Dienstag, 28. Februar 2012

Rückblick (2): Händel Festspiele 2012

Und hier Dirk Schümers Lob der diesjährigen Händel Festspiele in der FAZ:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/die-karlsruher-haendelfestspiele-ein-saurier-taucht-bravouroes-und-singt-dazu-11661330.html

Schümer ist langjähriger Korrespondent der FAZ, Autor und Übersetzer und war auch öfters in Kultursendungen des Fernsehens. Er besucht die Karlsruher Händel Festspiele bereits seit einigen Jahren und hat u.a. auch über Radamisto berichtet.

Montag, 27. Februar 2012

Rückblick: Händel Festspiele 2012

Glückwunsch an den künstlerischen Leiter der Festspiele Bernd Feuchtner, der in seinem ersten Jahr abwechslungsreiche, interessante und schöne Aufführungen organisiert hat.

Schon seit vielen Jahren ist das künstlerische Niveau der Festspiele sehr hoch. In gewisser Weise ist es eine undankbare Aufgabe, die Festspiele leitend zu übernehmen, denn angesichts von Sparbemühungen der öffentlichen Hand, klammen Kassen und dem öffentlichen Willen, Schulden zu reduzieren, gibt es nur begrenzt Möglichkeiten neue Ideen einzubringen oder die Festspiele zu vergrößern. In dieser Hinsicht kann es nur das Ziel für die kommenden Jahre sein, die hohe Qualität zu halten und die Quantität der Aufführungen nicht auf Kosten der Qualität zu erhöhen. In Karlsruhe ist man gut damit beraten, ein kleines Festival zu bleiben und seine Stärken weiter auszubauen: hochrangige externe Sänger, publikumsfreundliche Inszenierungen und insbesondere die Händel-Solisten - das eigene, spezialisierte Barock-Orchester.

Wie viel Barockmusik kann man in 10 Tagen vertragen? In Karlsruhe gab es u.a. zwei Opern, sechs Konzerte und ein Ballett. Die Festspiele bestanden aus 19 Vorstellungen, für die man Eintrittskarten kaufen konnte. Dazu die Veranstaltungen der Händel Akademie.

Am stärksten gefordert waren erneut die Musiker der Händel-Solisten. Das Orchester, das für die Zeit der Festspiele aus Barockspezialisten gebildet wird, war mal wieder das Rückgrat der meisten musikalischen Aufführungen und bildet nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal der Karlsruher Festspiele, sondern ist auch dessen wichtigste musikalische Konstante. Wer an anderer Stätte mal gehört hat, wie öde und schwerfällig Barockmusik in den falschen Händen klingt, der weiß den Wert dieses Orchesters zu schätzen.

2013 wird Alessandro wieder aufgenommen. Dazu wurde angekündigt, daß mal wieder Oratorien im Mittelpunkt stehen: nächstes Jahr gibt es eine szenische Aufführung des späten Händel Oratoriums The Triumph of Time and Truth in Verbindung mit einer zeitgenössischen Oper in zwei Akten von Gerald Barry: The Triumph of Beauty and Deceit. Außerdem eine konzertante Aufführung von Händels Esther.

Sonntag, 26. Februar 2012

Händel - Giove in Argo, 25.02.2012

Händels Jupiter in Argos (uraufgeführt 1739) stammt aus einer Zeit, als die italienische Oper in London im Niedergang war und sich Händels zweite Karriere als Oratorienkomponist abzeichnete. Kurz vor Giove in Argo war das Oratorium Israel in Ägypten aufgeführt worden. Hinweise für den sich ändernden Publikumsgeschmack finden sich auch in dieser Oper: es fehlen Kastraten, es gibt ungewöhnlich viele Chorsätze, mehr als in jeder anderen Händel Oper, und es ist ein relativ kurzes Stück: ca 2,5 Stunden Spieldauer.

Giove in Argo ist eine Pasticcio Oper, also eine Zusammenstellung bereits verwendeter Arien und Musik zu einer neuen Oper. Im 2. und 3. Akt ist zusätzlich jeweils eine Arie des Komponisten Franceso Arraia eingefügt. Die Ausnahmestellung dieses Werks beruht darauf, daß es die einzige Pasticcio Oper ist, für die Händel auch neue Musik komponierte. Unter der wieder verwerteten Musik finden sich unter anderem Chorsätze aus Acis und Galatea von 1717, aber auch Arien aus Händels Oper Faramondo von 1738, also aus über 20 Schaffensjahren.

