Freitag, 22. September 2017

Richter - Safe Places, 21.09.2017

Die Schwäche der Linken ist die Stärke der Rechten 
Die erste Premiere der neuen Spielzeit enttäuschte inhaltlich, vier gute Schauspieler holen heraus, was zu finden ist. In ca. 70 der 75 teilweise etwas zu zäh sich ziehenden Minuten von Safe Places reden die vier Figuren auf der Bühne aneinander vorbei oder führen Monologe. Es geht um Europa, Populismus und Flüchtlinge, es gibt Argumente und Gegenargumente, Unterstellungen und Verdacht, Haß und Drohungen, man schreit laut und flüstert sorgen- oder angstvoll, es gibt Besserwisser und Ignoranten - kurz, man befindet sich in der Laberfalle, eine Gesellschaft weiß nicht, auf welcher Basis man zusammenkommen soll und versteht sich nicht mehr. Safe Places beschreibt Symptome ohne an die Ursachen zu kommen. Die Pointe -für manche eine Resignation- kommt am Schluß. Die AfD tritt auf in Form einer attraktiven Frau - eine verführerische, sanfte Gewalt bietet Ordnung an und ist sich gewiß: sie ist gekommen, um zu bleiben. Drei Tage vor der Bundestagswahl begrüßt das Badische Staatstheater die Partei, an der es nun ist, Empörung und Wut parlamentarisch zu kanalisieren. Daß das so handzahm und harmlos geschieht, wird manchen verwundern - es liegt allerdings an der textlichen Unbedeutendheit von Safe Places, die erneut beweist, daß Autor Falk Richter überbewertet wird.

Dienstag, 19. September 2017

Sonntag, 17. September 2017

Theaterfest, 16.09.2017

Obwohl es in diesem Jahr statt einem Spätsommer gleich einen Frühherbst gibt, riß sich gestern das Wetter zusammen und ermöglichte ein schönes Theaterfest. Der abschließende Spielzeit-Cocktail war einer der besten Schnupperabende seit Jahren mit nur wenigen Schwächen. Aber aus welchem Grund stellt sich ein Intendant vor sein überwiegend erwachsenes bis seniores Publikum und belehrt es darüber, daß es ganz, ganz wichtig sei, zur Bundestagswahl zu gehen? Hält er sein Publikum für infantil oder unreif? Oder hebt er einfach nur gerne den Zeigefinger und spielt den Moralprediger? Deutschen wurde ja früher gerne ein Untertanencharakter nachgesagt, auch heute gibt es noch manche, die es nicht seltsam finden, wenn man sie belehrt. Aber es spielt noch etwas anderes mit. Mit Betroffenheitsgesten, Appellen und vermeintlichen Moralattacken täuscht man Wichtigkeit, Reife und Engagement vor - und das lenkt von anderen Dingen (hier Defiziten im Theaterbetrieb) ab. Oder kurz zusammen gefaßt: Schein statt Sein. Wer die Karlsruher Theaterzwerge der Intendanz von Peter Spuhler verstehen will, kann sich an einem Satz von Peter Sloterdijk orientieren, der vor 16 Jahren bei der Verabschiedung von Dieter Dorn als Intendant der Münchener Kammerspiel gesagt haben soll: "'Daß das Niedere dem Hohen den Rang abläuft – das ist die Generaltendenz des Kunstbetriebs im 20. Jahrhundert, und daß die Niedrigbegabten ihre Gleichberechtigung mit den Hochbegabten erkämpfen, das ist das Gesetz der modernen ästhetischen Entropie". Damit lieferte der Karlsruher Philosoph u.a. auch eine Erklärung, wieso das Badische Staatstheater trotz Spardruck lieber das Volkstheater alimentiert und die Hochbegabten-Sparten kürzt.

