Mittwoch, 28. Dezember 2011

Händel Festspiele 2012

Knapp 10 Wochen vor Beginn der Händel Festspiele waren bereits alle Sitzplätze für die Operninszenierung von Händels Alessandro verkauft.

Um der Nachfrage gerecht zu werden ist jetzt die Generalprobe am 15. Februar öffentlich. Tickets sind für 10 € (für 12 € auch übers Internet) erhältlich. Allerdings ist etwas zu befürchten, daß die Sänger nicht alles geben ...

Vorab aber herzlichen Dank an das Staatstheater: sowohl das Libretto als auch die Nummernfolge sind im Internet!

Montag, 19. Dezember 2011

Offenbach - Ritter Blaubart, 17.12.2011

Seit 2007 gab es keine neue Operetteninszenierung des Badischen Staatstheaters. Hat jemand die Sparte Operette vermisst? Offensichtlich schon, das Karlsruher Publikum scheint ungeduldig darauf gewartet zu haben: schon vor der Premiere waren die Tickets für die fünf bereits annoncierten Termine zu über 90% verkauft, nur die überteuerte Silvesteraufführung ist (bisher) geringer gebucht.

Aufmüpfig, bissig und frech“ wolle man den Schwerpunkt Operette in den nächsten fünf Jahren gestalten ließ die Opernleitung verbreiten, denn diese „Werke haben nicht nur musikalisch noch immer viel zu sagen, auch die Geschichten, und vor allem wie sie erzählt werden, haben kaum an Sprengkraft verloren.“ Das ist leider in jeder Hinsicht zu hoch gegriffen. Die Operette kämpft gegen den Verdacht eine verstaubte, betuliche und nicht wirklich modernisierbare Kunstform zu sein, die bestenfalls gute Unterhaltung ohne Nach- und Tiefenwirkung bietet. 

Der Karlsruher Blaubart ist Operette auf der Höhe ihrer Möglichkeiten: Carsten Golbeck hat den Text des 1866 uraufgeführten Werks für die Karlsruher Aufführung  neu angepasst und aktualisiert, und zwar gekonnt, witzig und intelligent. Regisseur Aron Stiehl, Bühnenbildner Jürgen Kirner und Kostümbildnerin Franziska Jacobsen liefern eine sehr einfallsreiche Arbeit ab, mit vielen amüsanten und liebevollen Details; eine durchweg unterhaltsame Inszenierung mit wenig Durchhängern, die Tagespolitik, Satire und Klamauk gekonnt kombiniert. Es herrscht ein wilder Stilmix auf der Bühne vor: die Schäferidylle des ersten Bildes spielt in der Bergwelt der Alpen und erinnert an die Idylle der Heimatfilme der 1950er Jahre. Blaubarts erster Auftritt erfolgt in mittelalterlicher Rüstung. Der Königspalast und seine Personen kombiniert Queen Mum, Charlie Chaplin und Sissi Filme. Für die Zuschauer gibt es viel zu sehen.

Zu hören gibt es eine sehr gute Ensembleleistung: Blaubart sang als Gast Carsten Süß, an den sich eventuell noch einige durch seine Karlsruher Auftritte in Verdis Falstaff und Puccinis Gianni Schicchi erinnern. Außerdem Stefanie Schaefer (Boulotte), Ina Schlingensiepen (Fleurette/Hermia), Sebastian Kohlhepp (Prinz Saphir), Armin Kolarczyk (Oscar), Gabriel Urrutia Benet (Popolani) und Sarah Alexandra Hudarew (Königin Clémentine). Kammersänger Hans-Jörg Weinschenk (König Bobèche) war schon im letzten Karlsruher Blaubart in der Spielzeit 1990/1991 dabei (damals in der Inszenierung von Wolfgang Quetes), ebenfalls in dieser Rolle und überzeugte wie gewohnt als Komödiant und Schauspieler.

Überhaupt: Alle Akteure zeigten sehr hohe Spielfreude. Man konnte ihnen ansehen, daß ihnen ihre Rollen Spaß machten. Schon im Vorfeld der Premiere hatte der Regisseur den Karlsruher Chor in höchsten Tönen gelobt und hatte verlauten lassen, daß dieser mit seinem Engagement und seiner Professionalität einen wesentlichen Beitrag zur Inszenierung geleistet hat. Das bewies der Chor auch eindrucksvoll. Sogar die mitspielenden Statisten durften ihr schauspielerisches Talent beweisen.

Beim Publikum kam die Premiere sehr gut an. Unter den Abonnenten und dem Opern-Stammpublikum gab es allerdings auch einige ältere Zuschauer (ob nun an Jahren oder nur im Kopf), die den Humor der Aufführung unter ihrer Würde fanden und indigniert den Eindruck vermittelten, daß sie lieber Wagners Götterdämmerung gehört hätten. Diese Sicht wurde von der großen Mehrheit des Publikums allerdings nicht unterstützt: es gab berechtigterweise viel, langen und starken Applaus für alle Beteiligten. Den Operettenfans wird diese Inszenierung gefallen!

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Tschaikowsky - Der Nußknacker, 14.12.2011

Auch ein Jahr nach der Karlsruher Premiere des im Jahre 1988 in Bonn uraufgeführten Balletts „Der Nußknacker – Eine Weihnachtsgeschichte“ , indem die Geschichte des Nußknackers mit der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens kombiniert wird, strömen die Zuschauer zu den Vorstellungen, die frühzeitig ausverkauft waren. Der Choreograph Youri Vámos hat zusammen mit seinem Ausstatter Michael Scott, der in den letzten drei Jahrzehnten in Karlsruhe immer sehr gute Arbeit abgeliefert hat, ein generationenübergreifendes Familien- und Weihnachtsballett geschaffen, das kitschig schön und etwas altmodisch inszeniert, aber als harmonisches und glücklich machendes Weihnachtsballett auch mehrheits- und konsensfähig ist.

Montag, 12. Dezember 2011

Verdi - Rigoletto, 10.12.2011

Manche Urteile werden im Laufe der Zeit milder. Fünf Wochen nach der Premiere wirkt Jim Lucassens Rigoletto Inszenierung beim erneuten Besuch allerdings noch ärgerlicher. Was für eine öde Umsetzung ganz ohne szenische Höhepunkte, was für eine vertane Chance, aber immerhin: die Regie stellt keine hohen Ansprüche an die Sänger, die sich dadurch auf ihre vokalen Qualitäten konzentrieren können. Das Publikum strömt trotzdem, Rigoletto hat eine hohe Zuschauerauslastung: zu Recht, denn musikalisch gibt es weiterhin viel Gutes zu vermelden.

Als Rigoletto sang diesmal Seung-Gi Jung, der bereits letzte Woche beim Gala-Abend Roberto Frontali wegen einer allergischen Reaktion spontan nach der Pause bravourös ersetzt hatte. Schon als Germont in La Traviata bewies Jung, dass er ein sehr guter Verdi-Bariton ist, als Rigoletto war er ungleich stärker gefordert und bewies, dass er ein großartiger Verdi-Bariton ist. Mit ihm hat die Karlsruher Oper ihr Ensemble wirklich verstärkt!
Als Gast sang der junge mexikanische Tenor David  Lomeli höhensicher, souverän mit klangschöner Stimme und hinterließ einen sehr sympathischen Eindruck. Er hat vielleicht noch kein unverwechselbares Timbre, aber alle Anlagen zu einer großen Karriere.
Für die leider erkrankte Stefania Dovhan hatte man kurzfristig Burcu Uyar (Deutsche Oper Berlin) als Gilda engagiert. Ein Glückgriff: der helle, mädchenhafte Ton der jungen Sopranistin passte wunderbar und ihre schöne Stimme nahm das Publikum für sie ein.
In den Nebenrollen machte nur Lucas Harbour als Monterone auf sich aufmerksam; alle anderen lieferten eine solide Leistung.
Johannes Willig dirigierte einen perfekten Rigoletto und so blieben fast keine musikalischen Wünsche unerfüllt. Das zentrale Gesangstrio hinterließ ein glückliches Publikum, das sich nach der Vorstellung in Scharen um die Besetzungsliste im Foyer drängte, um noch mal die Namen derer zu lesen, die diesen schönen Nachmittag ermöglicht hatten.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Händel Festspiele 2012

Das Programm zu den Händel-Festspielen wurde veröffentlicht. Höhepunkte:

- Händels Oper Alessandro mit Lawrence Zazzo am 17.02, 19.02, 22.02, 24.02., 26.02.2012 (schon fast durchgängig ausverkauft)

- Händels Pasticcio Oper Giove in Argo konzertant am 25.02, u.a. mit Kirsten Blaise!