Als Chor für die konzertante Aufführung im Zuge der Händel Festspiele wurden die knapp 30 Sänger (darunter auch Countertenöre) des Vocalensembles Rastatt  verpflichtet, das von dessen Gründer und Leiter Holger Speck ideal einstudiert war und einen sehr guten Eindruck hinterließ. Die gewohnt souveränen Händel-Solisten wurden ebenfalls von Holger Speck dirigiert: wohl temperiert, aber zu gleichförmig und etwas zu langsam - Giove in Argo entwickelte bei ihm nicht das abwechslungsreiche und variable Orchesterspiel, das ansonsten die Händel Festspiele prägt. Doch dafür war der Musizierstil sehr Stimmen-freundlich: allen Sängern hörte man an diesem Abend sehr gerne zu!

Kirsten Blaise (Calisto) ist seit fast 10 Jahren die prägende Sängerin der Händel Festspiele. Wer Blaise in den vergangenen Jahren gesehen und gehört hat, der weiß um ihre sehr starke Bühnenpräsenz. Selbst bei einer konzertanten Aufführung wie gestern nimmt sie das Publikum für sich ein.  Als Gäste sangen  die Mezzosopranistin Amira Elmadfa (Iside), der Tenor Markus Brutscher (Arete) und der Bassist Markus Flaig (Liacone). Dazu die bewährten Ensemblemitglieder Armin Kolarczyk (Erasto) und Ina Schlingensiepen, die für ihre erkrankte Kollegin Stefania Dovhan als Diana einsprang. Sängerisch eine rundum gelungene Aufführung.

Wer die nach heutigem Maß mythologisch überfrachtete Handlung durchliest, hat schnell Verständnis für die konzertante Aufführung, die ein weiterer Baustein zur Vervollständigung der Händel-Opern in Karlsruhe darstellt. Bemerkenswert ist das Engagement der diesjährigen Festspielleitung: das Libretto zu Alessandro war seit Wochen im Internet abrufbar, gestern bekam das Publikum das komplette Textbuch von Giove in Argo zum Mitlesen. Ein sehr aufmerksamer Service - vielen Dank an das Staatstheater!

Sonntag, 19. Februar 2012

Die vier Countertenöre, 18.02.2012

Innerhalb von 24 Stunden hatte man in Karlsruhe Gelegenheit sechs Countertenöre zu hören. Nachdem Lawrence Zazzo und Martin Oro am Freitag in Händels Alessandro zu hören waren, gab es gestern ein Galakonzert mit vier weiteren Sängern: Max Emanuel Cencic, David DQ Lee, Xavier Sabata und Franco Fagioli. 

Das Sonderkonzert war eines von jenen, bei denen sich Künstler und Zuschauer gegenseitig beschenkten; einerseits mit großartigen Interpretationen, andererseits mit Jubel und stehenden Ovationen. Als das ca. dreistündige Konzert zu Ende war, sah man nur strahlende Gesichter: im Publikum und auf der Bühne. Ein Konzert jenseits aller Routine und Erwartbarkeit, sondern voller Spannung und Emotionen und von Anfang an von einer sehr schönen Stimmung getragen.

Jeder Sänger präsentierte einen Block von drei Arien (das Programm habe ich unten beigefügt). Für das Publikum eine wunderbare Gelegenheit Stimmen, Charakter und Klangfarben zu vergleichen und festzustellen, wie unterschiedlich Countertenöre klingen können. David DQ Lee hat beispielsweise noch eine junge und helle Stimme und wirkte anfänglich etwas zu ungestüm, Franco Fagioli besitzt eine einmalige Stimmfarbe, Xavier Sabata eine dunkle, lyrisch-weiche Stimme, Max E. Cencic dagegen eine hohe und klare.
Es ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, wer nun gestern am meisten gefiel und überzeugte. Das Karlsruher Publikum spendete allen vier Künstlern viel Applaus und Bravos, doch einem ganz besonders stark.

