolonos« von Sophokles. Es ist der im Geist der Gastlichkeit nicht gelöste, sondern aufgehobene Konflikt." Also ein Stück, aus dem sich etwas machen lässt.

Was wird in Karlsruhe gezeigt?

Anlässlich des 60. Geburtstags des Komponisten Wolfgang Rihm (mehr hier) wird anlässlich der Europäischen Kulturtage 2012 Auf Kolonos zum Zentrum eines spartenübergreifenden Projekts, das Staatstheater spricht sogar von einem Sparten-überwindenden Projekt des französischen Regisseurs und Choreografen Laurent Chétouane. Neben den sechs Schauspielern gibt es auch zwei Tänzer und zwei Sänger auf der Bühne sowie bis zu 26 Musiker, die Musik von Rihm spielen. In Karlsruhe wird Sophokles in der Übersetzung von Peter Handke gespielt.

Alle Bühnendarsteller können einem wirklich leid tun: nach einem hilflosen Beginn, bei dem die Sänger und Schauspieler (die übrigens keine festen Rollen spielen, sondern sich den Text teilen) fast 10 Minuten wortlos herumlaufen und ins Publikum schauen müssen und zwei "Tänzerinnen" parallel mit nichtsagenden Bewegungen auf der Bühne hampeln, beginnen die Akteure wie unbewegliche Laiendarsteller zu agieren und sprechen, als ob sie ihren Text mit stockender, melodieloser Sprache von einem unleserlichen Blatt Papier ablesen. Schwer vorzustellen, wie man den Text noch langweiliger und öder präsentieren kann. Dazu kommen nur gleichförmige Bewegungen und viel Langsamkeit.
Schon die erste Musik von Wolfgang Rihm (Responsorium) traf den Gemütszustand, den diese Produktion auslöst: hysterische Kreischattacken passten zur Panik, die die Karlsruher Theaterfreunde bereits nach kurzer Zeit angesichts dieser Zumutung ergriffen hatte. Die ersten 75 Minuten fühlten sich an wie eine kleine Ewigkeit, dann kam zum Abschluß des ersten Teiles 15 Minuten Musik (Rihms "Kolonos"). Die Pause nach 90 Minuten empfand ich als Erlösung.  Beim Verlassen des Theaters hoffte ich allerdings immer noch auf Hape Kerkeling und eine Wendung zum Guten........
Man muß es sich noch mal vor Augen führen - formal stimmt fast alles: ein guter Stoff, gute Ideen, sehr gute Schauspieler und Musiker, auch Bühnenbild und Kostüme passten;  - nur und alleine die Regie verursachte eine in hohem Maße misslungene Präsentation.

Für Musikfreunde:
Bereits Friedrich Hölderlin übersetzte Fragmente des antiken  Dramas. Diese wurden zur Vorlage für Wolfgang Rihms „Kolonos“, ein ca 15 minütiges Stück für Orchester und Countertenor, entstanden 2008 als Auftragswerk für das Musikfestival „Rossini in Wildbad“. Rihms Vertonung kreist um den greisen Ödipus, der angesichts von Alter und Tod einen inneren Monolog führt. Ergänzt wird die Karlsruher Vorstellung von weiteren kurzen Werken Wolfgang Rihms (Responsorium - ein Stück für weibliche Stimme und Orchester, das als einziges nicht live gespielt wird, Umsungen / Selbsthenker aus dem Umsungen-Zyklus; Stilles Stück basiert auf einem Gedicht von Hermann Lenz).

Fazit (2): Der Versuch ein spartenüberwindendes Projekt auf die Bühne zu bringen beweist nur, daß es nicht an Sparten, Künstlern oder am guten Willen scheitert, sondern es auf die Folgerichtigkeit des Ausdrucks, also auf die gemeinsame Kunstform ankommt, um eine geglückte Synthese zu ermöglichen. Die Premiere war unsäglich monoton und nichtssagend. Es ist bedauerlich, welche Arbeit, Mühe, Zeit und Aufwand für diese Produktion  vom Regisseur Laurent Chétouane verschwendet wurde. Man kann nur hoffen, daß möglichst wenige Zuschauer durch Auf Kolonos abgeschreckt werden, auch weiterhin ins Theater zu gehen.

Tipp (1): Wer eine Ödipus Interpretation sucht, die Schauspiel, Gesang und Tanz geglückt zusammenbringt, der ist mit Loriots Film Ödipussi vielfach besser beraten.