- Konzert mit 4 Countertenören: Franco Fagioli, Max Emanuel Cencic, David DQ Lee und Xavier Sabata und dem Collegium 1704, Prag unter Vaclav Luks am 18.02.

- 3 Tage später ein weiteres Konzert, und zwar mit Lawrence Zazzo am 21.02 (Faschingsdienstag). Toll, aber da wird sich das Publikum überwiegend das Konzert mit 4 Countertenören gönnen und Lawrence Zazzo singt vor leerem Haus ...

Dienstag, 29. November 2011

3. Symphoniekonzert, 28.11.2011

Um Licht ging es gestern im ersten Teil des Karlsruher Symphoniekonzerts. Für Henry Dutilleux‘ Orchesterstück Mystère de l’instant für Streicher, Schlagzeug und Cymbalom wurde das Licht im Zuschauerinnenraum gelöscht und nur durch die Beleuchtung an den Notenständern erhellt. Allerdings hatte dies keinen Stimmungseffekt auf den musikalischen Eindruck: Mystère de l’instant hatte die sinnliche Qualität eines Migräneanfalls.

Als dieser vergangen war folgte nach kurzer Umbaupause Alexander Scrjabins Tondichtung Prometheus: Le Poème du feu für großes Orchester (gestern ca 95 Musiker) einschließlich Klavier, das von Alexander Melnikov gespielt wurde. Fast genau vor 2 Jahren war er bereits mit Rachmaninows Paganini Variationen in Karlsruhe erfolgreich aufgetreten. Prometheus ist von Scrjabin als spätromantisches Gesamtkunstwerk für Farbklavier konzipiert: Tönen werden dabei Farbwerte zugeordnet. (Mehr dazu hier: http://publib.upol.cz/~obd/fulltext/Musicologica%206/musicol6-9.pdf). In Karlsruhe wurden die entsprechenden Farben hinter dem Orchester projiziert, um den vom Komponisten angestrebten Farb-Ton-Klang zu verwirklichen. Musikalisch verzichtet das Werk auf traditionelle Harmonik und rückt statt dessen den sechstönigen Quartakkord (c - fis - b - e - a - d) in den Mittelpunkt, der das Chaos präsentiert. Das hört sich interessanter an als das Ergebnis: ein unmelodiöses und gegen Ende immer lauter werdendes Stück, bei dem der Pianist keine Möglichkeit zu glänzen hat.

Nach der Pause wurde das Publikum mit Beethovens 3.Symphonie entschädigt. Überraschenderweise dirigierte GMD Justin Brown ein zurückhaltendes, vornehmes Allegro con brio. Vor allem im Marcia funebre und Finale überzeugte er dann mit einem direkteren und spannenden Zugriff und bewies erneut die hohe Affinität britischer Dirigenten für Beethoven.

Freitag, 25. November 2011

Schiller – Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, 24.11.2011

Der frühere FAZ Theaterkritiker Georg Hensel hat die alte Schauspielerweisheit überliefert, daß der Fiesco gerne dazu verwendet wird, einen Regisseur zu verheizen, und meistens bleiben dabei auch Schiller, die Schauspieler und das Publikum auf der Strecke. All jene, die sich noch an den letzten Karlsruher Fiesco erinnern, der in der Spielzeit 1992/1993 im Großen Haus präsentiert wurde, können das wahrscheinlich aus leidvoller Erinnerung bestätigen: damals ein grandioses Fiasko, bei dem die Zuschauer in der Pause des 3,5 stündigen Abends in Scharen das Theater verließen. Einige erinnern sich eventuell noch deshalb an die Inszenierung von Paolo Magelli, weil er bei vielen Szenenwechseln durch Einsatz einer ohrenbetäubend lauten Fliegeralarmsirene jeden Theaterschlaf unterband.

Die grundlegende Problematik des Fiesco hat verschiedene Ursachen: ein unplausibles Verschwörungskonstrukt, bei dem drei unterschiedliche Verschwörungen parallel laufen, aus dem sich trotzdem ein nur gering wirksamer Spannungsbogen und wenige Momente inspirierender Charakterisierung ergeben.
Schiller war sich lange über den Ausgang uneins: sollte Fiesco die Republik retten oder selber zum Alleinherrscher aufsteigen, sollte er sterben oder verzichten. Drei Enden sind überliefert.  Der Essayist und Philosoph Rüdiger Safranski hatte in seiner lesenswerten Schiller-Biographie eine philosophische Verteidigung des Fiesco geliefert: Schiller liebte die Unvorsehbarkeit der Freiheit, die Illusion der Notwendigkeit widerstrebte ihm. Fiescos Charakter ist offen und im Stück undurchschaubar: er wird sich also in Folge und Gemäßheit der Beschaffenheit seiner Entscheidung erkennen; statt daß er, wie oft bei einer Rollencharakterisierung, handelt in Folge und Gemäßheit seines Erkennens.

Gestern hatte nun Schillers Fiesco in der Inszenierung von Felix Rothenhäusler Premiere. Er hat das Stück stark gekürzt (zwei Stunden ohne Pause im Kleinen Haus) und ca die Hälfte der Figuren gestrichen: acht Schauspieler werden benötigt.

Rothenhäuslers Inszenierungsidee kombiniert die Unvorsehbarkeit der Freiheit mit dem seiner Ansicht nach zweiten Grundmotiv des Stücks: Spiel, Täuschung, Maske – doch nicht als Manöver, eher als zweite Natur des Menschen, der nur da „ganz Mensch ist, wo er spielt“.  Die Figuren  des Stücks werden von ihm als Rollenspieler konzipiert, die sich an dem Stück versuchen und alle drei Enden spielen.
Das Bühnenbild von Michael Köpke  betont den Spielcharakter durch eine Bühne auf der Bühne, auf der die agierenden Personen stehen, während die pausierenden Schauspieler dem Treiben auf der Bühne zuschauen können. Zu Beginn in heutiger Kleidung werden im Verlauf des Abends auch historisierende Anlehnungen aus den Zeiten Fiescos und Schillers als Verkleidung gezeigt.

Die Schauspieler können einem an diesen Abend leid tun: sie spielen bei diesem Spiel im Spiel schlecht spielende Rollenspieler, die ihre Texte ohne innere Überzeugung aufsagen. Es entfaltet sich die Wirkung eines statischen, gestellten, laienhaften Rollenspiels für Erwachsene, bei denen die Schauspieler um Inauthentizität bemüht sind. Und wenn Rothenhäusler starke Emotionen zulässt, dann denunziert er die Person als lächerlich oder künstlich.
Die Inszenierung wirkt blutleer und auffallend einfallslos. Man bekommt bekannte Regieeinfälle im bekannten Gewand gezeigt: Farbeimer und Pinsel, der ins Publikum gestreckte nackte Po, obligatorische Schrei- und Hysterieanfälle, das unvermeidliche Mikrophon. Rothenhäusler Laiendarsteller bedienen sich im Fundus belangloser Beliebigkeiten.