Die anrührendste und schönste Arie des Abends war Händels Cara Sposa, die virtuoseste Händels Dopo notte - beide gesungen von Franco Fagioli, der nicht nur vom Publikum am stärksten bejubelt wurde, er war auch der einzige Sänger, den das Orchester mit Applaus, Bravos und stampfenden Füßen feierte. Er zeigte all das, was ihn in den letzten Jahren zum Karlsruher Publikumsliebling werden ließ: atemberaubende Kolaratursicherheit und starke Ausdrucksfähigkeit. 

Musikalisch wurde das Konzert sehr gut begleitet von Vaclav Luks und dem Collegium 1704, Prag mit seinen 26 Musikern.

Das Programm:

Georg Friedrich Händel Suite in D-Dur Wassermusik HWV 349 - Ouvertüre (Allegro)

David DQ Lee
Georg Friedrich Händel „Ah! Stigie larve ... Vaghe pupille“ aus Orlando
Antonio Vivaldi „Ah! che non posso“ aus La fida ninfa
Georg Friedrich Händel „Sta nell’Ircana“ aus Alcina

Georg Friedrich Händel Suite in D-Dur Wassermusik HWV 349 (Alla Hornpipe – Minuet– Lentement – Bourrée)

Franco Fagioli
Nicolo Porpora „Dolci e fresche aurete“ aus Polifemo
Georg Friedrich Händel „Cara sposa“ aus Rinaldo
Georg Friedrich Händel „Dopo notte“ aus Ariodante

– Pause –

Georg Friedrich Händel Ouverture zu Rinaldo HWV 7a

Xavier Sabata
Davide Perez „Ridente la Calma“ aus Solimano
Nicolo Porpora „Odi spietato numi“ / „Tu spietato non sarai“ aus Iphigenia
Georg Friedrich Händel Accompagnato-Rezitativ „Otton, otton“ und Arie „Voi che udite il mio Lamento“ aus Agrippina

Max Emanuel Cencic
Antonio Vivaldi „Nel intimo del petto“ aus Farnace
Antonio Vivaldi „Gelido in ogni vena“ aus Farnace
Baldassare Galuppi „Superbo di me stesso“ aus Olimpiade

Abschließen standen alle vier Sänger auf der Bühne im Quartett „Deh in vita ti serba“, dem Finale aus dem 2. Akt Romolo ed Ersillia von Josef Mysliveček

PS (1): Herzlichen Dank an den Sponsor Gerhard Merkle, der mit seiner Spende von 20.000€ den Karlsruhern das Konzert ermöglichte.
PS (2): Liebes Staatstheater, der Arienabend hat es gezeigt: Vivaldi fehlt! es gab zwar z.B. schon Opern von Scarlatti und Keiser bei den Händelfestspielen zu hören, aber noch nie eine von Vivaldi.
PS (3):
Liebes Staatstheater, der Arienabend hat es gezeigt: Franco Fagioli ist der Lieblings-Countertenor in Karlsruhe. Engagiert ihn bald wieder!

Samstag, 18. Februar 2012

Händel - Alessandro (Premiere), 17.02.2012

Nach der Generalprobe standen bei der Premiere vor allem die Sänger im Mittelpunkt. Betrachtet man die Struktur von Händels Alessandro fällt ein Ungleichgewicht auf. Die Oper benötigt sieben Sänger und enthält 25 Arien und drei Duette. Drei der sieben Sänger singen 20 Arien und alle Duette, die übrigen fünf Arien verteilen sich auf die restlichen vier Sänger.
Doch dafür gibt es einen guten Grund: Händel schrieb für ein berühmtes Sängertriumvirat. Bei der 1725 uraufgeführten und von Händel selber dirigierten Oper sangen zum ersten Mal drei der damals größten Gesangstars zusammen: der Kastrat Senesino, der als Alessandro acht Arien zu singen hat, sowie die beiden Sängerinnen Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni mit jeweils sechs Arien. Händel achtete auf eine gerechte Rollenverteilung zwischen den beiden Primadonnen, die auch dadurch berühmt wurden, daß sie sich bald als Konkurrentinnen sahen und sich später, während einer Aufführung von Giovanni Bononcinis Oper Astianatte, auf der Bühne prügelten.