Sonntag, 10. September 2017

Programm des Karlsruher Theaterfests am 16.09.2017

Eröffnung des Theaterfests  und Begrüßung durch Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup und Generalintendant Peter Spuhler
11.00 Uhr auf dem Theatervorplatz

Bei den weiteren Programmpunkte fällt auf, daß die Oper kaum vertreten ist, u.a. ist vorgesehen:

Freitag, 1. September 2017

Vorschau auf die Spielzeit 2017/2018

Jede Jahreszeit gibt verschiedenen Anlaß für Freude im Herzen, im Spätsommer kommt der Beginn der neuen Theatersaison hinzu. Worauf kann man sich in der bevorstehenden Spielzeit des Badischen Staatstheaters freuen? Wird endlich wieder mehr Bemerkenswertes gelingen? Zweifel sind leider angebracht. Wenn man die letzten Jahre kurz zusammenfassen wollte (hier sind sie es etwas ausführlicher), dann könnte man von defizitären Intendanz der Herabwirtschaftung und Stagnation sprechen. Während der Intendanz von Peter Spuhler wurde die Vielfalt des Opernprogramms drastisch reduziert, das Schauspiel sackte die ersten Jahre in eine schwere qualitative Krise ab und konnte sich erst durch Ziehen der Notbremse und der Absetzung des damaligen Schauspieldirektors Jan Linders wieder stabilisieren und das Ballett stagniert (es wurde zwar nicht gestärkt oder besser gestellt, aber auch nicht geschwächt und dezimiert). Diese Tendenzen setzen sich auch in der kommenden Spielzeit fort.

Freitag, 28. Juli 2017

Stückwerk mit Auflösungserscheinungen

Nicht nur Operndirektor Michael Fichtenholz verläßt 2018 das Badische Staatstheater, auch Schauspieldirektor Axel Preuß wird nach bereits zwei Spielzeiten 2018 gehen. Und erneut benötigt Intendant Peter Spuhler neue Erfüllungsgehilfen, um über die letzten Jahre zu kommen. Wenn Spuhler (spätestens) 2021 abtritt, wird er mindestens drei Schauspiel- und drei Operndirektoren verbraucht haben. Es ist Stückwerk, was man in Karlsruhe in diesem Jahrzehnt erleben mußte, eine vernünftige Planung kam nie zustande, ob die Intendanz in den letzten Jahren noch Zufallstreffer landen wird, kann man bezweifeln. Nun kann man darauf warten, daß Intendant Spuhler endlich Erfolg mit seinen Bewerbungen hat. Er wollte Karlsruhe schon längst verlassen - nur wollte ihn bisher keiner und nach den Geschehnissen und Vorfällen am Badischen Staatstheater dürfte es wahrscheinlich für ihn auch nicht leichter geworden sein, einen neuen Posten zu finden.

Samstag, 22. Juli 2017

Vorschau: Operngalas 2017/2018

Als Operngala-Abonnent am Badischen Staatstheater muß man ja inzwischen die Katze im Sack kaufen. Wenn man sein Abo nicht fristgerecht kündigt, dann weiß man noch lange nicht, für wen man in der kommenden Spielzeit bezahlt. Deshalb vielen Dank an den zuverlässigen Informanten, der folgende Gäste übermittelt hat:

Donnerstag, 20. Juli 2017

Entsteht die zweite Elbphilharmonie in Karlsruhe?

Man kann es wohl als medialen GAU bezeichnen, als größten anzunehmenden Unfall, was nun vor der geplanten Erweiterung und Sanierung des Badischen Staatstheaters ab 2019 bekannt wurde - eine drastische Kostensteigerung. 125 Millionen Euro wollte man ausgeben. Nun schätzt man für den Umbau gemäß den Planungen des Architekturbüros Delugan Meissl Associated Architects (Wien) zusammen mit Wenzel + Wenzel Architekten (Karlsruhe) Gesamtkosten von 270 bis 325 Millionen Euro. Ein Blick nach Stuttgart, die dortige Oper muß auch saniert werden. 2015 ging man von bis zu 400 Millionen Euro aus, 2016 schwirrten schon bis zu 600 Millionen Euro im Raum. Die Sanierung der Kölner Oper soll inzwischen bei 565 Millionen Euro liegen. Man sieht, die neue Größenordnung in Karlsruhe stimmt. Es gibt keinen Marmorboden, es gibt keine goldene Wasserhähne - was man für das neue Staatstheater schätzt, liegt im normalen Rahmen.

Mittwoch, 19. Juli 2017

500. Blog-Eintrag

So, da ist er nun, am Ende der sechsten Spielzeit der 500. Blog-Eintrag. Dieses Tagebuch ist inzwischen ziemlich umfangreich, die Erlebnisse einer Saison umfassen durchschnittlich ca. 115 DIN A4-Seiten und mehr als 50.000 Worte, nach sechs Jahren sind in der Summe ca. 700 Seiten mit 310.000 Wörtern als elektronische Erinnerung zusammengekommen.