Doch die Inszenierung ist nicht eindimensional: sie taugt zur zeitdiagnostischen Ausdeutung. Der Schillersche Freiheits- und Spielbegriff wird z.B. zu einseitig definiert. Schiller hatte die Auflösung von Ernstfällen und Konflikten in rituelle, spielerische Handlungen im Sinn, kein Masken- oder Rollenspiel als zweite Natur des Menschen. Der Illusion der Notwendigkeit wird durch den Regisseur ein Recht zum Rollenspiel entgegengesetzt,  bei dem die Akteure gespielte Positionen einnehmen. Beim Kind entfaltet sich die Menschwerdung im Spieltrieb. Spätere Rollenspiele sind dagegen eskapistisch verursacht: Verzagtheit führt dazu, daß man andere Leben führen möchte. Damit hat man den existenziellen Schlüssel für diese Inszenierung in der Hand: Unentschlossenheit und Orientierungslosigkeit. 
Schillers Fieso hat den Untertitel Ein republikanisches Trauerspiel. Die politische Dimension wird vom Regisseur folgerichtig ignoriert.

Leider  verwandelt auch eine philosophisch interessante Analyse Schillers Stück nicht in ein Meisterwerk. Rothenhäusler Versuch zu einer Ästhetik des Spiels im Drama zu finden, scheitert sang- und klanglos als öder Langeweiler.
Georg Hensel hat die alte Schauspielerweisheit überliefert, daß der Fiesco gerne dazu verwendet wird, einen Regisseur zu verheizen, und meistens bleiben dabei auch Schiller, die Schauspieler und das Publikum auf der Strecke. In Karlsruhe kann man sich mal wieder davon überzeugen.

FAZIT: Nicht empfehlenswert!

Besetzung und Inszenierung
Fiesco - Simon Bauer; Andreas Doria - Hannes Fischer; Gianettino Doria - Paul Grill; Verrina - Robert Besta; Bourgognino- Thomas Halle; Muley Hassan, Mohr - Matthias Lamp; Leonore - Cornelia Gröschel; Julia - Sophia Löffler
REGIE Felix Rothenhäusler BÜHNE Michael Köpke KOSTÜME Katharina Kownatzki MUSIK Matthias Krieg  DRAMATURGIE Kerstin Grübmeyer

Mittwoch, 23. November 2011

Siegfried (Ballett), 22.11.2011

Auch die zweite Aufführung des Balletts Siegfried bestätigte den Eindruck der Premiere: es ist bewundernswert mit wie viel Geschick Choreograf Peter Breuer und sein Librettist Andreas Geier ein Handlungsballett neu erfanden und dazu die passende Musikauswahl so ideal getroffen haben, dass man durchgängig den Eindruck von Geschlossenheit und Folgerichtigkeit hat. Siegfrieds Heldentaten sind beispielsweise stimmig mit dem 1.Satz der Dante Symphonie von Franz Liszt kombiniert, Siegfrieds Ermordung wird unterlegt vom 3.Satz von John Adams Harmonielehre und ist der dramatische Höhepunkt, bei dem das Publikum spürbar in den Sog des Bühnengeschehens und der Musik gerät.

Das Ballettcorps wird von der Choreographie sichtbar gefordert und beweist erneut seine Leistungsfähigkeit. Nun folgen noch die Wiederaufnahmen von Nußknacker und Schwanensee und eine weitere Premiere im Frühjahr und angesichts der körperlichen und künstlerischen Hochleistungsfähigkeit des Karlsruher Balletts kann man nur applaudieren.

Glückwunsch an Birgit Keil: Die Ballett-Aufführungen in Karlsruhe werden weiterhin regelmäßig ausverkauft sein und haben aktuell die höchste Zuschauerakzeptanz!

Montag, 21. November 2011

Siegfried (Ballett Uraufführung), 19.11.2011

Seitdem Birgit Keil 2003 die Leitung des Karlsruher Balletts übernommen hat, ist die große Handlungsballett-Premiere im Herbst zu einem der Prestige-trächtigsten Premierenabende der Spielzeit geworden und viele erinnern sich gerne an die umjubelten Aufführungen von Giselle, Coppelia, Les Sylphides, Anna Karenina, Prokofiews Romeo und Julia, Schwanensee, Nußknacker und anderer Ballette in den letzten Jahren. Siegfried reihte sich am Samstag erfolgreich in diese Liste ein.

Freitag, 11. November 2011

Berlioz - Les Troyens 1+2, 09.11.2011 / 10.11.2011

Die Karlsruher Oper bietet die Trojaner auch unterteilt an zwei aufeinanderfolgenden Abenden an, entsprechend der ersten Komplettaufführung am 5. und 6. Dezember 1890 am Karlsruher Hoftheater. An den beiden letzten Abenden wurde nun zum ersten Mal die Neuinszenierung der Berlioz' Oper als Die Eroberung Trojas und Die Trojaner in Karthago getrennt aufgeführt. Beide Lösungen sind gleichwertig: vermittelt die Komplettaufführung mit über 5 Stunden Dauer das intensivere Gesamterlebnis, erlaubt die getrennte Aufführung die unterschiedlichen musikalischen Farben der beiden Abende besser aufzunehmen.

Es gab wenige personelle Änderungen: Der Brite Ian Storey, der den Aeneas bereits in der letzten Spielzeit in der Deutschen Oper in Berlin unter Donald Runnicles sang, blieb am ersten Abend rollenbedingt eher unauffällig und erwies sich dann in den Akten 3-5 als unspektakulärer und nicht gerade nuancenreicher Tenor, der sich mit viel Kraft und Lautstärke durch den Abend stemmt, aber auch seine Rolle nur eher marginal ausfüllt und die Personenregie nur grob übernommen hat. Da Storey für Berlin einen gekürzten Aeneas einstudiert hatte, musste die gestrige Vorstellung der Trojaner in Karthago im 5.Akt für ihn gekürzt werden und das letzte Duett mit Dido war gestrichen. Man hatte über beide Abende als Zuschauer nicht den Eindruck, dass er viel Sorgfalt auf die Vorbereitung der Rolleninterpretation gelegt hatte. An der Mailänder Scala hat er ja bereits den Tristan gesungen – nach der Karlsruher Vorstellung eher nicht nachvollziehbar.

Rebecca Raffell als Didos Schwester Anna nutzte ihre Chance eindrucksvoll. Gegenüber der eher unauffälligen Erstbesetzung Karine Ohanyan wertete Raffell ihre Rolle deutlich auf. In ihrer Auftrittszene jongliert sie beim Singen mit 3 Äpfeln, das anschließende Duett mit Didon bekam durch ihre auffällige, farbenreiche und warme Alt-Stimme eine bisher ungehörte sinnliche Dimension. Sie wird im Februar in Händels Alessandro singen – darauf kann man sich jetzt schon freuen!

Heidi Melton stand und sang zu Beginn des 3 Aktes, der im Zuschauerraum gesungen wird, für kurze Zeit direkt neben mir und ich war begeistert, wie mühelos und leicht sie sang. Ich konnte keine Anstrengung feststellen, ganz im Gegenteil: sie sang "natürlich" und ihre wunderbare Stimme nimmt unmittelbar für sie ein. Es fällt nicht schwer ihr eine große Karriere vorauszusagen.

Christoph Gedschold dirigierte konzentriert, sicher und umsichtig und hatte Chor und Orchester jederzeit im Griff. Berlioz' Farben- und Nuancenreichtum ist in den Trojanern so groß, dass man fast jede Szene herausstellen kann. Großartig, wie beeindruckend und doch unterschiedlich die Geisterscheinungen im 2. Und 5. Akt komponiert sind. Das große Vorspiel zum 4. Akt ist fester Bestandteil des Konzertrepertoires von Symphonieorchestern. Die räumliche Dimension der Berliozschen Partitur (Chöre und Instrumentengruppen in verschiedenen Positionen und Entfernungen) können in dem weitläufigen und großen Innenraum des Karlsruher Staatstheater meines Erachtens besser verwirklicht werden als in einem engeren Raum. So wird das ganze Haus bespielt und die Klangeffekte sind überwältigend. Drei Harfen werden für die Trojaner benötigt - in Karlsruhe spielen sie am linken Rand des Zuschauerraums und sind wunderbar zu hören. Chor und Orchester sind ideal einstudiert!