Die Hauptrollen Alessandro, Rossane und Lisaura werden bei den Händel Festspielen gesungen von Lawrence Zazzo, Yetzabel Arias Fernandez und Raffaella Milanesi.

Lawrence Zazzo war bereits 1998 und 1999 bei den Karlsruher Händel Festspielen als Unulfo in Händels Oper Rodelinda zu hören (damals großartig dirigiert von Trevor Pinnock und gespielt vom Freiburger Barockorchester). Inzwischen  gehört er zu den großen Namen der Countertenor-Szene, doch war sein gestriger Auftritt etwas zu glanzlos und unspektakulär. Stimmlich konnte er z.B. Franco Fagioli nicht vergessen machen. Seine Figur leidet allerdings unter der Karlsruher Regie: diese weiß mit ihm weniger anzufangen als mit den beiden Darstellerinnen. Seine Auftritte bleiben eher unbestimmt. Er stand dadurch letztendlich im Schatten der beiden Sängerinnen. Alessandro ist in dieser Inszenierung weniger die zentrale Rolle, als man erwarten konnte.

Wie schon im Jahr 1725 lieferten sich auch gestern  die Sängerinnen ein Kopf an Kopf Rennen um die Gunst des Publikums und lagen gleichauf. Beide erhielten sehr viel Applaus, Bravas und Zustimmung und es ist eine Frage  persönlicher Vorlieben, welche der beiden der Vorzug zu geben ist. Im Verlauf des Abends hörte man von beiden sehr gut gesungene und auch gespielte Arien. Milanesis Lisaura macht im Verlauf des Abends mehr Veränderungen durch, Fernandez' Rossane hat das wärmere Timbre und die konstantere, sympathischere Rolle. Milanesi kann man deshalb hervorheben, weil sie erst vor wenigen Wochen engagierte wurde und aufgrund einer Erkrankung im Ensemble spät in die Produktion einstieg. Davon ist allerdings absolut nichts zu merken.

In den Nebenrollen gibt es ebenfalls Gutes zu berichten: Der argentinische Countertenor Martin Oro als Tassile (er sang bereits 2000 in Karlsruhe in Händels Messias), Andrew Finden (Clito), Sebastian Kohlhepp (Leonato) und nicht zuletzt die auch schauspielerisch wunderbare Rebecca Raffell (Cleone) sangen, agierten und tanzten(!) überzeugend. Schade, daß Sie aus oben genannten Gründen nur so wenige Arien haben.

Händels Sängerin Faustina Bordoni überlieferte, daß das typische Händel Orchester ca. 45 Instrumentalisten umfasste. In Karlsruhe waren es weniger. Die 36 Händel-Solisten spielten wie gewohnt großartig und klangschön. Der neue Dirigent Michael Form hinterließ einen sehr guten Eindruck. Man kann in Alessandro viel wunderschöne und abwechslungsreiche Musik entdecken!

Die Inszenierung ist nach Karlsruher Maßstäben Händel-gerecht und unterstützt die Sänger. Regisseur Alexander Fahima hat seine Ideen sehr gut umgesetzt: jeder Akt hat eine andere Atmosphäre, die Sänger agieren unterschiedlich und passend zum musikalischen Ausdruck der Arien. Allerdings ist die handlungsarme Oper bei ihm auch handlungsfrei erzählt. Es passiert wenig und ein bißchen mehr Erzählfreude und Ironie hätte der Inszenierung gut getan. Die Schlußszene ist ebenfalls diskutabel: das typische Verzeih- und Glücksfinale gönnt Fahima seinen Figuren weder musikalisch (die beiden schönen Duette am Ende des 3. Akts wurden gestrichen und dem Publikum vorenthalten) noch szenisch: Alessandro bleibt alleine zurück. 