Tipp (2): Lachen befreit. Nach dieser Produktion hilft Hape Kerkeling mit seiner Auf Kolonos verwandten "Huurz" Produktion (hier der Link zu youtube)

Besetzung:
Gesang: Bariton Gabriel Urrutia Benet und Countertenor Hubert Wild
Zwei Tänzer: An Kaler und Senem Gökçe Oğultekin
Schauspieler: Eva Derleder, Hannes Fischer, Paul Grill, Thomas Halle, Timo Tank, André Wagner
Musiker der Badische Staatskapelle unter der Leitung von Wolfgang Wiechert
Bühnenbild: Markus Selg; Kostümbildnerin: Sophie Reble

Mittwoch, 14. März 2012

Festkonzert für Wolfgang Rihm, 13.03.2012

Wenn man eine Umfrage nach den bekanntesten lebenden Karlsruhern starten würde, erhielte man wohl mehrheitlich die Namen ehemaliger Sportstars: Oliver Kahn, Mehmet Scholl oder Regina Halmich. Sportler mit einer kurzen medialen Halbwertszeit, die in wenigen Jahrzehnten fast niemand mehr kennt.

Einige wenige würden allerdings Personen nennen, die sich durch ihr Werk eine andere Form der Bekanntheit erarbeitet haben und deren Wirkung auch zukünftig mit ihrem Namen in Verbindung bleiben könnte. Karlsruhe hat dabei das Glück, der Ort für eine Freundschaft zu sein: die zwischen dem Komponisten Wolfgang Rihm und dem Philosophen Peter Sloterdijk. Beide in Karlsruhe geboren, beide haben den Mittelpunkt ihres Schaffens hier gefunden: Sloterdijk als Professor und heute Rektor der Hochschule für Gestaltung, Rihm hat langjährig den Lehrstuhl für Komposition an der Musikhochschule Karlsruhe inne.

Sloterdijk (*1947) wird im Juni 65 Jahre, gestern feierte Wolfgang Rihm (*1952) seinen 60. Geburtstag. Rihm zu Ehren präsentierte das Badische Staatstheater in seinem Sonderkonzert nur Werke des Karlsruher Komponisten.

Was ist das Besondere an Rihm? Zuerst muß man Rihms immense Kreativität erwähnen, die inzwischen ein ca. 400 Kompositionen umfassendes Werk geschaffen hat. Vom großen Orchester, der Oper, dem Solistenkonzert bis zur Kammermusik schafft er Musik höchster Qualität in hoher Quantität, die aufgrund ihrer Kunstfertigkeit bei Experten Respekt und Hochachtung hervorrufen. Wer Rihm als Person mal gesehen und gehört hat, bekommt den Eindruck einen hoch intellektuellen, aber jederzeit ansprechbaren, sympathischen und humorvollen Menschen vor sich zu haben, der seine Inspiration aus allen Sparten der Kunst zieht.

Wie ist Rihms Musik? Das grundsätzliche Problem mit neuer Musik liegt für Zuhörer in ihrer Unberechenbarkeit und Unerwartbarkeit. Man erwartet Strukturen und Melodien zu erkennen, um sich in ein emotionales Verhältnis zur Musik setzen zu können. Wer das nicht kann wird schlimmstenfalls entweder den Komponisten als Scharlatan oder sich selber als ignoranten Banausen verdächtigen.
Rihm ist als Komponist der künstlerischen Freiheit verpflichtet und bedient keine Erwartungen. Doch sah er sich schon immer als Lehrer, der über Musik und das Komponieren spricht, wenn auch auf einer sehr geistigen Ebene, die vielen so unzugänglich erscheint als neue Musik.
Rihms Ausspruch "Das Wichtigste ist doch, daß meine Musik andere Menschen trifft, in ihren Empfindungen, ihrem Denken. Genau darum geht es, um den Lebensbezug." steht für sein Bemühen, das Publikum zu erreichen. Dies ist ein weiterer Grund für seine besondere Stellung und Popularität unter den heutigen Komponisten.

So war das Konzert gestern ausverkauft, und es war auch viel Politprominenz anwesend: Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundes- und Landtagspolitiker und viele andere mehr. Rihm hat Geltung in der Bundesrepublik.