Die getrennt aufgeführten Trojaner sind in der Karlsruher Publikumsgunst noch nicht angekommen. Der erste Abend war zu ca 60-70% ausgelastet, am zweiten Abend nur zu ca 50%. Für den zweiten Teil wurden sogar einige Karten zurückgegeben: etliche belegte Plätze waren wieder verfügbar; das kann aber auch mit der Absage des ursprünglich vorgesehenen Lance Ryans an diesem Abend zusammenhängen.
Während Traviata, Rigoletto, sogar schon Alessandro bei den Händelfestspielen im Februar und die Ballette Nußknacker und Schwanensee sich sehr gut verkaufen und regelmäßig ausverkauft sind, ist die Auslastung bei den Trojanern  (trotz der sehr guten Kritiken) eher mäßig. Vielleicht ist es ja wirklich eine Liebhaber-Oper: es gibt Längen, es gibt anstrengende Momente, aber halt auch Grandioses. Hoffentlich kommt diese Oper noch beim breiten Publikum an und erobert ihren Repertoire-Platz. Das Staatstheater sollte sie einige Jahre im Repertoire halten!

Montag, 7. November 2011

Verdi - Rigoletto, 06.11.2011

Viel zu viel Zeit ist verflossen seitdem in Karlsruhe zuletzt in der Spielzeit 1989/90 Verdis Meisterwerk Rigoletto zu hören war. Entsprechend hoch war gestern die Erwartungshaltung des Publikums bei der Premiere, die allerdings nur die Neuinszenierung einer Produktion war, die fast genau zwei Jahre zuvor in Heidelberg erstmalig gezeigt wurde. Leider blieb es unverständlich und rätselhaft, aus welchen Gründen diese Inszenierung in Karlsruhe wieder belebt wurde.
Rigoletto ist auf Kostümebene in die 1980er Jahre versetzt worden. Der Bühneninnenraum ist dreieckig begrenzt durch helle Lamellenvorhänge, die zwei Hinterräume und eine Empore vom Innenraum abgrenzen und automatisch auf- und zufahren, um den Zuschauern Einblicke zu gewähren. Dazu kommen variabel positioniert Stuhlreihen, die der Bühne den Reiz eines Warte- oder Seminarraums geben und gelegentlich ein Bett im Hintergrund. Daraus ergibt sich ein Bühnenbild von selten gesehener, unattraktiver Beliebigkeit, das so unspezifisch, ja charakterlos ist, daß man darin genauso gut andere Opern oder Theaterstücke spielen könnte. Der Regisseur Jim Lucassen hatte gute Ideen,  findet dafür aber nur selten gelungene Lösungen; die Personenregie kommt über gutes Mittelmaß nicht hinaus. Die Chorregie ist dilettantisch: so vermittelt das erste Bild das Flair eines Kegelvereins auf Kaffeefahrt; in der Gewitterszene des dritten Akts, bei der Verdi die Windmaschine durch einen wortlos summenden Männerchor ersetzt, gerät die Ermordung Gildas zu einer unfreiwillig komischen Halloween Farce.
Musikalisch ist diese Produktion dagegen gelungen. Der Bariton Jaco Venter, der seit dieser Spielzeit vom Mannheimer Nationaltheater nach Karlsruhe wechselte, hatte bei seinem ersten Auftritt vor neuem Publikum anfänglich mit seiner Nervosität zu kämpfen, fing sich aber und sang einen guten Rigoletto. Ina Schlingensiepen schien man ebenfalls die Aufregung anzumerken: zu Beginn war sie nicht mit der Selbstverständlichkeit und Selbstsicherheit auf der Bühne, mit der sie vor fast einem Jahr in La Traviata begeisterte. Dies gelang dafür dem neuen Tenor Andrea Shin als Duca, der vom ersten Moment an bühnenpräsent war und schauspielerisch und sängerisch durchgängig überzeugte. In der Rolle des Sparafucile zeigte Konstantin Gorny erneut seine große Klasse; Stefanie Schaefer dagegen nutze ihren kurzen Auftritt als Maddalena nicht und blieb hinter ihren Möglichkeiten. Die kleineren Rollen waren bei Edward Gauntt, Andrew Finden und Eleazar Rodriguez in sehr guten Händen. Johannes Willig dirigierte sängerfreundlich und packend.
Die Zuschauer spendeten dem Quartett Schlingensiepen – Venter – Shin – Gorny einhellig Jubel und viele Bravos, die Inszenierung wurde stark ausgebuht.

Fazit: die schwächste Inszenierung seit einiger Zeit: oft zum Wegschauen, aber immer zum Hinhören!

PS: Im Publikum waren u.a. Achim Thorwald, Thomas Brux, Walter Donati, Mario Muraro und H.J. Weinschenk anzutreffen.

Montag, 31. Oktober 2011

Lotz - Der große Marsch / Lessing - Minna von Barnhelm, 29.10.2011

Der große Marsch vom Wolfram Lotz ist eine Fantasie mit Variationen über das experimentelle Theater. Ein surrealer Text mit unmöglichen Regieanweisungen. Die Regisseurin Simone Blattner macht daraus eine unterhaltsame Stunde und schafft es fast durchgehend, die Aufmerksamkeit und das Interesse des Publikums zu halten. Viel Klamauk kommt dabei auf die Bühne, man schmunzelt viel und lacht doch selten, man langweilt sich nicht, zwischendurch gibt es sogar einen Höhepunkt bei einem Talkshow-ähnlichen Interview und doch bleibt hauptsächlich eines in Erinnerung: die sehr engagierten Schauspieler.
Vor allem im zweiten Teil des Abends: Lessings Minna von Barnhelm kommt deren Leistung richtig zur Geltung. Auch fast 250 Jahre nach der Uraufführung erweist sich diese Komödie als publikumstauglich. Der um seine Ehre fürchtende preußische Offizier Tellheim entpuppt sich in dieser Inszenierung nicht als vorrangig edler Charakter, sondern als Typus des gekränkten und beleidigten Menschen, der sich in seinen Schmollwinkel zurückzieht, sich weigert gesünder zu werden als das kranke Ganze und jede Unterstützung kategorisch ablehnt. Jonas Riemer spielt einen verbitterten Tellheim, der mit zerfurchtem und nachdenklichem Gesicht und gehemmten Bewegungen auf der Bühne steht. Joanna Kitzl spielt die Minna als aufgedrehte, leichtfertige Verlobte, die ihre Umwelt stets ironisch und verspielt betrachtet und sich ihres Erfolges zu sicher ist. Lessing lässt seine Minna das Spiel mit Tellheim bis an die Grenze der Verbitterung treiben, bevor es zum Happy-End kommt. Blattner lässt sie in dieser Inszenierung zu weit gehen. Die Regisseurin aktualisiert gelegentlich den Text, streicht die Nebenrollen und konzentriert sich auf die Beziehungen Tellheim-Minna und Werner-Franziska. Nicht jede Regie-Idee überzeugt, gelegentlich entgleitet der Humor ins Zotige. Das Publikum reagierte gemischt: manche lachten Tränen, andere schienen den Humor dieser Inszenierung nicht zu teilen, nur bei der Qualität der Akteure herrschte Einigkeit. Jonas Riemer als Tellheim und Matthias Lamp als Werner überzeugen in jeder Szene, aber die Stars des Abends sind Joanna Kitzl als Minna und Sophia Löffler als Franziska: beide zeigen an diesem Abend mehr Bandbreite als andere Schauspielerinnen vergangener Jahre während einer ganzen Spielzeit! So wird die Minna zu einem lange nicht mehr gesehenen schauspielerischem Höhepunkt und nach wenigen Abenden mit dem neuen Ensemble kann  man sich über die exzellenten neuen Mitglieder vorbehaltlos freuen.
Fazit: Lotz‘ großen Marsch muss man nicht gesehen haben, die Minna lohnt sich als gute Inszenierung mit großartigen Schauspielern.