Claudia Doderer
hat passende Kostüme geschaffen. Ihr Bühnenbild ist allerdings zu steril: die geometrisch abgestimmte, zweiteilige Seiten- und Rückbegrenzung wirkt unattraktiv.
Im 1. Akt passiert nach starkem Beginn lange wenig auf der Bühne. Erst gegen Ende des 1. Akts wird dem Publikum dann wieder etwas zum Hinschauen geboten. Der 2. Akt lebt von der emotionalen Atmosphäre, die in einigen Arien durch 4 (sehr gute und sehr synchrone) Tänzer sowie über Projektionen bildlich verstärkt wird. Nicht immer hat man dabei den Eindruck, daß man die optimale Lösung sieht, manche Bildeffekte wirken austauschbar. Im 3. Akt hat man das Bühnenbild etwas erweitert, ohne daß damit etwas gewonnen ist. Etwas zu karg, etwas zu einfach, etwas fehlt, um in Erinnerung zu bleiben  ...

Fazit: ein gelungener und schöner Festspieleinstieg, der musikalisch viel zu bieten hat. Ganz klar muß man auch feststellen, daß die neue Festspielleitung bemüht ist das künstlerische Niveau der letzten Jahre zu halten, doch mit dieser Produktion ist man noch nicht auf Augenhöhe der Vorjahre angekommen!
Die Premiere war restlos ausverkauft mit ca 1100 Zuschauern auf allen Sitz- und Stehplätzen und wurde vom Publikum stark applaudiert uns sehr wenig ausgebuht. Wer sich im Publikum genau umschaute, konnte dort zwei weitere Adressaten des Jubels entdecken. Gemäß dem Karlsruher Spielzeitmotto könnte man die beiden als Helden bezeichnen, denn es war der frühere Intendant Günther Könemann, der vor 34 Jahren Karlsruhe zur Händel-Stadt machte und der ehemalige Opernleiter Thomas Brux (und der nicht gesichtete Achim Thorwald), die für die Beliebtheit und Akzeptanz Karlsruhes als Händel-Stadt in den letzten 10 Jahren -und damit auch für den Zuschauerandrang in diesem Jahr- einen wesentlichen Beitrag geleistet haben!

Donnerstag, 16. Februar 2012

Händel - Alessandro (Generalprobe), 15.02.12

Es ist schon noch zum Staunen: Die aufgrund der immensen Publikumsnachfrage öffentliche Generalprobe war ebenfalls ausverkauft! Es wurden sogar Stehplätze verkauft. Die Neugierde ist also riesig.

Nach 3 Akten, 2 Pausen und ca. 4 Stunden und 20 Minuten Aufführungsdauer der Generalprobe kann man prognostizieren, daß Alessandro erfolgreich die diesjährigen Händel Festspiele eröffnen wird. Obwohl es gestern "nur" eine Probe war und die Sänger nicht immer vollen Stimmeinsatz zeigten, kann man jetzt schon sagen, daß sich der Besuch auf jeden Fall musikalisch lohnt. Die Probe war besser als andernorts die Premieren. Dazu dann mehr nach der Vorstellung am Freitag.

Ursprünglich war Peter Lund als Regisseur für Alessandro angekündigt. Lund hatte das Karlsruher Erfolgsstück Big Money inszeniert und hatte sich auch als Händel Regisseur bereits einen Namen gemacht, als er 2008 in Saarbrücken Agrippina sehr erfolgreich auf die Bühne brachte. Sein Name wurde allerdings im Herbst letzten Jahres ausgetauscht durch den jungen und praktisch unbekannten Regisseur Alexander Fahima, der in Heidelberg Verdis Otello betreute und der nun in Karlsruhe eine sehr gute Personenregie abliefert.

Händels Alessandro hat man oft Dramaturgielosigkeit vorgeworfen. Sie hat keinen starken Handlungsfaden, sondern ist eher eine an der Verteilung von Arien orientierte Nummernoper. Im Beiheft erläutert der Regisseur seine Idee "den 3 Akten ein unterschiedliches Licht und dem Singen eine differenzierte Dringlichkeit zu geben." Das ist auch gelungen! Unterstützt von Claudia Doderer, die für Bühne und Kostüme verantwortlich ist, konzentriert sich der Regisseur darauf, die Konstellation der Personen zu verdeutlichen und Musik und Text dabei einfließen zu lassen.
Die drei Hauptfiguren tragen in jedem Akt andere Kostüme, die Anleihe bei verschiedenen Stilen und Zeiten nehmen und gelungen die Charakterisierung der Personen unterstützt. Die Bühne wirkt etwas karg und einfallslos und gewinnt während der Aufführung nicht viel hinzu; es passiert im 1. Akt lange wenig, erst später und in den folgenden Akten werden Licht und Bühnenelemente stärker eingebunden.