Seitdem eine Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehen 1992 über die Uraufführung von Rihms Oper Die Eroberung von Mexiko an der Hamburger Oper berichtete, ist mir Rihms Name ein Begriff. Seither hörte ich wenn möglich jede Radioübertragung seiner Musik an und versuchte damit vertraut zu werden. Auch die Karlsruher Symphoniekonzerte boten immer wieder Rihmsche Werke. Seine Musik ist nie einfach, sondern immer komplex und anspruchsvoll. Oft blieb mir seine Musik verschlossen, anderes öffnete sich mir und beeindruckte mich im Detail. Doch bis heute habe ich keine unumstrittene Lieblingskomposition und kein direktes emotionales Verhältnis zu seiner Musik.

Zum gestrigem Geburtstagskonzert: es umfasste drei Stücke. Im Programmheft des Badischen Staatstheaters finden sich interessante Angaben zur Musik und Entstehung.

Wolfgang Rihm komponierte aus Spaß und Freude in den späten 1970er und 1980ern kurze Walzer für Klavier zu vier Händen. Kleine, kurze Stück, die man nicht für moderne Kompositionen halten würde. Und es entstanden auch die  gestern gespielten 3 Walzer, die für Orchester gesetzt wurden: Sehnsuchtswalzer (1981),  Brahmsliebewalzer (1988 ) und Drängender Walzer (1987). Diese erwiesen sich auch für Durchschnittsohren als zugänglich und bekömmlich.

Nach den Walzern folgten Grußworte von Jürgen Walter (Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg) und Oberbürgermeister Heinz Fenrich. Beide hatten schon beim letzten Theaterfest kurzweilige Ansprachen gehalten und gratulierten auf humorvolle Art. Walter ließ es sich nicht nehmen, Seitenhiebe auf Kommerzkultur und sogenannte "Kulturmanager" zu geben, die Kunst nur unter dem Aspekt der Marktgesetze sehen.

Danach folgte Rihms Konzert für Violoncello und Orchester aus dem Jahr 2006 mit der Solistin Tanja Tetzlaff. Das Cellokonzert hat romantischen Gestus und arbeitet thematisch mit Erwartungen, die aber immer wieder unterlaufen werden. Ein immens schweres Konzert bei dem Tetzlaff ihre große virtuose Klasse  zeigen konnte.

Nach der Pause sprach dann Wolfgang Rihm, erzählte, erinnerte und bedankte sich. Und das war dann vielleicht der wahre Höhepunkt des Abends: mit seiner sympathisch-bescheidenen, humorvollen Art schaffte er es, das Publikum unmittelbar für sich einzunehmen.

Zum Abschluß eine Uraufführung: Vers une symphonie fleuve VI als Auftragswerk der Stadt Karlsruhe. Bereits 1995 erlebte Vers une symphonie fleuve II seine Premiere durch die Badische Staatskapelle, damals dirigiert von Günter Neuhold.  Das gestrige Werk für großes Orchester steht unter Strom und entwickelt einen Sog von bedrohlicher Kraft, dem ein latent unheilvolles, ruhiges Ende folgt.
Justin Brown am Dirigentenpult und die Badische Staatskapelle bewiesen den ganzen Abend, daß sie mit neuer Musik souverän umgehen können.

Kunst ist, was zeitenübergreifend fasziniert und ein Publikum findet. Rihms wahren Stellenwert als Komponist erkennt man vielleicht in weiteren 60 Jahren. Als Persönlichkeit und Lehrer hat er den gestrigen Konzertabend zum 60. Geburtstag und die tausendfach stehende Ovation am Ende des Konzerts in hohem Maße verdient.

PS(1): Im Radio wird am 14.4.12 im Programm von SWR 2 um 20:03 Uhr eine Aufzeichnung des Konzerts gesendet.

PS(2): Die FAZ hat gestern einen langen Artikel zu Rihms Geburtstag veröffentlicht, der aus einem gekürzten Vorabdruck aus Eleonore Bünings Buch über Rihm besteht.

PS(3): Im mittleren Foyer ist seit gestern die Ausstellung 350 Jahre Badische Staatskapelle zu sehen, die viele sehr interessante geschichtliche Informationen liefert.

Montag, 5. März 2012

5. Symphoniekonzert, 05.03.2012

Was sich vorab als eher unspektakuläres Konzert ankündigte, erwies sich auch fast als solches.

Erkki-Sven Tüür ist ein zeitgenössischer estnischer Komponist. Im Juli wird seine Oper Wallenberg im Staatstheater aufgeführt. Mit dem Stück Searching for Roots (Hommage à Sibelius) hinterließ er beim Publikum aufgrund dessen Kürze von wenigen Minuten Heiterkeit und Ratlosigkeit: es begann, wurde laut, ebbte ab und war vorbei. Seine kurze Spurensuche hinterließ keinen Eindruck.