Dienstag, 25. Oktober 2011

2. Symphoniekonzert, 24.10.2011

Das zweite Symphoniekonzert war eigentlich ein Liederabend mit Kammerorchester: keine Blechbläser waren notwendig, nur eine Oboe, ein Englischhorn, zwei Schlagzeuger sowie Orgel und Celesta – 5 Musiker ergänzten das Streichorchester im Verlauf des Abends. Zu Beginn ertönte eine der bekanntesten Bach Kantaten: BWV82 Ich habe genug. Armin Kolarczyk sang, Justin Brown dirigierte und der Solo-Oboist Stephan Rutz stahl erst mal allen die Schau. Der Dirigent ging den ersten Satz etwas zu flott an, als habe er es eilig, genug zu haben. Die Eingangsarie wandelte sich dabei zu einem virtuosen Oboenstück. Danach stimmte dann die Architektur und die Kantate wurde überlegt und überzeugend interpretiert, ohne allerdings die Intensität und Intimität einer Aufführung im sakralen Raum zu erreichen.

Michael Tippetts Corelli Fantasie, eine modern interpretierte Art des Concerto grosso mit solistischem Streichtrio, war eine angenehme Überraschung: ein kurzes, abwechslungsreiches und unterhaltsames ca. 20 minütiges Intermezzo, das stilecht im Stehen interpretiert wurde.

Nach der Pause folgte Schostakowitschs 14. Symphonie. Man wird nur selten jemanden finden, der diese als sein Lieblingsstück oder als Schostakowitschs beste Symphonie bezeichnen würde. Ganz im Gegenteil: ein unvorbereiteter Hörer könnte es als schwer zugänglich oder frustrierend erleben. Der Komponist hat 14 Gedichte vertont, die sich mit dem Thema Tod beschäftigen. Ein Spätwerk, 1969 uraufgeführt, 6 Jahre vor dem Tod Schostakowitschs. Barbara Dobrzanska und Konstantin Gorny sangen und es geschah etwas Seltenes: Sänger und Dirigent zeigten so viel Engagement und Können, im Falle Konstantin Gornys möchte ich es fast Herzensangelegenheit nennen, daß sie es schafften ein sprödes Stück durch eine perfekte Aufführung zum Erfolg zu führen. Es spricht für das Karlsruher Publikum, daß es mehrheitlich erkannte, welche großartige und bravouröse Leistung ihm geboten wurde.

Freitag, 21. Oktober 2011

Berlioz - Les Troyens, 21.10.2011

Nachdem die für den gestrigen Donnerstag geplante Premiere im Theater von Grabbes Herzog Theodor von Gothland kurzfristig aus Krankheitsgründen um 2 Tage auf den Samstag verschoben werden musste und ich an dem Tag leider nicht dabei sein kann, besorgte ich mir mit meinen Tauschgutscheinen spontan Karten für die zweite Aufführung der Trojaner. Ein wahrer Glücksgriff!
Diesmal gab es eine Ansage: Aufgrund eines Eingriffs wegen Nierensteinen vor drei Wochen und einer Erkältung John Treleavens konnte dieser nur den ersten Teil des Abends singen. In den Trojaner in Karthago spielte er stumm seine Rolle und von der Seite sang: Lance Ryan! Das hatte zwar etwas Provisorisches, doch Lance Ryan (jedesmal wenn ich ihn höre, habe ich den Eindruck, dass er noch besser geworden ist)  sang so souverän, dass es ein  Ereignis war, ihn und Heidi Melton als Didon und Aeneas zu hören. Beide könnten meines Erachtens an jedem Haus der Welt in dieser Rolle auftreten. Sehr viel Luft nach oben ist nicht vorhanden. Das glückliche Karlsruher Publikum erlebte einen ansonsten personell unveränderte Aufführung auf ähnlichem Niveau wie in der Premiere, namentlich hervorzuheben besonders die neuen Tenöre Eleazar Rodriguez als Iopas und Sebastain Kohlhepp als Hylas sowie das bekannte Trio Niessen, Kolarczyk, Gorny

Bei der Zweitansicht der Inszenierung bleibt der Eindruck der Einnahme Trojas bestehen: fesselnd zum Ende des 1 Aktes hin, ist der zweite Akt der dramatische Höhepunkt des Abends.
Die Trojaner in Karthago gefielen mir an diesem Abend besser. Das 1. Bild des 3. Akts im Zuschauerraum lebt vom Spektakel, der Rest ist routiniert gut. Der vierte Akt ist das musikalische Highlight, der 5. Akt hat zwar die schönste Einzelarie, zieht sich aber deutlich am Ende. Auch beim zweiten Mal bleibt der Eindruck eines ungewöhnlich eindrucksvollen Opernabends.

PS: Bei Verlassen des Theaters gegen 23.30 bewunderte ich mal wieder das Engagement des GI Herrn Spuhler, der zusammen mit dem Chefdramaturgen Dr. Feuchtner noch Werbematerialien verteilte.

Montag, 17. Oktober 2011

Berlioz – Les Troyens, 15.10.2011

Große Erwartungen und viel Vorfreude lagen bei der ersten Opernpremiere der neuen Intendanz in der Luft und es wurde ein langer (ca 5 Stunden, 20 Minuten), abwechslungsreicher, spektakulärer und sehr spannender Abend.

Die fünfaktige Oper ist zweiteilig. Der erste Teil Die Einnahme Trojas umfasst die ersten beiden Akte. Die Trojaner in Karthago die Akte drei bis fünf.

Die Einnahme Trojas beginnt mit schweren Atemstößen. Der Geist des trojanischen Helden Hektor steht auf dem leeren Schlachtfeld, schwer atmend als ob auch die Geister noch Troja verteidigt hätten,  und nun nach dem scheinbaren Abzug der Griechen erschöpft den Horizont absuchend. Bühnen- und Kostümbildner Christoph Hetzner hat für den ersten Teil eine karge, archaisierende Bühne geschaffen. Die vorherrschende Kostümfarbe ist weiß, die nur kurz vor Ende auftretenden Griechen sind in Schwarz. Die Farbe des Blutes und der Toten ist blau. Die zentrale Rolle ist Hektors Schwester Kassandra, die die Trojaner vergeblich vor dem griechischen Pferd warnt und am Ende des zweiten Aktes die trojanischen Frauen anführt, die den Freitod wählen, um der griechischen Gefangenschaft zu entgehen. Regisseur David Hermann hat für den ersten Teil der Oper eine durchweg überzeugende und spannende Inszenierung geliefert, die auf spektakuläre Publikumswirkung setzt. Um die räumliche Wirkung der Chormassen zu verdeutlichen, lässt Hermann den Zuschauerraum bespielen: der Chor geht über die Zuschauertüren ein und ab und singt teilweise in den Gängen zwischen den Zuschauern. Das trojanische Pferd, dargestellt durch einen anthrazitfarbenen, zeppelinförmigen Ballon, schwebt am Ende des 1. Aktes wie eine dunkle, unheilbringende Wolke über den Trojanern.
Christina Niessen als Kassandra wurde vom Publikum einhellig bejubelt; ihr Partner Chorebus, gesungen von Armin Kolarczyk sowie Chor und Orchester und alle anderen Sänger, die im ersten Teil nur kleinere Rollen haben, ebenso. Als nach ca 90 Minuten der erste Teil vorüber war, ging das Publikum sehr zufrieden, teilweise euphorisch in die einstündige Pause.