Beim Probenpublikum scheint Alessandro sehr gut angekommen zu sein. Morgen ist die Premiere, danach folgen 4 Aufführungen. Wer Karten hat, kann sich freuen!

Mittwoch, 8. Februar 2012

Händel Festspiele 2012

Der frühere Karlsruher Intendant Günther Könemann ist vor über 30 Jahren dem richtigen Instinkt gefolgt: zu einer Zeit als Barockmusik ein Nischendasein fristete und die historische Aufführungspraxis sich gerade erst begann zu etablieren, setzte er 1978 mit seinen Händel Tagen ein zukunftsweisendes Zeichen. 1984 wurden die Deutschen Händel-Solisten als Festival Orchester gegründet. Heute gehören Counter-Tenöre und Barock-Opern zum Alltag des Klassikbetriebs und auch der Zuschauerandrang in  Karlsruhe scheint größer denn je.

Dienstag, 7. Februar 2012

4. Symphoniekonzert, 06.02.2012

Wenn man Berlioz’ Orchesterouvertüre Le Carneval Romain op. 9 hört, könnte man über die Gehaltfülle, Vielfalt und farbenreiche Orchestrierung dieser knapp zehnminütigen Ouvertüre überrascht sein. Es stecken so viele Ideen darin, daß andere Komponisten ganze Symphonien daraus komponiert hätten. Und in der Tat, das Stück beruht auf Motiven aus Berlioz zu dessen Zeit und heute nur selten gespielter Oper Benvenuto Cellini. Le Carneval Romain war allerdings ein erfolgreicheres Schicksal beschieden und auch gestern konnte man damit orchestrale Freude erleben.

Es folgte Niccolò Paganinis Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 6. Der sympathische junge Violinist Augustin Hadelich hatte bereits in der letzten Spielzeit Brahms‘ Violinkonzert gespielt. Gestern nun ein ganz anderer Typ des Solokonzerts: das Orchester ist nur Hintergrund, um den Geiger virtuos in Szene zu setzen. Für den Violinisten ist das Konzert immens schwer: im ersten Satz werden viele technischen Möglichkeiten des Violinspiels gezeigt, im mittleren Adagio darf die Violine singen, im dritten Satz ist es dann erneut ein Virtuosenstück fröhlichen Charakters. Da von Paganini keine Kadenz überliefert ist, komponierte Hadelich seine eigene, die auf Motiven der orchestralen Einleitung beruht. Der Solist begeisterte das Publikum, das fasziniert zusah, wie er die Schwierigkeiten meisterte und ein technisch packendes und musikalisch schönes Konzert spielte. Als Zugabe gab es Bach: den zweiten Satz der 2. Violinsonate BWV1003. Hadelich erhielt Bravos und viel und langen Applaus.

Nach der Pause dann eine Überraschung: Luciano Berios Rendering klingt tatsächlich wie Schubert! Berio (*1925 - †2003) hatte Skizzen einer Symphonie, Vorlagen und Motiven von Schubert zu einer Neukomposition verbunden. Immer wenn in den Skizzen Schuberts Stimmen verstummen, übernahm Berio. Diese Stellen sind nicht nur am Einsatz der Celesta zu erkennen, sondern auch daran, daß die Musik hörbar einen Graubereich betritt. Das Werk entstand 1988/89 für das Concertgebouw Amsterdam und wurde unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt erstmals aufgeführt. Gestern konnte man eine gut hörbare, zugängliche, ca. 35 Minuten lange Schubert-Restauration hören, die zwar nicht fesselte und beeindruckte wie die Unvollendete oder die große C-Dur Symphonie, aber doch genug Schubert enthielt, um sie dem Publikum erfolgreich zu präsentieren.