Franz Danzi war von 1812 bis zu seinem Tod 1826 Karlsruher Hofkapellmeister. Er war nicht nur Dirigent, sondern auch Komponist und mit Carl Maria von Weber befreundet. Die gestern aufgeführte 5. Symphonie wurde wahrscheinlich von der Badischen Hofkapelle uraufgeführt. Danzis Musik ist in der Klassik verwurzelt: ein rascher Kopfsatz, ein lyrisches Andante, ein Menuett und ein abschließendes Allegro machen die ca. 20 minütige Symphonie aus, die positiv überrascht, ab und zu an Beethoven erinnert, abwechslungsreich, schön anzuhören, aber nicht bedeutend ist.

Nach der Pause dann etwas Bekanntes und Bedeutendes: die 3. Symphonie von Felix Mendelssohn, die romantische Schottische. Doch der englische Dirigent Paul Goodwin nahm die Schottische nicht romantisch oder nordisch elegisch; die englische Sicht auf das Schottische war energisch und vorwärtsdrängend. Wer Mendelssohns Symphonie als musikalische Landschaftsmalerei bewertet, wurde von Goodwins Interpretation überrascht. Er trieb ihr alles Pittoreske aus und positionierte Mendelssohn eher in der klassischen Beethoven Nachfolge denn als romantischen Schumann Vorgänger. Das einleitende Andante con moto war bei ihm dramatisch, die Unwetterszene in direkter Nachbarschaft zu Wagners Holländer und der erste Satz nicht nur un poco agitato, sondern schon eher molto agitato. Überhaupt passten die Mendelssohnschen Satzbezeichnungen scheinbar nur wenig zu Goodwins schneller Interpretation. Das abschließende Allegro maestoso assai überschlug sich am Ende fast vor Vorwärtsdrang. Wahrscheinlich die schnellste Schottische, die ich je gehört habe. Trotzdem oder gerade wegen der sehr individuellen Sicht eine interessante Darbietung, die das Publikum zu starkem Applaus animierte.

Der Dirigent  hatte alles gut im Griff und hinterließ einen sympathischen und engagierten Eindruck. Das Konzert war eines der Kürzesten, an das ich mich erinnern kann. Mit Pause war es bereits gegen 21.40 beendet. Statt dem kurzen Tüür wäre eine etwas gehaltvollere Eingangsmusik ratsam gewesen.

Freitag, 2. März 2012

Kleine Vorschau auf 2012/2013

Wenn man etwas das Internet durchsucht, findet man bereits erste Hinweise auf die kommende Spielzeit 2012/2013. So wird im Oktober 2012 Wagners Tannhäuser die neue Saison eröffnen. Heidi Melton als Elisabeth und John Treleaven als Tannhäuser sind zu erwarten.

Im Dezember Schönbergs Gurre Lieder. Für dieses am größten besetzte Werk der Orchesterliteratur sollen 300 Beteiligte (Musiker, Sänger und Chor) auf der Bühne stehen.

Im Januar 2013 kommt La Vestale von Spontini zur Aufführung. Großartig! Da ich ein Spontini Fan bin, freue ich mich darauf besonders. Richard Wagner hat ja den Beginn des Rheingolds bei Spontinis Oper Agnes von Hohenstaufen abgehört und empfahl Spontini und Bellini als Vorbilder für den Kompositionsunterricht. Schön, daß er endlich wieder aufgeführt wird. La Vestale war eine typische Callas Rolle, die in Karlsruhe dann wahrscheinlich von Barbara Dobrzanska gesungen wird.

Im Februar bei den Händel Festspielen Händel Oratoriums The Triumph of Time and Truth in Verbindung mit einer zeitgenössischen Oper in zwei Akten von Gerald Barry: The Triumph of Beauty and Deceit.

Ende März 2013 dann der erneute Ring Zyklus in der Denis Krief Inszenierung. Bin mal gespannt, wer Siegmund/Siegfried singt.

Im Juli 2013 Benjamins Brittens beliebteste Oper Peter Grimes als Beitrag zur Reihe mit Meisterwerken des 20. Jahrhunderts.

Beachtet man die von der Opernintendanz angekündigten Reihen, dann sollten noch eine Operette, eine französische Oper (das könnte auch Spontini sein, wenn er im französischen Original erklingt) und eine Oper mit politischem Thema hinzukommen.