Die Trojaner in Karthago ist der Titel der Akte drei bis fünf. Die Szenerie ist modernisiert: wohlhabende, blühende Landschaften, moderne Architektur versinnbildlichen den Aufstieg der Stadt. Die vorherrschende Kostümfarbe ist grün mit gelegentlichen Blütendrucken. Die Trojaner kommen in einer Wohlstandswelt an. Das erste Bild des dritten Aktes, eine jubelnde Massenszene wird komplett im Zuschauerraum gesungen. Die sich nun entwickelnde, tragisch endende Liebesgeschichte zwischen dem Anführer des Trojaner Aeneas und der karthagischen Königin Dido fällt in der Inszenierung leider ab. Große Szenen, wie das Septett und Liebesduett im 4. Akt sind routiniert umgesetzt, doch ohne den Zauber der Faszination zu vermitteln, die die Musik bereithält. Größter Schwachpunkt die letzte halbe Stunde: Didos Freitod wird trotz guter Bühnenidee und großartiger Sängerin von der Personenregie verschenkt und statt zum tragischen Ende zum inszenatorischen Langeweiler. Die Trojaner in Karthago kommen über gute Ansätze nicht hinaus, zu unbestimmt und beliebig geraten viele Szenen.
Als Dido ist die neu in Karlsruhe engagierte Sängerin Heidi Melton zu hören – sie ist der Star des Abends: eine große, wunderschöne Stimme. Frau Melton singt so souverän, so scheinbar mühelos, daß es ein Vergnügen ist, ihr zuzuhören. Das Publikum überschüttete sie am Ende mit Brava-Rufen.
John Treleaven als Aeneas war an diesem Abend leider indisponiert. Man hätte ihm einen Gefallen getan, wenn man zu Beginn des Abends angekündigt hätte, dass er gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe ist. So wurde einer der Höhepunkte der Oper, das Liebesduett im 4. Akt  zur Qual, bei der man, statt das Duett zu genießen, angespannt abwartete, ob Treleaven alle Passagen singen kann. Das Publikum reagierte etwas ungehalten auf diese Einbuße und 2-3 Buh-Rufer störten die gute Atmosphäre des Abends. Eine Ansage hätte das deutlich gemildert.
Doch der Abend hatte neben Heidi Melton noch andere große Stimmen. Konstantin Gorny und die beiden neuen Tenöre Eleazar Rodriguez und Sebastian Kohlhepp, der zu Beginn des 5. Aktes die schönste und anrührendste Arie der Trojaner bravourös sang, begeisterten. Der neue Bassist Avtandil Kaspelli als Hektor überzeugte stimmlich und mit großer Bühnenpräsenz. Alle weiteren Sänger in den kleineren Rollen ebenso.

Überhaupt war es musikalisch ein Triumph: 13 Sänger des Ensembles und 3 kleinere Rollen wollten besetzt sein. Berlioz Monumentaloper verlangt ein sehr gutes Orchester und großen Chor: Dirigent Justin Brown und der von Ulrich Wagner einstudierte Chor (ca. 90 Sänger) gehörten zu den klaren Gewinnern des Abends!

Fazit: Die Einnahme Trojas ist kurzweilig, auf sehr hohem musikalischem Niveau und uneingeschränkt empfehlenswert! Die Trojaner in Karthago hat zwar inszenatorische Längen, dafür aber die fesselndere Musik und großartige Sänger. Der komplette Abend ist so eindrucksstark, dass man die Bilder und Szenen noch lange gegenwärtig hat. Ein geglücktes, spektakuläres Ereignis – unbedingt anhören!

Freitag, 7. Oktober 2011

Kleist – Die Hermannsschlacht, 06.10.2011

Kleists Hermannsschlacht ist in unserer Zeit ein selten gespieltes Stück, daß den Worten des Autors folgend „mehr als irgendein anderes für den Augenblick berechnet war“ und den Zweck hatte, Preußen und Österreich zum gemeinsamen Kampf gegen Napoleon aufzurufen. Er thematisiert darin die Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9. n.Chr. bei dem die Römer vernichtend geschlagen wurden als Vorbild für den Widerstand gegen Frankreich. Erst 10 Jahre nach Kleists Tod gedruckt, fast 30 Jahre nach seinem Tod uraufgeführt, wurde das Stück im Kaiserreich und durch die Nationalsozialisten vereinnahmt. Heute findet man das Stück oftmals nicht mehr in Theaterführern beschrieben.

Gestern wurde nun ein Wiederbelebungsversuch gestartet. Der Regisseur Simon Solberg hat mehr als die Hälfte der Personen gestrichen (sechs Schauspieler spielen neun Rollen) und den Text stark gekürzt. Die größte Überraschung: er spielt Kleists Hermannsschlacht als Komödie. Allerdings wirkt der Humor meistens sehr deutsch: erzwungen und angestrengt komisch wirken die Schauspieler wie weichgespülte Spätpubertierende. Das ist nicht wirklich lustig, aber wer sich darauf einlässt erlebt einen amüsanten Abend. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist hoch: das Stück wird entpolitisiert und jede tragische Fallhöhe minimiert. Hermann wird im Beiheft zwar als „machiavellistisch geschulter Taktiker“ definiert, auf der Bühne wirkt er aber mehr als ein Clown, der mit platten Albernheiten zwischen Germanen und Römern jongliert.

Als Pseudo-Bedeutsamkeit wird das Stück aus der Zeit gehoben und als zeitenübergreifendes Partisanenstück präsentiert. Als Germane bekämpft man die Römer, als Azteke die Spanier, man kämpft gegen die Inquisition, als Herero gegen die deutschen Kolonialisten, man empört sich gegen den Vietnamkrieg, ein Hakenkreuz darf auch nicht fehlen. Dabei wird Jugendtheater-gerecht auf niedriger pädagogischer Flughöhe präsentiert.

Trotzdem erlebt das Publikum einen kurzweiligen und unterhaltsamen Abend. Alle sechs Schauspieler (vier neue und zwei alte Ensemblemitglieder) zeigten so viel Spielfreude und Engagement, dass das Publikum ihnen auch die albernen Passagen verzieh. Die Bühnenbildnerin Maike Storf hat dazu ein wunderbar abwechslungsreiches Bühnenbild entworfen, das mit vielen Überraschungen aufwartet.

So machte sich eine ambivalente Stimmung breit. Der Regisseur zeigt uns einen anspruchslosen und unpolitischen Wohlfühl-Hermann, der aber unterhaltsam und spannend ist.
Der Schlußapplaus begann freundlich-zurückhaltend. Sehr schön war zu beobachten, wie die Schauspieler ratlos ins Publikum schauten: war die Premiere ein Erfolg oder eine Pleite? Die Zuschauer entschlossen sich mehrheitlich, es zum Erfolg werden zu lassen und verstärkten ihren Applaus bis die Erleichterung und die Freude auf den Gesichtern der Schauspieler zu erkennen war.

Fazit: eingeschränkt empfehlenswert. Als Theaterfan aber unbedingt anschauen!

Thusnelda: Cornelia Gröschel, Ventidius: Simon Bauer, Aristan: Robert Besta, Varus/Marbod/Thuskar: Hannes Fischer, Hermann: Paul Grill, Selgar: Thomas Halle

Mittwoch, 5. Oktober 2011

SPIEGEL Online über das Karlsruher Theater

Zeitgenössischer Dadaismus trifft auf Bühnenklassiker: Mit "Der große Marsch" von Wolfram Lotz und Lessings "Minna von Barnhelm" weiht das Staatstheater Karlsruhe sein neues Studio ein - und will so die "Notwendigkeit des Theaters" betonen.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,789883,00.html

Dienstag, 4. Oktober 2011

Peter Sloterdijk - Du musst dein Leben ändern, 03.10.2011

An diesem Wochenende nahm auch das Schauspiel des Karlsruher Staatstheaters Fahrt auf: neben der sympathischen Produktion 100% Karlsruhe und dem ersten Karlsruher Dramatikerfestival startete auch die erste Repertoire-Inszenierung, die keinen für die Bühne geschriebenen Text zum Thema hatte, sondern das Buch des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk: "Du musst dein Leben ändern". Der Buchtitel ist wiederum aus Rilkes Gedicht "Ärchäischer Torso Apollos" entnommen.
Es handelt sich bei Sloterdijks Buch um eine Ethik, das über einen Zeitraum von über 2000 Jahren die Geschichte des Menschen als Geschichte eines übenden und sich künstliche und symbolische Immunsysteme schaffenden Wesens beschreibt und analysiert.

Damit stellen sich vorab folgende Fragen: Wie und wieso inszeniert man eine philosophisch-ethische Geschichtsanalyse? Wie vermittelt man einen über 700 Seiten langen philosophischen Text? Wie spricht man ihn, damit das Publikum den Thesen folgen kann? Wie trifft man den Tonfall des Autors?
So viel vorab: der Regisseur Patrick Wengenroth konnte keine dieser Fragen zufriedenstellend beantworten.