Johannes Willig dirigierte souverän und in seiner Effekt- und Höhepunkt-orientierten Lesart; Orchester und Dirigent erhielten viel Applaus.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Delius - Romeo und Julia auf dem Dorfe, 01.02.2012

Die B-Premiere hatte Stärken und Schwächen.

Justin Brown und die Badische Staatskapelle hinterlassen bereits über die ganze Spielzeit einen herausragenden Eindruck. Rechtzeitig zum 350. Geburtstag des Orchesters (hab ich das richtig mitbekommen: das sechst älteste Orchester der Welt mit durchgehender Tradition!?!) ist es in bester Verfassung, auch wenn es gestern hörbar weniger konzentriert als in der Premiere spielte. Orchestrale Höhepunkte gibt es in Delius' Romeo und Julia auf dem Dorfe einige: zum Hinhören ist insbesondere die Einleitung zum 3. Bild (in Karlsruhe die Klatschmohnszene) und das lange Zwischenspiel zum letzten Bild, der sogenannte Gang zum Paradies.
 
Die frühere Ballett-Tänzerin Arila Siegert verleugnet ihre Herkunft nicht. Sie hat gelernt auf eine Partitur zu tanzen und die Regie ist deswegen so interessant, weil sie auf die Partitur hört. Die Bilder dieser Oper sind ruhig, traumhaft und ausdrucksstark. Eigentlich sind ja alle Drehbühneninszenierungen ähnlich und doch hat man hier den Eindruck etwas anderes zu sehen: ständig werden neue Räume von großer bühnenarchitektonischer Qualität geschaffen, die eine labyrinthische Ausweglosigkeit suggerieren.
Das 4. Bild ist das kontrastreichste und in jeder Hinsicht gelungenste: Vrenchens Abschied vom Elternhaus ist der innigste sängerische Moment, dann das schicksalhafte Duett mit Sali und die visionäre Traumszene der gemeinsamen Hochzeit mit Orgel und Glockenklang, die, wenn auch nur für einen kurzen Moment, orchestral überwältigt.

Nicht jedem wird die choreographierte Bebilderung und der gleichförmige emotionale Pegel der Musik zusagen. Es ist eine handlungs- und spannungsarme Oper, sie hat aber in ihren besten Momenten etwas harmonisch fließendes, ein ausatmendes und versöhnliches Element, trotz aller Melancholie. Manch einer mag weinen wollen angesichts dieser lyrisch-schönen Traurigkeit, die Musik und Inszenierung so kongenial ausdrücken.

Die B-Premiere hatte eine durchgehend neue Besetzung, bei der in den Nebenrollen keine wesentlichen Qualitätseinbußen zu bemerken waren. Gabriel Urrutia Benet als schwarzer Geiger konnte erwartungsgemäß nicht Armin Kolarczyk vergessen machen.

Der junge Tenor Steven Ebel, der ab der Spielzeit 2012/2013 fest in Karlsruhe engagiert sein wird, sang den Sali. Man kann nur hoffen, daß er gestern keinen guten Tag erwischt hatte, denn sein Auftritt war nicht überzeugend. Im 2. Bild konnte er kurz den Ton nicht halten und dieser entglitt ihm zu einem spektakulären Tarzan-Jodler, wie ich ihn lange nicht mehr auf einer Bühne gehört habe. Für den jungen Tenor scheint diese Rolle zu früh, seine Stimme  noch zu klein. Vor allem auch im Vergleich mit dem gestrigen Vrenchen. Die positive Überraschung war die junge russische Sängerin Ekaterina Isachenko, die noch mehrfach als Gast zu hören sein wird. Sie verkörperte ihre Rolle und sang mit schöner, voluminöser Stimme. Manch einer wird sich gewünscht haben, daß sie doch fest ins Karlsruher Ensemble wechseln möge. Für ihren Auftritt lohnte gestern der Besuch.

Wie zu erwarten ist Delius’ unbekannte Oper noch kein Publikumsmagnet, aber es herrschte auch strenger Frost und eisiger Wind. Die nächsten Vorstellungen scheinen besser gebucht. Ich befürchte trotzdem, Delius wird es unverdient schwer haben: Raritäten scheinen aktuell wenig Publikum anzuziehen ...