Rückblick (2): Die Spielzeit 2016/17 des Badischen Staatstheaters

Von der renommierten Musikkritikerin der Frankfurter Allgemeine Zeitung Eleonore Büning stammt der Satz: "Nur wer die Neugier kennt, verpaßt nicht die Sensation. Das Beste, was einem, selten genug, im Theater überhaupt passieren kann, das sind Überraschung, Erschütterung oder auch Begegnungen mit sich selbst, was man früher, in der Antike, Katharsis zu nennen pflegte." Das könnte man noch um weitere wichtige Punkte erweitern, vor allem um ästhetische Begeisterung angesichts künstlerischer Größe und um das Nunc Stans, das zeitlos stehende Jetzt der Mystiker als transzendente Erfahrung in der man die Zeit vergißt, um als Beurteilungskriterium für die besonderen Momente der abgelaufenen Saison zu dienen. Unbedingt bemerkenswert und herausragend waren:

Dienstag, 18. Juli 2017

8. Symphoniekonzert, 17.07.2017

Mit Frank Beermann hatte man gestern den mit Abstand bekanntesten und renommiertesten Kandidaten für die Nachfolge von GMD Justin Brown am Dirigentenpult zu Gast. Seine Verpflichtung ab 2018/19 wäre ein Paradigmenwechsel, gab man doch bisher gerne Dirigenten mit Entwicklungspotenzial eine Chance, die eher am Beginn ihrer Karriere stehen, Beerman hingegen bringt schon alles mit: CD-Aufnahmen, Auszeichnungen und Reputation - vielleicht wäre das bei der verjüngten Badischen Staatskapelle eine sinnvolle Entscheidung. Beermann präsentierte sich gestern ganz unaufgeregt und zurückhaltend, sich selbst stellte er nicht in den Mittelpunkt, Musik und Musiker waren im Fokus.

Montag, 17. Juli 2017

Verlust eines Publikumslieblings

Das Badische Staatstheater verliert mit Flavio Salamanka seinen profiliertesten Tänzer, er geht zusammen mit Reginaldo Oliveira und Larissa Mota ans Landestheater Salzburg, wo Oliveira Ballettdirektor und Hauschoreograph wird. Da weder die Internetpräsenz des Badischen Staatstheaters noch das aktuelle Theatermagazin die Tänzer würdigt, sei auf den Blog von Harriet Mills verwiesen. Die Erste Solistin des Badischen Staatsballetts hat für Salamanka einen sehr schönen, in Englisch geschriebenen Abschied verfaßt, der sich hier findet: https://aballetoflife.com/2017/07/16/goodbye-my-friend/#more-7776

Freitag, 14. Juli 2017

Abgang eines Unprofilierten

Michael Fichtenholz verlässt als Operndirektor mit Ende der Spielzeit 2017/2018 das Badische Staatstheater und wird diese Funktion dann in Zürich ausüben, wo er zuständig für alle Besetzungsfragen im Opernhaus sein und Sänger buchen wird.

Sonntag, 9. Juli 2017

Mozart - La Clemenza di Tito, 08.07.2017

Inspirierter Mozart in stinklangweiliger Inszenierung
Die letzte Opernpremiere der Spielzeit widmet sich Mozarts letzter Oper (deren Uraufführung 90 Tage vor seinem Tod stattfand), die nach der Französischen Revolution von 1789 im Aufführungsjahr 1791 anläßlich einer böhmischen Königskrönung als feudales Auftragswerk innerhalb kurzer Zeit entstand und die längste Zeit wenig geschätzt wurde - Intrigen, die immer zu früh kommen und Arien, die immer zu spät kommen, lautet ein verbreitetes Bonmot über diese Oper. La clemenza di Tito ist Mozarts Werk über einen Terroranschlag, es ist aber auch vor allem eine Oper über triefende Gnade und handelt vom Vergeben, Verschonen, Verzeihen und Verzichten. Die neue Karlsruher Produktion entscheidet sich gegen Aktualisierungen und sogar gegen eine Inszenierung, was man sieht, ist ein ideenloses, biederes Arrangement ohne jeden aufregenden Moment und die schwächste Leistung der Saison. Gerettet wird dieses Fiasko eines szenischen Nichts durch großartige Sänger und eine hochinspiriert musizierende Badische Staatskapelle.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Rückblick (1): Das Karlsruher Schauspiel in der Spielzeit 2016/2017