Zum Wieso: Sloterdijk stellt das Motto für die Spielzeit und hat die Schirmherrschaft für die Karlsruher Bühne übernommen. Als bekanntester Karlsruher Bürger, international renommierter Philosoph, Essayist und ZDF Moderator ist er prädestiniert, um ihn einem größeren Karlsruher Publikum vorzustellen.

Zum Wie: jede Aufführung wird an einem anderen Ort stattfinden. Die Premiere war in der alten Oberpostdirektion in den Räumen der Volkswohnung und hatte Seminarcharakter. Das Publikum sitzt an U-förmig aufgestellten Tischen.
Vier Schauspieler (Antonia Mohr, Lisa Schlegel, Klaus Cofalka-Adami, Stefan Viering) lesen und spielen Ausschnitte von Sloterdijk (nicht nur aus seinem Buch) und kontrastieren diese mit Texten von Beckett (Endspiel),  Nietzsche (Zarathustra), Goethe (Prometheus), Eva Hermann und eventuell anderen, die ich nicht identifizieren konnte. Im Tonfall wird variiert zwischen Seminar, Vorlesung, Selbsthilfegruppe, Krisen- und Katastrophenwarnungen, Pathos, Ironie, Rührseligkeit und Geschwätz.

Schnell zeigte sich das Hauptproblem des Abends: einen philosophischen Text nicht nur zu sprechen, sondern Inhalte auch zu vermitteln oder sie durch ergänzende Autoren erfolgreich einzuordnen.
Als reines Schauspiel betrachtet ist der Text meistens zu spröde und erschließt sich nicht auf Anhieb und aus dem Zusammenhang gerissen. Eine zentrale und am leichtesten lesbare Passage aus Sloterdijks Buch, die Gedichtinterpretation Rilkes, deutete an, zu was eine überlegtere Textvermittlung fähig gewesen wäre, doch Wengenroth vergab die Chance, indem er das Pathos übertrieb und die Aussage zur Nebensache machte. Ein kurzer Höhepunkt schlich sich ein als Lisa Schlegel einen Text (m.E. von) Eva Hermanns sprach und Text und Interpretation auf der Höhe ihrer Möglichkeit zeigte.
Obwohl der Regisseur versuchte, witzig zu sein, war der Abend verkrampft und durchweg nicht amüsant. Zu oberflächlich die ironische Distanz, zu aufgesetzt die nachdenklichen Passagen, unerträglich die zur Entspannung geträllerten Selbsthilfe-Lieder, zu rührselig und inauthentisch die Pathos-Verdichtungen, zu platt die regelmäßig eingebauten Versprecher, zu unüberlegt und inhomogen also die Textvermittlung.

Resultat: Sloterdijks Thesen kamen nur selten an, das Publikum konnte den Argumentationen nur schwer folgen. Schnell machten sich Langeweile und Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Es lag nicht an den Schauspielern, die einen sehr guten und engagierten Eindruck hinterließen, dass man durchweg den Eindruck hatte an einem belanglosen und überflüssigen Abend teilzunehmen.
Wer Sloterdijks Buch nicht kennt, wird es an diesem Abend nur sehr begrenzt kennenlernen und sehr wahrscheinlich einen falschen Eindruck davon bekommen. Wer es kennt, erfährt nichts Neues. Der Abend wird dem Buch weder inhaltlich noch als Rezension gerecht.

Zum Glück gab es nach einer Stunde Rotwein für das Publikum; der half die zweite Hälfte zu überstehen.
Fazit: nicht empfehlenswert.



Janacek – Katja Kabanova, 30.09.2011

Eine weitere erfolgreiche Wiederaufnahme aus der letzten Spielzeit mit geringer, aber wichtiger personeller Veränderung: statt Christina Niessen gab der Karlsruher Publikumsliebling Barbara Dobrzanska ihr Rollendebüt und wurde erwartungsgemäß umjubelt. Frau Dobrzanska ist ein Phänomen: gleichgültig welche Rolle sie übernimmt – andere Sänger erscheinen nur noch in Nebensätzen und in Relation zu ihr. Dabei ist die Karlsruher Besetzung vorzüglich: Bernhard Berchtold (ihn wird der neue Tenor Andrea Shin ersetzen), Ulrich Schneider, Matthias Wohlbrecht, Stefanie Schaefer und Sonja Borowski-Tudor sangen bereits letzte Spielzeit sehr erfolgreich die Premiere und waren auch an diesem Abend sehr gut. Sebastian Kohlhepp, der ab diese Spielzeit die Rolle des Vanja übernimmt, ist ein Zugewinn.
Justin Brown, der Dirigent der Premiere, hat an Christoph Gedschold übergeben.

Die Inszenierung hat auch bei der Wiederaufnahme nicht durchgehend überzeugt: sie lebt von den Bühnenbildern und der gelungenen Umsetzung der  ausdrucksstarken musikalischen Passagen in den ersten beiden Akten. Der dritte Akt ist aus verschiedenen Gründen der am wenigsten überzeugende: Katjas Verzweiflung hin zum Selbstmord fehlt die innere Spannung und wird nur sängerisch getragen: die Personenführung (individuell und im Chor) wirkt einfallslos.

Da Barbara Dobrzanska erst 2012/2013 wieder eine Premiere singen wird, wurde ihr Rollendebüt an diesem Abend von der Intendanz entsprechend gewürdigt: GI Spuhler und Operndirektor Schaback verteilten Blumen an die Sänger, zeigten vor und nach der Aufführung Präsenz und wurden dabei verstärkt durch Chefdramaturg Dr. Feuchtner und der designierten neuen Pressechefin Frau Johner. Es kam also fast etwas Premierenstimmung auf.

PS: Drei neue Sänger verfolgten die Aufführung im Zuschauerraum: Stefania Dovhan, Rebecca Raffell und Lucas Harbour.

Freitag, 30. September 2011

Profilierungsdrang

Im Bemühen sich zu profilieren ist die Opernleitung zu Beginn der Spielzeit bereits zweimal am Ziel vorbei: So wurde für Katja Kabanova die legendäre Sängerin Anja Silja angekündigt. Zwei Tage vor der Wiederaufnahme musst dann dementiert werden:

Sonja Borowski-Tudor ersetzt Anja Silja in KATJA KABANOVA
Aufgrund differierender Auffassungen über die Anlage der Figur der Kabanicha wird Anja Silja diese Partie in der Wiederaufnahme am 30.9. und bei folgenden Vorstellungsterminen von Janáceks Oper KATJA KABANOVA am STAATSTHEATER KARLSRUHE nicht interpretieren. An ihrer Stelle singt Sonja Borowski-Tudor.


Nun ja, schade, doch gehe ich heute Abend, um Barabara Dobrzanska bei ihrem Rollendebüt zu hören.

Ärgerlicher ist dann schon, dass für Les Troyens am 9./10 November Lance Ryan angekündigt wurde und auch namentlich auf den Werbe-Postkarten zu finden ist. Ich besorgte mir umgehend Karten für die beiden Abende. Inzwischen ist Lance Ryan kommentarlos durch ein N.N. ersetzt worden und bei mir ist schon etwas Enttäuschung zu spüren.

NACHTRAG: Am Abend wurde ich dann aber bei Katja Kabanova positiv überrascht: durch Zufall kam ich mit Chefdramaturg Dr. Bernd Feuchtner in Gespräch, der mir sehr freundlich und kompetent Auskunft erteilte. Anja Silja und der Regisseur Georg Köhl konnten sich nicht bezüglich der Interpretation einigen. Ein Abrücken von den Vorgaben zugunsten der Ausnahmesängerin kam für Herrn Köhl nicht in Frage.
Lance Ryan hat überraschend abgesagt und wird durch Ian Storey ersetzt, der letzte Saison an der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles den Enée sang.

Freitag, 23. September 2011

Verdi - La Traviata, 22.09.2011

Aufgrund der neuen Sänger lohnt sich aktuell ein Besuch der Karlsruher Traviata, die im Dezember 2010 unter der Regie des damaligen Intendanten Thorwald Premiere hatte. Schon in der vergangenen Saison hatte diese Inszenierung hohe Besucherzahlen: sie war mit dem Trio Schlingensiepen / Berchtold / Donati sehr gut besetzt und auf sehr hohem musikalischen Niveau. Dazu kommt eine solide, unspektakuläre Regie und Ausstattung, die die Konzentration auf die Sänger ermöglicht.