Prickelnd ist anders
Die Schauspielsaison ist vorüber, ist etwas Bemerkenswertes passiert? Der neue Schauspielchef Axel Preuß übernahm die Trümmer seines Vorgängers (mehr dazu hier) und hat zumindest darin Punkte gesammelt, daß man nach dem ersten Jahr über seine Person nur Gutes hört. Seine erste Saison war dennoch nur durchschnittlich, prickelnd ist definitiv anders, das erste Jahr war kein Plädoyer für ihn, allerdings auch keines gegen ihn. Sein zweites Jahr könnte die Trendwende in der Spätphase der Intendanz hin zu mehr Qualität sein. Und man kann optimistisch voraus blicken, denn man hat noch mehr interessante Schauspieler in der kommenden Saison zu bieten, jetzt muß der Schauspieldirektor nur noch die Rahmenbedingungen bereitstellen, damit die Bühnendarsteller wieder im Mittelpunkt sind und Inszenierungen nicht vorrangig der Selbstvermarktung und Karriereförderung des Intendanzteams dienen.

Sonntag, 11. Juni 2017

Wagner - Siegfried, 10.06.2017

Leere und Laune
Der Karlsruher 4-Regisseure-Ring der Beliebigkeit geht in die dritte Runde und löste beim Publikum zwiespältige Reaktionen und viele Buhrufe für die Regie aus. Nach einem aus folgenlosen Illustrationen durchaus einfallsreich zusammengesetztem Rheingold ohne Interpretation (Regie: David Hermann) und einer gänzlich visuell gedachten Walküre (mehr hier und hier), bei der Design statt Deutung im Mittelpunkt stand und der dramatische Bezug in der Erstellung von Bühnenbildern und Effekten oft verloren ging (Regie: Yuval Sharon), folgte nun mit Siegfried eine Mischung aus visueller Willkür und inhaltlicher Leere, ein guter erster Akt, dann viel Zähes mit dem Reiz des irgendwie Improvisierten, das bestätigte, daß Launen nun mal keine Einfälle sind. Da die Karlsruher Prämisse des Nichtvorhandenseins einer großen Erzählung bzw. der nicht schlüssig möglichen Nacherzählbarkeit der Ringhandlung zu Atoll-Inszenierungen mit vier Regisseuren führte, fehlen zudem Sinnzusammenhänge, die nun die übersichtliche Handlung bei Siegfried in einen Kontext stellen können. Sängerisch zeigte sich die Premiere ebenfalls durchwachsen, vor allem Matthias Wohlbrecht als Mime sowie die Badische Staatskapelle unter Justin Brown lösten Begeisterung aus.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Lauke - Karnickel, 07.06.2017

Also doch noch eine Komödie nach einer humorarmen Spielzeit? Nicht wirklich, herzhaft lachen wird in Karnickel niemand, wer auf Pointenjagd gehen will, bringt keine Beute nach Hause, auch nach sechs Jahren fehlt am Karlsruher Schauspiel eine rasante Komödie. Karnickel ist aber zumindest eine gelungene Wohlfühlkomödie - ein wenig Drama, ein wenig vorgetäuschtes "echtes" Leben, ein wenig Typen und Charaktere, ein wenig Situationswitz, musikalisch untermalt und ein schnelles, versöhnlich wirkendes Ende, obwohl nichts geklärt ist - das alles ist so konventionell und berechenbar, daß man Karnickel auch als Retro-Komödie bezeichnen könnte, die mit Blick auf eine öffentlich-rechtliche Verfilmung geschrieben wurde, irgendwann mal am Mittwochabend von 20:15 bis 21:45 mit ein oder zwei halbwegs bekannten Schauspielern wird das dann vielleicht in ARD oder ZDF für ein Zielgruppenalter 40+ ausgestrahlt. Doch das soll keine Wertung sein, denn die Inszenierung ist kurzweilig und unterhaltsam mit engagierten Schauspielern.