Seit dieser Woche ist nun eine neue Besetzung zu hören und alle Sänger hinterließen einen sehr guten Eindruck! Die neue Opernleitung verfolgte die Strategie aus kleineren Häusern junge Sänger  zu holen, die am Karlsruher Staatstheater den nächsten Karriereschritt machen sollen. Dabei handelt es sich bei den neuen Ensemblemitgliedern durchweg um Publikumslieblinge anderer Häuser.

Donnerstag, 22. September 2011

1. Symphoniekonzert, 19.09.2011

Zu Beginn der Spielzeit zeigte sich das Orchester in guter Form, nur die Hörner – die langjährige Schwachstelle – hatten mal wieder einige Wackler. Sympathieträger des Abends war der junge, sympathische, in London geborene Dirigent Kevin Griffiths, der vor allem mit den groß besetzten Tondichtungen Don Juan und Till Eulenspiegel von Richard Strauss überzeugte, die zu Beginn und zum Abschluß gebracht wurden.

Hauptstück des Konzerts war Berlioz' Harold en Italie, eine symphonische Dichtung mit Bratschen-Solo, das zuletzt vor ca 10 Jahren in Karlsruhe gespielt wurde. Damals spielte die erste Bratschistin des Hauses Franziska Dürr die Solorolle und erzielte einen großen Erfolg. Die gestrige Aufführung hingegen wurde nur verhalten beklatscht und das obwohl die renommierte Künstlerin Isabelle van Keulen den unvirtuosen Bratschen-Part übernahm. Der Funke sprang allerdings nicht über: zu verhalten und betulich interpretiert stellte sich eine gewisse Langeweile ein. Es ist mir nicht bekannt, ob Frau van Keulen eine Zugabe eingeplant hatte; Untypischerweise für das Karlsruher Konzertpublikum endete der Applaus rasch, bevor sich die Künstlerin dazu entscheiden konnte.

Ergänzt wurde der Abend mit Liszts später Tondichtung Von der Wiege bis zum Grabe, die selten gespielt wird und auch gestern ihren geringen Repertoirewert unter Beweis stellte. Nur für den Klangmagier Strauss lohnte der Besuch.

Immerhin: der neue Generalintendant inspizierte vor dem Konzert sein Haus und verteilte danach persönlich am Ausgang Werbematerial für die neue Spielzeit.

Theaterfest des Badischen Staatstheater, 17.09.2011

Vor dem Ausblick ein Rückblick:
Durch den spektakulär inszenierten Suizid des früheren Chordirektors Helg am Spielzeitende im Juli 2011 wurde der scheidende Generalintendant Thorwald mit seinem Team um die verdiente Verabschiedung gebracht. Thorwald hat das Haus auf hohem künstlerischem Niveau geführt. Es war kein Zufall, dass Besprechungen Karlsruher Inszenierungen in überregionalen Tageszeitungen (FAZ, Süddeutsche, Welt u.a.) zu finden waren. Mit Knut Weber wurde das Schauspiel zu einer gleichberechtigten Sparte mit einem homogenen und ausgeglichenen Ensemble. Das Ballett unter Birgit Keil erlebt in den letzten Jahren eine Hochzeit. Und Operndirektor Thomas Brux schaffte das Kunststück hochrangige Sänger nach Karlsruhe zu locken, die auch die Abo-Vorstellungen unter der Woche zu einem Ereignis machen konnten.
Sänger wie Bernhard Berchtold, Walter Donati, Anna-Maria Dur, Edith Haller, Lance Ryan und Sabina Willeit sind nur schwer zu ersetzen. Dazu kamen andere große Namen: José Cura sang verschiedene Rollen und inszenierte Samson et Dalila. Stars wie Ramon Vargas, Anja Harteros, Ambrogio Maestri, Klaus Florian Vogt, Franz Grundheber, Bo Skovhus, Violetta Urmana, Franco Fagioli (der bei den Händel Festspielen zum Publikumsliebling wurde), ... sangen als Gäste.

Peter Spuhler und sein Team präsentierten sich nun beim diesjährigen Theaterfest, das mehr zu bieten hatte als die übliche Routine. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne … das Publikum konnte das spüren: es lag ein erwartungsfrohe Atmosphäre über den Veranstaltungen.
Traditioneller Höhepunkt ist der Spielzeit Cocktail am Abend. Zuerst erfolgten ungewohnt interessante und kurzweilige Ansprachen von Vertretern der Stadt (der Karlsruher OB Fenrich) und des Landes (Staatssekretär Jürgen Walter). Beide bekannten sich zum Haus und dessen kulturellen Aufgaben, erläuterten die finanziellen Hürden und die anstehenden Sanierungsmaßnahmen des Hauses an der Baumeisterstraße. Die Nancy-Halle als zusätzlicher Probenbereich wurde von Fenrich als Möglichkeit angedeutet. Spuhler kann man nur viel Verhandlungsgeschick wünschen – es stehen mehr Aufgaben und Entscheidungen an als in den letzten Jahren. Zudem will er ein Kinder- und Jugendtheater etablieren und für das Haus neues Publikum gewinnen. Ob er die hohen Auslastungszahlen der vergangen Jahre überhaupt halten oder wirklich überbieten kann, wird in den nächsten 5 Jahren eine Meßlatte für seine Tätigkeit.

Zur künstlerischen Seite: in allen Sparten sind Publikumslieblinge gegangen, die nun ersetzt werden wollen. Das Schauspiel eröffnete den Abend mit Ausschnitten aus den anstehenden Produktionen. Der neue Schauspielchef Jan Linders und das komplette Ensemble waren angetreten und hinterließen einen sehr guten Eindruck und machten neugierig auf den Spielzeitbeginn. Ob die Stücke das Karlsruher Publikum in der Breite ansprechen, muss sich erst zeigen, doch das Ensemble scheint das Potential gehalten zu haben.

Das Ballett zeigte zwei Ausschnitte früherer Produktionen. Angesichts der hohen Popularität Birgit Keils wird es auch in der kommenden Spielzeit wieder ausverkaufte Abende geben. Allerdings sind zwei der drei ersten Solisten nicht mehr am Haus. Auch ist weiterhin keine erste Solistin in Sicht. Flavio Salamanka als einziger verbliebener erster Solist wird nicht alleiniges Zugpferd und Sympathieträger bleiben können. Mittelfristig wird man also personelle Veränderungen vornehmen müssen, um den Erfolg zu halten.

Die Oper hinterließ den schwächsten Eindruck an diesem Abend. Der Spielplan ist ambitioniert, der neue Operndirektor Schaback, Casting-Direktor John Parr und Chefdramaturg Bernd Feuchtner hinterließen einen kompetenten Eindruck und doch blieben Zweifel, ob sie aus dem großen Schatten ihres Vorgängers treten können.
Die vorgestellten neuen Sänger konnten nur teilweise Interesse wecken. So machten die beiden jungen Tenöre Sebastian Kohlhepp und Elezar Rodriguez neugierig auf ihre weitere Entwicklung. Andrew Finden ließ mit einer Bariton-Arie aus Händels Alessandro die Vorfreude auf die Händel-Festspiele wachsen und der junge Baß Avtandil Kaspeli begeisterte bei seinem Auftritt als Komtur in Mozarts Don Giovanni. Der neue Heldentenor John Treleaven wird sich mit Lance Ryan vergleichen lassen müssen.
Es fehlten an diesem Abend einige der voraussichtlich neuen Stars: die Soprane Dovhan und Melton, der Tenor Shin und die Baritone Venter und Jung nehmen zentrale Rollen in der neuen Spielzeit ein. Mit ihnen hätte die Vorfreude auf das kommende Opernprogramm größer ausfallen können.
Und für alle Wagner-Fans: es wird 2013 eine Wiederaufnahme des Rings geben.